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documenta (13) – Exponat 154

September 26, 2012

 

Höchste Zeit, dass ich etwas über die documenta (13) berichte, genau gesagt über Exponat 154 von Natascha Sadr Haghighian aus England. Das Werk hat keine Namen, es handelt sich dabei um einen Trampelpfad, über den man neben der „Schönen Aussicht“ in die Karlsaue gelangen kann, wobei man auf dem Weg von allerlei imitierten Tierlauten aus gut versteckten Lautsprechern beschallt wird. Von der „Schönen Aussicht“ aus wird man auf den Pfad aufmerksam, weil man sich ein bisschen darüber wundert, dass sich da Leute durchs Gebüsch schlagen und, da documenta ist, liegt die Vermutung nahe, dass man es wohl mit Kunst zu tun hat.

Wenn man hier seinen Gang durch die documenta (13) beginnt, ist der Pfad tatsächlich ein sehr guter Ausgangsort, weil er einen erstmal ermutigt, etwas Ungewöhnliches zu tun und jede Tat außerhalb des Gewohnten sorgt natürlich dafür, dass man sich anderen Erfahrungen mehr öffnet und das ist für einen documenta Besuch nicht das Schlechteste. Für mich ist das primär mit Kindheitserinnerungen verknüpft, wo das Erkunden von Natur abseits der ausgewiesenen Wege eine bevorzugte Freizeitbeschäftigung war. Das hat an dem Punkt auch was mit Neugier zu tun, auch nicht die schlechteste Haltung für einen documenta Besuch.

Von Nahem sieht der Pfad so aus. Hier documenta Besucherin Frau A., die sich auf den Weg macht.

Im Internet gibt es hier einige Hintergrundinformationen zu dem Pfad. So erfährt man, dass der Abhang, den man hinabläuft tatsächlich eigentlich ein Trümmerberg ist. Insofern legt der Pfad, indem die oberflächliche Vegetation zur Seite geräumt wird, auch die Trümmer, aus denen der Hang besteht, offen und, ja, da hat man es dann auch mit Kassler Geschichte zu tun. Zweiter Weltkrieg und so weiter.  Des weiteren erfährt man von den Schwierigkeiten, den Hang nach dem Krieg zu bepflanzen, da die Trümmer kein Wasser speichern konnten. Insofern wurden sogenannte Pionierpflanzen draufgesetzt, Klee, Birke, bestimmte Sträucher, um dem Ganzen mehr Festigkeit zu geben. Das ist insofern relevant, weil sich dadurch ein direkter Bezug zu Exponat 165 herstellt, das man erblickt, sobald man in den offenen Teil des Parks vor der Orangerie eintritt:

Exponat 165 trägt den Titel „Doing Nothing Garden“ von Song Dong (so heißt der Künstler). Es handelt sich dabei, genau, um einen Müllberg, auf dem sich dann Gewächse, von denen wir getrost annehmen können, dass es sich um „Pioniergewächse“ handelt, angesiedelt haben.

Die Sache ist die, dass die Schuttberge, die die Karlsaue begrenzen tatsächlich künstlich bepflanzt wurden, während der „Doing Nothing Garden“ anscheinend einfach so belassen wurde, und die Pflanzen sind dann auf natürlichem Weg dahin gekommen. Beide Werke befassen sich ein wenig mit Fragen von Zivilisation und Natur und die These ist, dass eigentlich beides ganz gut miteinander klar kommen kann, wenn man es denn zulässt. Hm. eigentlich mag ich es nicht Bedeutung in die Werke hineinzulegen, aber diese beiden Werke legen so eine Betrachtungsweise erstmal nah.

Die documenta ist für mich ja auch ein wenig Anlass, darüber zu sinnieren, was „Kunst“ nun eigentlich ist und ich komme immer mehr zu dem schrecklichen Verdacht, dass Kunst vieles ist und sein kann. Ich befürchte, dass ich zu keiner allgemein verbindlichen Definition kommen werde. Auf der documenta (13) ist es einfach: alles was im Rahmen dieser Ausstellung gezeigt wird ist erstmal per Behauptung und Kontext Kunst. Ob das Ganze dann außerhalb von diesem Kontext auch Kunst wäre, ist wieder eine ganz andere Frage. Wenn nein, bedeutet das vermutlich, dass alles Kunst sein kann, was man als Zuschauer wie Kunst betrachtet, was auch immer das heißen mag. Ob etwas Kunst ist, wäre dann meine Entscheidung und ich vermute mal, es ist eigentlich ein angenehmer Zugriff auf die Welt, so viel wie möglich als Kunst anzusehen. So finden sich auch auf der documenta (13) teilweise Werke, die, glaube ich, nicht zur Ausstellung gehören und möglicherweise nicht mal als Kunst gedacht sind, aber ohne Probleme so betrachtet werden können, gemäß diesem hübschen Foucault Satz: „Warum sollte nicht jeder aus seinem Leben ein Kunstwerk machen.“ Ja warum eigentlich nicht. Man könnte auch sagen: warum sollte nicht jeder aus der Welt ein Kunstwerk machen, indem er die Welt so betrachtet. Aber bevor ich mich in meinen eigenen Gedanken verlaufe, sei es das für’s erste. Ein paar documenta (13) Einträge werden wohl noch folgen.

 

 

 

 

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