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Tanz im August: Radhouane El Meddeb, Matias Pilet, Alexandra Fournier – Nos limites

August 22, 2013

Nos limites bietet mir, ich würde sagen, endlich, die Möglichkeit, ein Thema zu vertiefen, dass ich schon ein paarmal angerissen habe, aber in Ermangelung passender Performances nicht so recht vertiefen konnte. Das Thema ist der Zusammenhang von Tanz und Artistik oder von Tanz und Zirkus, wenn man so will.

Nos limites basiert auf einem Konzept eines 2011 verstorbenen, querschnittsgelähmten Trapezkünstlers namens Fabrice Champion und das Stück wird von zwei Artisten aufgeführt. Wenn man diese Information aus dem Programmheft nicht hat, ist es nicht möglich, das Stück zu verstehen.

Bevor ich darauf eingehe, ist es aber mal wieder an der Zeit, zu versuchen, ein paar Unterschiede und vielleicht auch Gemeinsamkeiten zwischen Tanz und Artistik oder Zirkuskunst zu umreißen oder das zumindest zu versuchen.

Zuerst scheint es mir sinnig, darauf hinzuweisen, dass Zirkuskünstler sich auf eine andere Tradition berufen als Tänzer. Leider kenne ich mich mit der Geschichte des Zirkus nicht gut aus, aber man kann wohl ruhig behaupten, dass die Zirkustradition eine Tradition der Jahrmärkte ist, eine Tradition der Vagabunden und sozial Ausgestoßenen. Die Funktion des Zirkus war immer die des Staunens, sei es über die besonderen Fähigkeiten eines Artisten oder über die unheimliche Andersartigkeit von siamesischen Zwillingen in Kuriositätenkabinetten. Die Freaks, die sonst nirgends eine Heimat fanden, lebten da neben Menschen, die eine große Kunstfertigkeit in einer speziellen Disziplin hatten, Schwertschlucker und Feuerspucker, Jongleure und Seiltänzer. Das war ein Milieu und es ist immer noch das Milieu des Zirkus, auch wenn die körperlich Gehandicappten mittlerweile von der Gesellschaft anders betrachtet und versorgt werden. Im Zirkus gibt es eine gewisse Anzahl an Disziplinen die zur Aufführung gelangen und die alle ein Ziel haben, nämlich den Zuschauer in Erstaunen zu versetzen. Das ist ein legitimes Ziel und der Zirkusartist nimmt dafür ein oft jahrelanges Training auf sich, die, die die risikoreicheren Künste praktizieren setzen für diese Kunst mehr oder weniger selbstverständlich ihr Leben aufs Spiel. Selbst weniger gefährliche Disziplinen wie Jonglieren werden oft genug aufgewertet, indem der Jongleur mit Fackeln, Messern oder Kettensägen jongliert statt mit Bällen.

Ich nehme an, die meisten Artisten fristen ein eher karges Dasein. Man trifft sie an Straßenkreuzungen, wo sie eine kurze oft genug nicht besonders gute Jongliernummer aufführen, während die Ampel rot ist, um dann den Autofahrern ein paar Cent abzupressen. Andere versuchen mehr schlecht als recht in Wanderzirkussen einigermaßen zu überleben. Eine Bekannte von mir erzählte mir vor kurzem, dass sie mit ihren Kindern zum ersten mal im Zirkus war und dabei einen ausgesucht hatte, in dem alte Artisten unsicher und in abgerissenen Klamotten ihre Kunststücke aufgeführt haben. Sie beschrieb das als ein beklemmendes Erlebnis, während das für mich ziemlich faszinierend klang. Wie Tänzer auch, sind Artisten bereit, einen hohen Preis dafür zu bezahlen, dass sie der Arbeit nachgehen, die sie lieben.

Die Tradition, auf die Tänzer sich berufen ist eine andere. Wenn man vom Volkstanz ausgeht, kommt Tanz aus der Mitte der Gesellschaft, Ballett war die dekadente Kunstform mit der sich der Absolutismus selbst feierte, also eine Kunstform der Herrschenden. Etwas von dieser Tradition schwingt, zumindest im Ballett, heute immer noch mit. Es gibt mehrere Ballettkompagnien, die das Wort „royal“ im Namen tragen, das Royal Ballet in England, ich glaube das dänische Ballett ist auch „königlich“. Nach einem königlichen Zirkus wird man vermutlich lange suchen.

Wenn man sich auf die Seite der Zirkusartisten schlägt mag man im Tanz im allgemeinen und im Ballett im Besonderen gelegentlich eine gewisse Verlogenheit ausmachen: Im Tanz wird es nicht gern gesehen, wenn ein Tänzer seine besonderen Fähigkeiten zu sehr herausstellt. Balletttänzer arbeiten hart daran, dass man nicht sieht, wie schwierig es ist, Ballett zu tanzen. Gleichzeitig gibt es vor allem im klassischen Ballett immer wieder Passagen, die nichts anderes leisten als besonders spektakuläre Kunststücke zu bieten. Mein Lieblingsbeispiel sind ja die 32 fouttées in Schwanensee, die natürlich eine interessante und ziemlich perfide Rückkopplung darstellen. Zum einen sind die 32 Drehungen die Sensation jeder Aufführung und das Publikum bejubelt die Tänzerinnen, die das unfallfrei über die Bühne bekommen, andererseits kann man mit Fug und Recht sagen, dass es hier nur um das Beeindruckenwollen geht und dass dieses Beeindrucken wollen geschmacklos ist. Die Rückkopplung ist, dass es auch genau so gemeint ist, dass Petipa diese Passage ins Ballett aufgenommen hat, weil es eben eine Geschmacklosigkeit ist und die Figur Odile damit wie ein Zirkusartist beeindrucken und angeben will. Für den Großteil des Publikums ist es aber so, dass sie genauso beeindruckt davon sind wie Prinz Siegfried und das eher nicht als Geschmacklosigkeit wahrnehmen oder als eine Geschmacklosigkeit, die durch den Kontext legitimiert ist. Wenn man so will ist Ballett der Zirkus der Aristokratie. Zirkus ist der Zirkus des „kleinen Mannes“.

Wäre ich Zirkusartist, würde ich vermutlich immer behaupten, dass Zirkus ehrlicher ist, weil der Willen, das Publikum in erstaunte Ah und Ohs ausbrechen zu lassen nicht verschleiert wird. Ich bin kein Zirkusartist, aber in der Tat stellt Tanz einen da vor eine schwierige Aufgabe, nämlich zu entscheiden, wann artistisch anmutender Tanz noch Tanz ist und sich in den genreimmanenten, aber ungeschriebenen Geschmacksgrenzen bewegt und wann es sich um Angeberei oder Effekthascherei handelt. Diese Geschmacksgrenzen sind im Tanz äußerst schwierig zu definieren. Es gab wohl eine lange andauernde Diskussion, wie hoch eine Ballerina das Bein heben darf, ohne geschmacklos zu sein, bevor Silvie Guillem diese Diskussion mit konsequenten 180 Grad Streckungen beendet hat.

Im Zirkus hat man diese Diskussion nicht. Grundsätzlich ist alles erlaubt, was beeindruckt. Die Tanzform, der der Zirkus dadurch am nächsten ist, ist wohl am ehesten Hip Hop und Break Dance oder Showtanz, wo es eben auch um die emotionale Überwältigung des Zuschauers geht – womit dann auch schon der Kritikpunkt genannt wäre, nämlich, dass der Zuschauer gezielt mit Spektakel überreizt wird, wodurch sich im brechtschen Sinne kritisches Bewusstsein eher ausschaltet.

Ob das so ist, darüber kann man sich streiten. Es gibt Leute, die Zirkus lieben und es gibt Artisten, die unter Einsatz ihres Lebens den Zuschauern ein möglichst spektakuläres Erlebnis bieten. Vor kurzem ist eine Artistin im Cirque du Soleil tödlich verunglückt. Ich erinnere mich, dass in dem Zeitungsartikel dazu erwähnt wurde, das Publikum hätte erst geglaubt, der Sturz würde zur Performance gehören.

Über Fabrice Champion konnte ich in Erfahrung bringen, dass er wohl 2004 bei einem Training mit einem Partner kollidierte und seitdem vom Hals abwärts gelähmt war. Man kann sich vorstellen, was das für einen Menschen bedeutet, der es vorher gewöhnt war durch die Luft zu fliegen und seinen Körper absolut unter Kontrolle zu haben. Wahrscheinlich will man es sich aber nicht unbedingt vorstellen. Soweit ich weiß war Fabrice Champion Buddhist, er starb 2011 in Peru, anscheinend bei einer schamanistischen Heilungszeremonie, was ein Hinweis auf die Qual sein mag, die die Quadroplegie dem Mann bereitet hat. Auf Fotos gewinnt man den Eindruck, dass der Mann sich trotz allem eine positive Haltung, sichtbar in einem freundlichen Lächeln, erhalten hat, andererseits deutet wieder einiges darauf hin, dass er intensiv auf der Suche nach Heilung war, während die buddhistische Praxis eher dahin zielt, mit den Umständen seinen Frieden zu machen.

In diesem Kontext hat man nun „Nos limites“ zu sehen. Wir haben es mit zwei Performern zu tun, Alexandre Fournier und Matias Pilet. Einer groß (ich glaube, das ist Herr Fournier), der andere klein (dann logischerweise Herr Pilet). Die Performance beginnt sehr ruhig, fast zärtlich. Matias Pilet wird mehr oder weniger für die gesamte Performance seine Beine nicht aktiv gebrauchen, das heißt die Beine werden bewegt, durch seinen Partner oder durch die eigenen Hände, es gibt, glaube ich zwei oder drei Passagen, in denen diese Regel gebrochen wird, aber im wesentlichen verhält es sich so.

Entsprechend nähert sich die Performance langsam forschend der Frage an, welche Bewegungen möglich sind, ohne die Beine zu benutzen. Alexandre Fournier benutzt seine Beine gelegentlich ebenfalls nicht, offenkundig aus Solidarität zu seinem Auftrittspartner, von dem man annimmt, es handelt sich um einen Freund, auch wenn es gelegentliche Wettkämpfe zu geben scheint. Irgendwann erhebt sich Fournier und bietet eine durchaus spektakuläre Tanzeinlage mit Überschlägen über den Kopf und ähnlichem, alles sehr leichtfüßig und weich. Pilet, der die Beine nicht bewegen darf/soll/kann, schaut weg. Am Ende hebt Fournier den kleineren Partner mit seinen Beinen in die Höhe, wo er dann sitzt und liegt wie auf einem unsichtbaren Sessel oder Sofa. Überhaupt sieht man in der Performance einige erstaunliche Hebefiguren. Vermutlich, weil die Aufführung eben auf Trapezperformances verweist, wo die Partnerarbeit ja durchaus essentiell ist. Entsprechend sieht man dann gelegentlich eben auch, wie diese Partnerarbeit in ihr Gegenteil umschlägt und ziemlich häufig sieht man Sturzfiguren, in denen einer der Performer ungebremst und ohne sich abzufangen auf die Matte kracht, dass es sich dabei um Verweise auf den Sturz von Herrn Champion handelt, muss man eigentlich nicht erwähnen. Dann geht relativ unvermittelt das Licht aus und Pilet zeigt zu einem Song, in dem es um die Vergangenheit geht ebenfalls einige spektakuläre Sprünge und Überschläge. Alles lebensgefährlich, wie es sich für Zirkusartisten gehört. Die gesamte Performance wird mit hoher körperlicher Kompetenz vorgetragen. Es gibt Stellen von denen ich sagen würde, es handelt sich um Tanz und andere Stellen, die ich eher der Artistik zuordnen würde, dabei geht es unter anderem um Fragen von Rhythmus und darum, ob eine gewisse Bewegungsqualität gezeigt werden soll (Tanz) oder eine artistische und gefährliche Raserei (Artistik).

Warum ist das kein Zirkus sondern… hm, etwas anderes. Das Hauptargument ist, dass die Bewegungen, so virtuos und spektakulär sie auch sein mögen, tatsächlich nicht das Spektakel als Selbstzweck haben. Der angenommene Plot oder die Beziehung der beiden Performer auf der Bühne ist auch kein Vorwand um in Wahrheit Spektakel zu zeigen, es scheint eher so zu sein, dass die artistische Praxis selbst mit einer gewissen Ambivalenz betrachtet und ausgeführt wird. Thema der Performance ist schließlich ein Unfall, der beim Üben einer Trapezperformance passiert ist. Die Artistik erzählt immer im gegebenen Kontext eine Geschichte von Trauer, Verlust und Verzweiflung, vielleicht auch von Sehnsucht, vielleicht vom scheiternden Wunsch, der unerträglichen Wirklichkeit zu entkommen. Wenn am Ende als das Gestern ein Körper gezeigt wird, der eben Überschläge macht, wie man sie von Trapezkünstlern kennt, und man noch im Kopf hat, dass der gleiche Performer vorher eine dreiviertel Stunde lang seine Beine nicht bewegt hat, dann stellt sich dadurch durchaus eine Ahnung ein, was der Verlust der körperlichen Beweglichkeit für einen Artisten bedeutet. Das ist kein Zirkusthema, würde ich sagen und die Zirkusartistik dient hier dazu dieses Thema spürbar zu machen.

Von allen Performances, die sich im Umfeld „Artistik“ bewegen, die ich bislang gesehen habe, ist „Nos limites“ am ehesten eine Theaterperformance, die so tatsächlich nicht im Zirkusumfeld denkbar ist, dazu ist das zu verzweifelt und letztlich zu traurig. Vielleicht kommt man mit einem Begriff wie „Körpertheater“ weiter als mit „Tanz“, die Trennlinien zu ziehen scheint mir schwierig zu sein, vielleicht ist es auch nicht notwendig.

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