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Meg Stuart – Built to last

Mai 19, 2012

In den Münchner Kammerspielen war ich wohl seit zwanzig Jahren nicht mehr. Damals war Dieter Dorn Intendant und die Kammerspiele waren so mehr oder weniger das wesentliche Schauspieltheater. Vermutlich hab ich King Lear oder so gesehen. Zwanzig Jahre später also eine Meg Stuart Uraufführung. Die Zeiten ändern sich.

Der neue Intendant Johan Simons hat, wenn ich das in der Presse richtig mitbekommen habe, vor, Tanztheater in die Kammerspiele zu bringen, was für München irgendwie auch dringend nötig ist.

Meg Stuart ist zu diesem Zweck „Artist in Residence“. Ich gehe in die dritte und die vierte Aufführung des Stückes, Anfang Mai, weil ich irgendwie finde, dass das eine sehr gute Entspannung nach einem Arbeitstag ist. Der Umstand, dass ich zweimal hintereinander reingegangen bin, mag schon darauf hindeuten, dass ich das Stück mag.

Es gibt vorher eine Einführung zu der ich es nicht schaffe. Dem Publikum soll wohl klar gemacht werden, dass das alles ausgesprochen bedeutsam und tiefsinnig ist und ich habe fast ein schlechtes Gewissen, dass ich eigentlich hingehe, weil ich mich da wohl fühle und mir das Spaß macht. Ich finde nicht wirklich, dass es mit großer Anstrengung verbunden ist, sich das Stück anzuschauen.

Bei „Violet“ ging es mir irgendwie ähnlich, auch wenn Built to last schon sehr anders ist als „Violet“.

Mein Eindruck ist aber, dass ich nicht der einzige Zuschauer bin, der Spaß hat. Die letzten zwanzig Minuten sind so, dass doch ein guter Teil der Zuschauer, mich eingeschlossen, fassungslos staunend zusieht, wie die Tänzer sich zu einem anschwellenden Klangmonument aus der liegenden Position in seltsamen Bewegungen in aufrechtere Positionen bringen, der Tanz ist improvisiert, vermutlich hat man sich auf eine gewisse Form geeignet, wobei Meg Stuart wert darauf legt, den Performern keine Form aufzuzwingen. Antiballett. Es sieht aus wie Zellverbände, die nach einer Form suchen, sich dann wieder und wieder umorganisieren, bis schließlich aufrecht stehende Menschen auf der Bühne sind, die sich dann zum sozialen Netzwerk zusammenfinden, innerhalb dessen sie anfangen nicht nur den eigenen Körper und Zellverband zu manipulieren (oder zu gestalten), sondern auch die Welt, die sie vorfinden. Mit der Musik – ein anschwellender Ton, der immer üppiger orchestriert wird – geht das sehr gut, dazu blenden die Scheinwerfer langsam auf. Ein bisschen wie der Anfang von „2001“ (eine der Hauptbilderquellen für mich an dem Abend) Wie lange dauert das? Fünfzehn Minuten? Keine Ahnung, man wird ein bisschen hypnotisiert. Aber es ist definitiv ein Finale, das den Namen verdient.

Als es soweit ist, sind schon fast zwei Stunden vergangen.

In dieser Zeit fasse ich irgendwie eine seltsame Zuneigung zu den Performern, die eben weil sie sich nicht von der Form vereinnahmen lassen, recht individuell sind, je nach Neigung ist einem der eine oder die andere vielleicht mehr oder weniger sympathisch, alle zeichnet eine gewisse Großzügigkeit aus – wie auch immer man das findet, was auf der Bühne stattfindet, man hat es mit fünf Leuten zu tun, die sich für einen anstrengen. In einem Workshop sagte mal ein Workshopleiter, es sei irgendwie faszinierend, Leuten bei der Arbeit zuzusehen und der Abend hat gelegentlich etwas davon.

Die Faszination geht aber nicht nur von den Performern aus, davon Menschen zu sehen (was immer eine gute Sache ist), sondern natürlich geht es auch um ein „Thema“, das ist sogar für mich, da ich ohne Vorkenntnisse hinkomme, sichtbar.

Wenn ich nach einem Wort suchen müsste, das den Abend gut beschreibt, würde ich sagen, das Stück ist am ehesten ein Assoziationsraum. Ausgehend von der Musik (14 Stücke aus 900 Jahren Musikgeschichte mit einem deutlichen Fokus auf der Moderne, Stockhausen, Monk, Xenakis, Ligeti etc.), die allein schon Assoziationen erzeugt, auch wenn man die Stücke nicht kennt – der Sound ist irgendwie für mich mit einer bestimmten Atmosphäre, bestimmten Bildern verbunden und der Tanz bedient diese Assoziationen entweder oder bildet einen Kontrast, je nachdem welche Assoziationen ich habe. Die Assoziationen sind letztlich meine und es ist nicht unbedingt gesagt, dass sie sich mit denen der Tänzer oder denen von Meg Stuart decken. Bei mir holt sich mein Hirn vor allem Bilder aus Science Fiction Filmen, die mit dem Geschehen auf der Bühne verknüpft werden. Eindeutig ist das am ehesten bei Ligeti – es gibt die 2001/Kubrick Assoziation, dazu das Bild, wie die Performer in einem Raum aus weißem Licht Zeitlupenbewegungen ausführen, die den Eindruck von Schwerelosigkeit erwecken.

Es gibt eine relativ kurze „Master of the Universe“ Sequenz, in der sich das Planetensystem, das unter der Raumdecke hängt dreht, eine Performerin wird dazu auf einer kleinen „Bühne auf der Bühne“ stehend durch den Raum gefahren und erweckt den Eindruck, dass sie es ist, die die Planeten bewegt. Das hübsche an der Sequenz ist, dass die Planeten eigentlich ohne ihr Zutun ihre Kreise ziehen, die Vorstellung den Lauf des Universums zu kontrollieren ist natürlich eine Illusion, ein bisschen Gott spielen, sich mächtig fühlen, das gute Gefühl, dass die Gesten, die man ausführt eine große Macht haben, der Mensch vor der kopernikanischen Wende (und nach dem „Krone der Schöpfung“ Satz im Alten Testament), eine Zeit größenwahnsinniger Ignoranz, in die man gelegentlich ganz gern zurück geht, die New Age Bewegung und Konzepte wie die „Wünsche ans Universum“ zeugen ein bisschen davon, dass es einen gewissen Wunsch in vielen von uns gibt, das eigene Leben und den Lauf der Welt einigermaßen unter Kontrolle zu haben. „Metropolis“ Assoziation, warum weiß ich nicht – ich habe „Metropolis“ bislang nicht in Gänze gesehen und meine Assoziation muss sich dann wohl auf die kulturelle Ikonographie beziehen, die der Film erzeugt hat. Assoziationen haben den Vorteil, dass man sie nicht unbedingt begründen muss.

Der Assoziationsraum selbst ist ein Phänomen, dem man eigentlich auf Schritt und Tritt begegnet, gemeint ist, dass letztlich die Wahrnehmung der Welt oder eines Theaterstücks bestimmt ist vom Wissen und der Erfahrung des Wahrnehmenden. Das ist natürlich ein bisschen banal, bedeutet aber vor allem erstmal, dass die Wahrnehmung des Zuschauers für den Theatermacher nicht so ohne weiteres manipulierbar ist, weil er die Assoziationen, mit denen der Zuschauer die Ereignisse auf der Bühne verknüpft, nicht kennt. Ein Theaterstück, sagen wir von Brecht, versucht dann über eine Erzählung die sich an gewisse allgemeinmenschliche Befindlichkeiten wendet den Zuschauer von einer gewissen Haltung zu überzeugen (auch wenn Brecht das Gegenteil behauptet, sind die Stücke natürlich hochemotional). Tanztheater im Meg Stuartschen Sinn ist auf eine eher andere Art politisch, indem es nämlich dem Zuschauer seine Assoziationen lässt und nicht vorschreibt, welche Haltung der Zuseher zum Gesehenen haben soll. Das Ausprobieren verschiedener Wahrnehmungsweisen erlaubt es dem Zuschauer, gewissermaßen selbst kreativ zu werden, ähnlich wie den Tänzern keine Form aufgezwungen wird, wird auch dem Zuschauer keine Aussage aufgezwungen, das Stück ist eher eine Einladung, sich mit einem recht spezifischen Themenkomplex auseinanderzusetzen.

In den kurzen, gesprochenen Texten, die es an zwei Stellen im Stück gibt, werden entsprechend Vorschläge zur Betrachtung gemacht. Beide Textstellen sind strukturell gleich: Sie beginnen im ersten Fall mit Komponistenzitaten, im zweiten mit Überlegungen zum Themenbereich des Monuments („was macht man mit einem Raum, der nichts Neues erträgt“), also relativ tiefsinnige Überlegungen, und enden jeweils mit einem Satz, der sich auf denkbar konkrete Weise auf das Geschehen auf der Bühne bezieht („Ich werde jetzt da rüber gehen“ und „Diese Hose ist sehr warm“). In der inhaltlichen Struktur der Texte findet sich damit im Kleinen eine Bewegung, die der Zuschauer selbst in seiner Betrachtung auch machen kann: vom abstrahierenden Denken, der Suche nach einem höheren Sinn zurück zur konkreten Wirklichkeit auf der Bühne, wo alles erstmal so ist, wie es ist. Es gibt einen Zusammenhang zwischen den Gedanken des Zuschauers und dem Bühnengeschehen, aber dieser Zusammenhang wird vom Zuschauer erzeugt. Die „Einführung“, die es am Anfang des Stückes gibt, ist möglicherweise Teil einer Falle, die den Zuschauer dahin führt, im Stück eine vorgegebene Aussage zu suchen, die Texte unterminieren diese Suche in der Tendenz, indem sie das ganze am Ende auf das, was passiert, zurückführen, die Menschen auf der Bühne, deren Verfassung und Handlungen. Das ist allerdings dann wieder meine private Haltung zu Einführungen und erklärenden dramaturgischen Ausführungen – ob der Künstler so verstanden wird wie er verstanden werden will, ist letztlich sein Problem, nicht meins. Ich kenne Meg Stuart nicht persönlich, aber mein Eindruck ist vom Bühnenwerk, das ich von ihr kenne (gut, das ist nicht so viel…) ausgehend, dass sie den Zuschauer tendenziell eher dazu ermutigen will, sich sein eigenes Bild zu machen.

„Built to last“ bewegt sich stets auf einem schmalen Grat zwischen Ironie und Pathos oft sind beide Sichtweisen gleichzeitig möglich, als Zuschauer muss ich mich nicht wirklich entscheiden, beides ist möglich und es ist eine interessante Erfahrung zu sehen, dass man etwas gleichzeitig ironisch und von ernstem Pathos erfüllt wahrnehmen kann.

Wenn in Kunstnebel zu Schönberg Liedern tatsächlich recht nostalgisch Ausdruckstanz stattfindet, ist es schwer, das nicht ironisch zu lesen, weil man/ich Ausdruckstanz aus heutiger Sicht gelegentlich ein bisschen albern und übertrieben gefühlig findet – ein Problem des überironisierten ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts – es ist aber auch möglich, das als ernsthafte Interpretation der Musik zu sehen, Kunstnebel hin oder her, es ist schon ernsthaft getanzt. Die Ironie entsteht nur durch den Kontext und den zeitlichen, kulturellen Abstand zur Form des Ausdruckstanzes.

Die Struktur des Stücks insgesamt wirkt für mich kreisförmig, was offensichtlicher wird, wenn man es mindestens zweimal sieht. Wenn man das Finale so liest, dass sich Zellverbände zu Organismen formen und die entstanden Organismen zu einem sozialen Verband zusammenschließen, dann beginnt das Stück mit dem sozialen Verband, mit einer Raserei sozialer Interaktion und bietet dann einen Überblick über Teile der Zivilisation, die durch diese Interaktion entstanden ist und stellt dann „gültige“ Aussagen dieser Zivilisation in der Form musikalischer Werke vor, die die Zeit für eine Weile überdauert haben oder mutmaßlich überdauern werden. Wenn man so will eine Geschichte der menschlichen Kultur in etwas über zwei Stunden und in umgekehrter Reihenfolge. In Berlin ist das Stück Anfang 2013 zu sehen.

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2 Kommentare leave one →
  1. Mai 23, 2012 2:41 pm

    Herzlichen Dank für diesen sehr schönen Text über Built to Last!
    Liebe Grüße,
    Jeroen Versteele (habe als Dramaturg am Stück mitgearbeitet, mache auch die Einführungen 🙂

    • Mai 23, 2012 9:36 pm

      Vielen Dank! Leider hab war ich ja für die Einführung zu spät dran. Eigentlich sind Einführungen vor der Aufführung ein äußerst spannendes Thema, weil ich es mir schwierig vorstelle, den Blick des Zuschauers zu öffnen, statt ihn in eine bestimmte, vorgegebene Sichtweise zu lenken, was sich aber nur sehr schwer vermeiden lässt. In Berlin gibt es ja die wackeren Damen von Tanz Scout, die das gelegentlich machen, indem sie den geneigten Zuschauer mit den praktischen Bühnengegebenheiten vertraut machen. Da wurde ich auch schon mal ins Bühnenbild hineingeführt und wir Zuschauer haben für uns ein wenig die Performance selbst nachvollzogen, während die Performer zugeschaut haben. Das ging, weil Luise Wagner, um deren Stück es ging, selbst bei Tanzscout aktiv ist und so war das tatsächlich ein ziemlicher Gewinn. Eigentlich sind meiner Meinung nach Einführungen an sich nochmal eigene Performances, die eigentlich fast unabhängig vom Stück zu betrachten wären. Für mich habe ich festgestellt, dass ich mehr davon habe, wenn ich das Stück schon gesehen habe und mir danach eine Einführung anhöre als Vergleich zu meiner eigenen Wahrnehmung. Muss aber auch sagen, dass ich schon Aufführungen gesehen habe, die ich gern mochte, auf die ein Großteil des Publikums aber mit Unverständnis reagiert hat, so dass ich dachte: nun gut, eine Einführung wäre vielleicht gut gewesen – so wie John Neumeier es in Hamburg irgendwann notwendig fand, seine „Ballettwerkstatt“ zu machen, um dem Publikum besser zu vermitteln und zu erklären, worum es ihm eigentlich geht und das hat ja sehr gut geklappt. Ich hoffe mit Meg Stuart und nachfolgenden (Tanz)künstlerInnen funktioniert das in München ähnlich gut. Also viel Erfolg!

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