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Foreign Affairs – Forsythe Company/Sider

Juli 13, 2013

Abgesehen von White Bouncy Castle und einer Videoinstallation – beides habe ich nicht gesehen – führte die Forsythe Company zwei Stücke auf: „I don’t believe in outer space“ und „Sider“. „I don’t believe in outer space“ ist das unterhaltsamere der beiden Stücke, aber ich fange mal mit „Sider“ an. Dazu muss ich gestehen, dass ich diesmal die im Programmheft angeführten Verweise auf elisabethanisches Theater nicht verstehe, und ich mich mit elisabethanischem Theater auch nicht auskenne. Für mich ist das einzige Element der Aufführung, das ich dieser Theaterform zuordnen kann, die weiße Halskrause, die der ein oder andere Performer gelegentlich trägt. Das dominante Formelement bei Sider ist für mich eher der Umgang mit ungefähr mannshohen Pappplatten, mit denen die Tänzer während der gesamten Aufführung umgehen. Die Pappplatten dienen dabei als Schutz und Behausung, als Grenze, als Waffe und gelegentlich auch als Schikane, die den Tanz erschwert.

Forsythe Company – Sider Copyright: Dominik Mentzos

Jede der Verwendungsarten der Platten lässt sich unter dem allgemeineren Motto der „Abgrenzung“ einordnen. Das ist in dem Fall keine Metapher, sondern einfach das, was durch die Pappplatten passiert. Das theatrale Mittel erreicht hier sehr gut den Zweck, den der Titel andeutet, der wohl auf „Outsider/Insider“ anspielt und darauf, dass jeder sich in unterschiedlichen Konstellationen in der einen oder anderen Rolle findet. Unterschiedliche Konstellationen der sozialen Beziehungen werden durch eine Leuchtschrift im Bühnenhintergrund durch leicht verrätselte Sätze wie: „He ist to her as they are to him“ und ähnliches benannt. Das zweite theatrale Element sind Kopfbedeckungen, die an die Maskierungen erinnern, durch die Demonstranten, Bankräuber oder meist militante Aktivisten einer beliebigen politischen Richtung ihre Identität verbergen möchten. „Vermummung“ nannte man das früher und da es nicht vermummte und vermummte Tänzer gibt hat man eine formal klare, inhaltlich nicht ganz so eindeutige Einteilung in zwei Gruppen, von denen ich aus irgendeinem Grunde annehme, dass sie zueinander in Gegnerschaft stehen – möglicherweise ein Reflex, ob instinktiv oder anerzogen weiß ich nicht. Dass es um Gegnerschaft geht wird einem nahegelegt, weil die Aktionen auf der Bühne oft genug relativ aggressiv sind. Eine der Fortbewegungsarten der Tänzer ist es, mit dem Fuß gegen das vor sich gehaltene Papprechteck zu treten und sich mit der Kickbewegung fortzubewegen. Dass ich dann an Bilder von einem Mob denke, der auf einen am Boden liegenden eintritt, mag ein eher trauriger Hinweis darauf sein, wie die medial vermittelte Welt heute aussieht.

Was es bei Sider nicht gibt, sind irgendwelche moralischen Wertungen. Das mag damit zusammen hängen, dass Sprache zwar eingesetzt wird, aber kein Bedeutungsträger ist und sich ohne Sprache Wertungen schwieriger herstellen lassen oder anders, nämlich über das Mitgefühl des Zuschauers, wenn er etwas sieht. Wenn beispielsweise ein Tänzer mit seiner Pappplatte schubsend eine Tänzerin über die Bühne jagt oder offensichtlich danach trachtet, sie zu zerquetschen, nimmt man als Zuschauer vermutlich eine Wertung vor, sie wird einem aber nicht kommentierend vorgeschrieben oder aufgedrängt. Die Szene wirkt bedrückend, weil es eben keine Erzählung gibt, die das was man sieht in irgendeiner Form begründet oder verständlich macht. Das hat einerseits den Vorteil, dass man als Zuschauer auf sich selbst zurück geworfen wird, andererseits sorgt die Abwesenheit eines auf den ersten Blick erkennbaren Erzählbogens auch dazu, dass sich der Abend gelegentlich etwas zieht. Man sieht eben nicht unbedingt virtuosen Tanz, sondern Tänzer, die mit Pappplatten kämpfen, die sie letztlich davon abhalten, ihr tänzerisches Potential auszupacken. Über die Bedeutung dieses Umstands kann man sich dann Gedanken machen, wenn man will, inwieweit hält einen der verzweifelte Schutz, die Verteidigung des eigenen Raums davon ab, Kreativpotential zu entfalten und so weiter. Die Schutzmaßnahmen verhindern natürlich Offenheit gegenüber der Welt und die entstehende Enge überträgt sich durchaus. Nicht ganz so extrem wie bei Angelica Liddell, was den Vorteil hat, dass man sich als Zuschauer nicht sofort abgrenzt, sondern es mit einer etwas vorsichtigeren und nicht ganz so simplen Behandlung eines ähnlichen Themas zu tun hat.

Was mir an Sider gefällt ist dass das Ausloten der Metapher nicht unbedingt im Vordergrund steht. Ich habe jedenfalls den Verdacht, dass es nicht unbedingt darum geht, etwas über Grenzen zu erzählen und dafür wird dann ein Requisit gewählt, das die Metapher erzählt, vielleicht ist der Weg eher umgekehrt: es wird ausprobiert, was mit dem Requisit möglich ist und man stellt fest, dass sich durch das einfache Handhaben der Pappplatten und dem Spiel damit eine Erzählung über Grenzen und Grenzverletzungen oder Grenzüberschreitungen, kurz gesagt über menschliche Konflikte – „Dazu gehören“, „Ausgeschlossen sein“ – einstellt. Aber das Spiel ist vielseitiger als die Interpretation, die sich mir beim Zuschauen aufgedrängt hat und die meinen Blick, sobald ich versuche, die Performance hinsichtlich eines Themas zu sehen, notwendig verengt. So werden aus den Platten eben auch Behausungen gebaut, Skulpturen, die sich nur noch mit viel gutem Willen in das Thema einpassen lassen. Als Zuschauer habe ich dazu bestimmte Assoziationen, wenn sich alle Tänzer in einem „Gebäude“ aus Papplatten verbergen, ist meine Assoziation dazu die einer römischen Legion, die sich mit ihren Schilden in eine gepanzerte Schildkröte verwandelt. Man kann aber auch andere Gedanken dazu haben, vielleicht denkt man an eine Behausung, auch an ein Verstecken vor dem Publikum oder ein sich schützen vor den Blicken des Publikums und dann komme ich an die Grenzen der Metapher. Als Versteck werden die Platten dann tatsächlich recht oft benutzt und es ist nicht immer klar, ob sich der Tänzer eben vor einem Mittänzer versteckt oder sich der exponierten Stellung als Performer auf der Bühne entzieht.

Wie dem auch sei, auf dieser Ebene leistet „Sider“ durchaus eine bedenkenswerte Analyse gewisser Mechanismen von Ab- und Ausgrenzung und von Gewalt. Weitere Punkte, die man untersuchen könnte wären dann die Verweise auf das elisabethanische Theater, allerdings bin ich an dem Punkt überfragt. Aber ich kann mir vorstellen, dass eine genauere Beschäftigung mit diesem Aspekt das Thema, das ich in den Pappplattentänzen ausgemacht zu haben glaube, auf eine interessante Art präzisiert oder ergänzt wird. Ein anderes Thema wäre die Frage, wie sich das Forsythesche Tanzvokabular von postmodernem Ballett weiter entwickelt hat. Von Ballett ist nicht mehr viel übrig, aber die Tanzsprache ist durchaus eigen, die Tänzer virtuos, das wird aber bei „I don’t believe in outer Space“ sichtbarer als bei Sider, wo der Tanz eben häufig, wenn auch nicht immer, durch die Pappplatten behindert wird. Das allein ist natürlich schon eine Aussage. Am Ende steht bei Sider die gleiche Konstellation wie am Anfang, ganz zwingend wird die Zirkelstruktur hier für mich nicht, aber um das etwas besser zu verstehen, wäre es vermutlich nötig, sich das Stück etwas häufiger anzuschauen, wozu ich vermutlich, wie das bei Festivals eben so ist, eher keine Gelegenheit haben werde. Was ein bisschen schade ist, weil ich so seltener dazu kommen werde, das Wort „Pappplatten“ zu schreiben. Es ist ja vielleicht die einzige begrüßenswerte Neuerung der Rechtschreibreform (an die ich mich eh selten halte), dass es jetzt Worte mit drei Konsonanten hintereinander gibt.

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