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Staatsballett Berlin – La Bayadère Zakharova/Semionov Version

November 2, 2012

Viel Zeit habe ich nicht, aber ein paar Gedanken zum Auftritt von Svetlana Zakharova am Staatsballett scheinen mir an diesem Punkt notwendig. Bei Skinner Releasing Technique Worshops mit Lily Kiara gibt es am Ende oft zehn Minuten, in denen die Workshopteilnehmer Zeit haben, etwas aufzuschreiben, was sie an dem Tag im Workshop beschäftigt hat, entweder schreiben sie es auf, um sich zu erinnern oder um zu vergessen und ich muss jetzt nach der Aufführung doch ein paar Anmerkungen machen, um den Kopf für meine andere (bezahlte) Schreibarbeit frei zu bekommen.

Aus einem seltsamen Lokalpatriotismus heraus bin ich ja immer dabei, wenn es darum geht, das Staatsballett und Vladimir Malakhov als verantwortlichen Intendanten in Schutz zu nehmen, an dem Abend ist das nicht so leicht. Es war leichter, als mit Polina Semionova noch ein internationaler Star im Ensemble war und jetzt ist es so, dass jemand mit vergleichbarer Strahlkraft fehlt, wenn man mal von Nadja Saidakova in modernen Ballettaufführungen absieht. Dass es so ist, wird deutlicher, wenn auf der Bühne mal jemand steht, der Semionova das Wasser reichen kann, ihr möglicherweise sogar überlegen ist und das ist an diesem Abend Svetlana Zakharova. Ich schätze Iana Salenko, die meiner Meinung nach große Qualitäten hat, aber, ganz ehrlich, Zakharova spielt in einer anderen Liga und diese Liga ist in Berlin im Moment nicht vertreten. Ich sage damit etwas ziemlich offensichtliches und es hilft an dem Abend nicht, dass Sarah Mestrovic vor allem im ersten Teil vor der Pause seltsam indisponiert ist und von ihrer Sprungkraft völlig im Stich gelassen wird, keine Ahnung, was da los war, ob sie nervös war oder vielleicht muskuläre Probleme hatte, aber das Duett mit Dmitry Semionov war ziemlich vergurkt und es war nicht seine Schuld. Natürlich werde ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich das schreibe, weil Sarah Mestrovic neben Beatrice Knop, glaub ich, die einzige echte Berlinerin in der Kompanie ist (Lokalpatriotismus und so), aber es war leider ziemlich offensichtlich, dass sie keinen guten Tag erwischt hat und sie wird das selbst sicher am besten wissen. Nach der Pause war das glücklicherweise besser und darstellerisch war sie zumindest wieder die beste, das hilft aber wenig, wenn sie neben einer Tänzerin wie Svetlana Zakharova bestehen muss.

Worin besteht der Unterschied? Zum einen hat man es bei Svetlana Zakharovva mit großer technischer Brillanz zu tun, Dmitry Semionov ist ein würdiger Partner und die beiden retten den Abend mehr oder weniger, wenn man mal von den sehr schönen Corps de Ballet Stellen im dritten Akt absieht. Ich glaube aber, dass die Technik allein nicht der Punkt ist, und ich mich wieder mal mit eher esoterischen Geheimnissen der Bühnenkunst auseinandersetzen muss, für die Worte gefunden wurden wie „Präsenz“ und „Konzentration“, bei Polina Semionova hab ich gelegentlich gesagt, dass man ihre Bewegungen besser sieht, auch wenn sie technisch genauso ausgeführt werden wie bei weniger „präsenten“ Tänzerinnen. Bei Zakharova ist es ebenso. Sie ist sehr viel sichtbarer als Iana Salenko. Es mag meine Schuld sein, dass ich nach dem ersten Sehen am Montag den Eindruck hatte, die Rolle Hamsatti (Mestrovic) sei nur unwesentlich kleiner als die Rolle Nikia (Salenko), mit Zakharova als Nikia kommt man überhaupt nicht auf die Idee. Sobald sie die Bühne betritt verändert sich die Atmosphäre – das applaudierfreudige Publikum mag diesen Eindruck noch um einiges verstärken: Zakharova tritt mit verschleiertem Gesicht auf – Applaus. Der Schleier wird von ihrem Kopf gezogen – Applaus. Zu dem Zeitpunkt hat sie noch keinen einzigen Schritt getanzt, aber durch die Reaktion des Publikums wurde sie schon mal als die Sensation des Abends auserkoren und wie sich rausstellt zu recht.

Um das Phänomen besser zu verstehen, ist es vielleicht nötig, die Begriffe ein bisschen zu klären. Unter Technik verstehe ich erstmal eine durch Training erlernbare Fertigkeit. Wenn im klassischen Ballett von Technik die Rede ist, dann ist damit in der Regel die Fähigkeit des Tänzers gemeint, die Bewegungen automatisiert in der korrekten Form auszuführen. Ein Tänzer/eine Tänzerin mit makelloser Technik muss sich keine Gedanken darum machen, wie eine Pirouette auszuführen ist, der Körper wird das einfach machen. Präsenz erscheint im Gegensatz dazu etwas zu sein, was man nicht so ohne weiteres erlernen kann, diese Annahme ist aber ein Irrtum. Bühnenpräsenz ist letztlich eine Technik wie das korrekte Ausführen einer Pirouette, aber als Technik sehr viel subtiler und flüchtiger. Es wäre im Ballett möglicherweise sinnvoll, die mechanische Technik der Bewegung zu betrachten und die mentale Technik der Präsenz als zwei Seiten einer Medaille. Die makellose Mechanik erleichtert die Präsenz entscheidend. Es gibt Tänzer, deren Präsenz so stark ausgebildet ist, dass die mechanischen Fähigkeiten völlig irrelevant werden, Kazuo Ohno im Rollstuhl mag so ein Beispiel sein. Der umgekehrte Fall, dass die mechanische Technik so brillant ist, dass die mentale Präsenz keine Rolle spielt, tritt im Grunde nie auf. Eine brillante Mechanik ist letztlich ohne mentale Präsenz nur sehr wenig wert und funktioniert nicht einmal im Eiskunstlauf. Sarah Mestrovic, die nun leider als Negativbeispiel herhalten muss, kämpft im ersten Teil von La Bayadère an diesem Abend mit der Mechanik und ist deshalb nicht in der Lage im Tanz die notwendige Präsenz herzustellen, weil sie zu sehr mit tanztechnischen Problemen befasst ist, das heißt, sie kann sich nicht auf die Dinge konzentrieren, die Bühnenpräsenz in diesem Fall ermöglichen würden, beispielsweise den Fokus auf den Tanzpartner oder das Publikum zu richten. Das Problem bei Balletttänzern ist gelegentlich, dass sie sehr jung sind und in jungen Jahren ist es mitunter schwierig, die mentalen Vorgänge unter Kontrolle zu halten, die für die Bühnenpräsenz notwendig sind.

Das Geheimnis liegt wohl in dem rätselhaften Begriff des „Fokus“, die Aufmerksamkeit des Tänzers muss auf etwas Gegenwärtiges gerichtet sein, und je nachdem was das ist, verändert sich die Präsenz. Polina Semionova hat mal davon gesprochen, dass es notwendig ist, jeder Bewegung eine Bedeutung zu geben. Die Bewegung mit Bedeutung aufzuladen heißt, präsent zu sein. Es gibt Leute, die bei Nadja Saidakova gern von ihrer „Hingabe“ sprechen, auch das ist eine Form von Präsenz. Es geht darum, auf das fokussiert zu sein, was man tut, nicht so sehr auf die mögliche Wirkung dessen, was man tut. Die Schwierigkeit dabei ist, dass man mit gelenkter Präsenz eine bestimmte Wirkung erzielen will, aber nicht an die gewollte Wirkung denken darf. Das heißt, wenn ich als Tänzer beeindrucken will und deshalb besonders spektakuläre Sprünge machen will, ist die Präsenz eine andere, als wenn ich mich als Tänzer auf den Sprung selbst fokussiere, ohne daran zu denken, dass ich damit beeindrucken will. Das Gegenteil, dass man beispielsweise glaubt, auf der Bühne nicht bestehen zu können, weil Svetlana Zakharova als Primaballerina tanzt und man daneben schlecht aussieht, wird die Präsenz noch schwächer ausfallen lassen. Es würde den Leistungsabfall von Sarah Mestrovic im Vergleich zur Vorstellung am Montag erklären, wenn sie von Zakharova eingeschüchtert war, der sie tatsächlich von der tanzmechanischen Seite aus nicht das Wasser reichen kann (aber nebenbei bemerkt gibt es kaum Tänzerinnen auf der Welt, die das können).

Ein anderes Beispiel aus Workshoperfahrungen mag den Punkt weiter illustrieren. In einem Butoh Workshop bei Minako Seki wurde eine relativ einfache Bewegung ausgeführt, eine Drehung des Oberkörpers vom Steißbein ausgehend. In der Regel wird man sich dabei vor allem am Anfang auf sein Steißbein konzentrieren, das die Bewegung initiiert, die Qualität der Bewegung änderte sich aber völlig, als Minako Seki die Workshopteilnehmer aufforderte, eine Fantasielandschaft vor der man tanzt zu visualisieren, die man durch ein imaginäres Auge im Hinterkopf anschaut. Während der Fokus vorher bei der Mechanik des Körpers lag, wechselte er damit in den Raum und noch spezieller in einen imaginierten Raum, der sich hinter dem Tänzer befand. Während man also die Bewegung ausführte war der Fokus nach hinten gerichtet, nicht auf das (nicht vorhandene) Publikum, nicht auf den eigenen Körper sondern auf eine private gezielte Vorstellung einer Landschaft in der man tanzte. Die Bewegung war mechanisch gleich, die Qualität der Bewegung veränderte sich aber sofort spürbar und sichtbar. Es wird gelegentlich unterschätzt, dass der Zuschauer sehen kann, worauf sich ein Tänzer konzentriert. Man kann als Zuschauer nicht sehen, woran der Tänzer denkt, aber man sieht einen Unterschied, wenn ein Tänzer sich auf die mechanische Ausführung einer Bewegung konzentriert oder damit gar überfordert ist, oder auf die Bedeutung einer Bewegung oder den Raum, in dem die Bewegung stattfindet, die Geometrie einer Bewegung oder was auch immer.

Diese Form von Konzentration ist erlernbar, sehr gute Tänzer machen das automatisch, die, denen diese Begabung nicht in die Wiege gelegt wurde, müssen und können es lernen und ich habe den Verdacht, dass darauf vor allem in Ballettkompanien eher wenig wert gelegt wird, dass das nicht Teil der technischen Ausbildung ist, sondern bestenfalls nebenbei und eher zufällig bei der Einstudierung einer „Rolle“ geschieht. Die Bewegungen im klassischen Ballett stellen hohe Anforderungen an die Körpermechanik, zeitgenössischer Tanz arbeitet viel stärker mit Fokus und Konzentration. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass zeitgenössischer Tanz weniger technisch sei, die Technik ist nur eine andere, nämlich oft eine mentale Technik, die mit geistiger Fokussierung und Konzentration arbeitet. Jemand der fokussiert ist kann sehr schnell sein, er ist aber nie in Eile, weil Eile impliziert, dass man in Gedanken bereits in einem Punkt in der Zukunft ist, den man schnell erreichen will. Präsenz bedeutet aber vor allem erstmal Gegenwart. Es gibt da graduelle Abstufungen. Jemand kann teilweise gedanklich in der Zukunft sein und gleichzeitig mit einer Restaufmerksamkeit in der Gegenwart, je mehr mentale Energie der Tänzer auf die Gegenwart richten kann, desto größer wird vermutlich seine Präsenz sein. Die zeitliche Entfernung spielt dabei keine große Rolle, wenn einem Tänzer ein Schritt misslingt und er dann daran denkt, dass er den zwei Sekunden entfernten nächsten Schritt besser machen muss, ist die Konzentration komplett im Eimer. Ich bin da kein Spezialist, in der Meditation geht es darum, sich in der Gegenwart aufzuhalten, das kenne ich ein bisschen. Tatsache ist, dass man als Tänzer wohl viel mit unterschiedlichen Formen gedanklicher Fokussierung experimentieren muss, um dann den jeweils gewünschten Effekt steuern zu können, das ist nicht weniger mühsam als das Erlernen der Körpermechanik.

Der Effekt den Zakharova erzielt und, nebenbei bemerkt Nadja Saidakova oder Polina Semionova an guten Tagen ebenso, ist der, dass der Eindruck von Konzentration entsteht und diese Form der Konzentration setzt eine bestimmte Form von mentaler Fokussierung voraus. Jemand der den Eindruck von Zerstreutheit oder Beiläufigkeit erreichen will, muss den mentalen Fokus an einen anderen Ort lenken, möglicherweise sogar in die Zukunft oder in die Vergangenheit. Als Performancetechnik setzt das aber eine bewusste Entscheidung voraus.

Pas de deux sind wieder ein anderer Schnack, weil die von der Präsenz beider Partner abhängen. Gut untersuchen lässt sich das an dem hervorragenden Stück „Enfant“ von Boris Charmatz, mit dem ich mich demnächst noch ausführlicher beschäftigen werde. Eine Qualität, die ich an Dmitry Semionov ja schätze ist, dass er beim Pas de deux ganz auf seine Partnerin konzentriert ist und Präsenz entsteht dann, wenn die Partnerin das gestatten kann, wenn sie also um seine Anwesenheit weiß. Beatrice Knop kann das, Svetlana Zakharova auch, Sarah Mestrovic an dem Abend nicht, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist und zwar nicht als bewusste Entscheidung, einen bestimmten Fokus zu setzen, um einen theatralen Effekt zu erzielen. Im Schauspielerischen hatte sie dann den „richtigen“ Fokus und die nötige Autorität, die sie vorher durch die wo auch immer herrührende tänzerische Überforderung vorläufig verloren hatte.

Die Präsenz von Svetlana Zakharova an dem Abend hatte nichts mit dem Bewusstsein zu tun, ein „Star“ zu sein, sondern kam durch die Konzentration, man könnte auch sagen, durch die Sorgfalt zustande mit der sie die Bewegungen ausführte. Pedanterie in der Bewegung ist für einen Balletttänzer vermutlich das einfachste und naheliegendste Mittel, Präsenz zu erzeugen, der Bewegung einen Sinn zu geben, eine andere. Wenn Polina Semionova in Onegin auf die Spitze gegangen ist, dann war die Bewegung gedacht als: Ich will zu Onegin (hinauf) und die Bewegung sieht anders aus als bei einer Tänzerin, die das einfach nur macht, ohne an etwas Bestimmtes zu denken. Diese Fokussierung ist möglich, solange die körperliche Erschöpfung diese gedankliche Leistung nicht unmöglich macht, insofern ist für einen Balletttänzer die mechanische Technik und eine starke Kondition letztlich Bedingung, um die Präsenz aufrecht zu erhalten, weil sonst die bloße Anstrengung der Bewegung die mentale Energie wegfrisst und dann ist Präsenz nicht mehr möglich. Die Präsenz fügt einer Bewegung etwas hinzu, insofern kann es sich ein Tänzer nicht leisten, zu sehr mit der mechanischen Bewegungsausführung beschäftigt zu sein. Man sieht es einer Tänzerin an, wenn sie daran zweifelt, ob sie die 32 fouttées in Schwanensee hinbekommen wird. Svetlana Zakharova kann sich auf die Mechanik ihres Körpers verlassen, also hat sie ihre mentale Energie zur Verfügung, um Präsenz zu erzeugen und absichtlich zu steuern. Sie könnte die mentale Energie auch darauf verwenden, während der Performance daran zu denken, wann ihr Flug nach Russland geht, ob ihr Hotelzimmer gut geheizt ist, was sie nach der Aufführung essen will, wie das Publikum reagieren wird, ob die Presse sie gut finden wird oder nicht, all das tut sie nicht, sondern sie ist da auf der Bühne und nur da, in der Gegenwart und das kann man sehen. An dem Abend ist Dmitry Semionov der einzige, der sich da konzentrationsmäßig zumindest in der Nähe aufhält.

Nun gut, ganz bin ich dem Geheimnis nicht auf die Spur gekommen. Möglicherweise lässt sich das Phänomen herausragender Tänzer auch nicht ganz erklären und man findet dann Worte wie Strahlkraft oder spricht von den eleganten „Linien“, die vor allem im klassischen Ballett tatsächlich eine Rolle spielen (das ist gemeint mit „Geometrie der Bewegung“). Tatsache ist, dass mit Zakharova dann doch eine besondere Tänzerin auf der Bühne stand und dass eine Tänzerin von vergleichbarem Format in Berlin fehlt (Nadja Saidakova vielleicht aber meiner Ansicht nach auf anderem Gebiet). Da das Kreativpotential der Kompanie aber nicht so gefördert wird, wie es vielleicht wünschenswert wäre (jaja, mal wieder: mehr „Shut up and dance“ Abende und eine kleine Bühne für Experimente), ist die Berliner Kompanie aber auf die „Strahlkraft“ der Tänzer angewiesen. Manchmal hilft es auch, ein Star zu sein, Selbstbewusstsein erleichtert Bühnenpräsenz schon, vielleicht war das an dem Abend das Problem von Sarah Mestrovic. Ein bisschen richtet sich meine Hoffnung im Moment auf Dinu Tamazlacaru – und Nadja Saidakova so oft sehen wie es geht. Aber seltsam, dass Zakharovas Auftritt einerseits ein Geschenk war, andererseits aber meine Aufmerksamkeit darauf lenkte, was der Kompanie seit Semionovas Weggang fehlt.

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9 Kommentare leave one →
  1. Walter permalink
    November 5, 2012 5:52 pm

    Eine Iana Salenko, die Nikia zum ersten Mal tanzt, mit einer Zakharovazu, die Nikia vielleich 200 Mal getanzt hat, zu vergleichen finde ich sehr fragwürdig.

    • November 5, 2012 6:24 pm

      hm, vielleicht… bin noch nicht ganz sicher, wann Vergleiche angemessen sind und wann nicht. Was ich weiß ist, dass ich als Zuschauer vergleiche ob ich will oder nicht und ich weiß, dass ich nach dem Zakharova Auftritt irgendwie deprimiert war – was schon seltsam ist und vermutlich mehr mit mir zu tun hat als mit den Tänzern an dem jeweiligen Abend. Es gibt ja Leute, die sagen, das Staatsballett müsste sich eben mit den „großen Kompanien“ und den da beschäftigten Tänzern vergleichen lassen, gelegentlich bin ich auch dieser Meinung, gelegentlich finde ich es ein bisschen, hm, zu kurz gegriffen immer nach tänzerischem Glamour zu verlangen. Interessant wäre es zu untersuchen, welchen Anteil das Publikum am Glamourfaktor der Tänzer hat – war Zakharova wirklich so viel besser oder haben die Publikumsreaktionen diesen Eindruck forciert und nahegelegt? Die Antwort darauf ist schwer zu finden, was ich aber auch schwierig finde, wäre eine etwas gönnerhafte: „naja, sie tanzt das ja zum ersten mal“-Haltung an den Tag zu legen. Bin nicht sicher ob das wirklich eine Rolle spielen sollte oder ob man Iana Salenko damit nicht kleiner macht als sie ist und von vornherein in die Underdog Position drängt, wo sie vielleicht gar nicht hingehört…

      PS.: davon ausgehend wäre es vielleicht auch interessant zu sehen, welche Rolle das Selbstbild der Tänzer spielt. Jemand, der im Bewusstsein ein „Star“ zu sein auftritt, tritt sicher anders auf als jemand, der ein bescheideneres Bild von sich hat. Ob der „Star“ immer die interessanteren Varianten von Rollen anbietet, kann man aber wohl bezweifeln. Es ist aber schwierig, weil die „Tänzerlegenden“ in der Balletttradition, glaube ich, schon eine große Rolle spielen und das Publikum (mich eingeschlossen) sich dann gelegentlich nach der glamourösen Aura sehnt, die es aber möglicherweise selbst dem Tänzer verleiht. Meine Frustration nach dem Zakharova Auftritt rührte, glaube ich, daher, dass in Berlin in der Tendenz dann doch Ballettabende gezeigt werden, die zu einem guten Teil auf den Tanzglamour ausgelegt sind. Ich nehme an, das ABT verfährt ähnlich und beschäftigt deshalb ausschließlich (naja, oder zumindest sehr viele) Superstars als 1. Solisten. Ich glaube aber nach wie vor, dass die künstlerische Identität einer Kompanie aus einer anderen Ecke kommen sollte. Pina Bausch hat, glaube ich, nicht mit besonders vielen Stars gearbeitet, aber die, die in der Kompanie waren, wurden dann doch durch die Zusammenarbeit besondere (wenn auch nicht unbedingt besonders glamouröse) Tänzer. Eigentlich würde ich dem Staatsballett eher einen Choreographen wünschen, der eine kontinuierliche Arbeit in der Richtung mit den vorhandenen Tänzern macht. Vielleicht hatte ich den Eindruck, dass der Zakharova Auftritt zwar irgendwie toll war, aber vielleicht auch der Schritt in die falsche Richtung, weil dem Publikum signalisiert wurde „Wir geben euch Glamour“ und ich nicht sicher bin, ob darin die Zukunft des Staatsballetts liegen kann, wenn man nicht dauernd sehr viel Geld für Tanzstars ausgeben möchte und die fest engagierten Tänzer in die „Underdog“ Position fallen.

      • Walter permalink
        November 6, 2012 6:57 pm

        Ich stimme Ihn in vielen Punkten zu, es ist auch sehr interessant wie Sie sich mit dem Geisst des Tänzers auseinandersetzen. Im Kopf entscheidet sich ob man das was man in der Lage ist zu zeigen auch auf der Bühne umsetzen kann.

        Ich hätte echt mal Lust auf ein Gespräch mit Ihnen.

      • November 11, 2012 4:51 pm

        Ich rede ja prinzipiell gern mit tanzinteressierten Menschen, gerade weil vieles für mich ein wenig rätselhaft ist und ich letztlich nur Mutmaßungen anstelle, ich schicke Ihnen oder dir (fühle mich immer zehn Jahre älter, wenn ich gesiezt werde), vielleicht am besten eine kleine Mail Betreff „argusschlaeft“, dann sind eventuelle Gesprächstermine sicher leichter zu koordinieren als über die Kommentar Funktion hier. Oder über Facebook http://www.facebook.com/thomas.lemke.397

  2. De-Nur permalink
    November 6, 2012 11:10 pm

    Ich fand es sehr interessant was sie über LB geschrieben haben aber ich finde dass Semionov hat auch wunderbar getanzt wie Zakahrova sie haben ihn kaum erwähnt
    und überhaupt er tanzt leider zu wenig so eine tolle Tänzer!

    • November 11, 2012 5:56 pm

      Naja, es ist ja ein offenes Geheimnis, dass ich eine seltsame Schwäche für den Semionov(a) Clan habe. Unter den ersten Solotänzern ist Dmitry Semionov mein Lieblingstänzer. Nach dem Bayadère Zakharova Spektakel habe ich auch Stimmen gehört, dass es „erstaunlich“ gewesen sei, wie gut Dmitry Semionov gewesen war. Ich fand’s nicht erstaunlich und fand ihn so gut, wie ich es von ihm gewohnt bin, d.h. er war sehr gut. Ich glaube schon, dass Beatrice Knop davon profitiert, dass er ihr Haupttanzpartner ist, weil sie sich da 100prozentiv auf ihn verlassen kann; und da die Partnerarbeit nach meinem Dafürhalten die Nagelprobe für jeden ersten Solotänzer ist, spielt das eine Rolle. Die Sprünge, die er gezeigt hat, mögen beeindruckend sein, aber Rainer Krenstetter als „Goldener Gott“ ist genauso beeindruckend gesprungen (bei der Aufführung davor, an dem Abend hat er das ja nicht getanzt). Dmitry Semionovs Stärke ist meiner Meilnung nach die Aurmerksamkeit, die er seinen Tanzpartnerinnen schenkt. Dass er außerdem gut springen kann ist dann eben das Sahnehäubchen, das habe ich nicht anders erwartet, wobei ich schon fand, dass die Sprünge, die er an dem Abend gezeigt hat tatsächlich kraftvoll und gleichzeitig butterweich waren. Sogar meine Ballettlehrerin fand ihn gut (während ich die arme Sarah Mestrovic gegen das vernichtende Urteil dann doch in Schutz nehmen musste, weil sie es besser kann als an dem Abend – auch wenn im Staatsballettblog von ihrer „glanzvollen“ Leistung gesprochen wird). Der Staatsballettblog hat völlig recht damit, seine Tänzer in Schutz zu nehmen, aber… Hm, dass ich jetzt über Sarah Mestrovic spreche hat vermutlich was mit meinem schlechten Gewissen zu tun, aber ich kann natürlich nur über das sprechen, was ich gesehen habe und ein bisschen Arbeit hat sie noch vor sich, wenn sie auf Zakharovas Niveau kommen will. Aber nun gut, ich bin ja überzeugt, dass Balletttänzer/Innen Kämpfer sind und sie aus dem Abend eher zusätzliche Motivation gezogen hat (hoffe ich jedenfalls).

  3. De-Nur permalink
    November 12, 2012 10:16 pm

    Danke. Ich finde dass Semionov ist der beste Tänzer in SBB und das ist schade dass er nicht so oft tanzt und nicht nur er … Er springt so hoch und weich obwohl er so groß ist das ist nicht so leicht ! Ich bin eine große fan von Neumeier Ballett schreiben Sie über die Hamburger Repertoire manchmal auch?

  4. Idua Rocra permalink
    Dezember 18, 2012 2:34 pm

    Ich habe den Abend auch erlebt und teile- mit kleineren Abstrichen- Ihre Meinung.
    Allerdings nicht in Bezug auf Semionov. In meinen Augen sind in der Weltspitze die Damen eh bei weitem besser aufgestellt. Persönlihkeiten wie Baryshnikow und Nurejew nicht in Sicht. Auch ein Oliver Matz gehört/e in diese Liga. Man schaue sich nurmal ein Interview mit diesen Leuten an. Die haben noch was zu sagen. Im Kern deckt sich das, mit dem von Ihnen angesprochenen psychologischen „Star“-Effekt.
    Semionov ist einfach nur groß und tanzt im Windschatten seiner berühmten Schwester Polina. Seine Technik ist für einen ersten Solisten an einem solchen Haus nur Durchschnitt. Die Beine etwas zu kurz und leicht krumm, die Knie und Füße selten gestreckt. Seine „Erscheinung“ mag Geschmacksache sein. Mir wirkt er viel zu unscheinbar-trotz seines Größenbonuses. DAS alles gehört aber dazu, wenn man von „Weltspitze“ spricht. Zugegebenermaßen hat er sich über die Jahre verbessert, wenngleich er nun an seinem „körperlichen“ Limit angekommen zu seien scheint. Ob er damit nun der Beste im SBB ist oder nicht- Dank mangelnder Konkurrenz.
    Malakhov freut das sicher, somit kann Semionov seiner Unterstützung auch zukünftig gewiß sein. Tamazlacaru hat es da schon viel schwerer. So ist das Leben!
    Alles ist natürlich nur meine -nicht repräsentative-Meinung.

    • August 22, 2013 12:04 am

      Mittlerweile bin ich natürlich, was das Semionov Thema betrifft, etwas verunsichert. Der Stand ist, dass er am SB gekündigt hat, dann die Kündigung zurück nehmen wollte, was Malahov verständlicherweise abgelehnt hat. Die Gesamtsituation mit Nacho Duato in the wings, ist ein wenig unübersichtlich. Ich halte ein Überleben des Staatsballetts auf möglichst hohem Niveau für Berlin als Tanzstandort für essentiell wichtig. Dass Nacho Duato es möglicherweise gelingt Polina Semionova für Gastauftritte zu gewinnen mag ein Hoffnungsschimmer sein, auch wenn ich an anderer Stelle meine Skepsis über die Intendantenentscheidung zum Ausdruck gebracht habe, vor allem wegen der Doppelbeschäftigung Berlin/St. Petersburg.
      Was Ballett betrifft sind die Auftritte von Polina Semionova und Nada Saidakova die Performances, die für mich tatsächlich bedeutsam waren, was meine Wahrnehmung von Tanz angeht. Als männliche Performer war Dmitry Semionov wichtig. Ich halte den Mann für einen sehr guten Tänzer und – was wichtiger ist – für einen sehr guten Tanzpartner für erstklassige Ballerinas. Im Moment ist am Staatsballett alles in einem eher unglücklichen Zustand des Übergangs und wir werden sehen, was daraus wird. Malakhov hat die tänzerische Qualtiät hoch gehalten, hoffen wir, dass Nacho Duato wenigstens dieser Tradition folgen wird, wenn er nicht mit der Marinsky Compagnie befasst ist…

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