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Tanz im August Nachtrag – Kobalt Works/Arco Renz – Crack

September 11, 2012

Tanz im August ist bekanntlich für dieses Jahr vorbei und besonders viel davon habe ich nicht mitbekommen, weil ich nur in der ersten Woche in Berlin war. Nichtsdestotrotz ist es höchste Zeit, ein paar Gedanken zu „Crack“ zu Papier zu bringen. Glücklicherweise ist mit Crack zur Abwechslung nicht die Droge gemeint, sondern der Riss in einer Oberfläche, durch den man unter die Oberfläche schauen kann und durch den gleichzeitig das, was unter der Oberfläche liegt nach außen gelangen kann, was auch immer „außen“ bedeutet. Ein Riss ist auch und immer eine Grenzverletzung, ob die Grenzverletzung von innen kommt (ein Ausbruch oder im positiven Sinn eine Befreiung) oder von außen (eine Verwundung, unter Umständen auch eine Befreiung) ist ein ziemlich gewichtiger Unterschied.

Ich kann vermutlich den genauen Verlauf des Abends nicht mehr rekonstruieren. Es beginnt langsam. Die Bewegungen, die gezeigt werden stammen aus dem kambodschanischen Khmer Tanz, über den nicht einmal die international encyclopedia of dance etwas weiß. Es handelt sich wohl um klassischen kambodschanischen Tanz, uns vertrauter wäre indischer Tanz, es scheint da gewisse Gemeinsamkeiten zu geben – Mudras, eher ungewöhnliche Beinhaltungen (das angewinkelte Bein nach hinten, eine Art sehr niedrige Attitude). Gelegentlich ertappe ich mich dabei, wie ich mir versuche vorzustellen, in welchem Kontext die Bewegungen traditionell stattfanden oder stattfinden. Vor einem Tempel? Wo auch immer, der ursprüngliche Kontext wurde zerstört in den Zeiten der roten Khmer, als diese Art zu tanzen verboten war.

Die Langsamkeit der Bewegungen wirkt zunächst sehr meditativ. Es scheint so zu sein, dass die Tänzer vor allem bei sich sind, als würden sie sich wieder an die traditionelle Tanzform erinnern und sie langsam üben. Der Vorgang scheint einfach zu sein ist aber tatsächlich hochkompliziert. Als Zuschauer ist es schwer, wenn nicht unmöglich, sich den Tanz anzuschauen und nicht an den gesellschaftlichen Kontext – nämlich den einer hochtraumatisierten Gesellschaft, zu denken. Es schwingt eine gewisse Traurigkeit mit und eine gewisse Kraft, ein „trotzdem“, wenn man so will.

In Deutschland muss man ja eigentlich niemandem erzählen, was eine traumatisierte Gesellschaft ist. Ja, natürlich geht es um den Krieg und den Holocaust. Etwas ist ausgebrochen, das man normalerweise unter Kontrolle hält und wurde zurück in seine Schranken gebombt und dann, wie unter Schock, wurde etwas aufgebaut, das Wirtschaftswunder, auch als Mittel, um sich nicht erinnern zu müssen, nicht in den eigenen Abgrund schauen zu müssen.

Bei Crack ist es eben die Langsamkeit des Anfangs, die letztlich eine gewisse Sorgfalt im Umgang mit der eigenen Geschichte impliziert. Eine langsame Bewegung bietet Raum für sehr viel, für Trauer, Wut, Schmerz, gleichzeitig die Möglichkeit, die traditionelle Form darauf zu überprüfen, ob sie jetzt noch eine Gültigkeit hat und die Chance durch das Wiederherstellen der Form so etwas wie Frieden zu finden. Die Form wird wieder hergestellt, aber sie ist dann anders – beim Betrachten des Stücks hatte ich nicht den Eindruck, eine traditionelle Tanzform zu sehen. Die Art zu tanzen wirkte mehr wie eine ziemlich extravagante Modern Dance Spielart. Es geht nicht darum, einfach nur das alte wiederherzustellen und damit gewissermaßen die Vergangenheit ungeschehen zu machen, sondern darum, das Vergangene in die Form zu integrieren und dadurch verändert sich die Form zwangsläufig. Das nennt man wohl Trauerarbeit und ist mir ja an anderer Stelle schon mal begegnet.

Im weiteren Verlauf des Abends bricht die Form dann mehr auf. Es kommt zu Ausbrüchen, die Bewegungen werden beschleunigt. Die Risse werden sichtbarer, um im Bild zu bleiben. Möglich, dass dadurch klar wird, dass die Wunden nicht geheilt werden können, aber wenigstens ausgedrückt, möglich auch, dass dadurch eine Art Urteil über die traditionelle Form gesprochen wird, nämlich dass sie in der ursprünglichen Variante nicht mehr angemessen ausdrücken kann, was die kambodschanische Gesellschaft geworden ist. In der westlichen Tradition ließe sich vielleicht etwas ähnliches über klassisches Ballett sagen. Die Form bietet aber eine Art sichere Basis, aus der Heraus neue Ausdrucksformen leichter möglich werden.

Die Möglichkeiten, sich das Stück anzuschauen sind vielseitig. Auf einer anderen Ebene könnte man auch sagen, dass eine Form, die zu starr ist, anfälliger ist für Risse, wenn der Druck von innen oder außen zu groß wird, gewissermaßen ein Plädoyer dafür, sich seine Grenzen so zu wählen, dass eine gewisse Biegsamkeit und Beweglichkeit möglich ist. Das würde dann sowohl für die Grenzen einer Gesellschaft gelten als auch für individuelle Grenzen.

Bemerkenswert ist daran noch, dass keinerlei Anbiederung an den Zuschauer stattfindet, die Tänzer und Tänzerinnen machen ihr Ding mit großer Ernsthaftigkeit. Gelegentlich ist die Abwesenheit von Ironie ganz erleichternd.

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