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Tanztage Potsdam: Nicole Beutler – The Garden

Juli 15, 2012

Nun gut, es ist schon eine Weile her, dass ich das Stück gesehen habe, im Rahmen der Tanztage Potsdam. Dazwischen war die Fußball EM und ich hatte mich eigentlich schon von dem Gedanken verabschiedet, etwas über „The Garden“ zu schreiben, nachdem ich bereits drei Versuche gestartet hatte, die nicht übermäßig erfolgreich waren. Wenn man will, kann man „The Garden“ ähnlich wie Meg Stuarts „Built to last“ als eine Art Geschichte des Lebens im Universum lesen, mit einem etwas spezifischeren Schwerpunkt, was es für mich aber seltsamerweise schwerer macht, darüber zu schreiben. Der Unterschied zu Meg Stuart ist vielleicht, dass „The Garden“ eine „Warum“ Frage stellt, was natürlich immer alles verkompliziert. Warum gibt es überhaupt so etwas wie Leben und da es so ist, was machen wir damit und hilft die „warum“ Frage dabei, zu entscheiden, was ein „gutes“ oder „besseres“ Leben sein könnte.

Das Themenfeld ist so weitreichend, dass ich mit meiner Neigung zur Abschweifung, darüber eigentlich einen halben Roman verfassen könnte und das geht natürlich ein bisschen zu weit.

Also das wesentliche:

Es gibt bei „the Garden“ zwei Textpassagen, beide sind bedeutsam, weil sie tatsächlich den Interpretationsrahmen für das Stück einigermaßen eingrenzen. Der erste Text ist nicht übermäßig gut und befasst sich mit dem Nichts vor dem Urknall, dem Moment in dem dann etwas entstand, das daraufhin urknallte. Worauf es ankommt ist die einfache Abfolge von nichts – eins – vieles, in der Reihenfolge. Die Grundthese dabei scheint zu sein, dass jedes Element des Universums, sei es nun eine Galaxie, ein Mensch, ein Atom, eine diffuse Erinnerung daran hat, einmal Eins mit allem gewesen zu sein, kombiniert mit einer Sehnsucht danach, dieses Einsein wieder herzustellen.

Im Großen und Ganzen speist sich daraus die Motivation des Mystikers, sich als eins mit dem Universum (oder dem Nichts) zu erleben, ebenso wie die Tendenz einzelner Teile, größere Einheiten zu bilden, Atome fügen sich zu Molekülen zusammen, Moleküle bilden Zellen, Zellen Organe, Organe Organismen, Organismen soziale Einheiten und so weiter.

Die Einzelteile, die bestrebt sind, sich zusammen zu tun, um etwas zu sein, das über sie hinausgeht, wären dann vor allem bestrebt, zurück zur verlorenen Einheit zu gelangen, was daran kompliziert ist, hört man dann später.

Der Text erfüllt seinen Zweck, was mich daran stört ist ein gewisser Mangel an Konzentration, wobei man natürlich argumentieren kann, dass das genau der Punkt ist, die Vielfalt, die nicht so genau weiß, wo der Ansatzpunkt ist, um zum Ursprung zurück zu kehren und genau diese Bewegung ins Ungefähre vollzieht der Text nach.

Im Stück selbst stellt sich die Sehnsucht nach der ursprünglichen mystischen Wiedervereinigung erstmal durch das ästhetische Hauptmotiv der Performance dar: Die fünf Performer bilden in Retrounterwäsche auf einem Flokatiboden symmetrische, kaleidoskopartige Figuren.

Das Prinzip der Symmetrie ist ja kompliziert. Am Tag der Aufführung war ich am Nachmittag im Park Sans Souci, wo man die Grundidee bis zum Überdruss vorgeführt bekommt. Der Gedanke ist anscheinend, dass so der Eindruck von „Harmonie“ entstehen soll, die symmetrische Harmonie ist im wesentlichen der Natur entlehnt, wobei man darauf hinweise sollte, dass sich da eigentlich nur eine unsaubere Symmetrie findet, die genaue Symmetrie, wie sie z.B. im Kaleidoskop zu sehen ist, kommt in der Natur nicht vor, der menschliche Körper, beispielsweise ist nur grob symmetrisch (und auf esoterischer Ebene ist die Zahl die den Menschen symbolisiert die fünf, eine ungerade Zahl – wegen zwei Arme, zwei Beine, ein Kopf), das Blatt eines beliebigen Baumes ebenfalls. Anders ausgedrückt, die symmetrischen Erscheinungen der Welt, die nicht künstlich durch Spiegel erzeugt werden, erzählen eigentlich die Geschichte, wie Leben sich einem harmonischen Prinzip annähert, aber dabei eben ein bisschen unberechenbar bleibt. Die Gartenarchitektur von Sans Souci versucht dann erfolglos der Lebendigkeit der Natur die eigene Idee von Symmetrie entgegen zu halten. Das Ganze wirkt seltsam tot und beklemmend.

Interessanterweise wirken die ersten zwanzig Minuten von „The Garden“ so ähnlich. Man sieht schöne Figuren, die die Tänzer aufs Parkett legen, ein bisschen Zirkus, ein bisschen Akrobatik, ein bisschen meditativ, sehr hübsch anzuschauen und ich bereite mich innerlich schon mal darauf vor, einen Abend zu verleben, an dem die Tänzer auf der Bühne in Schönheit sterben. Dabei muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich bestimmte Irritationen am Anfang als unbeabsichtigte Fehler im System behandelt habe. Es ist natürlich kein Zufall, dass einer der Tänzer einen prekären Fall von Skoliose vorzuweisen hat. Der Mann ist immer noch tausend mal beweglicher als ich, aber das Handicap ist ein deutlicher Hinweis auf die „Fehler“ im symmetrischen Ideal. Der verwachsene Körper ist dabei ein deutliches Hinweisschild darauf, dass die Dellen in der Symmetrie schon im individuellen Körper angelegt sind und wenn mehrere Körper symmetrische Figuren bilden, dann summieren sich die Dellen weiter. Als Zuschauer neigt man erstmal dazu, das zu ignorieren, versucht die „Mängel“ zu übersehen und stattdessen die Schönheit des Prinzips als potentiellen ästhetischen Genuss zu konsumieren.

Es ist hier aber der interessante Fall zu sehen, dass der Körper des Tänzers selbst ein Kommentar zum ästhetischen Prinzip des Stücks ist, was mir ausgesprochen gut gefällt und ein Hinweis für mich hätte sein können, dass alles nicht so einfach ist, wie es scheint. Es ist hier auch so, dass der Tänzer den gleichen Kampf führt, den das Kollektiv auf der Bühne (und mutmaßlich jedes Individuum und jedes Kollektiv) kämpft: Die Überwindung des eigenen Ungleichgewichts, das Herstellen von Ordnung und Harmonie durch die Arbeit an sich selbst oder eben das sich Einfügen in eine größere Einheit, die das eigene Ungleichgewicht absorbieren oder als Teil des Lebens annehmen kann.

Bewegung und damit ein Hauptmotiv des Lebendigen, tritt nur dann auf, wenn ein Ungleichgewicht vorhanden ist.

Ein symmetrisches System ist perfekt ausbalanciert und damit äußerst stabil. Und so ist „The Garden“ an dem Punkt, wie in fast allem, angenehm ambivalent – Symmetrie schön und gut, aber eigentlich ist das Stück mehr ein Statement für die Instabilität des Lebendigen, das sich nach der Stablität des Ursprungs sehnt.

In den ersten zwanzig Minuten von „The Garden“ scheint es darum zu gehen, diese Stabilität zu erzeugen und dabei möglichst gut auszusehen. Die Assoziation, die ich dazu habe, ist, dass wir es tatsächlich erstmal mit einem Bild des Universums nach dem Urknall zu tun haben. Unbelebte Teilchen ordnen sich den Gesetzen der Gravitation folgend aneinander, hier bereits bestrebt, nach größerer Komplexität. Kleinstteilchen bilden Wasserstoffatome, daraus entstehen komplexere Einheiten, die wieder Moleküle bilden, sich zu Planeten und Sternen verklumpen und so weiter.

Nach ungefähr zwanzig Minuten kommt es im Stück zu einem Bruch. Die Performer verlassen den Flokatiteppich in der Mitte und stellen sich darum herum auf, um „The Garden“ von den Einstürzenden Neubauten nachzusingen.

Die wesentliche Liedzeile heißt: „You will find me if you want me in the Garden unless it’s pouring down with rain.“

Keine Ahnung, wie lang das geht. Zehn Minuten rum. Das Lied beginnt ausgesprochen geordnet, eine Bassfigur, jemand beginnt zu singen, dann setzen weitere Instrumente ein, immer noch geordnet und mit der Zeit gerät die ganze Sache ziemlich aus dem Ruder, bis die Performer sich schreiend und ächzend auf dem Boden wälzen und auf ihren Instrumenten disharmonische Geräusche erzeugen.

Ich mag so was ja und für mich wird der Abend ab da eigentlich richtig interessant. Die Gedanken zum Anfang haben sich mir eigentlich rückwirkend aufgedrängt.

Die sterile, der Gravitation folgenden Bewegung hin zu symmetrischer Stablität wird plötzlich durch ein chaotisches Element erweitert, das ich der Einfachheit halber mal Leben nennen will, auch wenn ja schwer zu sagen ist, was das eigentlich ist.

Man mag argumentieren, dass mit dem neuen Element die eher abstrakte Kraft der Gravitation, die für die Bildung komplexerer Strukturen verantwortlich ist Unterstützung bekommt durch Gebilde, die sich innerhalb gewisser Grenzen gegen die Gravitation verhalten können.

Interpretiert man Gravitation als die Kraft, die einen Zug zurück zum „Alles ist eins“ des Urknalls erzeugt (und die Gegenbewegung zur Fliehkraft, also nicht nur eine Rückkehr, sondern auch ein Festhalten), hat dieses ominöse Leben plötzlich weitere Möglichkeiten, zum Einssein zurück zu kehren oder sich gegebenenfalls auch gegen das Einssein zu entscheiden und eine Bewegung hin zur Vereinzelung zu wählen – meistens hat man es dann mit einer Kombination aus beidem zu tun.

Die Liedzeile aus „The Garden“ ist natürlich vor allem erstmal eine Einladung, man mag darin einen romantischen Impuls sehen (und die Romantik, die Liebe, die Sexualität sind natürlich starke, dem Leben innewohnende Kräfte, die Motivation sind zur Verbindung mit anderen Einheiten, zur Bildung komplexerer Gemeinschaft als der des bloßen Zellverbands des individuellen Organismus), jedenfalls gibt es einen naheliegenden Bezug zum berühmt berüchtigten „Garten Eden“ als Ort, an dem alles in perfekter Harmonie war (sprich: der Moment vor dem Urknall auf kosmischer Ebene).

Sieht man das Stück als zeitlichen Ablauf einer Geschichte des Universums, könnte man diesen Moment auch als Zeitpunkt, an dem Leben entsteht, lesen.

Ein Garten zeichnet sich ja vor allem dadurch aus, dass es da Vegetation, also Leben gibt und vielleicht sprechen die Einladung erstmal zwei Einzeller aus, um sich zu einem mehrzelligen System zu vereinigen und die Bewegung hin zu größerer Komplexität und schließlich zu sozialen Verbänden nimmt ihren Lauf.

Als der Song zu Ende ist, kehrt die Gruppe entsprechend zum Stilmittel des Anfangs zurück und bildet wieder symmetrische Figuren, die diesmal aber deutlich anders aussehen. Es handelt sich jetzt nicht mehr um mehr oder weniger abstrakt hübsche geometrische Strukturen, sondern um fremdartige Lebewesen, die sich aus mehreren Körpern zusammen setzen und die ein entsprechend organisches Verhalten an den Tag legen, so ein bisschen das Ding aus einer anderen Welt, jetzt versorgt mit einer ordentlichen Dosis an Aggressivität und Sinnlichkeit. Na gut, Sinnlichkeit ist wieder so ein Wort. Sagen wir: vorher hatte das die Sinnlichkeit hübscher Kirchenfenster, etwas erhabenes, jetzt ist das ganze etwas fleischlicher ausgerichtet.

Um meine These, das man ab hier eine Entwicklungsgeschichte des Lebens sehen könnte, zu stützen, müsste ich mir das noch mal anschauen, fest steht, dass am Ende wieder ein Text steht, der diesmal überraschend gut ist und der den Übergang von voneinander getrennten Organismen zum Sozialverband und damit verbunden zur Kultur beschreibt. Genauer gesagt: zur Stammeskultur, die aber dennoch ziemlich deutlich in der Gegenwart wenn nicht sogar der Zukunft angesiedelt ist.

Der Blick auf die Vergangenheit wendet sich auf eine möglicherweise utopische Zukunft und hier kommt die zweite Inspiration für das Stück ins Spiel, die Sozialutopie von Monte Verita, worüber ich nur so viel weiß, wie man bei Wikipedia nachlesen kann.

Die Stammeskultur die hier beschrieben wird beschreibt eine mögliche utopische Gesellschaft, die, da eine Stammeskultur, eine eher kleine Gesellschaft ist und man mag mit einem gewissen Recht argumentieren, dass beispielsweise utopische Staaten nicht so gut funktionieren und die Utopie sich wenn dann wohl erstmal in kleineren Einheiten verwirklichen lässt, also im Rudel und während der Text gesprochen wird frage ich mich, ob das die Gemeinschaft beschreibt in der die Tanztruppe von Nicole Beutler lebt. Na gut, ich habe keinen blassen Schimmer, ob es sich dabei um eine feste Truppe handelt, aber darüber nachzudenken ist zumindest ganz amüsant.

Der gesprochene Text gefällt mir deshalb gut, weil erstaunlich abgedreht. Wir hören die üblichen Vorstellungen, die man dann so entwickelt von einer bonoboinspirierten Hippietruppe („we copulate regularly“), die mit überraschenderen Ideen ergänzt werden, wie „we hibernate“ oder der Vorstellung, dass die Gedankeninhalte von jedem in einer Art „Cloud“ wie man das wohl heute im Apple Deutsch nennt, gesammelt und für jedes Stammesmitglied zugänglich sind. Die einzelnen Mitglieder lösen sich in einer Art Superorganismus  auf. Insofern ist es zur Abwechslung mal konsequent, dass sich am Ende alle kurz ausziehen und einen Kreis bilden, so also sieht der Organismus, der neu entstanden ist, aus.

Die Frage, wie wir anders (möglichst besser) leben können, als in der irgendwie aus dem Ruder gelaufenen kapitalistischen Utopie des größtmöglichen Besitzes, finde ich ja grundsätzlich interessant, auch wenn man erstmal keine Antwort darauf findet. „The Garden“ ist für die Frage nach möglichen Postsozialistischen Utopien erstmal ein guter Ausgangsort. Die Probleme, die sich mit „geschlossenen“ Gesellschaften – ein Rudel ist eine geschlossene Gesellschaft – einstellen, werden dabei genauso angesprochen wie die offensichtlichen Vorteile.

Es wird kein Zweifel daran gelassen, dass die vorgestellte Kommune wehrhaft ist und sich bei Gefahr gegen mögliche oder eingebildete Angreifer von Außen wehren wird, damit wird die irgendwie verwirklichte Utopie geschützt, gleichzeitig ist damit auch unausgesprochen die Gefahr verbunden, dass das Ganze ins Paranoide reinspielt und die Konsequenzen davon lassen sich dann bei diversen aus dem Ruder gelaufenen Gemeinschaften beobachten, die sich einer wie auch immer gearteten Utopie verpflichtet fühlen.

Ich hätte nicht wirklich gedacht, dass man aus der (erst mal ästhetischen) Grundidee der Symmetrie so viel rausschlagen kann wie es im Stück passiert. Die meisten Themen hab ich hier nur angerissen, falls es sich irgendwann noch mal ergibt, werde ich es mir sicher wieder anschauen. Ziemlich interessant, ziemlich intelligent und sieht auch noch gut aus.

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