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Tanztage Berlin 2013 – Dani Brown How do you imagine the devil – Willy Prager Victory Day

Januar 13, 2013

Der Samstagabend. Dani Browns „How do you imagine the devil“ und Willy Pragers „Victory Day“. Keine der beiden Aufführungen würde bei mir unter das grobe Label „Tanz“ fallen, auch wenn es vereinzelt geformte Bewegungen gibt, die die Aufführungen zumindest in eine gewisse Nähe zum Tanz rücken.

Behelfsmäßig würde ich also als Genrezuordnung den Gummibegriff der Performance wählen, wobei Dani Brown tendenziell eine Textperformance ist, während bei Willy Prager & seinen Mitstreiterinnen eher gewisse Aktionen den Abend bestimmen.

Also der Reihe nach:

Dani Brown „How do you imagine the devil“

Es wird viel geredet, gelegentlich in nicht ganz verständlichen amerikanischen Slangs, die Struktur des Abends, wenn ich das richtig verstanden habe, ist wohl so, dass Dani Brown in unterschiedliche Rollen schlüpft – vier, wenn ich mich richtig erinnere – und die Grundannahme ist, dass es sich dabei um unterschiedliche Manifestationen des Teufels handelt und vielleicht ist es eine gewisse Gegenposition zur fundamentalistischen religiösen Rechten oder zu Josef Ratzinger, dass diese Manifestationen alle denkbar harmlos sind. Am lustigsten sind eigentlich die Phasen der Metamorphose, in denen Dani Brown gurgelnde Laute von sich gibt, die einen an diverse Exorzismusfilme erinnern und in der Überdrehtheit tatsächlich so etwas wie Besessenheit suggerieren. Davon ausgehend, kann man, wenn man will, darüber philosophieren, inwieweit es sich bei dem Zustand, in dem sich ein Performer befindet, sobald er auf einer Bühne ist, nicht um eine Form von Besessenheit handelt, obwohl ich das Wort dann eigentlich für unpassend halte. Ich bin auch nicht sicher, ob die Grundannahme einen weit führt.

Es ist sicherlich so, dass die Trennung zwischen Zuschauer und Performer den Performer in eine (selbstgewählte) exponierte Lage versetzt, die dann mit gewissen körperlichen Begleiterscheinungen wie Lampenfieber und einer erhöhten Konzentration verbunden ist. Das mag damit zusammen hängen, dass es aus Urzeiten ein gewisses Unwohlsein gibt, sobald man aus der Gruppe (in dem Fall die anonyme Zuschauermasse) ausgeschlossen ist. Dani Brown geht dann das Problem auch erstmal so an, dass sie das Publikum durch Abstimmung per Handzeichen dazu bringt, sich gewissermaßen auf ihr Spiel einzulassen. Das läuft so, dass sie gewisse Aussagen über sich sagt und die Zuschauer sollen abstimmen, ob die Aussage wahr oder falsch ist. Nun gut, ich selbst bin oft genug etwas skeptisch, was derartige Taktiken betrifft, weil es oft genug darum geht, dass der Zuschauer gewissermaßen zum aktiven Teil der Performance gemacht wird, so dass ein sachliches Urteil erschwert wird. Gleichzeitig verstehe ich natürlich die Angst des Performers vor dem Publikum sehr gut und es ist eigentlich Geschmackssache, ob man Aufführungen bevorzugt, in denen ein Performer einfach sein Ding durchzieht, wie beim Soloabend aus Poznan oder ob der Performer versucht, ein Bündnis mit dem Publikum einzugehen. Letzterer Ansatz ist etwas risikoreicher, weil das Publikum an sich natürlich immer etwas unberechenbar ist und Alkohol, der das Publikum gefügiger machen könnte, wird in der Aufführung erst später ausgeschenkt.

Die Taktik ist natürlich alles andere als neu. Als Kind war ich mal bei einer „Wetten dass…“ Sendung, damals noch mit Frank Elstner und vor einer Fernsehlivesendung findet etwas ähnliches statt. Der Leiter der Show tritt vor das Publikum reißt ein paar Witze, gibt Handlungsanweisungen, verkumpelt sich mit dem Publikum, indem er beispielsweise auf regionale Herkunft verweist o.ä. und das Ziel ist natürlich, das Publikum in freundliche Stimmung zu versetzen. Als Kind hat mich das nicht gestört, aber mit zunehmendem Alter befällt mich eigentlich immer ein gewisses Unwohlsein, wenn ich merke, dass ich gerade als Teil einer Masse manipuliert werde. Das führt sofort dazu, dass ich mich der Performance eher verschließe statt öffne. Mag sein, dass das mein Problem ist, aber wenn ein Performer nur solche Typen wie mich im Publikum sitzen hat, wird er mit den Versuchen der Mobilmachung einige Probleme haben. Natürlich ist das alles harmlos und dient letztlich einer friedlichen Kommunikation. In diesem Fall ergibt die Zuschauereinbindung natürlich Sinn, weil es dem Titel nach um den Teufel geht und die Manipulation einer Menge könnte man ja in diesen Kontext einordnen.

Sollte ich allerdings die im Titel gestellte Frage beantworten, würde ich vermutlich mit den Schultern zucken und sagen, dass mich das eigentlich nicht übermäßig interessiert. In meinem Verständnis ist der Teufel eine historische Sprachfigur, die vor allem den Zweck hatte, bestimmte Machtverhältnisse zu zementieren, indem er den „Feind“ repräsentierte und ihm jedes Verhalten zugeordnet wurde, das für die bestehenden Machtstrukturen bedenklich war. Kann sein, dass er diese Funktion heute auch noch hat. Im Tarot gibt es eine Karte, die der Teufel heißt und die Unfreiheit, Manipulation und falsche Wahrnehmung repräsentiert. Wenn ich meinem momentanen Hobby nachgehe, alles mit Julian Jaynes in Zusammenhang zu bringen, würde das wohl die oben genannten Definitionen tendenziell wenn auch mit erweitertem Überbau bestätigen.

Ich mag darauf verweisen, dass es spätestens seit dem Mittelalter eine Beziehung zwischen Tanz und dem Teufel gibt, was dazu führte, dass Tanz gelegentlich von der Kirche verboten wurde. Bei Barbara Tuchmann kann man nachlesen, dass im 14. Jahrhundert tanzende Horden durch die Gegend gezogen sind, die alle Anzeichen dämonischere Besessenheit zeigten und die Priester durften dann fleißig exorzieren, um all das geht es aber bei Dani Brown nicht und ich kann mir wohl einen Wolf schreiben, am Ende bleibt dann nur eine ganz nette, durchaus kompetent vorgetragene aber nicht übermäßig interessante Performance.

Willy Prager – The Victory Day

The Victory Day ist nicht ganz so textlastig wie HDYITD, es scheint passend, dass beide Veranstaltungen an einem Abend stattfinden, und ich würde mal sagen, dass Victory Day die interessantere Veranstaltung ist, was ich schon daraus schließe, dass ich irritierte Blicke erntete, als ich danach einem Bekannten sagte, dass ich das gut fand.

Also Willy Prager nähert sich mit seinen Mitstreiterinnen Iva Sveshtarova und Jee-ae Lim dem Thema der Revolution an. Willy Prager kommt wohl aus Bulgarien und man kann in diesem Kontext erstmal unterstellen, dass es hier auch um ein bisschen Vergangenheitsbearbeitung geht. Die Revolution, die gemeint ist, ist die kommunistische, sozialistische, bolschewistische oder was auch immer der historisch korrekte Ausdruck dafür ist.

Wenn man nach der recht langen Umbaupause rein kommt, steht erstmal Jee-Ae Lim allein im Spotlight auf der Bühne und führt eine recht einfache Bewegung aus, indem sie die Innenkante der Füße aufstellt und gleichzeitig die Arme ein wenig anhebt. Diese Bewegung wird sie so mit wenigen Unterbrechungen den ganzen Abend lang über die beträchtliche Länge der Performance ausführen und es ist ein recht kleiner Schritt darin die in Gewohnheit verharrenden Kräfte der Geschichte zu sehen, die für jede Revolution ein gewisses Hindernis sind. Willy Prager tritt dann als Zeremonienmeister der Revolution auf und wie jede Revolution beginnt auch dieser Abend in dem Bewusstsein, bereits gewonnen zu haben, daher der Titel. Das läuft erstmal über das Singen lustiger bulgarischer Schlager, dessen Text man nicht versteht und das Publikum wird hier, wie auch bei Dani Brown dann gleich mal aufgefordert sich fleißig zu beteiligen, indem man aufstehen muss, die Hand heben, aufs Herz legen und so. Man mag es Willy Pragers Showmasterqualitäten zuschreiben, dass beim zweiten Versuch tatsächlich alle stehen und den Unfug mitmachen. Wie so oft gibt es ja vor allem zu Beginn einer Performance eine gewisse Unsicherheit, ob man es möglicherweise mit völligem Schwachsinn zu tun bekommt, bei dem man eigentlich nicht mitmachen will. Aber in dem Fall scheint es mir so zu sein, dass es tatsächlich und auf recht konsequente Art, gelingt, die Struktur einer Revolution nachzuvollziehen.

Iva Sveshtarovas Aufgabe besteht vor allem darin, die revolutionären Aktionen von Prager durch begeistertes Wiederholen von Slogans und cheerleaderhafter Verstärkung zu unterstreichen, eine Anstrengung, die dann gelegentlich versandet und darauf aufmerksam macht, dass die Begeisterung eben künstlich ist, gewollt und irgendwann die bloße Langeweile ob dauernder Wiederholungen dazu führt, dass man sich eigentlich lieber anderen Dingen zuwenden würde. Die anfängliche Begeisterung weicht einer seltsamen Müdigkeit, Aktionen werden begonnen und eingefroren, wiederholt, wieder eingefroren, als gäbe es schon die Ahnung, dass das alles eigentlich zu nichts führt. Die Revolution wird letztlich auf mimische und gestische Klischees runtergebrochen und auch, wenn in der Performance dem in dem Fall marxistisch geprägten, antikapitalistischen Anfangsimpuls eine inhaltliche Berechtigung zugestanden wird (wenn der Zuschauer sich dafür entscheidet), ist die eigentliche Aktion leer.

Der Ruf nach spektakulären Effekten ist dann nichts weiter als der Versuch, diese Leere, eben ähnlich wie in einer Fernsehshow – sagen wir Musikantenstadl – zu kaschieren, durch ferngesteuerte Autos und Hubschrauber simulierte Aufgeregtheit ist dabei ebenso Teil des Spiels wie Tomaten, die auf die Bühne gerollt, dann ins Publikum geworfen und vom Publikum wieder auf die Bühne geworfenen werden, in die man dann alles mögliche hineininterpretieren kann, meinetwegen die Opfer einer revolutionären Aktion, da ein paar der Tomaten dann doch zertreten werden.

Anfang des Jahres habe ich in der Volksbühne mal wieder Gob Sqad gesehen, beim Versuch, Andy Warhols Factory wiederzubeleben. Dabei war bemerkenswert, dass offenbar davon ausgegangen wurde, dass die Zeiten vorbei sind, was insofern eine seltsame These war, weil eigentlich nicht mal versucht wurde, ernsthaft etwas ähnliches zu erzeugen. Die „spontan“ auf die Bühne geholten Zuschauer wurden jederzeit per Anweisungen über Kopfhörer kontrolliert und manipuliert und anders als Andy Warhol waren Gob Squad jederzeit darum bemüht, möglichst keine Spontaneität oder ungeplante Aktion aufkommen zu lassen.

Bei Willy Prager ist es so, dass die Performer tatsächlich in Momenten die Kontrolle über die Performance komplett aufgeben, indem sie beispielsweise für mehrere Minuten die Bühne verlassen und einen Ghettoblaster auf die Bühne stellen, was dazu führt, dass ungefähr die Hälfte der Zuschauer den Saal verlässt, entweder weil sie denken, die Performance sei zu Ende oder weil sie schlichtweg genervt sind vom wachsenden Chaos und der Richtungslosigkeit der Performance. Aber gerade in dieser Richtungslosigkeit, im ziellosen Aktionismus gelingt es hier im Zuschauer (jedenfalls ist das bei mir so) ein Gefühl dafür zu erzeugen, wie revolutionäre Aktionen sich totlaufen.

Im Scheitern der theatralen Form, die letztlich eben nicht zu so etwas wie einem abgeschlossenen Ganzen kommt, liegt hier der eigentliche Trick, weil in der Struktur des Abends die Bewegung gewisser historischer Revolutionen nachvollzogen wird. Die Risiken, die dabei eingegangen werden, nämlich dass sich die Zuschauer vom Bühnengeschehen abwenden, scheinen mir dabei aufzugehen und am Ende steht tatsächlich ein gewisser Erkenntnisgewinn.

Man kann davon ausgehend dann seine eigene Haltung zu Revolutionen überprüfen und sich mit Fragen befassen, wie: inwieweit ist gesellschaftliche Veränderung überhaupt möglich, wenn auch die antikapitalistische Bewegungen letztlich an den Regeln des Showbiz zerbrechen. Nachdem die Show zu Ende ist, ist es jedenfalls höchste Zeit, nach Hause zu gehen, und sich das Dschungelcamp anzuschauen – okay, das habe ich nicht gemacht, aber es wäre eigentlich die konsequente Anschlussbeschäftigung gewesen.

Post Scriptum 17. Januar 2013: gelegentlich lese ich ja meine Auslassungen nach Veröffentlichung noch mal und falls Missverständnisse aufkommmen sollten: Ich halte „Victory Day“ tatsächlich für eine sehr gute Performance. Ich glaube, dass alle Reaktionen, die ich beschrieben habe, absichtlich erzeugt wurden und dass die ambivalente Reaktion des Publikums letztlich die Absicht der Perfromer genau spiegelt. Sehr, sehr gute Performance, gerade weil Risiken eingegangen werden, gerade weil das Publikum selbst, ob es will oder nicht Teil der Performance wird, auch dann, wenn es den Saal verlässt.

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