Skip to content

Foreign Affairs – Nature Theater of Oklahoma / Life and Times Marathon 1

Juli 10, 2013

Während des Foreign Affairs Festivals ist das Nature Theater of Oklahoma am HAU beheimatet. Das Nature Theater of Oklahoma kommt natürlich nicht wirklich aus Oklahoma, sondern aus New York. Ich besuche eine Aufführung von Life and Times Teil 1-4. Eigentlich Teil 1-5, aber den fünften spare ich mir, da man sich nach dem vierten Teil bereits seit zehn Stunden im Theater befindet, davon ungefähr zweieinhalb Stunden Barbecue oder Trinkpause und sieben einhalb Stunden Performance. Die Sitze im HAU sind nicht übermäßig bequem, und so habe ich die Hoffnung, auch ohne den fünften Teil einen einigermaßen repräsentativen Eindruck davon bekommen zu haben, worum es bei Life and Times geht. Das theatrale Prinzip, das verfolgt wird ist ungefähr so: Im Vorfeld wurde eine Frau gebeten, in Telefonaten ihr Leben zu erzählen. Die wörtliche Abschrift dieser Telefonmonologe ist die textliche Grundlage der Aufführungen – mit allen ähs und öhs und hms, mit allen thematischen Sprüngen, angefangenen und nicht zu Ende geführten Sätzen und so weiter. Der Rest ist Arbeit an der Präsentation der so entstandenen Texte, die gewissermaßen als Literatur behandelt werden. Zu sagen, es gibt keine Hierarchisierung der Worte stimmt, glaube ich, nicht ganz, aber das sich häufig wiederholende „Hm“ (englisch: „um“) wird als gleichberechtigtes, manchmal sogar besonders prominentes Wort behandelt.

Wir haben es beim Nature Theater of Oklahoma, auch wenn es tänzerische Aktionen der Performer gibt mit einem Theater zu tun, in dem der Text ziemlich dominant ist. Die Erzählung eines Lebens, das im Großen und Ganzen wohl repräsentativ für die gegebene Generation der in den siebziger Jahren geborenen ist, beansprucht die Hauptaufmerksamkeit des Zuschauers. Durch den teilweise offensichtlichen Widerspruch zwischen einer Erzählung, in der eher wenig wirklich dramatische Ereignisse zu finden sind und der gelegentlich überdramatischen Präsentation als Konzert (Teil eins und zwei), mit entsprechendem musikalischem Pathos oder der Präsentation des Textes im Sprach und Schauspielgestus eines Whodunnit (Teil 3 und 4) entsteht eine gewisse Komik. Ohne Kenntnis und Verständnis des Textes entgeht einem die Komik weitgehend und der Abend würde relativ sinnlos.

Es liegt also nahe, sich inhaltlich mit dem Text zu befassen. Allgemein würde ich sagen, dass der Text repräsentativ wirkt, weil er eben keine dramatischen Ereignisse schildert, die so etwas wie ein besonderes Schicksal nahelegen würden. Im Programmheft gibt es dazu einen ganz aufschlussreichen Text, der sich mit der „Schicksalslosigkeit“ als definierendes Merkmal einer Generation auseinandersetzt. Ich nehme an, man kann den entsprechenden Aufsatz auf der Webseite von Foreign Affairs nachlesen, viel gibt es dem erstmal nicht hinzuzufügen.

Was mich im Moment, da ich mich nun mal mit utopischen Gesellschaftsorganisationen befasse, interessiert, sind dann eher Fragen, wie sich die Protagonistin, die nur in der Sprache, nicht als Person oder Rolle auftaucht, gewisse Entscheidungen in Kindheit und Pubertät trifft, wenn es beispielsweise um soziale Kontakte geht. In utopischen Theorien geht es ja vor allem und in erster Linie um eine Frage, nämlich die, ob der Mensch an und für sich darwinistisch auf den eigenen Vorteil bedacht gegen andere abgrenzt und wehrt, sich also natürlicherweise im Kampf gegen seine Mitmenschen und seine Umwelt befindet, oder ob er eigentlich ein auf Kooperation ausgerichtetes Wesen ist. Ich glaube, in der Verhaltensbiologie wird dem Kooperationsmodell wieder mehr Beachtung geschenkt, da das „einer gegen alle“ Modell das auf pures Überleben ausgerichtet ist, einer Überprüfung nicht wirklich standhält. Die Erzählung von Life and Times ist dann auch und in erster Linie eine Erzählung über soziale Kontakte, die nach bestimmten Kriterien geknüpft oder verworfen werden. Auf der Metaebene ist jedes Theater oder Performancekollektiv ein Modell der Kooperation und die „jeder ist wichtig“ Haltung, die beim Nature Theater of Oklahoma gelegentlich durchschimmert scheint diesen Ansatz zu verstärken. Der Begriff „Utopie“ taucht auch hier tatsächlich als Wort im Begleitmaterial auf, auch wenn er nicht so genau gefasst und untersucht wird wie bei „Nuevo Marinaleda“.

Die Nähe der beiden Performances scheint sich vor allem im grundlegenden Interesse an menschlichem Erleben zu finden und im Glauben daran, dass eben auch ein eher undramatischer Lebensverlauf besonders und von Interesse ist. Der „jeder ist interessant“ Ansatz spiegelt sich in der Gleichbehandlung der Worte durch die wörtliche Transkription des urpsrünglich gesprochenen Textes. Zwar werden in der Performance Worte oder Sätze entweder durch die Musik  oder durch besonders dramatisches Sprechen hervorgehoben, aber die Hervorhebungen sind oft genug ironisch und unterwandern damit eher eine Hierarchisierung der Worte. Wenn die Text im ersten und zweiten Teil als Songtexte behandelt werden, wird dann auch formal der Zusammenhang zwischen gesprochener und gesungener Sprache deutlich. Die Füllworte „Um“ und „yeah“ oder „like“ werden da gelegentlich zu „Lady in Black“ artigen Chören aufgedonnert, bestimmen den Rhythmus und sind dann eben auch Klangträger.

Inhaltlich scheint mir weiter erwähnenswert, dass die Erzählerin mit fortschreitender Dauer des Abends gelegentlich die Erzählebene verlässt und über das Erzählte und das Erzählen selbst reflektiert, was sich meistens in der Angst äußert, den Zuhörer zu langweilen oder nur belangloses Zeug zu reden. Das Verlassen der Erzählung taucht im ersten Teil, in dem die Kindheit der Erzählerin geschildert wird, seltener auf als in den späteren Teilen. Das mag daran liegen, dass die Erzählung (zeitlich) „näher“ kommt und die Erzählerin sich gewissermaßen gegen ein Weitererzählen wehrt, es mag aber auch daran liegen, dass durch das Erzählen selbst mit zunehmender Dauer das Gewicht der erwähnten „Schicksalslosigkeit“ deutlich wird, die Problematik wie, aufgrund welcher Kriterien und mit welchem Ergebnis gewisse Lebensentscheidungen getroffen wurden, die Unsicherheit darüber, das „richtige“ zu tun. Der Begriff „Depression“ taucht mit Beginn der Jugend der Erzählerin verstärkt auf. Es ist dabei klar, dass es sich  nicht um eine klinische Depression handelt, sondern eher um einen relativ normalen Entfremdungsprozess von Eltern und Gesellschaft, in dem noch keine Antwort auf die Frage „was soll ich überhaupt mit meinem Leben anstellen“ gefunden wurde. Dass sich die Frage überhaupt stellt, ist derweil ein neueres Phänomen, denn vor nicht allzu langer Zeit war der Ablauf eines Lebens relativ klar durch Normen geregelt und die Herausforderungen der Freiheit hielten sich in Grenzen, da das Freiheitspotential z.B. von der Generation unserer Großeltern so oder so selten genutzt wurde, während wir heute geradezu dazu verdammt sind, frei zu sein und Entscheidungen zu treffen, da es die alten Strukturen, man übernimmt den elterlichen Betrieb und ähnliches, nur noch selten gibt. Ich erspare es mir bei der Gelegenheit zu viel über den Begriff der „Freiheit“ zu philosophieren. Hier ist einfach gemeint: man trifft gewisse Lebensentscheidungen im gesellschaftlich gesetzten Rahmen, der heute unklarer ist als vor siebzig oder achtzig Jahren.

Das ist nicht unbedingt ein Plädoyer dafür, dass die alten Strukturen besser gewesen wären, dieser Meinung bin ich tatsächlich eher nicht, aber es ist eben auch blauäugig zu glauben, dass Freiheit, seit der französischen Revolution nur positiv besetzt, ein reines Vergnügen sei. Die Herausforderung, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und damit verbunden auch die Angst, damit zu scheitern und letztlich ein Leben zu führen, in dem man das eigene Potential nicht entfalten kann, ist eben nicht nur reines Vergnügen sondern mit einem erheblichen Maß an Anstrengung verbunden. Ich nehme an, in meiner Generation ist ein unterschwelliger Gefühl vorhanden, dass man sich selbst wie einen Charakter bei World of Warcraft mit entsprechenden Skills versorgen muss, um in diesem Leben ein möglichst hohes Level zu erreichen. Wir nennen das dann Sinnsuche oder Selbstverwirklichung. Die Angebote, die die Elternwelt dazu macht scheinen weitgehend untauglich oder unglaubwürdig, gleichzeitig muss man sich in einer Welt zurecht finden, die eben durch die Werte und Anstrengungen der Vorfahren entstanden ist und die dem eigenen nicht mehr entspricht. Der Eindruck entsteht, dass die Erzählerin eben bereits vor der Pubertät auf sich selbst zurück geworfen ist.

Ein weiterer inhaltlicher Punkt, der interessant sein könnte, mag sein, dass man als europäischer Zuschauer sich in der Erzählung in unterschiedlichen Lebensphasen der Erzählerin mehr oder weniger gut erkennt. Ist die Kindheit noch stark kulturell und von den Eltern geprägt, hier die amerikanische Mittelschicht und damit vergleichsweise fremd, scheinen die kulturellen Unterschiede spätestens mit Einsetzen der Pubertät keine allzu große Rolle mehr zu spielen und man erkennt sich in der Erzählung mühelos selbst. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass Teil zwei unterhaltsamer ist als Teil eins (abgesehen davon, dass der zweite Teil eine gute Stunde kürzer ist und so die Anstrengung des Sitzens weniger ins Gewicht fällt).

Das mag an kleinen inhaltlichen Anmerkungen von meiner Seite aus genügen. Formal werden Teil eins und zwei ausschließlich gesungen, es gibt keine gespielte Handlung, die Tanzeinlagen erscheinen mehr wie die Untermalung von Backgroundtänzerinnen in einem Konzert, mit denen gelegentlich die Erzählung illustriert wird, die an anderen Stellen völlig davon abgelöst erscheinen, eher wie labansche Bewegungsstudien, reduziert. In Teil zwei, der mehr von Discomusik getragen wird, werden die Tanzbewegungen entsprechend angeglichen, bleiben aber verhältnismäßig reduziert. Weder in Teil eins noch in Teil zwei gibt es gespielte Handlung, wie man sie normalerweise im Texttheater erwarten würde. Die Handlung findet ausschließlich auf der sprachlichen Ebene statt. Da der Text wenn als Songtext präsentiert ausgesprochen verfremdet ist, ist es in den ersten beiden Teilen, auch wenn man ganz gut Englisch versteht, oft notwendig, die Übertitel mitzulesen, um dem Inhalt folgen zu können.

In Teil drei gibt es gespielte Handlung, aber es ist nicht die Handlung, die im Text berichtet wird, sondern die gestische Imitation von Agatha Christies „die Mausefalle“, wobei auf bestimmte Schlüsselworte im Text wie „Blood“ oder „I don’t know“ entsprechend reagiert wird. Die gewählte Form legt nahe, dass es darum geht, etwas rauszufinden, den Ursprung eines Unglücks zu erforschen. Ich kenne das Agatha Christie Stück nicht, aber beim Nature Theater ist es so, dass die Frage nach „wer hat es getan“ unbeantwortet bleibt, tatsächlich ist nicht einmal klar, was der eigentliche Tatbestand ist. Eine diffuse Leere, die eben nicht ohne weiteres zu ergründen ist.

Das gute am Nature Theater of Oklahoma ist, dass die Textbehandlung tatsächlich ziemlich ungewöhnlich ist und es ist kompliziert und schwierig, tatsächlich auseinanderzufriemeln, was da genau mit dem Text passiert. Vor allem im ersten Teil hatte ich den Eindruck, dass es sich um reines Wortmaterial handelt, das als Klanglieferant für die Songs dient, aber im zweiten Teil und später kommt es mir eher so vor, dass damit experimentiert wird, wie sich die Wahrnehmung des Inhalts der Sprache durch die Präsentation ändert. Das ist dann ein ziemlich weites Feld und es gäbe noch sehr viel dazu zu sagen, fürchte ich.

Das gemeinsame kollektive Erleben von Zuschauern und Performern scheint bedeutsam. Es handelt sich nicht um Mitmachtheater aber durch die bloße Länge des Life and Times Marathons teilen Performer und Zuschauer bereits eine gemeinsame Erfahrung oder bewältigen eine gemeinsame Anstrengung. Dabei belasse ich es erstmal, zu einem hübschen Schlusswort finde ich nicht so recht, lustigerweise folge ich damit aber dem Ablauf der Performance – die einzelnen Teile kündigen ihr Ende oft genug über Fragen wie „wie spät ist es?“ und Bemerkungen wie „Jetzt reicht es aber langsam“ an. Also gut, fünfzehn Uhr, heute Abend Forsythe, belasse ich es mal dabei. Noch ein paar Pressefotos von der Webseite holen, um den Bericht ein bisschen aufzumotzen. Das Copy Right für die Bilder liegt beim Nature Theater of Oklahoma, damit das auch gesagt ist.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: