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Pilobolus – Shadowland

Juli 15, 2012

Pilobolus’ Shadowland ist ein bisschen das Gegenprogramm zu Nicole Beutlers „The Garden“. Würde man sich die beiden Stücke als Menschen vorstellen, die versuchen, miteinander ein Gespräch zu führen, würde „The Garden“ sagen: „Wie wir zusammen leben ist nicht ideal und wir sollten und Gedanken darüber machen ob und wie das besser geht“ und „Shadowland“ würde antworten: „Wieso? Alles könnte viel schlimmer sein. Sei froh, dass du aussiehst wie ein Mensch und nicht mit Hundekopf durch die Gegend laufen musst.“ Naja, ich verkürze natürlich ein bisschen, aber das sich Schönreden der tatsächlichen Verhältnisse ist schon ein wenig Teil der Aussage, die Pilobolus treffen und ich bin versucht zu sagen, dass es sich dabei um ein US-amerikanisches Phänomen handelt, obwohl mir natürlich klar ist, dass man das so allgemein nicht sagen kann und ich wohl auch Pilobolus ein bisschen unrecht tue, wenn ich unterstelle, dass das Stück jegliche Kritik oder Unzufriedenheit an der gegebenen Gesellschaft eigentlich erstickt.

Ich bin nicht unbedingt der Ansicht, dass jede Kunst Kritik an irgendwas üben muss, aber wenn sie das nicht tut, stellt sich natürlich die Frage, was dadurch gefördert wird.

Als letztes Jahr die Theaterferien waren, kam ja Pilobolus schon mal auf Tour und die Branchenzeitschrift Ballett/Tanz hatte dazu relativ ausführlich geschrieben, auch gerade unter dem Aspekt, dass es der europäischen Kritik und vielen europäischen Zuschauern irgendwie komisch vorkommt, mit welcher optimistischen „alles ist super“ Haltung amerikanische Tanzkompanien zu Besuch kommen. Man weiß schon vorher, man wird mitklatschen müssen, das war letztes Jahr bei Alvin Ailey so und ist bei Pilobolus auch der Fall. Ich klatsche nicht gern mit.

Natürlich sind besagte Kompanien privat finanziert, das heißt, sie müssen zusehen, dass sie irgendwie die Kohle einspielen, die sie zum Leben brauchen. Entsprechend gibt es ein Bemühen, etwas auf die Bühne zu bringen, was so vielen Leuten wie möglich gefällt, das heißt wunde Punkte werden weitgehend ausgespart oder nur verdeckt angesprochen.

Pilobolus zählen dann auch im Programmheft zusammen, dass sie weltweit bereits von einer Milliarde Menschen gesehen wurden, von einem Auftritt bei „Wetten dass…?“ (8 Millionen) über einen Auftritt bei der Oscarverleihung 2007 (keine Ahnung, wie viele Leute da zusehen, 100 Millionen?), über Auftritte bei Oprah Winfrey, im Fernsehen übertragenen American Footballspielen, bei irgendwelchen Großereignissen mit der englischen Königin und so weiter. Um so vielen Leuten zu gefallen, darf man natürlich niemandem auf die Füße treten, sondern muss weitgehend konsensfähiges Theater machen und naja, so ist das dann auch.

Während Nicole Beutler ein ästhetisches Prinzip benutzt, um daran ein relativ weitreichendes Problem zu erläutern und Fragen zu stellen wie, warum wir so leben wie wir leben und ob das nicht auch besser ginge, erzählen Pilobolus eine eher banale Geschichte mit einem Hollywood Schluss, um eigentlich ihr ästhetisches Prinzip zur Schau zu stellen.

Das Prinzip ist das Schattentheater, das heißt, der größte Teil der Performance findet hinter einer Leinwand statt, wo die Tänzer durch Schattenspiel die Geschichte erzählen. Das ist zum Teil äußerst verblüffend, virtuos und durchaus phantasievoll. Was mir gut gefällt, ist, dass die Leinwand manchmal aufgemacht wird und man einen Eindruck davon bekommen kann, wie die Schattenfiguren entstehen. Nach dem Stück weiß wohl jeder Zuschauer, wie man den Arm zu halten hat, um die Schattenfigur „Mensch mit Hundskopf“ zu erzeugen.

Mein Problem ist ein inhaltliches. Der Plot läuft so:

Ein junges Mädchen verirrt sich im Traum in dieses Schattenland, wo sie einen zu Späßen aufgelegten Gott trifft, der sie erst in einen Hund und dann in einen Mensch mit Hundekopf verwandelt. Das Mädchen geht in ihrer neuen Gestalt los und macht alles andere als erfreuliche Erfahrungen, wird ausgestoßen, als Zirkusfreak verspottet und so weiter. Irgendwann trifft sie den göttlichen Spaßvogel wieder und ist natürlich sauer, dass er ihr das angetan hat. Statt ihr ihre ursprüngliche Gestalt zurück zu geben, zeigt er ihr aber, dass es andere Wesen gibt, die so sind wie sie und einen Moment lang gibt es dann tatsächlich so etwas wie Glück. Würde das Stück hier enden hätte man eine hübsche Parabel über das Anderssein, darüber, dass man seine Eigenheiten annehmen muss und man in seiner Besonderheit nicht so allein ist, wie man denkt.

Hier endet das Stück aber nicht, sondern es geht damit weiter, dass das Mädchen schließlich aufwacht, feststellt, dass es keinen Hundekopf hat, sondern so ist wie alle anderen und sich darüber freut wie ein Schneekönig, wieder zu Hause in Kansas bei ihren Hillbillyeltern zu sein. Was das „Doggirl“ auf seiner Reise gelernt hat, ist, dass es total doof ist, anders als die anderen zu sein. Es ist gut, sich nicht aus der Masse hervorzuheben, sondern so zu leben wie alle anderen auch und keinen Ärger zu machen. Mit so einer Message wird man natürlich gern von der Queen und allen anderen Staatsoberhäuptern eingeladen. Verglichen damit ist Schwanensee ein revolutionäres Agit Prop Stück.

Nun gut, ich übertreibe ein bisschen. Aber mein Eindruck am Ende war tatsächlich, dass ich gerade ein Stück staatstragendes Konsenstheater gesehen hatte, bei allen formalen Qualitäten, die Pilobolus hat.

Dem Gegenüber steht natürlich, dass allein die Tatsache, dass die Truppe Schattentheater macht nicht unbedingt staatstragend ist. Sympathisch ist die Bescheidenheit der Mittel. Viel mehr als ihre Körper, eine Leinwand, ein paar Kostüme und Props, Rahmen und Licht, brauchen Pilobolus für ihre Show nicht und nun gut, weil es so einfach zu sein scheint und sich die Technik mit ein bisschen Phantasie auch im eigenen Wohnzimmer herstellen lässt – wenn man dann genug Ausdauer hat, so lange auszuprobieren, bis man eigene Figuren darstellen kann – ist es zumindest vorstellbar, dass sich Zuschauer durch Pilobolus inspiriert fühlen, selbst etwas in der Art zu machen und dann eigene, vielleicht weniger konsensfähige Geschichte zu erzählen. Wenn die Truppe das erreichen kann, indem sie viele Leute begeistert (und ich glaube, die meisten Zuschauer fanden die Aufführung besser als ich), ist das sehr viel wert.

 

 

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