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Colette Sadler – Variations #1 (on order and anarchy)

Februar 2, 2013

Ich bin nicht sicher, ob es immer gut und sinnvoll ist, Titeln von Stücken übermäßig viel Beachtung zu schenken. In dem Fall scheint es aber angemessen, darauf hinzuweisen, dass der Untertitel „on order and anarchy“ ein bisschen überraschend ist. Das übliche Begriffspaar wäre ja „order and chaos“, womit zwei gegensätzliche Formprinzipien (okay, chaos beschreibt theoretisch die Abwesenheit von Form, was in der Praxis nicht auftaucht) benannt werden, insofern liegt der Schluss nahe, dass es einen spezifischen Grund gibt, statt „Chaos“ „Anarchy“ zu wählen, die Anarchie ist ja ein politisches Konzept (kein Formprinzip), wenn man so will eine der gesellschaftlichen Organisationsformen, die bislang noch nicht erfolgreich in die Tat umgesetzt wurden, was einiges über Menschen in sozialen Zusammenhängen aussagt. Das vielleicht aufschlussreichste, was ich dazu mal gesehen habe fand tatsächlich in einer Talkshow statt, als ein Philosoph, der sich selbst als Anarchist und bezeichnete (und meiner Meinung nach auch einer war) eine Diskussion mit dem Talkshowleiter führte, in der er die These vertrat, dass er von einer Gesellschaft träumt, in der jeder eigenverantwortlich das tut, was er mit seinem Leben tun möchte, ohne dass irgendjemand ihm vorschreibt, was er darf oder nicht darf. Der Talkshowleiter fragte daraufhin: wie soll das denn gehen? Und der Philosoph machte ihn darauf aufmerksam, dass er offenbar kein Wort von dem verstanden hatte, was er gerade gesagt hatte. Um es kurz zu machen, Anarchie ist die gesellschaftliche Organisationsform, in der jeder seine eigene Autorität ist, in der es keine Befehlsstrukturen gibt, sondern jeder ohne Beschränkungen sich selbst verwirklichen kann, wie man so schön sagt. In der Praxis begegnet einem Anarchie eher als Übergangsphase nach dem Zusammenbruch eines beliebigen Herrschaftssystems und Darwinisten haben da in der Regel ein Freudenfest, weil es dann knallhart um das Überlegen des Stärkeren geht.

Anarchie geht eigentlich von der freundlichen These aus, dass der Mensch gut ist und dass repressive Strukturen unsere Spezies erst in moralisch fragwürdige Verhaltensweisen (also Mord und Totschlag) hineintreiben. Die Annahme ist, dass, wenn diese Strukturen wegfallen, es auch keinen Grund mehr gibt, übermäßig gewalttätiges Verhalten an den Tag zu legen. Ob das so ist, weiß ich nicht, mir kommt es gelegentlich so vor, dass die meisten Leute sich in einem System, in denen einem möglichst genau gesagt wird, wie man zu leben hat, ziemlich wohl fühlen. Eigenverantwortung ist anstrengend, ich stelle für mich fest, dass ich mein Leben theoretisch selbstbestimmter leben könnte, mich aber lieber in der Gemütlichkeit der Konventionen niederlasse.

Sehr viel schwieriger ist der Begriff der „Ordnung“, weil man das erstmal definieren muss. Es gibt alle möglichen Ordnungen, im allgemeinen würde ich sagen, dass Ordnung ein Muster im Raum oder in der Zeit benennt. Ordnung stellt sich im allgemeinen durch Wiederholung gewisser Elemente her und wenn es keine Wiederholung gewisser Elemente gibt, dann ist das das Kennzeichen oder die „Ordnung“ der Struktur. In der Definition gehe ich davon aus, dass Unordnung für das menschliche Gehirn nicht wahrnehmbar ist und im Universum eigentlich nicht vorkommt. In der Definition wäre „Veränderung“ ein ordnendes Prinzip. Es mag sein, dass ich damit den Begriff unbrauchbar mache, aber im Moment schreibe ich das natürlich im Hinblick auf meine Wahrnehmung als Zuschauer bei einer Veranstaltung im Genre „zeitgenössischer Tanz“.

Bei zeitgenössischem Tanz hat man es ja gelegentlich mit „unordentlichen“ Veranstaltungen zu tun und wenn man dabei zuschaut, kann man außerdem seinem Hirn dabei zuschauen, was es macht und mein Hirn sucht und findet immer Ordnung und Struktur. Gut, manchmal interessiert mich diese Ordnung nicht besonders, aber mein Geist arbeitet so, dass ich Muster sehe, auch wenn sie vom Choreographen in keiner Weise beabsichtigt sind.

Bei „Variations #1“ läuft das so, dass ich ungefähr eine halbe Stunde lang mit dem Thema im Geiste zuschaue und die Elemente, die auf der Bühne vorgestellt werden in das Thema einsortiere. Zwei Ansammlungen von Bauklötzen (Wiederholung als Kennzeichen von Ordnung) liegen rum und im Laufe des Abends werden damit zwei unterschiedliche Strukturen gebaut: eine linear in die Höhe als Turm, die andere Struktur  schlängelt sich auf Bodenhöhe in den Raum. Die beiden vorgestellten Formprinzipien kann man dann mit allerlei Begriffen belegen, männlich (linear) weiblich (wellenförmig) und man stellt fest, dass die Strukturen sich möglicherweise weniger unterscheiden als man denkt, die Wellenstruktur vollzieht letztlich auf der horizontalen Ebene eine ähnliche Struktur nach wie der Turm auf der vertikalen Ebene. So oder so kommt man nicht darum herum, dass es sich bei beiden Strukturen um eine Art handelt, den Raum zu besetzen und man mag sagen, dass beide Prinzipien ordnen, während die Bauklötze vorher weitgehend unordentlich, wenn auch auf einem Haufen, im Raum lagen. Ordnung, so scheint es, bedingt ein ordnendes Prinzip, das die Ordnung will, möglich dass dadurch die Vorstellung eines Gottes als Ordnungsprinzip des Universums so nahe liegt, Ordnung legt die Vorstellung einer hinter der Ordnung stehenden Intelligenz nahe. Mir fällt jedenfalls auf, dass ich Ordnung nicht ohne Autorität, die die Ordnung auf irgendeine Art veranlasst denken kann.

Im Fall der Bauklötze sind die Tänzer diese Autorität. Der Abend legt außerdem den Schluss nahe, dass, wenn ein wie auch immer gearteter Willen aktiv wird, nur Ordnung entstehen kann und Colette Sadler hat sich letztlich eine unlösbare Aufgabe gestellt, wenn sie etwas anderes als das zeigen will und vielleicht ist gerade das aufschlussreich. Es scheint so zu sein, dass vor allem die zwei Musiker sich redlich bemühen, möglichst chaotische Töne zu produzieren, aber natürlich sind die Töne nicht chaotisch, sie verlassen die Konvention, was ziemlich toll, gelegentlich auch für die Ohren etwas schmerzhaft ist, aber sie verlassen in meiner Wahrnehmung nicht das Prinzip der durch einen Willen erzeugten Ordnung. Der Zusatz „in meiner Wahrnehmung“ ist dabei relativ wichtig, weil ich glaube, dass man mit einer etwas enger gefassteren Definition von Ordnung zu anderen Ergebnissen kommt, mich interessiert aber gerade der Gedanke der Unmöglichkeit von Unordnung und muss dabei natürlich auch sagen, dass der Begriff der Unordnung von mir in die ganze Sache gebracht wird – wie schon gesagt benutzt Colette Sadler den Begriff Anarchie und Anarchie ist so oder so eine Ordnung oder Form gesellschaftlicher Organisation, auch wenn der einzige dafür notwendige Konsens der Glauben an die Gutartigkeit der menschlichen Natur ist.

Was das tänzerische betrifft, beginnt der Abend relativ zahm, soll heißen die Tänzer (drei Jungs und eine Dame) tanzen sich erstmal ein bisschen warm. Die Bewegungen folgen dabei, so ich das sehen kann, einem im zeitgenössischen Tanz gängigen Prinzip, dass die Bewegung von einer spezifischen Stelle im Körper initiiert wird und der Rest folgt, soweit ich das beurteilen kann. Ich mache so was ähnliches gelegentlich zu Hause, wenn ich keine Lust auf Yogadrill oder Pliés üben habe, das sieht dann so aus, dass ich mich auf den Boden setze und warte, welcher Körperteil gerade Lust hat, sich zu bewegen und daraus entsteht dann eine Art Tanz, der bei mir natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, was für die Öffentlichkeit vermutlich ganz gut ist. Aber davon ausgehend ist es so, dass in dieser Form der Bewegung man den Körper machen lässt, was er will und der Körper, das versteht sich von selbst, folgt gewissen anatomischen Notwendigkeiten und Beschränkungen (hm, möglich, dass man Ordnung auch mit dem Begriff der „Beschränkung“ ziemlich gut definieren könnte – Unordnung wäre dann gewissermaßen ein entgrenzter Zustand, während Ordnung durch das Setzen von Grenzen oder Beschränkungen entsteht), wodurch sich automatisch eine Form oder Ordnung ergibt.

So wie ich es gesehen habe, geht es vor allem in der ersten halben Stunde des Abends darum, bei den Performern den ordnenden Willen möglichst auszuschalten. Die Tänzer rennen erstmal über die Bühne, was sie vermutlich erstmal aus dem Tanzmodus herausbefördert und bei dem Drummer kann man dann ganz gut sehen, dass er bevor er auf ein mit einem Tischtuch bedecktes Becken eindrischt zuckende Vorbereitungsbewegungen macht. Der geistige Willen, der einer vorher geplanten musikalischen Performance zugrunde liegt, wird gewissermaßen ersetzt durch den Willen des Köpers.

Die Sache ist hier, dass die Aufführung da natürlich gewissen Konventionen des zeitgenössischen Tanzes folgt. Die Frage der Autorisierung auch in Abgrenzung zum klassischen Ballett spielt da ja eine große Rolle, also was macht ein Tänzerkörper, wenn er erstmal keiner vorgegebenen „Schule“ oder „Technik“ folgt. Die Antwort ist komplex, einerseits gibt es dann überraschenderweise eine Flucht in eine Technik hinein. Jeder Tänzer, wenn er Profitänzer ist (und alle vier Tänzer sind deutlich erkennbar Profitänzer), hat eine Technik und der Körper lässt diese Technik nicht zurück, möglicherweise weil sie Sicherheit gibt und Sicherheit hat natürlich auch einen Wohlfühlfaktor und ich bin nicht sicher, ob die Tänzer oder Musiker diesen Wohlfühlbereich während der Aufführung tatsächlich verlassen, denn da kämen wir dann in den Bereich, in dem die Freiheit, die für ein gelungenes anarchistisches System notwendig ist, ungemütlich wird und ein neuer Spieler namens Angst betritt das Feld. In Variations #1 wird dieser Spieler aber außen vor gelassen und vielleicht sagt das mehr über das gesetzte Thema aus, das im Programmblatt noch konkretisiert wird als „Wie finde ich Sicherheit in existentiell unsicheren Zeiten?“ Man findet Sicherheit im ausgebildeten Körper, in der Form, der Ordnung. Eine Zeit, in der Angst das Hauptinstrument von Herrschaft ist (Schweinegrippe! Eurokrise! Klimawandel!) ist keine gute Zeit für Anarchie, deren notwendige Voraussetzung eine angstfreie Gesellschaft mit angstfreien Individuen ist. Also nimmt man die Sicherheit, die man kriegen kann, das, was man gelernt hat und zieht sich das als schützenden Mantel über.

Ich weiß nicht genau wie dann in der Aufführung was genau passiert, damit das Ding nach langem und manchmal etwas ermüdendem Anlauf abhebt. Mein Verdacht ist, dass die Gemütlichkeitszone allmählich erweitert wird. Sie wird nicht verlassen, aber die Möglichkeiten, die in den gegebenen Grenzen möglich sind, werden immer mehr ausgereizt und als einer der Tänzer dann ein ziemlich erstaunliches Solo tanzt, merke ich, dass ich vermutlich schon seit ein paar Minuten Sachen sehe, die ich so noch nie gesehen habe, sowohl tänzerisch als auch musikalisch. Die Handhabung der Instrumente durch die Musiker ist erstmal so, dass da versucht wird, Klänge zu erzeugen, die man nicht unbedingt mit diesen Instrumenten verbindet und dann tauchen da aus dem expressiven Klang Momente tatsächlicher unerwarteter Schönheit auf. Das Tanzsolo ist dann auch so, dass es tatsächlich mal etwas anderes ist als die zeitgenössischer Tanz Muster, die man vorher gesehen hat und ich habe den Eindruck, dass der Körper da an andere Orte geführt wird als die, die man schon so oft in den Tanzsälen Berlins gesehen hat. Vielleicht entsteht dann in dem Moment tatsächlich etwas, was dem anarchistischen „eigenen“ nahe kommt.

Vielleicht ist es so, dass die anarchistische Utopie tatsächlich nur aus der sicheren Basis einer verlässlichen Ordnung heraus wachsen kann. Ich habe das Stück nur einmal gesehen und das wäre alles nochmal zu überprüfen, aber ich habe den Verdacht, dass genau das da dann im Laufe des Abends passiert, jedenfalls habe ich nach der Aufführung das Gefühl, die Tänzer und Musiker besser zu kennen als in dem Moment, da sie zum ersten mal auf die Bühne gekommen sind – das ist nicht immer der Fall und für mich immer ein Indiz dafür, dass da tatsächlich etwas „eigenes“ eingebracht wurde. Sehr interessant, in der Behandlung des Themas sehr komplex und, naja, ich mag sowas ja.

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