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Foreign Affairs – Brett Bailey Exhibit B

Oktober 1, 2012

Nun gut, ich bin natürlich selbst schuld, dass ich da hingegangen bin. Dass das Ganze keine angenehme Veranstaltung werden würde, war mir von vornherein klar. Im Rahmen also des neuen Berliner Theaterfestivals „Foreign Affairs“ zeigt Brett Bailey eine Ausstellung, die an die „Völkerschauen“ angelehnt ist, die im Rahmen des europäischen Kolonialismus aufgekommen waren. Ich habe mich mit derartigen Menschenausstellungen ja bereits im Kontext der Freak Show ein wenig auseinander setzen müssen, derartige Themen sind immer schwierig und unangenehm. Wenn man den Freakshows vielleicht noch zugestehen mag, dass sie den Performern zumindest ein gewisses Auskommen sicherten und sie da gelegentlich sogar so etwas wie einen sozialen Zusammenhalt gefunden haben mögen – zumindest kann man derartiges mitunter lesen – lassen sich solche Rechtfertigungen für Völkerschauen beim besten Willen nicht finden. Völkerschauen hatten einen einzigen Zweck, nämlich die Überlegenheit der weißen Rasse zu belegen, mit natürlich grotesken Argumenten, die aber die Rechtfertigung für Sklaverei, Genozid und Folter lieferten und direkt den Weg zum Holocaust geebnet haben.

In Deutschland hat sich ein gewisser Carl Hagenbeck als besonders eifriger Ausrichter der Völkerschauen hervorgetan, der die entsprechenden Menschen aus Afrika neben den Tieren in seinem Zoo in Hamburg ausstellte. Den Zoo gibt es bekanntlich heute noch, Menschen werden da nach meinem Kenntnisstand aber nicht mehr ausgestellt.

„Exhibit B“ ist auf eine Art eine ausgesprochen geschmacklose Veranstaltung, aber in der Geschmacklosigkeit natürlich aufschlussreich. Die Ausstellung ist eine Tortur und zwar sowohl für die Zuschauer als auch für die Performer, die nichts weiter tun als eben als Ausstellungsstücke rumzustehen – die einzige Möglichkeit, die sie haben, sich gegen die Blicke der Zuschauer zu wehren, ist zurück zu schauen und das ist, wie man dann am eigenen Leib erfahren kann, eine ziemlich mächtige Waffe. Diese Konstellation, dass die Performer den Blicken der Betrachter wehrlos ausgeliefert sind (und der Betrachter den Blicken der Performer), ist auch dann gegeben, wenn alle wissen, dass es sich gerade um ein Zitat von Völkerschauen handelt und nicht um das Ding an sich. Exhibit B hat einen klaren aufklärerischen Impuls, die Szenen, die nachgestellt zu sehen sind, beziehen sich in der Regel auf ziemlich schreckliche Gewaltexzesse während der Kolonialherrschaft von Deutschland und Belgien in Afrika (England, Frankreich, Portugal, Spanien und die Niederlande werden erstmal nicht berücksichtigt).

Es gibt mit Sicherheit einen gewaltigen Unterschied, ob Exhibit B in einem afrikanischen Land für afrikanisches Publikum gezeigt wird oder eben für ein weißes Publikum. Es ist ein Unterschied, ob die Performer sich letztlich Menschen zeigen, die die gleiche Geschichte teilen, sich also in einer „Seht, was die Kolonialmächte uns angetan haben“-Haltung in gemeinsamer Wut und Trauer, verbinden, oder ob sie sich mit der „Seht, was ihr uns angetan habt“ Haltung vor weißem Publikum zeigen. Da ist von Seiten der Performer Wut, Trauer, der Vorwurf und von Seiten des Betrachters Scham, Schuld und eigentlich die Unmöglichkeit irgendwie mit der Zuschauerrolle umzugehen. Die Mär vom unschuldigen Blick, die Aufforderung an die Zuschauer, sich hemmungslos die afrikanischen Menschenexponate anzuschauen, kann man gleich mal vergessen, das funktioniert so nicht. (Post script Anmerkung: in einem Interview im Deutschlandradio sagt Bailey, dass es diesen Unterschied nicht gibt, dass afrikanische Zuschauer auf die Ausstellung genauso reagieren, wie europäische, Scham, Trauer, Wut – da er selbst davon überrascht zu sein schien, nehme ich an, was er da sagt stimmt. Interessant, dass es da möglicherweise auf einer höheren Ebene um allgemein menschliches geht und die Opposition Afrika vs. Europa, die ich hier und im folgenden aufmache, möglicherweise zu kurz greift.)

Dabei ist es noch am einfachsten, die Leute zu betrachten, die als Teil einer historischen Situation mit entsprechenden Props und Konstümen ausgestellt werden. Man kann da dann ganz gut eine gewisse historische Distanz entwickeln und sich in seiner Beschämung über die Taten der Vorfahren recht gemütlich niederlassen, eine gewisse Betroffenheit zur Schau stellen, vermutlich für die ausgestellten Menschen aus Afrika, denen man irgendwie signalisieren will: ich bin ja nicht so, wie meine Ahnen waren. Aber man ist dann als Zuschauer eben auch Repräsentant eines Kollektivs, das sich im Umgang mit anderen Menschen nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. An dem Punkt hat man es aber mit so etwas wie „Vergangenheitsbewältigung“ zu tun, und wir sind ja darin geübt, da bestimmte Haltungen einzunehmen, die wir irgendwann mal in der Schule gelernt haben. Viel schwieriger ist es, sich die heutigen Flüchtlinge anzuschauen, die ausgestellt werden und die in Straßenklamotten hinter ihren Schildern stehen, auf denen „Ready made“ oder „gefundenes Objekt“ steht. Schon die Bezeichnung Objekt ist etwas, bei dem sich einem die Nackenhaare aufstellen, aber natürlich haben unsere Urgroßeltern Mitglieder anderer Völker genau so gesehen und in der Verwaltung werden Flüchtlinge (und seien wir ehrlich: alle anderen Menschen auch) immer noch so gesehen.

Die Täterschaft um die es geht, das Schuldgefühl, ist dabei nicht in erster Linie verbunden mit den Greueltaten der kolonialistischen Vorfahren oder dem heutigen politischen Umgang mit Flüchtlingen, die Täterschaft ist die Täterschaft des Zuschauers. Das sind unsere Urgroßeltern oder Großeltern, die sich die Völkerschauen von Herrn Hagenbeck angesehen haben oder die Olympischen Spiele 1904 in St. Louis, wo nichteuropäisch stämmige Menschen untrainiert olympische Wettbewerbe im Rahmen der „anthropologischen Tage“ zu absolvieren hatten. Ziel der Veranstaltung: Überlegenheit der weißen Rasse beweisen. Wenn man sich heute Aufnahmen von damals anschaut, wundert man sich eigentlich über gar nichts mehr. Die Schuld der Besucher der Völkerschauen bestand ja darin, dass sie, ohne die gängige „wissenschaftliche“ Lehrmeinung der Überlegenheit der weißen Rasse in Frage zu stellen, sich andere Menschen als Zooexponate anschauten, mit der gleichen Haltung, mit der sie sich Erdmännchen, Pinguine und Fische angeschaut haben, dass sie also eine Haltung kultiviert haben, die dann wenig später den Holocaust erst möglich gemacht hat. Was man sich wie anschaut, ist, so eine der Lehren der Ausstellung, ein politisches Statement. Die Situation, in die mich Brett Bailey bringt, ist ein Dilemma: wie schaue ich mir das Gezeigte an, wie benenne ich das sprachlich? Die Begegnung zwischen „Performer“ und Zuschauer ist tendenziell konfrontativ. Sowohl die Performer als auch die Zuschauer repräsentieren etwas, in diesem Fall Opfer des Kolonialismus und die Täter. Der Tatsache, dass man als Zuschauer an dem Punkt selbst für etwas anderes steht als für sich selbst, kann man sich nicht entziehen.

Die Scham, so unangenehm das Gefühl auch ist, rettet einen auf eine Art, weil sie bedeutet, dass der Blick unserer Vorfahren für uns heute nicht mehr herstellbar ist. Es ist eigentlich nicht denkbar, die ausgestellten Menschen als etwas anderes zu sehen als als Menschen, denen gerade in der Ausstellung etwas angetan wird. Aber wie sieht ein Blick aus, der in der gegebenen Situation dieser Haltung gerecht wird? Bei mir ist das so: ich vermeide es, die ausgestellten Menschen genauer zu betrachten und befasse mich stattdessen angestrengt und aufmerksam mit den Props und Schrifttafeln, die überall rumstehen. Das ist natürlich auch Feigheit, aber eine andere Möglichkeit steht mir in dem Moment nicht zur Verfügung. Der Blick selbst, das Sehen selbst scheint durch die Geschichte vergiftet zu sein. Erlösung von den Schatten der Vergangenheit wäre vielleicht durch Kommunikation möglich, aber das wird nicht als Option angeboten. Man soll leise sein in der „Ausstellung“ und da wir es gewöhnt sind, uns an Anweisungen zu halten, sind wir leise und brave Zuschauer und gerade deshalb schuldig (ist es eine scheinbare Schuld? Nein, Brett Bailey sagt im Interview, dass eine Nachbereitung der Ausstellungen mit den „Performern“ notwendig ist, damit keine Traumatisierungen entstehen). Sowohl die Ausgestellten als auch die Zuschauer werden gewissermaßen zum hilflosen Ertragen einer an sich unerträglichen Situation gezwungen.

Also: warum tut man sich das eigentlich an? Zum einen verbindet man sich in der Ausstellung natürlich mit zweitausend Jahren europäischer (und afrikanischer) Geschichte. „Völkerschauen“ gab es auch schon im alten Rom und man bekommt ein Gefühl dafür, dass es möglicherweise nicht so einfach ist, sich dieser Geschichte, die sich ins kollektive Unbewusste eingebrannt hat, einfach zu verweigern, indem man sich von den eigenen Vorfahren distanziert und vor sich selbst behauptet, damit ja nichts mehr zu tun zu haben. Dieser Haltung schiebt die Ausstellung der heutigen Flüchtlinge gleich mal einen Riegel vor. Die Geschichte von Tätern und Opfern lebt nicht nur in einem selbst weiter, als Scham oder Schuld, sie geht auch faktisch weiter, wenn man die globalisierte Wirtschaft als Fortführung des Kolonialismus mit anderen Mitteln betrachtet. Wir gehen nicht mehr nach Afrika, um die dort ansässigen Menschen zu versklaven, zu töten, zu vergewaltigen und zu foltern, wir liefern nur die Waffen, damit sie das selbst erledigen und wir uns einreden können, nicht verantwortlich zu sein. Auf derartige Wirtschaftsformen könnten wir nur dann verzichten, wenn wir bereit wären, auf einen erheblichen Teil des Wohlstands in Europa zu verzichten und wollen wir das? Ganz ehrlich: ich nicht, so ohne weiteres. Und glücklicherweise kriege ich ja nicht mit, wie andere für meine Wohlstand bluten müssen. Fair Trade mag ein Anfang sein, das will ich nicht runtermachen, weil ich auch daran glauben will, dass das eine Möglichkeit ist, sich als Konsument fair zu verhalten.

Wir besuchen derartige Ausstellungen auch, um uns der eigenen moralischen Überlegenheit verglichen mit unseren Vorfahren zu versichern – die Objekte der Ausstellung sind im Grunde die Verbrechen unserer Ahnen, von denen wir uns in ähnlicher Weise distanzieren, wie sie sich auf den Völkerschauen von den Menschen aus Afrika distanzierten. So wie unsere Ahnen die Menschen aus Afrika als Barbaren betrachtet haben, so sehen wir unsere Vorfahren in der Ausstellung als Barbaren. Wir sind heute natürlich in der Lage, Menschen anderer Nationalitäten als menschlich wahrzunehmen, aber sind wir in der Lage, unseren direkten Vorfahren in ihren Irrtümern, in ihrer Ignoranz und Arroganz die zu katastrophalen Gewaltexzessen geführt haben, die gleiche Menschlichkeit zuzugestehen?

Es ist schwierig. Der Gedanke kommt auf, dass wir von Monstern abstammen, aber selbst keine Monster mehr sind oder nicht mehr sein wollen und von irgendwoher meldet sich ein leiser Zweifel. Wir vergewissern uns selbst, dass wir ja „gelernt“ haben, aber natürlich ist der westliche Lebensweg mit Demokratie und so immer noch das, was wir mit mal mehr mal weniger guten Argumenten für den allein selig machenden Weg halten. Die kolonialistische Haltung lebt eigentlich noch munter weiter, auch wenn es heute komplizierter ist, so kompliziert, dass es schwierig ist, da richtig durchzublicken. Die Überlegenheit der Rasse wurde ersetzt durch eine angebliche Überlegenheit des politischen und wirtschaftlichen Systems, das Abweichungen nur bedingt zulässt und diese Haltung hat letztlich den Rassegedanken obsolet gemacht. Man braucht keine rassistischen Wissenschaftler mehr, um die eigene Überlegenheit zu begründen, das Wohlstandsargument reicht völlig und dass wir dabei in der Lage sind, die Länder der sogenannten zweiten und dritten Welt auszubeuten, unterstreicht die Überlegenheit eher, statt Quelle von Scham zu sein. Schon allein die Bezeichnung „dritte Welt“ macht klar, wie wir die Hierarchie sehen.

Was wäre die Alternative? Also als Ideal könnte man so etwas formulieren, wie die Bereitschaft voneinander zu lernen, die es nur bedingt gibt. Es gibt die Forderung an Afrika und Asien, vom westlichen System zu lernen, aber das ist eine Einbahnstraße. Für den Durchschnittseuropäer ist es eigentlich undenkbar, dass wir hier auch etwas von Afrika lernen könnten, wenn wir ehrlich sind, finden wir, dass Afrika irgendwann dahin kommen muss, so zivilisiert und wohlhabend zu sein wie wir in Europa. Bei dem Gedanken fühlen wir uns ausgesprochen menschenfreundlich, aber eigentlich unterscheiden wir uns in dieser Haltung nur unwesentlich von unseren Ahnen, die letztlich ja auch an die eigene Überlegenheit geglaubt haben, allerdings etwas andere Schlüsse daraus gezogen haben.

Die Bereiche, in denen ein gegenseitiges Lernen mit Afrika stattfindet, sind dann eher esoterischer Natur, da geht es dann um alternative, schamanistische Heilkunde, um afrikanischen Tanz und ähnliches. Das ist zumindest ein Anfang, mal sehen, wie es weiter geht.

Nun gut, nach dem Besuch habe ich den dringenden Wunsch, mich mit etwas netteren Themen zu befassen, ein Bericht über „Lucky Trimmer“ liegt noch halbfertig im Computer. Aber die Ausstellung von Bailey wirft natürlich Fragen auf, die wichtig sind und eigentlich nicht so ohne weiteres zu beantworten. Letztlich geht es darum, wie wir eigentlich miteinander als globale Gemeinschaft leben wollen und können, angesichts einer Vergangenheit, die immer noch weiter lebt und die einen irgendwie in die falsche Richtung losgeschickt hat. Zweitausend Jahre europäische Geschichte im Umgang mit dem Rest der Welt kann man nicht einfach so von heute auf morgen abschütteln.

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