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Tanz im August – Antony Rizzi / Jan Fabre – Drugs kept me alive

August 17, 2012

Drogen. Hm. Normalerweise interessiere ich mich für die meisten Themen irgendwie, aber nach der Performance von Antony Rizzi dachte ich, ich spare es mir etwas darüber zu schreiben. Anders als meistens, war meine Reaktion diesmal nicht: Irgendwie interessant, sondern eher: irgendwie uninteressant.

Dabei ist es nicht mal so, dass mich das Thema grundsätzlich nicht interessiert, es kommt nur äußerst selten vor, dass ich jemanden treffe, der eine einigermaßen vernünftige Haltung dazu hat.

Es gibt ein paar lustige und originelle Theorien zu Drogen, die mir grundsätzlich gefallen, wie dass gewisse psychoaktive Pilze tendenziell intelligent sind und gegessen werden wollen, um sich dann gewissermaßen den Wahrnehmungs und Bewegungsapparat eines Menschen zu leihen und im Ausgleich dazu Wahrnehmung, Reaktionsfähigkeit etc. des Konsumenten schärfen. Die Theorie geht weiter, dass die Zusatzskills, die die Pilze den Konsumenten verliehen haben ein evolutionärer Vorteil waren und es so letztlich zum Siegeszug des Homo Sapiens als dominante Lebensform auf diesem Planeten kam. Gefällt mir erstmal als mögliche Arbeitsthese gut.

Letztlich gibt es drei Haltungen zu Drogen: entweder jemand ist grundsätzlich dagegen, was in der Regel eine problematische Haltung ist, oft scheinheilig, weil die Vertreter dieser Theorie einen gewissen, legalen Drogengebrauch in Form von Medikamenten natürlich dann doch befürworten und damit im Grunde sagen: die Pharmaindustrie und Ärzteschaft darf entscheiden was ich unter welchen Bedingungen an Drogen konsumieren darf, ich traue mir (und anderen) diese Entscheidung nicht zu. Diese Haltung führte letztlich zu einer Spaltung des Drogenmarktes in einen legalen Markt (gesetzlich unter gewissen Bedingungen zugelassene Medikamente) und einen illegalen (nicht zugelassene Substanzen, Substanzen, die mal zugelassen waren, es aber nicht mehr sind – wie Heroin oder Kokain – sowie nicht patentierte oder neuere Drogen, die vor allem entwickelt werden, um eine bestimmte, in der Regel positive Wirkung zu erzielen). Dabei sind die gesetzlich zugelassenen Medikamente nur insofern unbedenklicher, weil die Herstellung überwacht wird und man weiß, was drin ist, was beim illegalen Markt eher selten der Fall ist.

Die zweite Haltung ist die des bedingungslosen Befürworters, der der Ansicht ist, jeder hat das Recht alles mögliche einzuwerfen, was in der Regel zu einem relativ wahllosen Konsum von allem möglichen führt und zu anderen nicht immer unproblematischen Verhaltensweisen.

Die dritte Haltung ist ein eher wissenschaftlicher Umgang mit dem Thema, den man dann am häufigsten im Bereich der sogenannten „Ethnopharmakologie“ sieht, das heißt Leute, die sich mit dem kulturellen und rituellen Gebrauch von Drogen befassen und die in der Regel weder mit dem legalen noch mit dem illegalen Drogenmarkt etwas zu tun haben, weil sie ihre Drogen in der Natur finden, also sie essen dann Fliegenpilze, Tollkirsche oder Alraunwurzeln. In Maßen wird diese Art von Drogengebrauch von jedem praktiziert, wenn man beispielsweise bei Magenbeschwerden einen Kamillentee trinkt.

Haltung zwei und drei fällt oft zusammen, so scheint das dann auch bei Anthony Rizzi zu sein. Erstmal würde man annehmen, dass er als experimentierfreudiger Drogenfreund und außerdem HIV positiver Benutzer der entsprechenden Medikation, prädestiniert wäre, interessante Dinge darüber zu erzählen, aber ich habe den Verdacht, dass dafür ein bisschen die Distanz zum Thema fehlt. Für Rizzi ist erstmal alles Droge, die Performance auf der Bühne, Sex und an diesem Punkt merke ich, dass das nicht unbedingt der Lifestyle ist, den ich für mein Leben haben wollen würde.

Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob es da wirklich um den Moment spiritueller Klarheit geht, von dem Rizzi wiederholt spricht, (der nach meiner Erfahrung ein bedingungsloses „in der Welt sein“ ist) oder eher um das Gegenteil, eine Weltflucht. Der Rausch, der einen davon erlöst, sich mit der Welt auseinandersetzen zu müssen. Man mag dem entgegnen, dass Drogen natürlich auch Teil der Welt sind und dass die Welt, die man in Zuständen veränderter Wahrnehmung erfährt nicht weniger Welt ist als die, die wir mit unseren angeborenen Sinnen wahrnehmen können.

Nun gut, in der Performance redet Rizzi sehr, sehr, sehr viel über Drogen, über Sex, über sich, zwischendurch erklingt gelegentlich ein Glöckchen und es kommt ein in der Regel irgendwie sexuell aufgeladener Werbespruch für verschiedene Seifenprodukte, was ich oft ein bisschen albern finde, weil letztlich auf dem Niveau alkoholseliger Betriebsfeiern von Versicherungsgesellschaften, bei denen die Witze durch die alkoholinduzierte Enthemmung immer tiefer unter die Gürtellinie absinken.

Die Seife an sich scheint ein bedeutsames Bild in der Performance zu sein, auf der Bühne stehen drei Schalen mit einer Seifenlösung und Rizzi beschäftigt sich gelegentlich damit, verschiedenen Seifenblasen zu machen, wobei man allerdings merkt, dass sein eigentliches Metier der Tanz ist, das Seifenblasen machen, kann man in Fußgängerzonen oft in vollendeterer Form sehen. Rizzi braucht oft mehrere Versuche, erst am Ende, wenn aus Seifenblasenkanonen Rizzi mit Seifenblasen beregnet wird, stellt sich ein ziemlich grandioses Bild her.

Das oft wiederholte Bild, dass Rizzi sich selbst in einer Seifenblase sieht, in der er letztlich vor allem völlig allein ist, ist möglicherweise eine der eher problematischen Nebenwirkungen von exzessivem Drogenkonsum, nämlich die wachsende Unfähigkeit, mit der Welt in Kontakt zu treten. Letztlich wirft einen jede Droge, die Bewusstseins- oder Verhaltensänderungen bewirkt, auf sich selbst zurück. Man erlebt sich nicht mehr in erster Linie im Kontakt mit der Welt sondern vor allem in Kontakt mit der Droge und erfährt dann sehr subjektive Veränderungen, macht sehr subjektive Erfahrungen. Drogen scheinen dann doch ein sehr egozentrisches Hobby zu sein. Wenn Sex dann auch noch als egozentrischer Selbsterfahrungstrip benutzt wird (oder eben auch als Drogenerfahrung: wie ist Sex mit welcher Droge? Eine Frage, die den Partner dann letztlich zum Hilfsmittel für eine Liebesgeschichte mit der Droge degradiert), ist die völlige Isolation des Drogenbenutzers perfekt.

Das färbt auf die Performance ab. Das Ganze ist ein Egotrip, es geht um Anthony Rizzi und seine Drogen und manchmal ein bisschen um Tanz – einen Moment lang denke ich, der Abend könnte zu einem sicher interessanten Vortrag darüber werden welcher Tanzstil, welcher Droge entspricht, aber es bleibt da bei der Entsprechung Heroin – Ballett, die erstmal ganz überraschend und lustig ist.

Die Frage, inwieweit Drogenkonsum auch dazu dient, sich superheldenartig für eine begrenzte Zeit gewisse Fähigkeiten anzueignen (im Sport nennt man das „Doping“) würde mich interessieren, die Frage, ob dadurch die Möglichkeit, gewisse Zustände dann ohne die Droge erleben zu können, abhanden kommt – wie die Kuscheligkeit von Ecstasy, durch die dann menschliche Nähe simuliert werden kann. Wie sich die drogenbedingte Simulation vom gleichen Verhalten ohne Drogen unterscheidet, würde mich interessieren, ebenso wie drogeninduzierte Gefühle den Zugang zu anderen Gefühlen dicht machen und dadurch verhindern, dass man auf eine Situation vernünftig, frei und mitfühlend reagieren kann. Haben Leute auf Ecstasy die Möglichkeit, sich mit jemandem, dem es schlecht geht zu identifizieren und darauf anders zu reagieren als es ihnen die Droge vorgibt? Freiheit ist ein interessantes Thema in dem Zusammenhang, taucht in der Performance aber nicht wirklich auf.

Es ist schwer zu sagen, was Rizzi dem Publikum mitteilen will. Mir kommt es so vor, dass er eigentlich seinen Drogenkonsum feiern will, aber komischerweise passiert für mich das Gegenteil: Ich verlasse das Theater und denke, dass ich froh bin, mit Drogen eher nicht so viel zu tun zu haben (außer mit unseren gesellschaftlich sanktionierten Dödeldrogen Nikotin und Alkohol, die natürlich völlig uninteressante Effekte, aber hohes Suchtpotential haben).

Gelegentlich gibt es in der Performance Momente des Innehaltens, wenn plötzlich die Frage auftaucht: was mache ich hier eigentlich? An dem Punkt könnte es interessant werden, wenn diese Momente, in denen Rizzi sich aus seinem Rausch rausschleudert oder er rausgeschleudert wird, weiter verfolgt würden, doch sie sind nur das Anlaufnehmen zu einem weiteren Rausch.

Die Bühne ist umstellt von lauter „Iss mich!“ und „Trink mich“ Apothekenfläschchen und es scheint so zu sein, dass die dann auch den Abend unter Kontrolle haben. Jede Möglichkeit zu tieferer Selbsterkenntnis wird von den Drogenfläschchen unterbunden, die Selbsterkenntnis wird durch die Erkenntnis über die Wirkung bestimmter Drogen problemlos ersetzt.

Natürlich ist das eine Entscheidung, die jemand für sein Leben treffen kann, aber für mich ist es schwer, etwas daraus für mein Leben abzuleiten. Ich mache mir danach über Drogen Gedanken, ja. Interessant ist natürlich das Thema, inwieweit nichtsubstanzgebundene Exzesse mit Drogen vergleichbar sind (man redet ja darüber, dass Leute sex- oder sportsüchtig sind, magersüchtig oder workaholics). Würde mich interessieren, wird aber in der Performance nur sehr am Rande behandelt, wenn überhaupt.

Es bleibt das schale Gefühl, dass die Kritiker des Drogenkonsums an dem Punkt, dass wohl die Droge den Konsumenten kontrolliert und nicht umgekehrt, recht haben könnten. Ich nehme an, das ist ziemlich das Gegenteil von dem, was Rizzi sagen wollte, aber als Anti-Drogen Stück funktioniert „Drugs kept me alive“ besser als als Abfeiern von Drogen. Differenzierter und interessanter wird das Thema dann im anschließenden Zuschauergespräch behandelt, aber vieles, was man da erfährt hätte eigentlich auf die Bühne gehört.

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2 Kommentare leave one →
  1. Annie Senner permalink
    August 22, 2012 10:52 am

    Dieses Stück ist unbedingt im Kontext mit anderen, früheren Stücken von Tony Rizzi zu sehen. Dann erschließt sich einem auch die Problematik besser.
    Ich habe im übrigen Tony Rizzi ausserhalb der Bühnensituation ausschließlich als einen Menschen kennen gelernt, der sehr wohl klare Gedanken fassen kann und sein Leben voll im Griff hat….und die Volksdroge Nr. 1 in Deutschland, nämlich den Alkohl, konsumiert Tony Rizzi z.B. nie……so dass er bei so manch einer Feier der zum Schluß noch Einzig „Nüchterne“ war….also bitte……auch all die anderen Stücke von Tony z.B. auf youtube ansehen…und dann urteilen….

    • August 24, 2012 10:21 pm

      Vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich will nicht bezweifeln, dass man das Stück vielleicht besser und anders versteht, wenn man das restliche Werk von Antony Rizzi kennt. Grundsätzlich ist es aber für mich so, dass es sehr viele Arten gibt, eine Aufführung zu betrachten und ich denke, es muss möglich sein, ein Stück isoliert zu betrachten und etwas dazu zu sagen. In diesem Fall hat sich für mich das Drogenthema aufgedrängt und ich habe das als Ausgangspunkt und Reibungsfläche genommen, um meine eigene Haltung dazu ein bisschen einzugrenzen und rauszufinden, was die Aufführung selbst zu der Diskussion beiträgt.
      Da ich selbst generell und grundsätzlich der Meinung bin, man sollte gesetzlich weniger verbieten und mehr erlauben, um dem „mündigen Bürger“ irgendwie auch das Mündigsein zu ermöglichen, bin ich eigentlich ein Freund einer möglichst liberalen Drogenpolitik. Ich nehme an, Antony Rizzi auch, finde aber, dass das Stück (zugegebenermaßen als Einzelwerk betrachtet) tendenziell eher den Verfechtern einer restriktiven Politik in dem Bereich in die Hände spielt. Im Publikumsgespräch hatte ich schon den Eindruck, dass Tony Rizzi sehr genau weiß, was er tut, wenn er verschiedenen Substanzen konsumiert. Die Bühnenfigur Tony Rizzi habe ich aber nicht unbedingt so wahrgenommen – lag vielleicht auch an der Inszenierung: von Drogen umzingelt und letztlich atemlos von einer Droge zur nächsten hastend.
      Wenn man das Stück nicht von dem politischen Standpunkt aus betrachtet mag man aber zu einer freundlichen Beurteilung kommen. Ich persönlich würde ja am liebsten gar nicht beurteilen, hab aber noch nicht rausgefunden, wie das funktionieren kann, weil man ja doch sobald man sich äußert eine Haltung hat und haben muss.

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