Skip to content

Nachtrag – Romeo & Julia & die unromantische Liebe

Mai 16, 2012

Die Vermutung, die ich, was meine Wahrnehmung von Romeo und Julia betrifft, habe, ist, dass das Interessante an dem Stück tatsächlich die unterschiedlichen Formen von „Liebe“ oder „Verliebtheit“ sind, die gezeigt werden, wobei es so ist, dass die Liebe von Romeo und Julia, da sie die Hauptfiguren sind, als das erstrebenswerte Ideal hingestellt wird – der einschlägigen Literatur (Eva Illouz in dem Fall) folgend, ist es so, dass dieses Ideal bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein tatsächlich vor allem eine literarische Figur war und in der Lebenswirklichkeit der Menschen nicht vorkam.

Mittlerweile, seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, ist dieses Ideal als tatsächliche angestrebtes Lebensmodel viel verbreiteter und es ist zu konstatieren, dass die meisten Menschen an diesem Ideal scheitern. Das Scheitern, die Erfahrung, dass man entweder nicht in der Weise lieben kann, wie das Ideal es vorschreibt oder, dass man nicht so geliebt wird oder dass man es nicht ertragen kann so zu lieben oder so geliebt zu werden, führt letztlich dazu, dass sich ganze Industrien gebildet haben, die die Menschen dahin führen, diesem Idealbild besser zu entsprechen.

Es gibt Bibliotheken von Ratgeberliteratur, die Unterhaltungsindustrie, die sich mit dem Thema unaufhörlich auseinandersetzt (und von der ich ein Teil bin), die Kosmetikindustrie, die Partnervermittlungsindustrie und so weiter.

Insofern kann man das Liebesideal in Romeo und Julia, das zu Shakespeares Zeit aufregend war, weil es die Erfahrung der Menschen widerspiegelte, dass so ein Ideal aus gesellschaftlichen Gründen nicht zu leben ist, heute durchaus kritischer betrachten.

Heute, da es keine äußeren Hinderungsgründe mehr gibt, sich an dem hohen Liebesideal zu versuchen, liegt das Scheitern scheinbar nicht mehr in der Gesellschaft, sondern dann im Liebenden selbst und sorgt so für allerlei Verdruss. Gedanken, nicht gut genug, nicht begehrenswert genug zu sein, sind weit verbreitet und werden von der Industrie befeuert, die damit Geld verdient, die innere und äußere Attraktivität ihrer Kunden zu erhöhen, um sie so dergestalt aufzuwerten, dass sie bereit für die große Liebe sind.

Und so kam es, dass ich, nachdem ich meine Ausführungen zu Romeo und Julia eigentlich schon beendet hatte, mich darüber nachdenkend fand, was es denn nun eigentlich mit dieser seltsamen Rosalinde auf sich hat. Der Gedanke entstand vermutlich, weil ich das Wort „glamourös“ für Elinor Jagodnik im Nachhinein unzureichend fand. Tatsächlich ist Rosalinde (auch in der Version von Sara Mestrovic) auf eine interessante Art attraktiv und die Attraktivität rührt vermutlich daher, dass sie ihre eigene Liebe, ihr eigenes Begehren nicht verabsolutiert. Das Begehren von Romeo und Julia ist ja in hohem Maß egoistisch, insofern dass es auf Verluste keine Rücksicht nimmt, es gibt bei den beiden eine Art Tunnelblick, der alles, was um sie herum geschieht ausblendet. Rosalinde dagegen macht im Stück den Eindruck als würde sie durchaus die Welt in der sie lebt mit einem gewissen Wohlwollen wahrnehmen, ohne sich selbst in ihren Gefühlen zum Maßstab aller Dinge zu machen.

Es ist meiner Meinung nach so, dass sich mit Graf Paris und Rosalinde im Stück zwei Figuren befinden, die tatsächlich Beispiele für eine andere Art des Liebens sind. Es ist auffällig, dass Rosalinde, die offenbar ein erotisches Interesse an Romeo hat, sich nicht daran stört, dass er eine andere liebt und auch keinerlei Anstrengungen unternimmt, diese Liebe in irgendeiner Form zu behindern.

Es ist auch auffällig, dass Graf Paris offenbar mitbekommt, dass Julia in einen anderen verliebt ist und auch ihn das nicht weiter stört, sondern er mit einer gewissen Gelassenheit, den gesellschaftlich akzeptierten Weg einschlägt, um die Frau, die er offensichtlich durchaus liebt, zu werben, möglicherweise wissend, dass der Liebeswahn, in den Julia verfallen ist, entweder nicht von Dauer ist, oder für die Paarbildung irrelevant. Es scheint ihm nichts auszumachen, eine Frau zu lieben und zu heiraten, deren Herz tatsächlich einem anderen gehört, wie man so schön sagt. Man mag wohl vermuten, dass zu Shakespeares Zeiten die Haltung von Rosalinde oder Graf Paris die üblicheren Verhaltensweise waren – eine Haltung, die letztlich darauf beruht, die eigenen Gefühle zugunsten einer sachlicheren Handhabung des Themas nicht zu ignorieren, aber zumindest nur als ein Argument unter vielen zu sehen.

Die Frage ist, ob wir in der Gegenwart, in der jeder Liebende versucht so zu sein wie Romeo oder Julia, nicht von Graf Paris und Rosalinde mehr lernen können, ob die beiden für unsere heutigen Verhältnisse nicht das interessantere Paar wären. Die Liebesgeschichte von Romeo und Julia ist uns mittlerweile als Archetyp von romantischer Liebe vertraut, aber vielleicht wären Graf Paris und Rosalinde interessanter zu betrachten als Beispiel für unromantische Liebe. Vielleicht wären die beiden sogar glücklicher (wenn sie sich denn bemerken würden), ziemlich sicher wären sie die angenehmere Gesellschaft. Zumindest bringt sich von den beiden am Ende niemand um und ich würde mal sagen, das spricht eher für sie. Wenn Romeo am Ende Graf Paris tötet, dann löscht er damit gewissermaßen auch eine andere Form von Liebe aus und spricht ihm darüber hinaus das Recht zu trauern ab. Es gibt dadurch in dem Stück eine etwas unschöne Hierarchisierung von Liebe, Romeos Liebe ist mehr wert als die von Paris, Julias Liebe ist mehr wert als die von Rosalinde. Der Wert der Liebe bemisst sich dabei daran, inwieweit die Liebenden bereit sind, sich über Konventionen und Moral hinweg zu setzen und ich muss gestehen, dass ich dagegen mit zunehmendem Alter ein gewisses Misstrauen entwickele. Mit Anfang zwanzig hätte ich das vermutlich so unterschrieben, aber mittlerweile kommt es mir so vor, dass Liebe eher erstrebenswert ist, wenn dadurch etwas Positives entsteht und nicht Mord und Totschlag.

Ich will nicht leugnen, dass in einem Gefühl, das zum absoluten Maßstab für das Verhalten eines Menschen wird, auch eine gewisse Schönheit liegt, aber interessanterweise ist es auch in der Literatur so, dass die Durchsetzung des Gefühls fast immer scheitert. Die Welt weigert sich, so zu sein, wie die Liebenden es sich erhoffen und die Frage ist: wer hat recht?

Ein kompliziertes Thema. Ich bin ja beruflich damit befasst, Liebesgeschichten zu erfinden und muss gestehen, dass die Sache dadurch keinesfalls einfacher wird. Romeo und Julia ist aus diesem Grund natürlich für mich relevant, weil etwas da seinen Anfang genommen hat (wenn man mal die antiken Liebesgeschichten außer acht lässt). Die Frage ist: was hat da angefangen? Die Vormachtstellung des Gefühls über gesellschaftliche Konventionen? Oder der Missbrauch eines Begriffs wie „Liebe“, die plötzlich zum Teil fragwürdiges Verhalten (Selbstmord, Mord) rechtfertigen soll. Innerhalb des Stücks mag man argumentieren, dass das nicht die Schuld von Romeo und Julia ist, sondern dadurch bedingt, dass sie in einer Gesellschaft leben, die zutiefst gespalten und im Kriegszustand ist (Capulet & Montague). Insofern reduziere ich das Stück natürlich schon, wenn ich mich auf die Problematik der romantischen Liebe, die sich selbst um jeden Preis verwirklichen will, konzentriere. Eine Aussage wie: in einer Gesellschaft, in der Menschen friedlich miteinander auskommen ist „echte“ Liebe möglich, ist ja sehr schön. Vielleicht sogar wahr. Wäre die Liebe nicht von außen behindert, müsste auch keine Gewalt stattfinden. An dem Punkt wären wir dann bei einer Shakespeareschen Utopie und die ist natürlich längst nicht verwirklicht. Kurz gesagt, meine eigene Haltung zum Thema ist ambivalent, aber die Liebe, ob in der romantischen oder unromantischen Variante scheint dann doch ein stark politisches Thema zu sein und ich nehme an, das wird mir noch einige male begegnen. Richtig klar sehe ich das noch nicht.

Damit verlasse ich erstmal das Thema und wende mich noch komplizierteren Problemen zu, wie dem Unterschied zwischen klassischem, neoklassischem und modernem Ballett, aber da muss ich noch ein wenig recherchieren.

Advertisements
4 Kommentare leave one →
  1. Oktober 29, 2013 5:09 pm

    Hm, ich frage mich bei den beiden immer, ob es wirklich die Außenwelt ist, die die Liebe behindert oder ob es nicht umgekehrt ist, d.h. dass die störende Außenwelt ihre Leidenschaft erst entfacht – weil verbotene, heimliche, unkonventionelle Liebe das Feuer erst recht zum lodern bringen kann. Sie nährt sich vom Aufbegehren, von gestohlenen Momenten, in denen man jederzeit erwischt werden kann, von einem „alle sind gegen uns“… Vielleicht hätten die beiden sich unter anderen Umständen ja miteinander gelangweilt?

    • Oktober 29, 2013 9:40 pm

      Gut möglich, da kommen dann mehrere Aspekte mit hinein, einerseits „Liebe als Widerstand“ gegen bestehende Verhältnisse, andererseits das „Verbotene“ als Reiz, der die Liebe möglicherweise dringlicher erscheinen lässt als sie ist. In der Telenovela, die ja mein Metier ist, ist es auch so, dass ein Liebespaar, dessen Liebe dann, in der Regel per Heirat, gesellschaftlich anerkannt wird, die Fernsehserie verlässt, weil man ahnt oder weiß, dass alles was folgt eigentlich langweilig und uninteressant ist… oder zumindest weniger romantisch. Die fanatische Liebe von Romeo und Julia entsteht vielleicht tatsächlich vor allem dadurch, dass es Kräfte gibt, die sich ihr entgegen stellen, das ist dann eigentlich schon politisch.

      • November 8, 2013 9:52 am

        Was meinst du mit „politisch“?

        Das mit den Telenovelas ist interessant. Darfst du denn deiner Phantasie freien Lauf lassen oder musst du dich als Schreibsklave an Vorgaben halten? Ich war 13 Jahre Redakteurin für Fernsehzeitschriften, da haben wir täglich Kurztexte und Zusammenfassungen geschrieben, unter anderem natürlich auch über die Daily Soaps und Telenovelas. Da war bestimmt auch was von dir dabei. 🙂

      • November 9, 2013 3:07 pm

        Naja, der politische Aspekt ist, dass restriktive Strukturen Widerstand erzeugen. Ich muss gestehen, dass ich hier eigentlich lieber nur dann meine berufliche Arbeit einbeziehe, wenn das inhaltlich aufschlussreich ist. Also wenn es eben um Fragen wie Beziehungsbilder oder den „Telenovelacharakter“ von Ballett geht. Schreibsklaven werden nach meinem Kenntnisstand aber beim Fernsehen nicht beschäftigt, sondern die Arbeit wird bezahlt und man kann sich innerhalb der durch Genre und Produktionsbedingungen festgelegten Grenzen, entsprechend einbringen. Man muss natürlich sehr schnell arbeiten und wenn es dann gelingt, ein gewisses handwerkliches und inhaltliches Niveau nicht zu unterschreiten, ist das durchaus befriedigend.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: