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Staatsballett Berlin – The Open Square revisited

September 30, 2012

So, zweiter Versuch, diesmal von etwas weiter hinten, weil „the Open Square“ eine der wenigen Aufführungen ist, bei denen ich die erste oder zweite Reihe nicht unbedingt für ideal halte.

Meine Probleme mit der Konzeption des Abends habe ich ja erwähnt und erläutert, nach wie vor denke ich, dass der Anfang der schwächste Teil des Abends ist, ich halte den Text den Michael Banzhaf zu sprechen hat für nicht übermäßig gut, ein bisschen klischeehaft werden da scheinbare Probleme von Tänzern benannt, die Frage der Glaubwürdigkeit wird aufgeworfen und etwas zu einfach beantwortet oder nicht beantwortet. Diesmal gehe ich aber davon aus, dass das alles nichts mit dem zu tun hat, was danach kommt und etwas sehr seltsames passiert: wenn ich nicht nach dem Zusammenhang suche, stellt er sich irgendwie auf durchaus überraschende Weise her.

Ich bin auch nach wie vor kein großer Freund der gelegentlich durchklingenden Anti-Ballett Statements (der Marionettentanz am Anfang, das Runterschlagen der Arme, wenn eine Tänzerin die fünfte Armposition mehr oder weniger automatisiert ausführt), aber das Alles ist beim zweiten mal schauen wesentlich unproblematischer und weniger dominant als beim ersten mal.

Also eine andere Art den Anfang zu lesen wäre: Michael Banzhaf spricht wie immer anlässlich seiner 700. Vorstellung und er redet und redet und redet, der Satz fällt, dass Tänzer, wenn sie etwas zu sagen haben nicht reden, sondern das mit ihrem Körper ausdrücken. Irgendwann fällt ein Schuss, jemand bricht zusammen, die Tänzer eilen mit Arztköfferchen dazu, Herr Banzhaf unterbricht das alles und sagt, dass niemand glaubt, was da gerade passiert und das alles so nicht geht. Er stellt sich wieder vors Mikro und erklärt, dass jetzt noch einmal alles von vorn anfängt und es fängt nicht alles von vorn an, sondern Musik wird verlangt und die Tänzer fangen an, das zu tun, was sie tun können und müssen: sie tanzen.

Seltsam, dass ich das beim ersten mal nicht bemerkt habe. Vielleicht bin ich zu sehr Sprachmensch. Wenn jemand mir etwas sagt, dann ist das erstmal ein sehr starkes Statement und ich gehe davon aus, dass es genau darum gehen muss und die Tatsache, dass nach dem „Wir fangen noch mal am Anfang an“ nichts mehr gesagt wird, sondern Bewegung stattfindet, ist mir irgendwie entgangen oder ich habe das nicht so recht verstanden.

Natürlich hat Sprache eine eigene Kraft, meine momentan bevorzugte Lektüre ist ja Julian Jaynes „The origin of consciousness in the breakdown of the bicameral mind“ (auf dem Wikipedia LInk gibt es am Ende links zum kompletten übersetzten Text, man muss also nicht wie ich 30 Euro ausgeben, um das zu lesen und die gut begründeten Ideen haben ziemlich weitreichende Konsequenzen – für mich einer der Texte, die man mit zunehmender Fassungslosigkeit liest und dem zunehmenden Verdacht, dass vielleicht in der Tat alles ganz anders sein könnte, als man immer dachte und in der Schule gelernt hat…). Vielleicht hat meine andere Sicht auch etwas damit zu tun, dass ich in dem Buch mal darauf hingewiesen wurde, dass Worte wie „Gehorsam“ etwas mit hören zu tun haben, im Klartext: Sprache (Befehle, Forderungen) hören. Das „Wort Gottes“ ist eben ein Wort und wenn die Götter tanzen, wie Shiva in Indien, wird dann gern mal das ganze Universum vernichtet. Verglichen mit Tanz ist die Sprache ein autoritäres, aber auch etwas differenzierteres Medium, wenn etwas gesagt wird, nehme ich das tendenziell ernster, als wenn etwas getanzt wird. Vermutlich auch eine kulturelle Prägung und eine persönliche. Der Marionettentanz am Anfang ist dabei allerdings noch mehr oder weniger eine Doppelung der „Sind wir denn alle Marionetten des Choreographen“ Rede, die es vorher gab, und ich mag das immer noch nicht besonders, auch wenn es nicht schlecht aussieht. Erinnert mich ein bisschen an Nacho Duatos Bach Abend, der mich wiederum an dem Punkt an „Ghost in the shell“ erinnert hat und im nachfolgenden geht es dann darum, dem „Geist im Körper“ einen etwas freieren Ausdruck zu gestatten (worüber man sich streiten kann, auch das habe ich, glaube ich, schon erwähnt).

Wenn ich aber die Seitenhiebe auf das klassische Ballett, in dem authentischer Ausdruck, meiner Meinung nach, genauso möglich ist wie in anderen Tanzformen auch, mal außer Acht lasse, dann entwickelt sich danach die ganz eigene Poesie, die Tanz manchmal haben kann. Es wird getanzt, getanzt, getanzt und dass dabei die Synchronizität nicht immer höchste Priorität genießt, ist hier eher ein Zeichen von tatsächlicher Freiheit und Individualität als von mangelnder Abstimmung. Gelegentlich habe ich den Verdacht, dass die Choreographie ziemlich absichtlich mit asynchronen Momenten spielt und mit synchron gemeinten, die aber im Bewegungsrhythmus letztlich auf etwas unkontrolliertes angewiesen sind, so dass am Ende die exakte Synchronität einer, sagen wir, kollektiv ausgeführten Arabesque nicht möglich ist.

Den Anfang macht dann nach dem Marionettentanz Nadia Saidakova mit ihrem Solo im Glühbirnenkreis. Ich nehme ja an, dass Nadia Saidakova vorläufig die unangefochtene Königin unter den Tänzerinnen beim Staatsballett ist und bin natürlich schwer beeindruckt, wie sie ihren Körper über die Bühne fließen lässt. Ein besserer Ausdruck fällt mir nicht ein. Gelegentlich denke ich, dass Nadia Saidakova wenn ihre klassische Karriere sich dem Ende entgegenneigt, auf Butoh umschulen sollte, weil sie das eh schon alles drauf hat und das kann sie auch noch tanzen, wenn sie hundert Jahre alt ist und ich werd mich dann mit dem Rollator in den Zuschauerraum quälen, um mir das anzuschauen.

Es folgt der kollektive Glühbirnentanz, der von einige Kritikern als abgeschmackt und kitschig abgetan wurde, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. No, Sir, das ist schon gut. Es ist deshalb gut, weil es Konzentration und Ruhe hat, einen symbolischen Wert, der aber nicht so eindeutig ist, wie man vielleicht auf den ersten Blick denkt. Das „Auspusten“ der Glühbirne mag wer derartige Lesarten mag als Todessymbol deuten, aber erstmal ist das eine eher zärtliche Geste einem Tanzpartner gegenüber (in dem Fall ist die Glühbirne der Tanzpartner), wenn man aufhört in Symbolen zu denken und das Ganze mehr als das sieht, was es ist, ist es vor allem erstmal sehr schön und sehr freundlich.

Ich überspringe ein paar Teile, bin immer noch nicht so sicher, was ich von dem Walzer halte, bei dem die Zuschauerbilder, die vor der Aufführung gemacht werden, über den Tänzern schunkeln (SPOILER), da drängen sich auf eine Art Interpretationen auf, von denen ich nicht sicher bin, ob sie angemessen sind, was das Bild natürlich leistet ist die Illustration eines einfach Prinzips, dass nämlich Tanz neurologisch als Tanz nachvollzogen wird, anders gesagt, jemand der sich Tanz anschaut, tanzt mit, noch mal anders gesagt: neurologisch sind bei einem Tanzzuschauer die gleichen Hirnregionen aktiv, wie beim Tänzer und ja, beim Walzer schaukelt zumindest das Gehirn des Zuschauers irgendwie mit – für die neurologischen Infos lege ich nicht meine Hand ins Feuer, ich meine, das irgendwo gelesen zu haben, bin aber gerade zu faul, die Quelle zu suchen und vielleicht stimmt es auch nicht. Die Zuschauerbilder sind aber jedenfalls eine Art, etwas zu visualisieren, was gerade im Zuschauerraum eh passiert, allerdings muss ich gestehen, dass ich, als ich wiederholt mein eigenes Bild gesehen habe, versucht habe, die Fotos weitgehend zu ignorieren, obwohl ich natürlich total gut auf dem Bild aussah.

Dann haben wir die kleine Machotanznummer der beteiligten Herren, die vorher ja häufig in Röckchen auftreten mussten und hier mal etwas männlicher sein dürfen, manchmal im Männlichsein auch ein bisschen albern, aber auch das ist eher liebenswert.

Das Finale ist nach wie vor grandios und da bricht der Tanz als Naturereignis über einen herein. Ich bin nicht sicher, ob damit ein mögliches Thema des Abends: „Tanz vs. Sprache“ beantwortet wird. Das Thema ist ja kompliziert, Sprache scheint mir als Machtmittel weit überlegen zu sein, Tanz erscheint andererseits als eine Möglichkeit, sich diesem Machtmittel zu entziehen. Der Tanzexzess am Schluss hat jedenfalls eine andere Kraft als die Rede am Anfang. Ich will nicht sagen, eine „größere“ Kraft, die Sprachfiguren, die am Anfang das Geschehen bestimmen haben zumindest meine Wahrnehmung beim ersten sehen sehr geprägt, beim zweiten mal sehen kommt dem Tanzen als Gegenkraft mehr Gewicht zu und dadurch gewinnt der Abend enorm.

Was die Tänzer betrifft, muss ich sagen, dass ich das kleine Duett von Elisa Carillo Cabrera und Mikhail Kaniskin mit den Schrifttafeln mehr zu schätzen wusste, gerade weil ich die Schrifttafeln, also die Sprache, an diesem Abend ziemlich absichtlich als zweitrangig eingestuft habe und damit ernst genommen habe, dass Tänzer, wenn sie etwas zu sagen haben, tanzen und nicht sprechen. Deshalb sind sie Tänzer und an dem Punkt passiert dann tatsächlich das, was am Anfang versprochen wird: die Tänzer erzählen etwas über sich, als tanzendes Kollektiv, sie erzählen nicht ihre eigenen, individuellen Lebensläufe, die man mitschreiben kann, aber sie erzählen dann doch sehr viel über den Körper. Sprache und Tanz sind ja ein seeeeehr kompliziertes Thema und ich habe mehr abschreckende Beispiele dazu gesehen als gelungene, aber vielleicht geht es hier genau um diesen Konflikt und dann wird das ganze sehr viel schlauer als ich anfangs dachte und warum nicht das Schlauere annehmen.

Weiter spricht für den Abend, dass wir es mit einer Ensembleleistung zu tun haben, da geht das wirklich gegen die strenge Hierarchie im klassischen Ballett, auch wenn Nadia Saidakova ein Solo hat. Mir fällt ja auch immer Arshak Ghalumyan auf, den ich neben Dmitry Semionov und Leonard Jakovina für den besten Staatsballett Tänzer halte – womit ich aber nichts gegen die Beförderung von Dinu Tamazlacaru gesagt haben will – letztlich ist das ja auch ein bisschen Geschmackssache.

Im Tanznetz Forum bin ich etwas zurückgerudert, was meine Forderung nach einer Xenia Wiest Beförderung angeht, tendenziell würde ich das Zurückrudern zurück nehmen, aber noch mehr würde ich mich über einen „Shut up and dance“ Abend freuen, wo man dann vielleicht mal wieder eine Choreographie der jungen und meiner Meinung nach begabten Dame sehen kann. Soviel dazu. „The Open Square“ gewinnt meiner Meinung nach beim zweiten Sehen, ich neige dazu, es mir noch mal anschauen zu wollen, die Sprache/Tanz Diskrepanz interessiert mich im Moment schon und da ist der Abend vielleicht ergiebiger, als es auf den ersten Blick schien.

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2 Kommentare leave one →
  1. De-Nur permalink
    November 6, 2012 11:42 pm

    aber Kunst hat nicht mit Geschmack zu tun…..und Tanz ist Kunst…..
    Es handelt sich mit Werte.

    • November 11, 2012 4:47 pm

      Bin noch am Forschen, was die Frage „Was ist Kunst?“ betrifft, ob einem „Kunst“ gefällt oder nicht ist wohl schon Geschmackssache und rauszufinden, inwiefern es da „objektive“ oder wenigstens nachprüfbare Argumente gibt, um etwas als „gute“ oder „schlechte“ Kunst oder zumindest guten oder weniger guten Tanz geht, scheint mir ein ziemlich aufwändiges Projekt zu sein, aber mal sehen, ob ich in meinen verbleibenden Lebensjahren da zu brauchbaren Ergebnissen komme 🙂

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