Skip to content

Tanztage Berlin 2013 – Solo Project Poznan

Januar 11, 2013

Die Tanztage 2013 sind jetzt schon fast zu Ende, höchste Zeit also, über die Aufführungen zu berichten, die ich gesehen habe. Es ist das erste mal, dass ich zu den Tanztagen gehe, warum ich in den vergangenen Jahren nicht dazu gekommen bin, weiß ich nicht, entweder habe ich das Festival zu spät bemerkt oder ich musste zu der Zeit arbeiten oder es gab irgendwelche anderen Gründe, an die ich mich nicht erinnere.

Aber natürlich ist die Veranstaltung ein guter Anlass, um sich dem sogenannten zeitgenössischen Tanz anzunähern. Zeitgenössischer Tanz ist ein Oberbegriff, unter den so ziemlich alles fällt, was sich nicht den etablierten Genres zuordnen lässt, außerdem ist zeitgenössischer Tanz zeitgenössisch, was zunächst erstmal bedeutet, dass unter das Label eingeordnete Veranstaltungen irgendwas mit der Zeit zu tun haben, in der sie entstehen, ein zugegebenermaßen schwammiges Kriterium.

Im Moment ist es so, dass man in zahlreichen Publikationen allerlei darüber lesen kann, was Tanz ist, wie Tanz zu sehen ist, warum Tanz als schwierig gilt und so weiter. Meine These ist, dass Tanz eigentlich einfacher zu sehen ist als andere Theaterformen, dass wir aber, vermutlich durch die Formen von Interpretation, die in der Schule gelehrt werden, daran gewöhnt sind, in Kunst eine Bedeutung zu sehen, die außerhalb des gezeigten Werks liegt. Diese Gewohnheit betrifft alle Kunstformen, sogar die Musik, die Frage „was will uns der Autor eigentlich sagen“, die impliziert, dass er etwas anderes sagen wollte, als er gesagt hat, ist eine der Standardfragen schulischer Interpretationsmethoden, während es gelegentlich sinnvoll sein kann, besonders eine Tanzaufführung, eher wie eine Karussellfahrt zu betrachten, vor allem dann, wenn es keine narrative Ebene gibt. Sobald es narrativ wird, würde ich jederzeit dafür plädieren, aufzupassen, was einem da eigentlich erzählt wird, egal ob es um Fernsehen, Kino, Werbung, Theater oder Tanz geht.

Es geht also oft genug darum, bestimmte mentale Zusatzbeschäftigungen, die wir uns beim Betrachten von Kunst angewöhnt haben, abzustellen.

Gleichzeitig scheint es mir so zu sein, dass manche Stücke die Beschäftigung des Zuschauers mit möglicher Bedeutung unterstützen oder zumindest zusätzliche Bedeutung antäuschen. Gelegentlich würde ich auch denken, dass es vor allem für junge Choreographen, die noch ein wenig auf der Suche nach der eigenen Form sind, nützlich sein kann, sich so etwas wie eine narrative Struktur zu suchen, um sich selbst nicht im noch unausgegoren rein Formalen zu verlieren. Um Tanz als Erfahrung zu präsentieren und gleichzeitig den Zuschauer zu fesseln muss der Performer ziemlich gut sein. Die Behauptung, Tanz sei im allgemeinen so, dass es nicht um Bedeutung ginge, sondern um eine Erfahrung scheint mir schlicht falsch zu sein. Es gibt narrative Stücke und oft hält das narrative Element eine Aufführung davon ab, in zielloser Beliebigkeit zu versinken, gibt sowohl dem Choreographen als auch dem Tänzer ein Ziel, eine Basis, auf der sich dann die Form entwickeln und mit Bedeutung füllen kann.

In Interviews mit Tänzern kann man auch gelegentlich lesen, dass sie sich, auch bei abstrakten Stücken, eine Geschichte vorstellen, um ihren Tanz konzentrierter zu machen. Die Entwicklung, dass ganz auf narrative Inhalte verzichtet wird, scheint mir relativ neu zu sein und führt andererseits an die Wurzeln von Tanz zurück, zumindest dann, wenn man unterstellt, dass Tanz ursprünglich eine magische Beschäftigung war, bei der es darum ging, sich in einen Trancezustand zu versetzen, der Zugang zu anderen Bewusstseinszuständen oder anderen Realitätsebenen schaffen sollte – Julian Jaynes würde sagen, Zugang zu verlorenen Funktionen der rechten Gehirnhälfte, Schamanen und Mystiker würden sagen: Gott, Götter, Dämonen. Das Narrative war vor ein paar tausend Jahren der Sprache vorbehalten und Tanz wurde dann irgendwann benutzt, um gewissermaßen die Bilder zu liefern für eine Erzählung, die trotzdem gewusst werden musste oder tatsächlich während der Aufführung gesagt wurde. So stelle ich mir das wenigstens vor, ich bin kein Tanzhistoriker.

Tatsächlich hat Tanz immer auch die zweite, mutmaßlich ursprüngliche Funktion behalten, nur nicht unbedingt auf der Bühne, sondern dann eher bei Volksfesten, in der Disco auf der Loveparade, kurz gesagt bei der relativ ungeformten Beschäftigung, der jeder, der Lust dazu hat, nachgehen kann und die tendenziell subversiv ist, weil sie jedem eine Möglichkeit bietet, aus den Sachzwängen des täglichen Lebens auszubrechen und den Reglementierungen, denen dieses Leben unterworfen ist zu entkommen. Sinn dieser Tanzform ist es nicht unbedingt, gesehen, sondern erfahren zu werden, indem der eigene Körper mittanzt.

Die Frage, die sich ein Choreograph stellen muss, der diese Form von Tanz zeigt, ist, welchen Gewinn ein Zuschauer davon haben kann, wenn er nicht mittanzt. Die Antwort liegt auf der Hand: es geht um die Ausarbeitung der Form, die es dem Zuschauer ermöglicht, dass sich Vorgänge im Körper des Tanzenden in eine veränderten Wahrnehmung von Welt für den Zuschauer umsetzen.

Als Zuschauer merke ich, dass ich zu Beginn einer Aufführung sehr schnell entscheiden muss, ob es sich um eine narrative Aufführung handelt oder um eine Aufführung, die auf Inhalte verzichtet und versucht, mir allein durch die Form eine Erfahrung zu verschaffen. Diese Entscheidung ist notwendig, weil die Haltung, mit der ich als Zuschauer in einer Aufführung sitze entscheidend dafür ist, ob ich irgendetwas mitnehme oder nur meine Zeit verschwende.

Gelegentlich scheint es so zu sein, dass Choreographen selbst diese Entscheidung nicht oder nur halbherzig treffen. Das heißt, ich habe es an sich mit reinem Tanz ohne Erzählung zu tun, es wird aber so getan als würde etwas erzählt oder in einer Aufführung machen die Tänzer irgendwas, in der Hoffnung, dass etwas entsteht und wenn nichts entsteht ist es letztlich die Verantwortung des Zuschauers, der nicht offen genug war, um die kleinen Momente, in denen so etwas wie „Magie“ auf der Bühne entstand wahrzunehmen oder der sich nicht auf die Menschen auf der Bühne einlassen wollte. Gerade letztere Herangehensweise ist problematisch, weil sie letztlich propagiert, dass das was auf der Bühne passiert total egal ist, weil alles von der Wahrnehmung des Zuschauers abhängt. Die Grundhaltung wäre dann, dass, wenn der Zuschauer gut genug ist, der Choreograph/der Performer oder Tänzer eigentlich nichts mehr zu machen hat. Diese Haltung ist natürlich ein Irrtum und taucht in der Praxis in dem Extrem eigentlich auch nicht auf. Wenn ich versuche, als Zuschauer rauszufinden, wann eine Aufführung für mich funktioniert, komme ich aber wieder auf die gleichen Kriterien, die für mich auch im klassischen Ballett gelten: erstens Konzentration, zweitens Präsenz und drittens, das sollte ich hinzufügen, (formale) Geschlossenheit.

Es mag auffallen, dass das dritte Kriterium das einzige ist, das sich an die Choreographie wendet, während die anderen beiden sich auf den Performer beziehen. Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass ein gewisses Maß an tänzerisch/technischer Kompetenz hilfreich ist, in der Regel aber vor allem Mittel zum Zweck, d.h. tänzerische Kompetenz erleichtert das Herstellen von Konzentration und Präsenz. Meine Arbeitsthese ist vorläufig, dass alle drei Kriterien zusammen kommen müssen, damit ich eine Aufführung gut finde, das Genre ist dabei bedeutungslos. Mal sehen, wie lange die These hält.

Uff. Nach dieser ausschweifenden Einleitung ist es dann höchste Zeit, mich mit einer der Aufführungen, die ich bei den Tanztagen gesehen habe, zu befassen. Ich fange einfach mit dem meiner Meinung nach besten Abend an: dem Solo Project Poznan. Lustigerweise einer der wenigen Abende für den es noch Karten gab, vermutlich, weil das Tanzsolo ein risikoreiches Genre ist.

Insgesamt sieht man an dem Abend drei Solos, alle von Tänzerinnen und ich beginne mal meine Betrachtung mit

Solo Nummer 2 „What do you really miss“ von Marysia Zimpel

…das letztlich zu meiner langen Vorrede geführt hat. Grund dafür ist, dass ich, während ich das sah – und der Eindruck besteht nach wie vor – dachte, dass es sich vermutlich um das beste Solo handelt, das ich bislang gesehen habe. Gut, es gibt Baader und es gibt das Solo von Toula Limnaios, streng genommen wären diese beiden Aufführungen aber dem narrativen Theater zuzuordnen, während das Solo von Maryisa Zimpel sich zunächst dadurch auszeichnet, dass es tatsächlich eine irgendwie geartete narrative Projektion von Seiten des Zuschauers in keiner Weise ermutigt und trotzdem oder gerade deshalb funktioniert.

Es handelt sich tatsächlich um reine Form und Struktur und noch dazu um eine Form und Struktur, die nur und ausschließlich durch den Tanz bestimmt wird. Die Tradition, in der sich das bewegt, ist wohl am ehesten so etwas wie Lucinda Childs und ich behaupte auch mal, dass diese Art zu tanzen, da ihren Ursprung hat.

Also was passiert? Das Bewegungsrepertoire, das Marysa Zimpel zeigt, ist begrenzt, das gesamte Solo findet stehend statt, der Rhythmus wird erzeugt, indem sie gelegentlich mit ihren Nike Sneakers relativ dezente Tap Geräusche auf dem Tanzboden macht, die keinesfalls zufällig sind, wie überhaupt an dem Solo absolut nichts zufällig ist, gelegentlich werden die Tapgeräusche durch ein ähnlich klingendes Schnalzen der Zunge ergänzt, wo es nötig ist, das heißt an den Punkten, an denen der Rhythmus, der durch das gelegentliche Trippeln erzeugt wird, ergänzt werden muss. Wenn ich davon spreche, dass sich Tanz auf den Zuschauer überträgt, scheint Rhythmus ein wesentliches Kriterium zu sein. Anstatt Rhythmus könnte man auch sagen, Struktur oder eben formale Geschlossenheit, weil Rhythmus das Instrument ist, das dem Tänzer natürlicherweise zur Verfügung steht, um seine Performance zu strukturieren und zu sortieren.

Die Bewegungen, die Marysia Zimpel gewählt hat, mögen auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär sein, das heißt sie demonstriert nicht die eigene Beweglichkeit und versagt sich alles, was auch nur den Anschein von zirkushafter Artistik erwecken könnte und ersetzt das durch eine ziemlich vertrackte Komplexität, durch die eigentlich automatisch hohe Konzentration entsteht (und Präsenz, nebenbei gesagt, ist gewissermaßen ein Nebenprodukt von Konzentration). Jede Bewegung, die gezeigt wird ist folgerichtig, das kurze Auftappen mit den Füßen (ich benutze das seltsame Wort „Tappen“, weil es dabei tatsächlich eine Verwandtschaft zum Steptanz gibt), hat Konsequenzen für den Oberkörper und die Arme, für mich entsteht der Eindruck dass die Tänzerin in jedem Moment die völlige Kontrolle darüber hat, was ihr Körper macht. Es gibt eine gewisse Grundaufmerksamkeit, die sich mehr oder weniger durch jeden Körperteil zu ziehen scheint, so dass jederzeit jede Bewegung möglich scheint und damit jede Bewegung eine bewusste Entscheidung ist. Marysia Zimpel kontrolliert tatsächlich sogar ihre Haare, was ich seit Magic Vallley so nicht mehr gesehen habe. Im Verlauf der Choreographie werden die Haare durch Bewegungen des Kopfes in Bewegung gesetzt und ein wesentlicher Teil des visuellen Werts der Darbietung. Wenn man so will, handelt es sich um eine Demonstration in Bewegungskontrolle, so etwas wie totaler Tanz, der durch die selbstauferlegten Grenzen jederzeit gewissermaßen dem Willen der Tänzerin unterworfen ist. Wenn man Tanz als eine Disziplin betrachtet, die vom Tänzer eine Beschäftigung und oft genug einen Kampf mit dem eigenen Körper fordert, scheint es bei Marysa Zimpel so zu sein, dass ein perfektes Maß an Kooperation zwischen Körper und Willen (um das Wort „Geist“ zu vermeiden) erreicht wurde. Ein bisschen wirkt es so, als gäbe es im Körper selbst einen fast unbändigen Bewegungsdrang, der durch die strenge Form in klare Bahnen gelenkt wird, das Maß an Kontrolle und die komplizierten Zusammenhänge der Bewegungen ergeben dann insgesamt das Bild einer Utopie und die Utopie ist, dass es möglich ist, Frieden mit dem eigenen Körper zu schließen, etwas, was nur wenigen von uns möglich ist, da es eine der Hauptfreizeitbeschäftigung in westlichen Gesellschaften zu sein scheint, im Krieg mit dem eigenen Körper zu leben, der permanent als zu dick, zu dünn, zu krank, zu unberechenbar, zu müde, zu wach, zu was auch immer, kritisiert wird. Der Umstand, dass Marysia Zimpel ihren Körper nicht über seine natürlichen Grenzen hinausführt (keine Überdehnungen und so weiter), sondern innerhalb eines beschränkten Bewegungsradius durchexerziert, was eigentlich innerhalb dieser relativ eng gesetzten Grenzen möglich ist, scheint mir dabei ein durchaus politisches Statement zu sein, dafür, mit dem zu arbeiten, was man hat und zu entdecken, dass innerhalb gewisser Grenzen, die einem vielleicht zu eng erscheinen, trotzdem so etwas wie Schönheit möglich ist. Sie braucht dafür nicht mehr als einen Raum, ihren Körper und Schuhe mit denen man Geräusche auf dem Boden machen kann. Und es ist trotzdem oder deshalb besser als viele Performances, die mit gewaltigem Aufwand versuchen, den Zuschauer von mangelnder Substanz abzulenken.

Was mir gefällt ist die unaufdringliche Virtuosität, mit der der Tanz von Statten geht. Das Maß an Konzentration, das dafür notwendig ist, wird in einem Moment deutlich, wenn sie kurz aus ihrer Tanzkonzentration heraustritt und hinter den Tanzboden geht. Sobald sie die Konzentration verlässt, verändert sich der Körper, als würde jeder Muskel ausatmen. Der Moment ist nur kurz, danach macht sie sich wieder an die Arbeit. Es scheint so, dass sich Spannung für den Zuschauer möglicherweise auch einfach durch die Körperspannung des Tänzers herstellt und die Fähigkeit die mentale Energie komplett in den eigenen Körper fließen zu lassen. Der Umstand, dass irgendwer vergessen hat, sein Handy auszuschalten, dass ich selbst einen kleinen Hustananfall bekomme, als mir das Parfum einer vor mir sitzenden Dame in die eh schon erkälteten Atemwege gerät, scheint sie jedenfalls nicht im geringsten zu stören und der Grund dafür ist wohl, dass die Aufmerksamkeit da ist, wo sie sein muss, im Körper. Also ganz bin ich nicht dahinter gekommen, warum das so gut ist, aber, wie üblich, egal ob es sich um Marysia Zimpel oder um Svetlana Zakharova handelt, können verbale Versuche zu beschreiben, was da eigentlich vor sich geht, nicht viel mehr als eher unbeholfene Annäherungen sein.

Solo Nummer 1: Marzena Krzeminska 5-7-5 Haiku

Marzena Krzeminska, die den Abend beginnt, hat insofern einen anderen Ansatz, weil bei ihr ein Element in die Performance einfließt, das bei Marysia Zimpel keine Rolle spielt: die Emotion. Außerdem gibt es bei ihr Text, wobei man sich darüber streiten kann, ob der hier wirklich notwendig ist (es gab bei den Tanztagen andere Aufführungen, bei denen ich mir Text sehnlichst herbeigewünscht hätte, hier ist das eher nicht so).

Es ist zwar banal, aber ich sollte darauf hinweisen, dass es unterschiedliche Formen von Emotion gibt. Marzena Krzeminska entscheidet sich für eine theatral ausgesprochen ergiebige Variante, nämlich das Leiden. Für mich ist es so, dass ich momentan, vermutlich um in ferner Zukunft dann doch etwas zu Frau de Keersmakers Avignon Performances zu schreiben, Bücher über das Mittelalter lese und da die Musik, die Marzena Krzeminska gewählt hat, bisweilen einen mittelalterlich klagenden Ton hat, bewegt sich die Performance für mich in diesem Assoziationsraum, wobei das Leiden um das es geht, natürlich universell und bedauerlicherweise zeitlos ist.

Die tänzerischen Mittel sind dabei abgehackte, zuckende Bewegungen, die sich gelegentlich in fließenden Passagen wie über den Boden rollen entladen. Was selten vorkommt, hier aber so ist: das Kostüm fällt mir positiv auf. Das ganze wird mit großem Ernst getanzt. Wie Marysia Zimpel auch, tanzt Marzena Krzeminska auf hohem Konzentrationsniveau, eine Eigenschaft, die allen drei Tänzerinnen zu eigen ist und möglicherweise in Poznan so gelehrt wird, was äußerst positiv ist. Es ist erstaunlich, dass die Konzentration eines Tänzers offenbar die beste Methode ist, um Langeweile beim Zuschauer zu vermeiden. Interessant ist, dass das Element der Emotion, das Marzena Krzeminska als zentrales Element der Performance hat, sofort ein narratives Denken auslöst. Vermutlich arbeitet das Gehirn so: wo ein Gefühl ist, muss auch eine Geschichte sein, die dieses Gefühl erzeugt hat. Dabei ist es egal, ob es Weltgeschichte ist oder etwas sehr persönliches. Meine Mittelalterassoziation ist vermutlich auf meine derzeitige Beschäftigung zurück zu führen, der Titel verrät, dass die Tänzerin selbst etwas anderes im Sinn hatte. Man mag es als Nachteil von Tanz ansehen, dass sich bestimmte Inhalte und Assoziationen des Tanzenden nur schwer konkret kommunizieren lassen, aber zunächst mal würde ich behaupten, dass das für die Qualität der Performance keine Rolle spielt. Wie bei Marysia Zimpel auch, werden meine provisorischen Qualitätskriterien erfüllt und das deckt sich mit meinem Zuschauererleben, dass es sich um ein sehr gutes Solo handelt.

Nummer 3: Magdalena Ptasznik: Surface Territory

Anders als bei den anderen beiden Solos spricht das Programmblatt hier nicht von Tanz, sondern von Performance. Da mein Bericht eh schon sehr lang ausgefallen ist, verkneife ich es mir erstmal, jetzt zu versuchen zu definieren, wo die Grenze verläuft. Bei Magdalena Ptasznik ist es so, dass es nicht so sehr um kontrollierte Bewegungen des Körpers selbst geht, sondern um spezifische Handlungen in Interaktion mit der Umwelt (in dem Fall ist Umwelt: Bühne & Körper). Wenn man so will, handelt es sich gewissermaßen um eine Philosophie die so etwas wie einen kreativen oder spielerischen Umgang mit der Welt vorführt und anregt. Hauptmerkmal der Performance scheint mir auch hier eine hohe Grundkonzentration, die dazu führt, dass es keine Handlungen gibt, die irgendwie zufällig erscheinen. Selbst dann, wenn eine ausgeführte Handlung keine weiteren Folgen hat, wurde vorher doch eine klare Entscheidung getroffen, etwas bestimmtes zu tun, ebenso wie dann die klare Entscheidung getroffen wird, ein bestimmtes Handlungsmuster nicht weiter zu verfolgen. Ich unterstelle damit erstmal, dass vieles in der Performance improvisiert ist. Improvisation könnte man ja als das freie Agieren im Rahmen vorgegebener Regeln definieren und je nachdem wie die Regeln sind, steigen die Chancen, dass sich etwas auf den Zuschauer überträgt. Ich nehme an, dass Magdalena Ptasznik in dem Fall einen Ablauf vor Augen hatte an den sie sich dann mehr oder weniger hält. Wie bei ihren beiden Kolleginnen überzeugt die Arbeit durch formale Konsequenz das Vermeiden unerwünschter Zufälligkeiten und eine hohe Konzentration auf die Performance Aktion auf der Bühne. Magdalena Ptasznik beschreibt im Programmheft, dass es nur um die Aktionen selbst geht, die in dem gegebenen Moment stattfinden und die nicht auf eine Bedeutung außerhalb ihrer selbst verweisen. Vielleicht liegt es an meinem erkältungsbedingt etwas vernebelten Denkfunktionen, dass das für mich an dem Abend gut funktioniert. Es scheint für Tanz und Performance eine günstige Voraussetzung zu sein, die gelernte Interpretiertaste, die viele von uns bei der Kunstbetrachtung automatisch drücken, in Ruhe zu lassen und einfach ohne Erwartungen zu sehen. Am Ende nimmt man an dem Abend bei allen drei Solostücken etwas mit.

Nun gut, ich weiß über die Solorojekte in Poznan tatsächlich nichts. Bei allen drei Stücken wird im Programmheft Ria Higler als „Mentorin“ aufgeführt. Die Projekte sind also wohl in irgendeiner Form betreut, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie diese Betreuung aussieht. Fest steht, dass am Ende sehr gute Ergebnisse dabei rauskommen und gerade was das Maß an Konzentration und Ernsthaftigkeit betrifft, merke ich, dass ich das bei anderen Aufführungen gelegentlich vermisse und der Wert der Haltung zur eigenen Arbeit häufig genug unterschätzt wird, eine Falle in die die drei polnischen Tänzerinnen nicht tappen. Ziemlich beeindruckend und gut.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: