Skip to content

Foreign Affairs – Angelica Liddell / Yo no soy bonita

Juni 28, 2013

Die Festivalsaison hat begonnen. Foreign Affairs, letztes Jahr noch im Herbst, wurde vorverlegt, vernünftigerweise mag man sagen, weil so die beiden Theater und Tanzfestivals in den Theaterferien stattfinden und nicht in Konkurrenz zum regulären Spielplan der Subventionstheater stehen.

Über die seltsamen kulturpolitischen Absonderlichkeiten was Tanz im August und Foreign Affairs betrifft, will ich mich lieber nicht äußern. Zu Angelica Liddells „Yo no soy bonita“ will ich mich eigentlich auch nicht äußern, aber da ich so lange nichts mehr geschrieben habe, versuche ich mal den ein oder anderen hoffentlich sinnvollen Gedanken dazu in den Computer zu tippen. Erstmal: es macht keinen Spaß, sich das Stück anzuschauen und ich würde niemanden ehrlicherweise empfehlen, sich das anzutun. Es ist nicht so, dass der Spaßfaktor für mich ein entscheidender im Theater ist, Brett Baileys Exhibit B hat letztes Jahr auch keinen Spaß gemacht, aber ich hätte jedem empfohlen, reinzugehen, weil man dabei etwas über sich erfährt, was man ohne die Performance nicht erfahren hätte.

Bei Angelica Liddell ist das eher nicht der Fall. Es geht um sexuellen Missbrauch, hauptsächlich, wenn ich das richtig verstanden habe. Liddell ist dabei das Opfer, ob sie das Geschilderte tatsächlich erlebt hat oder versucht, das Thema gewissermaßen Method Acting und Method Writing mäßig zu bearbeiten, scheint dabei nur bedingt relevant. Meine These ist, dass es sich mit sexuellem Missbrauch so verhält wie mit jeder anderen unschönen Erfahrung, die Menschen in der Begegnung mit anderen Menschen machen können: entweder sie finden es in sich, irgendwann zu vergeben, dem Täter und sich selbst und die Opferrolle hinter sich zu lassen oder sie zerbrechen an der Erfahrung. Bei Angelica Liddell bekommt man dann vorgeführt, wie das Zerbrechen ungefähr aussehen kann.

Es gibt ja gerade bei Missbrauchfällen die These, dass jeder Täter einmal Opfer in einer Situation war, die er jetzt wieder mit umgekehrten Rollen erzeugt. Ob das in der Absolutheit, in der das gelegentlich postuliert wird, stimmt, weiß ich nicht, gelegentlich kommt mir der Gedankengang ein bisschen zu einfach vor und er hat den Nachteil, dass jedem Opfer mehr oder weniger eine zumindest potentielle zukünftige Täterschaft unterstellt wird. Es scheint aber bei schmerzhaften Erfahrungen die Tendenz des Opfers zu geben, den Schmerz in irgendeiner Form weiter zu geben, entweder in der Hoffnung, ihn so loszuwerden oder in der Hoffnung, ihn zu teilen, der Täter wird gewissermaßen Täter, damit er als Opfer nicht mehr allein ist. In diesem Kontext mag es eine relativ gesunde Art sein, den Schmerz in einer Performance auszudrücken, gewissermaßen soll man als Zuschauer den Schmerz nachempfinden. Da Angelica Liddell einem ihren Schmerz aber mit ausgefeiltem Selbstmitleid ins Gesicht schlägt und sich in ihrem Opfersein genussvoll suhlt, fühle ich als Zuschauer eigentlich nicht viel mehr als eine moderate Genervtheit, die Zeichen eines sehr einfachen Abwehrmechanismus ist: sobald Angelica Liddell die Bühne betritt und anfängt rumzukrakelen, grenze ich mich ab. Ich setze mich weder analytisch mit dem Thema auseinander, noch empfinde ich Mitleid, wenn sie sich mit einer Rasierklinge die Knie aufritzt oder sich an erhitzer Milch etwas übertrieben theatral die Finger verbrennt. Ich bin auch nicht betroffen darüber, dass sie Männer und die meisten Frauen, vor allem wenn sie „dumme, blonde Schlampen“ sind, hasst. Mein Gedanke ist dann eher, dass da eine Frau ist, die eine Scheißerfahrung wiederholt gemacht hat, dass  ich ihr nicht helfen kann, außer dass ich da sitze und das ganze gewissermaßen bezeuge. Dafür scheint das Publikum an diesem Abend da zu sein: etwas zu bezeugen. Das ist schön und gut, gleichzeitig kommt es mir nicht so vor, dass ich dafür normalerweise Geld bezahlen würde, eher ist es so, dass ich, da ich etwas für die Performerin tue, indem ich mir das anschaue, während die Performerin mir nur Dinge gibt, die ich nicht haben will, die ich ihr abnehmen soll, eigentlich für die Dienstleistung die ich dann als Zuschauer erbringe, bezahlt werden sollte.

So kotzt sich Angelica Liddell ungehemmt aus, ohne dass es Erleichterung bringen würde, weder ihr noch dem Zuschauer. Ihr Traum von einer guten Beziehung ist es, Sex mit einem Pferd zu haben und ich bin nicht sicher, ob sie an dem Punkt weiß, dass es bei dem scheinbaren Versuch den angeblich grundsätzlich verrohten und bösartigen Männern zu entgehen, nur um einen weiteren Traum davon handelt, den Missbrauch zu wiederholen, den unkontrollierbaren, animalischen Partner, der sein Opfer als Mensch nicht wahrnimmt. An dem Punkt ist nicht ganz klar, wer Täter und Opfer ist, ob das zum Täter auserkorene, begehrte Pferd nicht in Wahrheit wie das Publikum auch Opfer von einem Missbrauchstheater wird, das Pferd tut einem jedenfalls leid, schon deshalb weil es eben auch den ganzen Abend auf der Bühne stehen muss und sich deutlich unwohl dabei fühlt.

Gelegentlich kommen Zweifel auf, wie ernst Angelica Liddell das Ganze tatsächlich meint, wenn sie in einem kleinen Film ein Bett und ein Andreaskreuz durch eine Steppe trägt, bekommt das ganze in seiner Jesushaften Opferikonographie etwas (unfreiwillig?) komisches. Es könnte interessant sein, sich den Abend unter dem Aspekt anzuschauen, wann die Over the Top Performance ins Komische umschlägt und warum. Ist es lustig, wenn sie mit Brot das Blut von ihren Beinen abwischt und dann isst? Sehr katholisch. Oder geht es nur um einen kleinen Schockfaktor, wie in der neueren Frauenliteratur „Twilight“ und „Fifty Shades of Grey“? Vermutlich ist das für jeden Zuschauer anders. Die Frage, ob etwas daran lustig gemeint ist, kann man dabei möglicherweise auch außen vor lassen, letztlich ist die Wahrnehmung des Zuschauers absolut, egal was der Künstler eigentlich sagen wollte. Ebenso interessant könnte es sein, sich anzuschauen, wann Angelica Liddell selbst den männlichen Gestus, den sie eigentlich kritisiert übernimmt, jemand der auf der Bühne steht ist ja kein Opfer, auch wenn er sich mit aller Kraft so darstellen will. Alles was auf der Bühne geschieht ist die Entscheidung des Performers, dass man sich gelegentlich als Zuschauer missbraucht fühlt, ohne dass man irgendeinen Gewinn davon hätte, außer dass man vielleicht ein bisschen versteht, wie man sich dann als Opfer fühlt, spricht wieder dafür, dass Angelica Liddell tatsächlich versucht, die Rollen umzukehren. Aber ob man Aggression tatsächlich durch Aggression bekämpfen und austreiben kann, darf bezweifelt werden.

Was einem als Zuschauer dabei angetan wird scheint eher die Frage zu sein als die Frage, was Frauen oder Kindern durch böse Männer angetan wird. Die ganze Rollenverteilung ist zu einfach, beantwortet nicht nur nicht die Frage nach dem Ursprung von Gewalt, die Frage wird nicht einmal gestellt. Und das ist die eigentlich interessante Frage. Zu sagen: Testosteron ist zu einfach. Zu sagen: Männer Täter, Frauen Opfer ist zu einfach und es gibt durchaus Untersuchungen, dass auch im Bereich der häuslichen Gewalt Frauen keinesfalls immer die Opfer sind, egal was die Statistik sagt (weil die Fälle dann nicht in der Statistik auftauchen, eher in Männergruppen u.ä.). Die nudelholzschwingende Ehefrau taucht in der Wirklichkeit sehr viel häufiger auf, als es die öffentlichen Verlautbarungen der Politik und Kriminalstatistik, in denen die Opferrolle der Frau immer wieder bekräftigt und damit zementiert wird, uns glauben machen wollen. Das Problem scheint mir eher in gewissen Machtstrukturen zu liegen, die vielleicht katholisch, vielleicht kapitalistisch, vielleicht patriarchal sind, wobei die Rolle die Männer und Frauen dabei spielen vielseitig sind. Eine Frau kann durchaus ein Patriarchat anführen, das wissen wir nicht erst seit Maggie Thatcher. Aber um Strukturen geht es bei Angelica Liddell nicht, alles ist einfach und in der Einfachheit vielleicht im konkreten Fall richtig, aber daraus allgemeine Schlüsse zu ziehen scheint fragwürdig. Jeder kann unabhängig von seinem Geschlecht und Alter Opfer von Gewalt werden. Jedes Opfer träumt davon Täter zu sein und zelebriert sein Opfertum, weil es den Teil von sich, der Täter ist und sein will, hasst und verachtet, jeder Täter fürchtet sich davor, Opfer zu werden und zelebriert seinen Machtrausch, weil er den Teil in sich, der Angst hat und Opfer der Angst ist, ablehnt. Das hat mit Gender Studies zur Abwechslung mal nichts zu tun, eher mit jungscher Schattendynamik. Aber bevor ich jetzt noch mehr in die Verallgemeinerungsfalle tappe, in der ich mich dann gemeinsam mit Frau Liddell aufhalten würde, belasse ich es vielleicht besser dabei.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: