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Staatsballett Berlin – Onegin revisited Knop/Semionov & Dudek/Saidakova Version

Mai 30, 2012

Ich habe beschlossen, mir für diese Spielzeit noch einen Freifahrtschein dafür auszustellen, über Semionovas Weggang so viel rumzujammern, wie ich will. Einzige Gelegenheit dazu sind die beiden Onegin Versionen, die in den letzten Tagen liefen, weil die noch ausstehende Uraufführung „the open square“ mit Semionova absolut nichts zu tun hat. Da hat es vermutlich auch wenig Sinn ihre Abwesenheit zu beklagen, weil ich der Meinung bin, dass es für zeitgenössischen Tanz/Ballett im Staatsballett Ensemble Leute gibt, die das besser können als sie.

Im klassischen/neoklassischen Stil im allgemeinen und bei Onegin im besonderen ist das eher nicht der Fall. Nadja Saidakova und Beatrice Knop haben unbestritten ihre Qualitäten, aber Semionova hat das alles mit einer Klarheit getanzt, die es in den beiden Versionen so nicht zu sehen gibt. Semionovas Klarheit war nach meinem Dafürhalten vor allem eine geistige Klarheit, die sich dann in den Bewegungen gezeigt hat (und ich sollte kurz fairerweise erwähnen, dass Beatrice Knop im zweiten Akt, stellenweise ähnlich klar tanzt).

Das Kriterium der Klarheit lässt sich nicht unbedingt objektivieren. Für mich als ist es so, dass es mir hilft, wenn die Tänzerin die Schritte genau tanzt und mit so etwas wie Sinn oder Bedeutung auflädt, weil ich, als relativ unerfahrener Ballettzuschauer, das dann besser verstehe.

Aber sei’s drum. Man muss kein großer Ballettkenner sein, um zu behaupten, dass Semionova fehlen wird, das ist eher eine Binsenweisheit.

Natürlich gibt es verglichen mit meinen vergangenen Ausführungen zu Onegin eine Menge zu korrigieren. Mein Eindruck, dass beispielsweise Nadja Sadakova und Beatrice Knop im Fürst Gremin Pas de deux gelegentlich zu Onegin schauen ist falsch, das tun sie nicht.

In „Onegin“ geht es ja um eine Entscheidung, die Tatjana trifft – gegen Onegin und für Fürst Gremin. In der Oper: gegen die Liebe und für die Ehre, was im Ballett glücklicherweise anders getanzt werden kann.

Wie die zuständige Ballerina das Fürst Gremin Pas de deux tanzt und das Onegin Pas de deux am Ende, ist zwangsläufig ein Kommentar zu dieser Entscheidung.

Semionova hat im Fürst Gremin Pas de deux meiner Meinung nach eine Empfindung getanzt, die man am besten mit dem Wort „Glück“ beschreiben könnte. Nadja Saidakova geht auch in die Richtung, während Beatrice Knop ein bisschen dazu neigt, Liebe als Schmerz zu tanzen – nicht dass ich ihr da grundsätzlich widersprechen wollte, aber die Haltung zur Ehe mit Fürst Gremin wird dadurch natürlich beeinflusst.

Bei Beatrice Knop bin ich mir nicht ganz sicher, ob sie darunter leidet, Gremin zu heiraten, weil sie immer noch an Onegin hängt oder ob die Liebe zu Fürst Gremin ebenso schmerzbehaftet ist. Letzteres ist eher unwahrscheinlich, weil die Entscheidung für Gremin im Sinne der „unromantischen“ Liebe eine Entscheidung für eine Beziehung ohne Schmerz ist. In der Oper gibt es eine lange Arie von Gremin, in der er von seiner Liebe zu Tatjana singt – Fürst Gremin ist die Figur im Stück, für die die romantische Liebe funktioniert. Er hat tatsächlich als einziger sein Glück gefunden (außer in der Semionova Version, wo das auch auf Tatjana zutrifft), und Tatjana, wissend, dass Gremin sie achtet und sie von ihm keine Demütigungen zu erwarten hat, entscheidet sich dafür, diese Liebe zu ertragen, was selbst wieder ein Akt der Liebe ist. Die Liebe von Gremin anzunehmen mag sogar ein größerer Liebesakt sein als selbst aktiv das eigene Begehren verwirklichen zu wollen. Das ist eher eine philosophische Frage, mit der sich die Amorologen und Liebeskundler befassen sollen.

Das Schöne an Onegin war (muss ich leider in der Vergangenheitsform sagen), dass die drei Versionen tatsächlich drei unterschiedliche Sichtweisen auf die Geschichte vorgestellt haben – Semionova war bedingungslos loyal, was Tatjanas Entscheidung betraf. Beatrice Knop repräsentiert das andere Ende, ich weiß nicht genau, ob das Schluss Pas de deux mit Dmitry Semionov in der Version die ich schon mal von den beiden gesehen habe ähnlich leidenschafltich war, aber die beiden gehen da – ähnlich wie Elisa Carrillo Cabrera und Mikhail Kaniskin in Romeo und Julia – ziemliche Risiken ein. Das geht tatsächlich erheblich weiter als die Saidakova/Dudek Version, was vielleicht am klarsten dadurch wird, dass sie sich im Schluss Pas de Deux küssen (oder hab ich das halluziniert?), was bei Saidakova/Dudek nicht passiert. Für Beatrice Knops Tatjana ist es so: Sie will gern mit Onegin zusammen sein, kann aber nicht, entweder aus Rücksicht auf Gremin oder, wie in der Oper, aus moralischen/gesellschaftlichen Gründen, dadurch bricht ihr mehr oder weniger das Herz, um es pathetisch auszudrücken. Polina Semionova fürchtet, dass Onegin sie rumkriegen könnte, will aber eigentlich weder mit ihm zusammen sein noch ein Techtelmechtel haben, weil sie Gremin ehrlich liebt. Nadja Saidakova wählt einen Mittelweg (will gefühlsmäßig mit Onegin zusammen sein, glaubt aber nicht daran, dass sie dann glücklicher wäre als mit Gremin).

Alle Versionen sind sinnige Lesarten der Geschichte. Die Semionova Position ist aber momentan verwaist, vielleicht steigt Iana Salenko ja von Olga auf Tatjana um, das könnte interessant werden.

Was die Onegins betrifft, ist es, glaube ich, so, dass Dmitry Semionov die Rolle etwas freundlicher und humoriger anlegt als Wieslaw Dudek.

Es gab bei Wieslaw Dudek eine Szene, an die ich mich bei Semionov nicht erinnern kann, nämlich, dass er nach der Aufforderung zum Duell auf Tatjana zeigt. Die Schuldfrage ist ja durchaus vielschichtig: Lenski ist als Figur Dichter und damit von allen derjenige, der am meisten an die Idee der romantischen Liebe glaubt, glauben will und irgendwie auch glauben muss. Dumm für ihn, dass er sich dafür ausgerechnet Olga ausgesucht hat, aber da er dem Ideal verpflichtet ist, muss er im Grunde darauf bestehen, dass Olga seine einzige große Liebe ist, wenn er einfach Schluss machen und sich schulterzuckend einer anderen zuwenden würde, würde er sein Ideal verraten. Lenski ist aber derjenige, der die Sache jederzeit (auch noch kurz vor dem Duell) hätte beenden können und alle wären lebendig nach Hause gegangen.

Die Mitschuldigen sind: Olga, weil sie mit Onegin tanzt. Sie ist dann natürlich entsetzt, als Lenski Onegin den Fehdehandschuh hinwirft, aber sie hat es auch ein bisschen provoziert. Onegin gibt Tatjana die Schuld (deshalb das Zeigen mit dem Finger), weil sie, nicht so recht einsehen wollte, dass er nichts von ihr will, obwohl er ihr das ziemlich unmissverständlich klar gemacht hat. Er tanzt letztlich mit Olga, um Tatjana etwas klar zu machen. Aber natürlich weiß er, dass Olga mit Lenski verlobt ist und er hätte sich auch eine der zahlreichen anderen Damen aussuchen können, die da sind. Tanzen können die auch alle und er hätte damit Lenski nicht in Verlegenheit gebracht.

Ansonsten lässt sich zu Wieslaw Dudek sagen, dass er Onegin mit Nadja Saidakova immer noch narzistisch anlegt. Er ist ein guter Schauspieler und wenn er zu Tatjanas Hochzeit kommt, hat man tatsächlich das Gefühl, er sei um hundert Jahre gealtert. Ein älterer Herr, der plötzlich versteht, dass er einen Fehler gemacht hat, den er dann korrigieren will und wenn man selbst ein älterer Herr ist, will man ihm natürlich zurufen: Vergiss es, das funktioniert nie im Leben!, aber die Lektion muss er dann selbst lernen.

Ansonsten hat die Rollenanlage von Wieslaw Dudek erstaunlich wenig Einfluss darauf, was Nadja Saidakova tanzt, ich hatte ja den Verdacht, dass sie durch Dudek zwangsläufig der Semionova Interpretation näher kommen müsste, das ist nicht der Fall. Nadja Saidakova zieht ihr Ding durch, vermutlich weil sie das für die angemessene Sichtweise hält und das kann man natürlich auch so sehen, auch wenn ich persönlich eher die extremeren Varianten bevorzuge, in dem Fall Semionova oder Knop.

Was die Lenskis betrifft war es für mich etwas irritierend, wie unterschiedlich Alexej Orlenko und Marian Walter das gemacht haben. Bei Alexej Orlenko schien es mir so zu sein, dass er a) nicht seinen besten Tag hatte, das aber b) der Rolle nicht unbedingt geschadet hat. Es ist im Grunde ganz gut, wenn Lenski nicht ganz so gut tanzt wie Onegin und dass Alexej Orlenko an dem Tag Dmitry Semionov tänzerisch unterlegen war, kann man, denke ich, sagen, ohne ihm zu Nahe zu treten.

Das Interessante daran ist, dass einige Stellen dadurch seltsam plastisch und klar werden. Einmal tanzt er ein kleines Pas de deux mit Olga zweimal (wie relativ viele choreographische Sequenzen in Onegin mehrmals unmittelbar hintereinander getanzt werden, so als hätte eine Figur das Gefühl, die andere hätte nicht so recht kapiert, was sie eigentlich sagen wollte. Wie oft tanzt Tatjana ihr Solo vor Onegin in Varianten? Fünf mal?), beim kleinen Lenski/Olga pas de deux ist es so, dass Olga nach dem ersten mal eigentlich schon zur restlichen Partygesellschaft fliehen will und bei Krasina Pavlova wirkt es ein bisschen so, dass sie der Tanz mit Lenski gerade ein bisschen langweilt, wodurch man ziemlich gut versteht, warum sie dann lieber mit Onegin tanzt. Das kommt in der Salenko/Walter Version, obwohl Iana Salenko vieles überspitzter tanzt, nicht so raus. Vermutlich, weil Marian Walter an dem Abend der beste Tänzer auf der Bühne ist und selbst eine choreographische Stelle, die nicht so viel hermacht ausgesprochen virtuos auf die Bretter bringt, so dass auch Iana Salenko fasziniert zuschaut.

Der Vorteil an der Marian Walter Version ist, dass das, was er tanzt einen hohen ästhetischen Wert hat, der Nachteil, dass Olgas Motivation, mit Onegin zu tanzen, dann weniger klar wird.

Für Ballettästheten ist also die Marian Walter Version unbedingt zu empfehlen, aber für die Klarheit der Rolle, sowohl das Verhältnis Lenski/Olga als auch Onegin/Lenski, verstehe ich die Orlenko Variante besser. Allerdings würde ich jetzt Marian Walter nicht unbedingt empfehlen, Lenski nachlässiger zu tanzen. Kann sein, dass es besser ist, Lenski mit einem Demi Solisten oder Corps de Ballet Tänzer zu besetzen, gerade weil Lenski eben auch ein Jungspund ist, der im Vergleich mit Onegin den kürzeren zieht und das ist bei Marian Walter tänzerisch nicht der Fall.

Nun gut, in der Zeitschrift „Dance“ habe ich eine Kritik zu Semionova in „Romeo und Julia“ gelesen, wo als einziger Kritikpunkt an ihrer Darstellung genannt wurde, dass alles, was sie getanzt hat gut aussah und sie sich offensichtlich weigert, etwas „ungeschickt“ zu tanzen, auch wenn es für die Rolle vielleicht angemessener wäre. Mag sein, dass Marian Walter als Lenski in eine ähnliche Falle läuft, aber wollte man einem Tänzer ernsthaft raten „Tanz es so, dass es nicht ganz so gut aussieht“? Wer weiß, ob Alexej Orlenko nicht genau diesen Rat befolgt hat und das Lob für seine Bemühungen ist dann, dass der Zuschauer (in dem Fall ich) denkt, er hatte keinen so guten Tag.

Wie dem auch sei, Onegin bleibt interessant. Nach den Ferien geht es damit auch gleich weiter im Staatsballett und ich hoffe natürlich, dass sich eine dritte Ballerina für Tatjana finden wird, um nochmehr Verwirrung zu stiften.

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