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Candoco Dance Company – Tanzwerkstatt Europa München

August 10, 2012

Gelegentlich scheint es ja sicherer, sich nicht zu einer Performance zu äußern und bei der Candoco Dance Company ist das tendenziell der Fall. Die Besonderheit der Truppe besteht darin, dass sie sowohl behinderte als auch nichtbehinderte Tänzer beschäftigt und als Schreiber weiß man, dass man sich auf dünnes Eis begibt, wenn man darüber schreiben will, ohne die eigene kulturelle Prägung im Umgang mit Abweichungen von der Norm zu ignorieren.

Das einfachste ist, eine gönnerhafte „dafür dass die Tänzer behindert sind, kriegen sie das ganz gut hin“ Haltung einzunehmen oder sich in Formulierungen wie „man vergisst fast, dass einige der Tänzer behindert sind“ zu flüchten.

Was man über Performances mit Behinderten sagen kann ist auf jeden Fall, dass man als mehr oder weniger der Norm entsprechender Zuschauer mit seiner eigenen Haltung zum Thema konfrontiert wird und diese eigene Haltung ist nicht so eigen, sondern natürlich geprägt von einer langen Geschichte und vom aktuellen gesellschaftlichen Umgang mit Behinderten.

In Deutschland ist es ja so, das Behinderte grundsätzlich und systematisch von Nichtbehinderten ferngehalten werden, es gibt spezielle Schulen und die Trennung wird gern damit gerechtfertigt, dass Behinderte da irgendwie besser gefördert werden können. Dass die UN das ein bisschen anders sieht stört den deutschen Gesetzgeber wenig und die knallharte Trennung wird ohne Rücksicht auf Verluste durchgezogen, womit vor allem Kindern gar nicht erst die Möglichkeit gegeben wird, einen einigermaßen unbefangenen Umgang mit Leuten zu lernen, die anders sind. Die Angst vor den anderen scheint dabei eine weitaus größere Rolle zu spielen, als man sich gemeinhin eingesteht.

Die schulische Trennung betrifft dabei erstmal und vor allem geistig Behinderte und zumindest körperliche und geistige Handicaps zu unterscheiden scheint relativ sinnvoll in dem Zusammenhang.

Die Geschichte von Behinderten auf der Bühne ist lang und düster. Eine Jahrmarktsgeschichte, wo Behinderte in Freakshows oder auf deutsch in einem „Kuriositätenkabinett“ dem staunenden Publikum präsentiert wurden.

Es gab ein paar Standards: die bärtige Frau, Riesen, Zwerge, siamesische Zwillinge, Meerjungfrauen (gut, die waren oft Fälschungen). Bemerkenswert dabei ist, dass außer dem Grusel am anderen die Behinderten gleichzeitig auf eine mythologische Welt verwiesen, Zwerge und Riesen kannte man aus Märchen und so war die Freakshow auch ein Blick in eine seltsame, fremde Parallelwelt, die wohl nicht nur angstbesetzt war, sondern eben auch eine gewisse Faszination ausstrahlte und bis heute ausstrahlt.

Die Zeit der Freakshows wird heute natürlich kritisch hinterfragt, momentan erlebt die „Hottentot Venus“ Sarah Baartman eine Aufarbeitung. John Merrick wurde schon vorher von David Lynch in „der Elefantenmensch“ rehabilitiert.

Die Behandlung Schwerstbehinderter durch die Gesellschaft zwang eben diese Gesellschaft durchaus dazu, die eigenen Werte in Frage zu stellen. Körperliche Abweichungen von der Norm wurden häufig als Strafe Gottes angesehen, ebenso gab es lange die Vorstellung, dass ein ebenmäßiger Körper innere Schönheit, moralische Integrität widerspiegelte, mit den entsprechenden Konsequenzen für Leute, deren Körper weniger „harmonisch“ aussahen.

Der Begriff des „Hässlichen“ spielt da mit rein, der wieder kompliziert ist und der natürlich einem Wandel unterworfen ist. Und Leute, die hässlich gefunden wurden, aber eben einen tadellosen Charakter hatten, sorgten schon in der Antike dafür, dass diese Vorstellung von einem „schönen Geist im schönen Körper“ ins Wanken geriet.

Ich nehme an, dass in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein gewisses Umdenken einsetzte, das vor allem dadurch gekennzeichnet war, dass es eine gewisse Solidarisierung der „Normalen“ mit den „Freaks“ gab. Man hörte auf, von den Unterschieden fasziniert zu sein und suchte nach Gemeinsamkeiten. Junge Leute, die sich in der von ihren Eltern aufgebauten Gesellschaft nicht mehr wiederfinden konnten, sahen sich selbst als Freaks, als Ausgestoßene, als Andere und nach zwei Weltkriegen und Zerstörungsexzessen, die eben von den „Normalen“ ausgegangen waren und sich gegen die tatsächlich oder scheinbar anderen gerichtet hatten, war das Normale zunehmend verdächtig geworden. Die Behinderten der Jahrmärkte wurden plötzlich zur Metapher des anders-sein-wollens, das notwendig geworden war, um eben Katastrophen wie den Holocaust, den zweiten Weltkrieg, Hiroshima in Zukunft zu vermeiden.

Der wichtigste Film in dem Zusammenhang war vermutlich „E.T.“, die Geschichte eines kleinen, missgebildeten Wesens, das bei Kindern Schutz fand, während die Gesellschaft der Erwachsenen, aus einem blinden Wissenschaftseifer und aus Angst, versuchte, ihn zu vernichten. Bei E.T. ist die Bösartigkeit der Normalen eben auch Ignoranz, die Unfähigkeit, unter die Oberfläche zu sehen. Der gesellschaftliche Apparat reagiert auf den Anderen wie ein Organismus auf einen Fremdkörper reagiert, der eindringt: das andere wird analysiert, seziert und schließlich ausgestoßen.

Der wichtigeste Film zum Thema überhaupt ist natürlich Tod Brownings „Freaks“. Zu sagen, dass „Freaks“ seiner Zeit voraus war, ist ein krasses Understatement. In Freaks werden die gewohnten Rollen umgedreht, die „Normalen“ sind die Monster, die Freaks selbst sind moralisch integer und der Zuschauer identifiziert sich mit ihnen. Der Film ist gleichzeitig ein Blick zurück in die Zeit der Freakshows, eine der Hauptattraktionen daran ist natürlich, dass die „Freaks“ echt sind – kein Make up, keine Prothesen, was auch heute noch verunsichert. Aber die genannte Solidarisierung von Leuten, die sich in der gesellschaftlichen Form nicht zu Hause fühlten, obwohl sie äußerlich der Norm entsprachen, mit den Freaks, nimmt da ihren Anfang. Die Zeit dafür war noch nicht reif, vielleicht mit der Ansnahme von F. Scott Fitzgerald, der als Schreiber am Filmset lieber mit den behinderten Darstellern aß, statt mit den Filmmogulen.

Wie immer sind natürlich Verallgemeinerungen wie „Freaks – gut/Normalos – böse“ nur bedingt richtig, bei der Behandlung des Themas geht es vor allem um ziemlich archaische Bilder, die in unserer Gesellschaft virulent sind, der Umgang mit dem anderen in unterschiedlichen Ausprägungen und nicht zuletzt auch die Stellung der Anderen in einer Gesellschaft, deren Selbstbild sie stören. Freud würde wohl sagen, die Freaks repräsentieren das „Verdrängte“, Jung würde das gleiche den „Schatten“ nennen, beide Phänomene sind erstmal und vor allem Projektionsfläche der Normalen, die sich über das andere definieren und die ihren Schatten so sicher lokalisieren und ablehnen können.

Das sind also im wesentlichen die kulturellen Bedingunge. Heute gibt es natürlich ein Bemühen, sich politisch korrekt zu dem Thema zu äußern, was schwierig ist und oft genug in einen ziemlich peinlichen Krampf ausartet. Gleichzeitig schafft Sprache natürlich Bewusstsein, insofern scheint eine gewisse Vorsicht in den Formulierungen angemessen. Ich erinnere mich dunkel, in einer Ausgabe von „tanz“ etwas über ein Stück mit Behinderten gelesen zu haben, bei dem die Beteiligten am Ende gefragt wurden, wie sie die Aufführung denn jetzt fanden und die Behinderten selbst sagten, es sei „eine Freakshow“ gewesen. Die Gefahr besteht also auch bei den besten Absichten der Macher und nicht in die Falle zu tappen, ist nicht so leicht.

Was man beim Schreiben darüber natürlich vermeiden will, ist, etwas zu sagen, was für die Beteiligten in irgendeiner Form verletzend sein kann und das wiederum hängt nun dann doch sehr von den jeweils individuellen Empfindlichkeiten ab, die man natürlich nicht kennt. Die körperlichen Besonderheiten zu ignorieren scheint jedenfalls kein sonderlich guter Weg, weil man damit natürlich auch das Wesentliche einer Aufführung, die sich des Themas annimmt ignorieren würde. Von einem unvoreingenommenen Umgang mit Behinderten sind wir natürlich noch weit entfernt, auch wenn sicher vieles besser geworden ist, wenn man die Situation vergleicht mit den Bedingungen, mit denen Behinderte sich vor hundert Jahren auseinander setzen mussten. Generell würde ich unserer Gesellschaft schon unterstellen, dass es ein ehrliches Bemühen gibt, Behinderte als Teil der Gemeinschaft aufzunehmen, nicht zuletzt, weil jeder weiß, dass ihm ein ähnliches Schicksal jederzeit blühen kann, wenn er beim Überqueren einer Straße nicht ordentlich nach links und rechts schaut, einen Schlaganfall erleidet o.ä. Zumindest Vorstellungen von Schuld und Strafe Gottes sind wohl weitgehend abgelegt und das ist ja erstmal eine ganz gute Vorbedingung, um das gemeinsame Leben etwas weniger verkrampft zu gestalten. Unternehmungen wie die Candoco Dance Company sind dann entsprechend nicht nur unter künstlerischen Gesichtspunkten zu betrachten sondern eben auch als Modell, wie so ein Zusammenleben zumindest auf der Bühne vorgelebt werden kann.

Also die Candoco Dance Company, bestehend aus vier nichtbehinderten und zwei behinderten Tänzern, eine junge Dame mit Armprothese und ein junger Mann, dessen Behinderung ich nicht genau benennen kann, von den Bewegungen her vielleicht eine moderate spastische Lähmung, schwer zu sagen.

Die Company präsentiert sich zunächst vor allem als gut gelauntes Kollektiv, als Zuschauer brauche ich eine Weile, um die körperlichen Abweichungen zu sehen, die Armprothese hat da zunächst vor allem etwas von „Ghost in the Shell“, eine seltsame Science Ficiton Assoziation ist der erste Gedanke, der mir in den Kopf kommt. Das überrascht mich insofern, als meine kulturelle Prägung dann wohl nicht nur aus der Vergangenheit kommt, sondern auch aus der fiktiven Zukunft japanischer Science Ficiton Filme, in denen es von künstlichen Körpern nur so wimmelt und der organische Körper selbst als erstmal ersetzbar und fehlerhaft betrachtet wird, vermutlich als Reaktion auf Hiroshima und den dadurch bedingten unaufhaltsamen körperlichen Verfall, der durch die nukleare Verseuchung beschleunigt voran schreitet.

Die Truppe zeigt zwei Stücke, das erste „Looking back“ von Rachid Ouramadane, wo etwas Erstaunliches gelingt, als einer der nichtbehinderten Tänzer eine Performance mit den Schulterblättern abliefert, die so ziemlich das Krasseste ist, was ich seit langem gesehen habe. Ich bin tatsächlich nicht sicher, ob der Mann sich dafür möglicherweise die Schultern auskugelt, die Bewegungen sind jedenfalls so extrem, dass sie den Körper des Tänzers in etwas seltsam insektenartiges verwandeln und ich ertappe mich dabei, wie ich Vermutungen darüber anstelle, dass wir es bei diesem Tänzer auch mit jemandem zu tun haben, der gewisse anatomische Besonderheiten zu bieten hat. Ich bin tatsächlich immer noch nicht ganz sicher, ob das nicht vielleicht sogar so war und an dem Punkt gelingt dann das wirklich erstaunliche Kunststück, dass die Grenzen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten völlig verwischen. Als Zuschauer fange ich plötzlich an, die nichtbehinderten Tänzer anders wahrzunehmen (nämlich als potentiell ebenfalls anatomisch von der Norm abweichend). Die Frage wird aufgeworfen, ob Tänzer nicht im allgemeinen irgendwie komische Körper haben, Schlangenmenschen, die jeden Muskel kontrollieren können und in ihrer Beweglichkeit weder von Sehnen noch von Bändern aufgehalten werden und die dadurch in der Lage sind, sowohl Bewegungen auszuführen, die im allgemeinen als „schön“ betrachtet werden (klassisches Ballett) oder die eben äußerst verunsichernd sind, wie man es dann hier sehen kann oder in anderen zeitgenössischen Tanzformen. Von der Frage ausgehend ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Frage, ob nicht jeder Körper von einer ja irgendwie fiktiven Normalform abweicht, wobei hier natürlich wieder die Gefahr besteht, Unterschiede wegzudenken, was ja auch der Wirklichkeit nicht so recht entspricht. (Wann eine Bewegung als verunsichernd empfunden wird ist derweil ein Thema, das mir ja bei Christoph Winkler schon mal begegnet ist und die Frage ist für mich noch nicht ganz geklärt).

In der Betrachtung haben die eindeutig behinderten Tänzer plötzlich eine seltsam beruhigende Wirkung. Man weiß wenigstens, woran man ist und erlebt keine gruseligen Überraschungen, wie in der Schulterperformance. Sowas hab ich tatsächlich noch nicht gesehen und dass meine Wahrnehmung als Zuschauer dermaßen unterlaufen wird, finde ich natürlich erstmal super.

Das zweite Stück ist Trisha Browns „Set and reset/reset“, das von den Tänzern gut gelaunt runtergetanzt wird. Dazu gibt es gar nicht viel zu sagen, außer, dass der Spaß, den die Tänzer offensichtlich haben durchaus ansteckend wirkt.

Gerade im Vergleich mit dem Abfeiern der Norm bei Pilobolus, war die Candoco Dance Company ein ziemlich erfrischender Gegenpol, gerade weil die Frage, was die Norm den nun eigentlich ist, relativ unaufdringlich, aber trotzdem deutlich in den Raum gestellt wurde. Ich nehme an, das Thema wird mir irgendwann wieder begegnen, interessant ist das auf jeden Fall.

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2 Kommentare leave one →
  1. Afina Feodossiadi permalink
    Juni 6, 2014 5:34 am

    Entschuldigung, kann man sich bei Ihnen bewerben? Ich würde gerne bei Ihnen tanzen

    • Juni 20, 2014 11:01 pm

      Nun, ich schreibe ja nur über die Aufführungen und habe mit den Tanzkompanien, über die ich berichte, sonst nichts zu tun. Insofern: nach den Kompanien googeln und sich da bewerben 🙂

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