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Tanztage Potsdam: Alexander Andriyashkin – I will try

Juni 5, 2012

Die Kommunikation zwischen Zuschauer und Performer ist ja ein relativ kompliziertes Thema. Normalerweise läuft das so: Jemand, nennen wir ihn allgemein den „Performer“ (Tänzer, Schauspieler oder was auch immer) zeigt auf einer Bühne oder in einer bühnenähnlichen Situation irgendwas und als Zuschauer ist man aufgefordert, zuzuschauen, die Person auf der Bühne möglichst wenig durch Handygespräche, Rülpsen und Husten zu stören und am Ende in irgendeiner Form durch Klatschen, Jubeln oder Buhrufen zu sagen, wie man das Gezeigte so fand.

Ich für meinen Teil kann mit dieser Zuschauerrolle wunderbar leben. In der Regel habe ich kein Bedürfnis, mich in irgendeiner Form in eine Aufführung einzubringen, außer dass ich eben zuschaue. Insofern irritiert es mich immer ein wenig, wenn ich meine angestammte Zuschauerrolle verlassen soll und meistens reagiere ich dann etwas unwillig, das heißt, auch wenn ich vom Performer aufgefordert werde zu Schreien, Mitzuklatschen oder zu Diskutieren, tue ich das normalerweise nicht und nach meiner Erfahrung bin ich selten der einzige Zuschauer, der sich schwer damit tut, die Position des stillen Beobachters zu verlassen. Ich will nicht auffallen, wenn also alle Mitklatschen, klatsche ich auch mit, bin dann aber immer heilfroh, wenn es vorbei ist, weil ich die rechte Begeisterung, die für spontanes Mitklatschen nötig ist, selten aufbringe, ich freue mich über Sachen, die mir gefallen eher im Stillen und ich habe auch selten Lust, mich vor der Aufführung zu betrinken, um irgendwie enthemmter zu sein.

Sich als Zuschauer irgendwie zu etwas zu bekennen oder sich als Individuum aus der Masse der Zuschauer abzulösen geht mir irgendwie gegen den Strich.

Insofern müsste ich eigentlich die Aufführung von Alexander Andriyashkin nicht besonders mögen, in der die Zuschauer schon nach fünf Minuten aufgefordert werden, Verbesserungsvorschläge zum gezeigten Tanz zu machen.

Das Gespräch mit den Zuschauern geht weiter, jemand soll mittanzen, einmal wird jemand auf die Bühne gebeten, der den Performer anschauen soll „wie einen Menschen“. – Es handelt sich natürlich um die gleiche Dame, die schon die Tanzpartnerin spielen musste, weil sie die einzige ist, die sich erbarmt. Auf Nachfrage erklärt Alexander Andriyashkin während des Stückes dann auch, dass sein Ziel nicht die Verbesserung der Performance ist, sondern eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Rollenverteilung Zuschauer/Performer so nicht mehr besteht, sondern man sich als Menschen gleichberechtigt begegnet. Eine Utopie, wenn man so will und als er später gefragt wird, ob das denn an dem Abend geklappt hat (eine Minute lang, haben die Zuschauer Gelegenheit ihm Fragen zu stellen, die er mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet) kommt die Antwort auch prompt: „Njet“.

Das mutige an dem Konzept ist natürlich, dass sich Alexander Andriyashkin mehr oder weniger den Zuschauern ausliefert – ob der Abend auch nur einigermaßen unterhaltsam wird, hängt von der Beteiligung der Zuschauer ab, der große Vorteil dabei ist, dass jede Vorstellung entsprechend anders und unberechenbar ist. Man kann sich das Ding theoretisch zehn Mal anschauen und wird jedes Mal etwas anderes sehen.

Die Unberechenbarkeit ist gleichzeitig der Nachteil.

So wie ich die Sache gesehen habe, macht er sich den Abend teilweise selbst schwer und auf zum Teil überraschende Weise.

Im Theater ist es ja normalerweise so: Es gibt eine Bühne und den Zuschauerraum, von dem aus man auf die Bühne schauen kann. Im Grunde eine konfrontative Situation und ich erinnere mich auch, dass ich, wenn ich selbst gelegentlich im Rahmen studentischer Theateraktivitäten auf der Bühne stand oder saß, normalerweise dem Publikum gegenüber eine Mischung aus Angst und Freude empfand. Freude, weil es offensichtlich Leute gab, die es interessiert hat, was ich da machte, Angst, weil es ihnen möglicherweise nicht gefallen könnte und wenn der Performer selbst nicht eine ausgesprochen aggressive Haltung gegenüber dem Publikum hat, ist es wohl in der Regel so, dass er vom Publikum gemocht werden will. Umgekehrt will das Publikum auch vom Performer gemocht werden, zumindest dann, wenn der Performer gut ist. Man will gern Teil eines „guten Publikums“ sein, das an den richtigen Stellen lacht und in besonders andächtigen Momenten mucksmäuschenstill ist, so dass sich Performer X gern an das Publikum an dem betreffenden Abend zurückerinnert und unter Umständen sogar bereit ist, irgendwann mal wieder in der Stadt aufzutreten.

Es gibt da also mehr Gemeinsamkeiten zwischen Publikum und dem Aufführenden (das Wort Performer nervt mich langsam), als man gemeinhin annimmt.

Die Leute auf der Bühne wissen aber von der Befindlichkeit und Empfindlichkeit des Publikums in der Regel wenig und umgekehrt. Ich erinnere mich an eine Publikumsdiskussion im Rahmen der Spielzeit Europa, in der sich ein Zuschauer darüber beschwert hatte, dass die Tänzer beim Schlussapplaus nicht gelächelt haben. Ich muss gestehen, dass ich die Beschwere seinerzeit etwas albern fand, andererseits spiegelt die Anmerkung des Zuschauers durchaus den Wunsch danach wieder, dass nicht nur das Publikum die Leistung der Darstellenden würdigen soll, sondern die Darstellenden auch die Leistung des Publikums, das hoffentlich ein gutes Publikum gewesen ist und den Eindruck hat, den Performer enttäuscht zu haben, wenn der am Ende kein fröhliches Gesicht macht.

Wenn man nun die sich unvereinbar gegenüberstehenden Fronten Publikum und Performer auflösen will, stellt sich die Frage, wie man das anstellt und es gibt zahlreiche mal mehr, mal weniger erfolgreiche Beispiele wie Aufführende das versuchen.

Die erste Entscheidung ist in der Regel, die vierte Wand wegzunehmen. Die vierte Wand ist bekanntlich durchsichtig und trennt den Zuschauer von der Bühne ab. Sie ist unsichtbar wird aber, so sie aufrecht erhalten wird, so gut wie nie durchbrochen, es sei denn man hat es mit einem echten Skandal, sturzbetrunkenem Publikum oder sonstigen Extremen zu tun. Die vierte Wand trennt den Performer vom Publikum, schützt ihn aber auch – und umgekehrt, die vierte Wand schützt das Publikum auch vor dem Performer. Die vierte Wand zu durchbrechen ist in der Regel ein Vorrecht desjenigen, der sich auf der Bühne befindet, das heißt, der darf sich an das Publikum wenden, Fragen stellen und sonst was, während es selten gern gesehen wird, wenn aus dem Zuschauerraum während der Vorstellung irgendwelche Kommentare zum Bühnengeschehen kommen oder das Publikum plötzlich mitspielen will.

Es handelt sich dabei um eine gewachsene Konvention, die vierte Wand wurde nicht zu allen Zeiten derart respektiert und wer schon mal im Kindertheater war wird bestätigen, dass Kinder zur vierten Wand ein etwas anderes Verhältnis haben als Erwachsene (obwohl auch Kinder selten die Bühne stürmen).

Insofern ist es bemerkenswert, dass Alexander Andriyashkin die vierte Wand aufrecht erhält, denn es ist denkbar leicht, das Ding einfach wegzunehmen – Bestuhlung raus, die Zuschauer sich auf dem Boden rumlümmeln lassen, an mehreren Seiten des Performanceraums und schon hat man ein Hemmnis weniger, die Atmosphäre ist sofort kommunikativer, wenn die Zuschauer sich im Grunde auf der gleichen Bühne befinden, wie der Performer.

Da ich nach der Vorstellung zu einer anderen Vorstellung musste, konnte ich Alexander Andriyashkin leider nicht fragen, warum er das nicht gemacht hat. Es hat auch wenig Sinn, darüber zu spekulieren. Der Effekt den das hat ist aber, dass das Publikum eine relativ hohe Hemmschwelle überwinden muss, wenn es aufgefordert wird, mitzumachen. Die Annahme liegt nahe, dass das Überwinden der Hemmschwelle gewünscht ist, zu viele Freiheiten soll der zuschauende Mob auch nicht haben. Tatsächlich bewahrt sich Andriyashkin ein hohes Maß an Kontrolle darüber, wie der Abend abläuft. Er bestimmt, wann das Publikum sich äußern darf und wann nicht und zu welchen Themen. Insofern stellt sich natürlich die Frage, inwieweit der Wunsch, dass der Performer nicht mehr als Performer wahrgenommen werden will, sondern als Mensch wirklich ernst gemeint ist.

Darüberhinaus bietet es sich natürlich an, darüber nachzudenken, was denn nun der Unterschied ist zwischen einem „Performer“ und einem „echten Menschen“. In der Bühnensituation handelt es sich für gewöhnlich einfach nur um ein Gefälle an Aufmerksamkeit. Als Zuschauer weiß ich, dass sich die übrigen Zuschauer in der Regel nicht für mich interessieren, weil sie das sehen wollen, was auf der Bühne passiert. Dadurch dass alle Augen auf die Bühne gerichtet sind, erhält derjenige, der da ist und von allen angeschaut wird eine Fülle an Macht, einfach dadurch, dass das was er tut von allen gesehen wird, also Einfluss auf deren Gedanken, Befindlichkeiten etc. hat.

Wenn ein Performer also nicht mehr als Performer gesehen werden will, dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als etwas von der Macht abzugeben und das tut Alexander Andriyashkin erstmal nicht. Im Gegenteil erscheinen die Aufforderungen an das Publikum sich in irgendeiner Form zu äußern teilweise ausgesprochen autoritär („Sagen Sie mir schöne Worte“, „Applaus wäre jetzt gut“).

Der Deal den Andriyashkin anbietet ist letztlich: er ist bereit, die Wünsche des Publikums zu berücksichtigen und sein kleines Tanzsolo entsprechend anders zu tanzen, dafür sollen die Zuschauer sich aber auch gefälligst so verhalten, wie er es wünscht. Andererseits ist es da schon so, dass der Deal künstlich ist, denn an und für sich würde ich überhaupt keine Vorschläge machen wollen, wie jemand auf der Bühne etwas anders machen soll. Der oft von Tonband kommende Wunsch, nur gute Performances zu machen, zu dem Andriyashkin dann die Lippen synchron bewegt, spiegelt natürlich den Wunsch eines jeden Performers wieder – eine gute Performance wäre in dem Fall darüber definiert, dass der Zuschauer das, was auf der Bühne vor sich geht mag. Der Verdacht liegt nahe, dass „I will try“ tatsächlich eher eine Satire auf eben diese Bemühungen und Anbiederungen an den scheinbaren Publikumsgeschmack ist und als solche funktioniert das dann ziemlich gut.

Der beste Moment des Abends passiert dann tatsächlich, als einer aus dem Publikum Adriyashkin auffordert, sein Solo so zu tanzen, wie er selbst als Performer es gut findet, ohne Rücksicht auf mögliche Erwartungshaltungen aus dem Publikum. Da hat der Tanz dann tatsächlich mehr Kraft. Insofern ist es durchaus möglich, dass der Abend nur vorgibt, Kommunikation zwischen Publikum und Performer herzustellen und die Grenzen aufzulösen, tatsächlich aber ein Plädoyer für diese Grenzen ist, ein Plädoyer für die Autonomie des Performers auf der Bühne und für die Autonomie des Publikums, die sich an dem Punkt tatsächlich wie Menschen begegnen können, allerdings Menschen in verschiedenen Rollen.

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