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Foreign Affairs – Fundacion Collado – Van Hoestenberghe „Nueva Marinaleda“

Juni 29, 2013

Nachdem ich einen halben Tag gebraucht habe, um die deprimierende und menschenfeindliche Weltsicht von Angelica Liddell einigermaßen hinter mir zu lassen, läuft am nächsten Tag bei Foreign Affairs das exakte Gegenteil von Liddells Performance: Nueva Marinaleda von der Fundacion Collado – Van Hoestenberghe. Während Liddell die Welt, sich selbst und die Menschen, die die Welt bewohnen im Großen und Ganzen ekelerregend, schlecht und abstoßend findet und sich redlich bemüht, den Zuschauer mit ihrem Hass und ihrem Schmerz zu infizieren ist die Weltsicht von Fundacion der lichte Gegenpol. Was Ernesto Collado und Barbara van Hoestenberge interessiert, ist die Suche nach einer Utopie und die Annahme ist, dass die Performance selbst bereits diese Utopie ist, die sich dann im gemeinschaftlichen Leben entsprechend umsetzen lässt.

Ich selbst habe die Performance hauptsächlich besucht, weil ich gerade in einem anderen Kontext mehr oder weniger verzweifelt versuche, etwas über Utopien zu schreiben – das Thema ist schwierig, gerade nach dem Scheitern der kommunistischen Ideologie, deren Umsetzung von Betrand Russell passenderweise „Staatskapitalismus“ genannt wurde. Die kommunistische Utopie erschöpfte sich mehr oder weniger darin, über die Umverteilung von Besitz nachzudenken. Nicht dass das Thema unwichtig wäre, aber wenn der Fokus darauf liegt, lässt sich nicht vermeiden, dass die Utopie selbst materialistisch geprägt ist und bestimmte Problemfelder wie der Wachstumszwang der Wirtschaft, können durch so einen Ansatz nicht zufriedenstellend gelöst werden. Im Sozialismus war das Wirtschaftssystem sowohl die Ursache von Ungerechtigkeit als auch der Ansatz, diese Ungerechtigkeit zu beheben und aus heutiger Sicht mag man darüber nachdenken, dass vielleicht das Wirtschaftssystem nicht unbedingt die Ursache der gesellschaftlich unbefriedigenden Situation ist, sondern ein Symptom, dessen tieferliegende Gründe eher philosophischer Natur sind.

Der Ansatz von Fundacion ist dann eher so, dass nicht versucht wird, zuerst die äußeren Bedingungen zu verändern, sondern vielmehr die Haltung zur Existenz an sich und die Frage, wie man eigentlich als Gemeinschaft zusammen leben kann. Die Antwort darauf findet sich in einem kleinen Oscar Wilde Zitat, das auf den Unterschied zwischen Individualismus und Egoismus beruht. Dem liegt ein grundsätzlich positives Menschenbild zugrunde und mehr oder weniger heißt das, dass jeder, wenn man ihm denn die Möglichkeit gibt, sein Potential auf freundliche Art zu entfalten etwas zu einer Gemeinschaft beizusteuern hat und zwar auch dann, wenn er nichts tut. Angelegentlich erstaunt es ja, dass in buddhistisch geprägten Ländern beispielsweise Mönche, die eigentlich nichts weiter tun als den ganzen Tag zu meditieren ein hohes Ansehen genießen, obwohl sie nichts zum Brutoosozialprodukt beitragen. Der Zwang Geldmehrwert zu erzeugen und daran den Wert eines Menschen zu messen scheint ein eher unerfreuliches Nebenprodukt einer marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft zu sein – und seit Hartz IV kann man auch in Deutschland getrost das Beiwort „sozial“, das in der Bundesrepublik stolz vor die „Marktwirtschaft“ gesetzt wurde, vergessen.

Es ist aber interessant, dass Fundacion sich nicht übermäßig mit der Analyse des Problems befassen. Der Ansatz, den wir in der Schule lernen ist ja so: erst wird das Problem beschrieben, Ursachenforschung betrieben, dann erfindet man ein Gegenmodell, von dem man hofft, dass es vielleicht irgendwie besser funktioniert, besser heißt: die Menschen können im gesellschaftlichen Gegenentwurf glücklicher und entspannter leben. Marx ist so vorgegangen und es ist das, was man sofort tun will: sich die Gesellschaft anschauen in der wir leben und versuchen zu begründen, warum die Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben häufiger zu finden ist als so etwas wie Glück.

So richtig dieser Ansatz erstmal erscheint, nach einiger Zeit kommt der Verdacht auf, dass man seine Zeit verschwendet. Fundacion gehen entsprechend so vor, dass sie einfach anfangen, den Gegenentwurf zu leben, der auf einer sehr einfachen und sehr menschenfreundlichen Grundannahme beruht, nämlich dass jeder Mensch für sich ein eigener Planet ist, fremd für die anderen, aber gerade diese Fremdheit, das Anderssein ist faszinierend und interessant. Fundacion betreibt dann vom Menschenbild her tatsächlich das genaue Gegenteil von Angelica Liddell. Während Angelica Liddell sich darin gefiel, die Menschheit in Gegensatzpaare aufzuteilen: Frauen/Männer – Opfer/Täter usw. und jeder egal, wie individuell er sein mag, zuerst und vor allem Repräsentant einer Gruppe ist, die in Gegnerschaft zu einer anderen Gruppe steht, repräsentiert bei Fundacion ein Mensch nichts außer sich selbst. Er ist kein Symbol für eine größere gesellschaftliche Einheit. Die Etiketten, die wir uns  permanent und dauernd gegenseitig auf die Stirn kleben: Apple User/Windows User, Mann/Frau, Vegetarier/Fleischfresser, Ballettbesucher/Freund von zeitgenössischem Tanz etc. und die vor allem einem Zwecke dienen, nämlich den individuellen Menschen zu verkleinern, werden bei Fundacion nicht abgeschafft, sondern erst gar nicht in Erwägung gezogen. Es gibt eine Gemeinschaft von Individuen und das einzige Merkmal, das wirklich zählt ist die Einzigartigkeit des einzelnen, der eben angehalten und ermutigt wird, diese Einzigartigkeit auszudrücken.

Die Haltung der Performer an dem Abend ist vor allem geprägt durch eine Neugier auf die Welt und auf Menschen. Gemeinsame Aktivitäten heben die Individualität der Performer und Zuschauer nicht auf, sondern sind eben auch Teil davon und als Zuschauer kann man mitmachen oder nicht, dass jederzeit völlige Entscheidungsfreiheit besteht, versteht sich von selbst.

Ich bin ja kein großer Freund von Mitmachtheater, aber wenn dann so. Fundacion treffen sofort beim Einlass ein paar Entscheidungen, die eigentlich logisch sind, aber gelegentlich in Veranstaltungen, die auf „Mitmachen“ angelegt sind, seltsamerweise nicht berücksichtigt werden. Als erstes die Entscheidung auf die „dritte Wand“ zu verzichten. Innerhalb der angesprochenen Weltsicht existiert notwendigerweise die Gruppeneinteilung Zuschauer/Performer nur kurzzeitig und aus Interesse an der Performance, nicht weil die Rollen von vornherein so verteilt sein müssen. Wenn ein Performer etwas erzählt oder eine Aktion durchführt, dann werden die übrigen Performer zu Zuschauern wie die Besucher der Performance eben auch. Dazwischenquatschen ist möglich und erwünscht, ebenso kann sich jeder Zuschauer jederzeit irgendwie in das Geschehen einschalten. Das ist deshalb möglich, weil die Haltung der Performer eben auch ein freundliches Interesse am Zuschauer und eine größtmögliche Offenheit ist. Ein Zuschauer der sich einschaltet ist kein Störfaktor, sondern tatsächlich eine Bereicherung und es ist Kennzeichen des Abends, dass ich nicht immer sicher bin, wer zur Performancegruppe gehört und wer nicht. Das Ideal, dass jeder sein darf was er ist und nicht Teil einer Gruppe, die sich dadurch definiert, dass sie sich gegen den Rest der Welt abgrenzt, funktioniert hier erstaunlich mühelos, so dass man den Verdacht haben kann, die Utopie ist eigentlich sehr leicht zu leben, wenn man sich selbst erlaubt, der Welt mit offener Freundlichkeit und Neugier zu begegnen. Eine Haltung, die aber, das kann ich zumindest für mich als tendenziell soziophobem Menschen sagen, nicht so einfach zu kultivieren ist.

Der Titel des Stückes bezieht sich derweil auf ein Dorf in Spanien, das sich als Teil einer Gegenbewegung versteht, in der das Interesse der Menschen in der Gemeinschaft im Mittelpunkt steht – es ist fast eine Binsenweisheit, dass in der Gesellschaft, die sich spätestens seit dem Zusammenbruch des Sozialismus zur globalen Marktwirtschaft verdichtet hat, das Interesse der Wirtschaft oberste Priorität genießt. Wenn man freundlich ist, kann man unterstellen, dass die zugrunde liegende Annahme ist: was für die Wirtschaft gut ist, ist auch für die Menschen gut, aber, naja, jeder weiß, dass diese Idee nicht stimmt, und ich erspare mir jetzt die entsprechenden Beispiele über Bankenkrise, Atomenergie, Arbeitsmarktpolitik und so weiter, anzuführen. Am Ende läuft alles überraschenderweise auf eine sehr einfache Basis hinaus, nämlich die Haltung der Menschen zum gemeinschaftlichen Zusammenleben. Nachdem ich am Donnerstag doch eher deprimiert aus dem Theater gegangen bin, war es doch sehr erleichternd, dass Fundacion mich kurz daran erinnert haben, dass Kultur tatsächlich eine gesellschaftliche Funktion haben kann, dass Utopien vielleicht im Theater anfangen und von da aus ein paar Ideen in die Welt setzen, von denen ich zumindest – irgendwie dann doch Optimist – gerne glauben will, dass sie etwas zum Guten verändern können.

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