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Foreign Affairs: Daisuke Miura – Love’s Whirlpool

Oktober 3, 2012

Sex. Irgendwie ist es mir ja verhältnismäßig erfolgreich gelungen, dieses Thema bislang mal mehr mal weniger elegant zu umgehen, vermutlich weil es in Stücken, in denen es darum geht, in der Regel außerdem noch andere Themenbereiche gibt, auf die ich mich dann stürzen konnte. Bei „Love’s Whirlpool“ ist das nicht der Fall. Acht Leute treffen sich für eine Sexparty in einem extra für diese Zwecke eingerichteten Etablissement und das Stück zeigt, ohne große dramatische Wendepunkte, wie die Party dann zwischen 23 Uhr und 5 Uhr morgens abläuft. Das ist alles und weil das Thema kompliziert ist, ist es eine ganze Menge.

Sex ist ja eine der schwierigsten und kompliziertesten menschlichen Triebkräfte, obwohl oder vielleicht gerade weil eigentlich alles ganz einfach sein könnte, wenn nicht… hm, ja, da wird es dann schon kompliziert. Im Grunde hat jeder irgendwas dazu zu sagen, irgendeine Meinung, das Ganze ist politisch und ideologisch aufgeladen wie sonst nur das Beziehungsthema, das natürlich damit irgendwie zusammen hängt, jede Religion hat Regulierungsvorschläge, das Thema ist politisch brisant, letztlich gibt es ein Bemühen, den Trieb zu kontrollieren, der sich durch nahezu alle Zivilisationsformen zieht und warum das so ist, wäre zu untersuchen. Meine Arbeitsthese dazu setzt sich momentan aus zwei, verhältnismäßig vernünftigen Publikationen zusammen, einerseits das recht amüsante Büchlein „Sex at dawn“ in dem eine Art hippiemäßige Bonobokommune als eigentlich „ursprüngliche“ Form menschlichen Sexualverhaltens gefeiert wird (mit ziemlich guten Argumenten), mit der Konsequenz, dass an und für sich die Monogamie nicht unbedingt dem im menschlichen Körper angelegten Sexualverhalten entspricht, dass die sexuelle Betätigung vor laaaanger Zeit einmal eher zum Abbau sozialer Spannungen beitrug, statt dazu, derartige Spannungen eher zu verstärken. Kombiniert man das mit dem unvermeidlichen Julian Jaynes – nämlich dass sich vor nicht übermäßig langer Zeit durch die Entwicklung der Sprache das menschliche Bewusstsein verändert hat, wodurch dann Ackerbau, Besitz, staatliche Organisation, kurz gesagt: Kultur entstanden ist, habe ich für mich erstmal einen gewissen Rahmen abgesteckt, in welchem Spannungsfeld das Ganze abläuft. Letztlich geht es darum, den Menschen als triebhaftes Wesen und als kulturelles Wesen zugleich unter einen Hut zu bringen und da gibt es dann zahlreiche Ansätze wie das vielleicht möglich sein könnte oder nicht.

Die Sexparty, deren Zeuge man in „Love’s Whirlpool“ wird tut also zunächst nichts anderes, als einen kulturellen Rahmen zu setzen, innerhalb dessen sich der Trieb, nach bestimmten Regeln, aber verhältnismäßig ungehemmt, entfalten kann. Dabei wird die kulturelle Integrität des einzelnen durch die Regeln, die am Anfang vorgestellt werden, weitgehend geschützt, geschützt heißt hier: nach der Sexparty kehrt jeder in seine kulturell geformte Rolle zurück. Der Rahmen ist also: Acht Leute treffen sich, um Sex zu haben, haben dafür Geld bezahlt und sind wild entschlossen, ihr Vorhaben ins Werk zu setzen. Am Anfang begegnen sich alle in ihren kulturellen Masken, Männer und Frauen sitzen getrennt, man schweigt, schaut sich nur verstohlen an. Das Öffnen der durch die Kultur gesetzten Grenzen ist zunächst und vor allem ein sprachlicher Prozess. Dabei wirkt der Zeremonienmeister, der mit der Einhaltung der Regeln, der Versorgung mit Essen und so weiter beauftragt ist als vergleichsweise enthemmt, weil er gleich mal mit Obszönitäten um sich wirft und klar macht, worum es hier eigentlich geht, nämlich darum, dass alle gekommen sind, um „zu ficken“.

Sprachlich ist der Mann da an einen Punkt, an den die anderen erst noch kommen und am Ende der Party hat man den Eindruck, dass er eigentlich derjenige ist, der am ehesten seine kulturelle Maske noch trägt, vermutlich vor allem, weil er in der eigentlichen Action keine Rolle spielt und dem Trieb dann am Ende des Stücks seinen Tribut zollt, wenn er allein ist und sich zu harmlosen Fernsehbildern selbst Erleichterung verschafft, wie man so schön sagt.

Bei den Teilnehmern gibt es unterschiedliche Grade von Bereitschaft, die kulturelle Maske fallen zu lassen. Nachdem man sich darüber ausgetauscht hat, wer nun schon wie oft auf derartigen Parties war (die meisten sind zum ersten mal da) und noch brav nach Männlein und Weiblein getrennt rumsitzt, macht der mutigste Mann den ersten Schritt, indem er auf Knien, aber in sichtlicher Erwartungsfreude zum Frauentisch rutscht, um dann eine auszuwählen. Nachdem man sich gegenseitig versichert hat, dass man sich attraktiv findet, einigt man sich darauf, dass jetzt nach oben gegangen wird – nicht ganz, erstmal wird mit den erfahreneren Besuchern diskutiert, ob das nun okay so ist und eine gewisse Unsicherheit entsteht, die Kindergärtnerin, die schon zum zweiten mal da ist, macht darauf aufmerksam, dass die „Wer mit Wem“ Frage bei der letzten Party von den Männern unter sich ausgemacht wurde, doch diese Variante wird schnell verworfen und erst später eine Rolle spielen. Jetzt verkrümeln sich erstmal die beiden nach oben, wo drei Betten aufgestellt sind, in denen dann stattfinden kann was stattfinden soll.

Der erste Akt sorgt dann für die entsprechene Beschallung, die wiederum die übrigen Männer etwas mutiger werden lässt und so weiter.

Nach der ersten Runde sitzt man nicht weniger gehemmt als vorher beisammen, von Scham in unterschiedlichen Maßen niedergedrückt, und beginnt sich näher bekannt zu machen, das heißt, man redet darüber, was man beruflich so macht. Namen fallen nicht oder werden, wenn sie fallen, nie wieder erwähnt (ich glaube aber, dass sich tatsächlich niemand mit Namen vorstellt). Die Namenlosigkeit mag hier wichtig sein. Der Punkt, an dem eine menschliche Gemeinschaft begonnen hat, sich gegenseitig mit individuellen Namen zu benennen kann ja getrost als wesentlicher Schritt gelten, dem jeweiligen Mitglied der Gemeinschaft so etwas wie ein individuelles Ich zuzuweisen, das beispielsweise so etwas wie individuelle Beerdigungen möglich machte. Namen sind ja nach wie vor faszinierend und der Nachname beispielsweise mag noch einen Hinweis darauf geben, wie das ablief, in der Regel beziehen sich Nachnamen entweder auf den Beruf irgendeines Vorfahren (Müller, Meier, Schmidt) oder auf dessen Herkunft. Die Vornamen sind dann eigentlich die, die eine individuellere Note in die Sache bringen. In Japan gibt es viele Vornamen, in denen die Söhne einfach durchnumeriert werden. Jemand heißt dann „Erster Sohn“ + „Nachname“. Man kann annehmen, dass die Namen erst später liebevoller und persönlicher wurden und es anfangs erstmal und vor allem um die Erbfolge ging, die bereits ein Kulturgut war, das heißt Folge von etabliertem „Besitz“. In Island z.B. ist ja der Nachname unterschiedlich je nachdem, ob man eine Frau (die Endung –dottir) oder ein Mann (Island –son) ist. Die Annahme liegt nahe, dass diese Nachnamen lange vor den Vornamen bereits als alleinige Bezeichnung einer Person existierten. Die Namensgebung an sich und speziell die Benennung mit einem Vornamen, ist also, wenn man so will, ein quasi magischer Akt, durch den ein Individuum etabliert wird. In Indianerfilmen kriegt man ja bisweilen mit, dass jemand sich seinen Namen „verdienen“ muss, etwas das auch in bestimmten Glaubensgemeinschaften üblich ist. Sobald der Name verdient (oder „gefunden“) wurde, wird das Individuum geboren und damit unverwechselbar. Der Verzicht auf Namen heißt, dass man auf diese Rolle, die Grenzen, die durch das Individuelle gezogen werden, verzichtet und damit ist dem vorindividuellen Trieb schon mal ein Hindernis aus dem Weg geräumt. Es mag so sein, dass durch die Namensgebung die ganze Sexgeschichte kompliziert wurde. War in einer vorindividuellen Jäger und Sammler Rotte Sex etwas, was als Alltäglichkeit stattfand, wurde das jetzt zu einer Begegnung von zwei eigenständigen Persönlichkeiten und damit zu einer Entscheidung. Die Namenlosigkeit der Sexparty mag darauf hinweisen, dass an dem Abend keine Entscheidung für ein bestimmtes Individuum stattfindet, sondern lediglich und zwar vor dem Besuch, eine Entscheidung dafür, bestimmte Handlungen auszuführen, die nichts mit dem kulturell geformten „Ich“ zu tun haben und lediglich dem Trieb in seinen unterschiedlichen Ausformungen Raum geben. Anders gesagt, man begegnet sich nicht auf einer persönlichen Ebene, die dann so etwas wie eine „Beziehung“ implizieren würde, sondern befriedigt einen Teil von sich, der normalerweise durch kulturelle Fesseln, ein wenig zu kurz kommt, das zumindest ist wohl das Empfinden, das für die Beteiligten dazu geführt hat, die Party aufzusuchen (inwieweit der Trieb ebenfalls individuell unterschiedlich ist, lasse ich mal außen vor, spielt im Stück aber eine Rolle – bei der Partnerwahl scheint die Frage, inwieweit jemand in der Lage ist, sich beim Sex „gehen zu lassen“, also beim Akt selbst auf jegliche kulturelle Form zu verzichten, eine Rolle zu spielen, die wieder eine ganz neue Hierarchie erzeugt).

Was man also in „Love’s Whirlpool“ zu sehen bekommt, ist, wie die Beteiligten sich allmählich ihrer kutlurellen Rolle entledigen und unter Qualen etwas freilegen, was durch ihre Kultur normalerweise unter Verschluss gehalten wird. Dadurch verändert sich die Sprache und es verändert sich die Körperhaltung. Während am Anfang mehr oder weniger alle durch eine Art Scham mehr oder weniger zu Boden gedrückt wurden, entspannt sich der Körper nach wiederholter sexueller Aktivität zusehends – beim einen mehr, beim anderen weniger. Man sitzt mit Handtüchern bekleidet rum und wenn die Zeit gekommen ist, sucht man sich einen neuen Sexpartner, die Kriterien bei der Suche beziehen sich lediglich auf die möglichen sexuellen Besonderheiten des potentiellen Paarungspartners. Die Sprache wird dabei enthemmter, teilweise verletzend. Aber letztlich finden sich ein paar Paarungen, die wiederkehren und die auf eine Art natürlich auch von einer Sehnsucht sprechen, dass es nach der Party weitergehen möge – ein Impuls, der durch die Regeln konsequent verhindert wird. Kein Austausch von Telefonnummern, die Frauen gehen vor den Männern, damit nach der Party keine Belästigung stattfindet. Aber der Wunsch, den Triebkontakt in das Alltagsleben, das mittlerweile eben ein kulturell geformtes ist, hinüberzuretten, dann gewissermaßen eine Beziehung zu führen oder sich als Gruppe wieder zu treffen, spricht erstmal von der Hoffnung oder Utopie, den Trieb mit der Kultur zu versöhnen, indem eine persönliche Entscheidung von Individuum zu Individuum oder von mehreren Individuen untereinander, getroffen wird, die sich dann vermutlich sogar ihre Namen verraten würden. Bei der Sexparty läuft der potentiell fortgeführte Kontakt nicht über die Namen, sondern über die Handynummern, die nicht ausgetauscht werden dürfen.

Es ist bei „Love’s Whirlpool“ schon bemerkenswert, mit welcher Offenheit der Themenkomplex ausgebreitet wird, letztlich wird weder etwas beschönigt, noch etwas verteufelt. Die menschliche Existenz im Spannungsfeld zwischen Triebnatur und individueller Identität ist eine komplizierte Sache und bleibt es auch nach „Love’s Whirlpool“, aber das Thema ist natürlich interessant und spannend und interessanterweise irgendwie dann doch auch ganz lustig. Es wäre interessant, Exhibit B auch nach dem Widerspruch von Kultur und Trieb zu untersuchen und zu überlegen, was für die da gezeigten Gewaltexzesse verantwortlich ist: der Trieb oder die Kultur? Der Verdacht kommt auf, dass es möglicherweise die Kultur ist, aber das wird dann richtig kompliziert. Vielleicht ist Sex an dem Punkt dann doch vergleichsweise einfach.

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