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Tanz im August: Jochen Roller – Trachtenbummler

August 27, 2013

Ähnlich wie bei der Artistik ist es so, dass der Volkstanz für die Bühne noch nicht so recht salonfähig geworden ist. Man kann nun fragen, warum man das ändern sollte. Volkstanz hat schließlich eine kulturell geformte Tradition und Funktion und die Frage, was eine Theaterbühne der Form hinzufügen könnte ist erstmal, solange das nicht genauer erforscht und erprobt wurde, offen. Jochen Roller gibt allerdings schon in einer kleinen Äußerung auf der Tanz im August Webseite eine Antwort, warum es interessant ist, mit den Formen des Volkstanzes zu arbeiten, nämlich weil es sich eben um interessante Bewegungsformen handelt, die allerdings in der Tradition bewahrt werden, das heißt, ein kreativer Umgang mit derartigen Tanzformen und damit eine Weiterentwicklung ist von den Betreibern nicht erwünscht und findet eigentlich auch nicht statt. Es gibt möglicherweise eine gewisse Angst davor, dass die Form, sobald sie weiterentwickelt wird, in ihrer ursprünglichen Form verloren geht, eine Angst, die vermutlich unbegründet ist, weil es natürlich, wie das klassische Ballett zeigt, sehr gut möglich ist, eine klassische Form neben weiterentwickelten Varianten zu bewahren.

Wenn man nun behauptet, dass Kultur im besten Falle etwas Lebendiges, Dynamisches ist, dann ist es natürlich wünschenswert, auch mit Volkstanzformen choreographisch zu experimentieren und die Bühne ist dafür ein besserer Ort als das Volksfest, glaube ich.

Also gibt es „Trachtenbummler“, das neue Stück von Jochen Roller. Ich sollte bei der Gelegenheit etwas tun, das ich sonst fast nie tue, nämlich die Kostüme zu erwähnen, die von Daniel Kroh designt wurden und, um das mal so blöd zu sagen, toll sind.

Ansonsten gibt es allerlei interessante Anregungen. Ich stelle fest, dass ich selbst mich bei dem Gedanken ertappe, dass es sich um einen Abend handelt, der erkundet, wie man Volkstanz für die Bühne nutzbar machen kann, der aber noch nicht das Ding an sich ist. Notwendig stellt sich für mich die Frage, was ich von einem Theater oder Performance Abend eigentlich erwarte. Möglicherweise ist die Frage nicht wichtig. Der Abend ist aber ein Abend, an dem eben unterschiedliche Formen von Volkstanz vorgestellt werden, zu populärer Tanzmusik (nun gut, wir haben es immer mit einem geraden Takt zu tun, wie Tango tanzen kann man auch schubladdeln zu jeder Musik, die die Taktform anbietet). Die Kombination Volkstanz/populäre Musik ist derweil schon mal aufschlussreich, weil man eine Ahnung davon bekommt, dass die Choreographien, die zu Popsongs entwickelt werden, entweder von den Musiker im Video oder von den Fans in der Disco eben auch eine Form von Volkstanz sind und man theoretisch auch Polka dazu tanzen kann.

Der Ablauf in der gegebenen Performance ist im wesentlichen immer so: ein bis drei Performer bieten eine musikalische Darbietung mit traditionellen „Instrumenten“, die man gemeinhin mit Volksmusik aus unterschiedlichen Kulturen verbindet. Sehr schön die Verwendung von Akkordeons am Anfang, die tonlos gespielt werden. Ein Akkordeon klingt für mich wie Atem, zwei wie Meeresrauschen, drei wie ein Sturm. Die pure Bewegung der Luft. Der Klang von Wind und dankenswerterweise wird man an dem Abend nie den Klang eines Akkordeons hören, den man schon von den oft mittelmäßigen S-Bahn Performances diverser jugendlicher Akkordeonspieler kennt (das ist ein anderes Thema, aber meine Assoziation zu Akkordeonmusik).

Nach der Musikperformance treten alle sechs Performer auf und zeigen eine Variation eines bestimmten Volkstanzes in einer in der Regel eben großartigen Tracht oder einem Gewand, das an eine Tracht erinnert. Es ist meiner Ignoranz geschuldet, dass ich weder eine Aussage darüber treffen kann, wie nah die Trachten an tatsächlichen traditionellen Trachten sind, noch darüber, wie sehr die gezeigten Tanzschritte die „Originalschritte“ des Volkstanzes sind, auf den sich sich beziehen, oder eben eine Bearbeitung desselben.

Fest steht: die Schrittfolgen sind minimalistisch aber komplex. Wenn ich mir vorstelle, das selbst tanzen zu müssen (körperlich stellen die Schritte keine großen Herausforderungen an den Tänzer), denke ich, dass ich wohl einige Zeit üben müsste. Teilweise werden recht ausgefuchste Kombinationen und Partnerwechsel gezeigt. Interessanterweise scheint Volkstanz eher eine Gruppenform zu sein. Oft synchron. Darum, dass ein bestimmter Tänzer oder eine bestimmte Tänzerin sich besonders durch Soli oder ähnliches herausstellt, geht es offenbar nicht. Eher corps de Ballet als Michael Jackson.

Die Performance verweigert sich jedem Gedanken an dramatischem Fortschritt. Es gibt weder eine Steigerung in den Darbietungen der unterschiedlichen Volkstänze, noch rücken die Tänzer einem irgendwie näher ans Herz. Wenn man so will hat man es mit einer statischen Dramaturgie zu tun. Das ist deshalb interessant, weil meine eigene dramaturgische Ausblidung eine derartige Dramaturgie eigentlich fragwürdig finden würde. Aber gerade die Abwesenheit von linearem Fortschritt (eine mögliche Handlung oder eine sich steigernde scheinbare Erkenntnis der Tänzerpersönlichkeiten), scheint den Blick für die eigentliche Form zu schärfen. Ich bemerke, dass ich mehr dem, relativ abstrakten, Muster der Bewegungen folge und irgendwann aufhöre, auf konventionell damaturgischen Erkenntnisgewinn zu warten.

Es mag so sein, dass die Kostüme und die Darbietung der musikalischen Performance witzig wirken will, aber eigentlich läuft auch der Humor ins Leere. Stattdessen scheint es mir sinniger zu sein, tatsächlich die tänzerische Form zu betrachten, die Ähnlichkeit zu populären Tanzformen. Humor und dramaturgischer Fortschritt, behauptet oder tatsächlich vorhanden, mag manchmal nur ein Vorwand sein, um das Publikum bei der Stange zu halten. Aber ich merke, dass ich vor allem, bei den Passagen, die eine humorige Reaktion nahelegen eigentlich merke, dass mich das nicht übermäßig interessiert, dass der Tanz an sich unterhaltend genug ist, in Verbindung mit den, wie schon erwähnt, tollen Kostümen, um eine gute Stunde zu füllen.

Wie dem auch sei. Ich erinnere mich, im Programmheft zum Stück einen Text gelesen zu haben, in dem es darum ging, dass Volkstanz heute eine Art Trend im Bühnentanz ist. Der Text auf der Webseite scheint mit aktueller zu sein. Da geht es nicht mehr um Marktmechanismen, sondern um die Form „Volkstanz“ an sich. Bei Trachtenbummler ist es mir nicht möglich, zu unterscheiden, ob man es mit der authentischen, also traditionellen Form zu tun hat und das erscheint mir auch nicht so wichtig. Die Performance öffnet jedenfalls eine Menge Fragen: Inwiefern hat der Tanz in Clubs, die Choreographien, die Fans für ihre Idole kreieren eventuell etwas mit Volkstanz zu tun? Wie groß ist der Unterschied? Ist es wichtig, das zu analysieren? Wie sehr hänge ich selbst an einer Idee von dramatischer Progression? (ein Begriff, der mir im Beruf ständig begegnet) Ist die Performance, die gezeigt wird tatsächlich das Ding an sich oder eher eine Erkundung, die letztlich in eine ander Form hineinführen sollte – und was für eine Form sollte das sein? Eine Art Volksballett, in dem alle sich in einem großen Corps de Ballet vereinigen (und doch, wie hier gut gezeigt, Platz für Abweichler ist). Der Umgang mit potentiellen „Fehlern“ ist interessant. In manchen Darbietungen werden Stürze provoziert, die virtuose Synchonizität wird manchmal hochgehalten, dann bemerkt man Fehler, aber meistens weiß man nicht genau, ob man einen Fehler sieht oder eine kalkulierte Abweichung.

Kurz gesagt, der ganze Abend ist sehr interessant. Es ist lange her, dass ich ein Stück von Jochen Roller gesehen habe, ich meine das war noch vor der Jahrtausendwende am gleichen Ort, mit Text. Interessant ist es auf jeden Fall.

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