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Tanz im August: Crackz, Goldlandbergs, Trachtenbummler

August 30, 2013

Dadurch, dass ich die Büchse der Pandora, auf der „Urheberrecht“ stand geöffnet habe, wäre ich fast zu spät zu Bruno Beltraos Crackz (Danca morta) gekommen.

Jetzt also zum eigentlichen Sinn und Zweck dieses kleinen Blogs, nämlich dem Versuch, Tanz zu beschreiben. Nach Crackz hatte ich den Verdacht, dass man vielleicht versuchen könnte mit Begriffen wie urban gegen ländlich zu arbeiten. Es gibt eine gewisse Ähnlichkeit zu „the goldlandbergs“ von Emanuel Gat, das ein paar Tage vorher zu sehen war. Die Ähnlichkeit leitet sich zunächst daraus ab, dass es in beiden Stücken gelegentliche mehr zufällig wirkende Begegnungen von Tänzern gibt, mal zu zweit, mal in Gruppen, mal findet keine Begegnung statt, sondern ein Tänzer ist isoliert, hat dabei aber irgendeinen Bezug zur Restgruppe.

Insofern kam bei mir kurz der Gedanke auf, ob der Hauptunterschied der beiden Stücke möglicherweise darin bestehen könnte, dass Crackz urban wirkt, „The Goldlandbergs“ eher ländlich. Woher kommt dieser Gedanke? Zum einen hat man es mit sehr unterschiedlichen Soundkulissen zu tun. The Goldlandbergs läuft zu einem seltsamen Tondokument von Glenn Gould ab, das anscheinend in einer mennonitischen Gemeinde aufgenommen wurde. In die Wortbeiträge werden dann gelegentlich Stücke aus Bachs Goldbergvariationen eingestreut. Bei Crackz hingegen haben wir es mit einem Muskgenre zu tun, das man wohl am ehesten „industrial Music“ nennen würde. Es klingt wie eine Maschine, die in monotonen Rhythmus basslastig kaum merklich voranschreitet. Formal scheint mir Crackz sauberer zu sein, wenn man das so sagen kann. Die Bewegungen der Tänzer sind recht eigen. Es ist nicht hip hop, aber hip hop inspiriert, vielleicht mit den ein oder anderen Capoeira Einflüssen, wobei im Programmheft zu lesen ist, dass die Bewegungen aus Tanzbeiträgen stammen, die die Tänzer selbst im Internet suchen sollten.

Wenn das so ist, wurden sie, glaube ich, dann auf relativ wenige Bewegungsmuster zusammengestrichen und ähnlich wie die Musik hat man es dann mit Bewegungsvarianten zu tun, die sich oft wiederholen und deren Veränderungen fast unmerklich geschehen oder nur Abweichungen darstellen, um dann wieder in ein bereits gezeigtes Bewegungsmuster überzuleiten. Das Ganze wirkt verhältnismäßig aggressiv, daher mein Eindruck von Capeira, sehr viele Drehfiguren mit gelegentlichen Kicks, Hand und Armhaltungen, die an eine Deckung erinnern, gelegentliche Schläge, manchmal wirkt das fast insektenhaft. Nach einer Weile stellt sich aber tatsächlich eine gewisse Atmosphäre her, die schwer zu beschreiben ist, man könnte sagen apokalyptisch, aber irgendwie scheint mir das Wort „urban“ angemessener.

Haben wir hier mutmaßlich Hip Hop und Capoeira, finden sich bei the Goldlandbergs Bewegungsformen, die deutlich Ballett/modern dance und Yoga inspiriert sind. Beide Stücke sind nicht narrativ, Crackz im Erzeugen einer Atmosphäre aber überzeugender als „the Goldlandbergs“.

Vermutlich liegt das daran, dass „The Goldlandbergs“ eben auch ein Versuch ist, mal wieder Bach zu choreographieren und das meiner Meinung nach, nicht wirklich gut klappt. Die Musikwahl bei Crackz scheint mir überzeugender und passender zu den gezeigten Bewegungen. Gleichzeitig ist es so, dass The Goldlandbergs durch Bach und die gezeigten eher hübschen Bewegungen eben einen gewissen ländlichen Charakter hat.

Nimmt man Jochen Rollers Trachtenbummler noch mit in den Vergleich, hat man es da dann mit einer deutlich ländlichen Form, dem „Volkstanz“ zu tun, der durch die Musik gewissermaßen urbanisiert wird.

Es ist vermutlich nicht nötig, daran irgendwelche Wertungen anzuschließen. Ich bin auch nicht sicher, ob man mit den Begriffen wirklich weiter kommt. Ebensogut könnte man sagen, dass es sich bei Crackz um eine Tanzform handelt, die tendenziell kämpferisch ist, oder meinetwegen auch kompetitiv, wie es eben bei Hip Hop auch üblich ist, Jochen Rollers Volkstanzvarianten sind mehr kooperativ und Störungen sind eben Störungen einer Idylle, von der das Stück aber eigentlich ausgeht, und die bei „The Goldlandbergs“ ziemlich ungebrochen wirkt.

Was The Goldlandbergs und Crackz verbindet ist im Grunde so etwas wie die Abwesentheit einer klaren Struktur. Crackz wirkt deutlich chaotisch. Es gibt keine Erkennbare Struktur, die in irgndeiner Form eine narrative Absicht nahelegen könnte. The Goldlandbergs ist da weniger konsequent, am Ende ist man am gleichen Punkt wie am Anfang, aber die zirkuläre Struktur scheint mir hier nicht unbedingt sinnvoll. Trachtenbummler fällt da dann völlig raus, weil die Struktur fast gläsern transparent ist, nicht narrativ, aber das alles ist klar in unterschiedliche Demonstrationen unterteilt. Trachtenbummler fällt spätestens jetzt aus dem Vergleich raus. Wie das Stück im Grunde eine Urbanisierung ländlicher Formen versucht und sich damit in einer seltsamen Zwischenwelt aufhält, so klar sind die Zuordnungen bei The Goldlandbergs und noch stärker bei Crackz. Zugegebenermaßen, man kann sich darüber streiten, ob Ballett nicht letztlich eine urbane Tanzform ist, andererseits ist meine Assoziation, was die geographische Zuordnung betrifft eher so etwas wie der Garten von Versailles, das heißt eine artifizielle Ländlichkeit, die bei the Goldlandbergs aber eben durch die Yogaelemente geerdet wird.

Interessanterweise wirkt Crackz aber von allen Darbietungen am Natürlichsten. Der Begriff ist natürlich falsch, es ist die Natürlichkeit von Menschen, die nichts anderes als Stadt kennen. Vermutlich gibt es Leute, die behaupten würden, dass die Stadt die neue Natur der menschlichen Zivilisation ist, in dem Fall aber ein Dschungel oder ein Dickicht, um einen alten Theaterklassiker zu bemühen. Tendenziell bedrohlich, aber der urbane Mensch fühlt sich in der Natur nicht unbedingt zu Hause. Er glaubt Natur zu sehen, wenn des Nachts ein mutierter Fuchs über die Museumsinsel läuft, wenn ihm auf dem Bürgersteig eine Ratte begegnet oder ein Spatz ihm den Döner klaut. Der Stadtdschungel verlangt natürlich andere Überlebensstrategien als das Landleben. Während sich die Goldlandbergs sehr langsame Bewegungen leisten können, sind die Bewegungen bei Crackz vor allem schnell, unvermittelt, die Drehfiguren sind möglicherweise ein Versuch, in alle Richtungen gleichzeitig zu sehen, um sich jederzeit gegen eventuelle Bedrohungen wehren zu können.

Der Tanz bei Crackz ist am wenigsten ästhetisiert, sondern wirkt mehr wie eine Überlebensstrategie. Es wird eigentlich kein Wert darauf gelegt, Bewegungen besonders „schön“ auszuführen, sondern hauptsächlich schnell, ein Bein wird nicht gestreckt nur weil das hübscher aussieht. Die Volkstänze bei Trachtenbummler sind natürlich und vor allem Ritual – mumaßlich ein sehr altes, überliefertes Paarungs- oder Balzritual, das im Kontext von Erntedankfest und ähnlichem abläuft. Bei „the Goldlandbergs“ – hm, schwer zu sagen. Vielleicht ist es eine Schwäche des Stücks, dass die Tanzform verglichen mit den anderen beiden Performances, die ich hier zum Vergleich anführe, ein wenig beliebig wirkt. Der Begriff Beliebigkeit ist natürlich schwierig, weil es heißt, dass man sich die gleiche Performance anders getanzt vorstellen muss. The Goldlandbergs ist aber die Performance, bei der das möglich ist. Bei Crackz lässt sich die Art wie getanzt wird nicht gleichwertig durch eine andere Art zu tanzen ersetzen und bei Trachtenbummler auch nicht. Zumindest reicht meine Vorstellungskraft dafür nicht ganz aus.

Ich bin in der luxuriösen Situation, dass ich keine Empfehlungen oder Beurteilungen abgeben muss. Müsse ich das, würde ich sagen, dass ich bei Crackz nicht unbedingt die Zukunft des Bühnentanzes gesehen habe, aber eine interessante Variante und man wird sehen, was aus der Form werden kann, wenn sie ein bisschen mehr… hm, inhaltlich angereichert wird, als pure Form funktioniert das hier in als schamanistische Variante, die sich ihrer sozialen Herkunft bewusst ist. Das ist viel wert. Trachtenbummler ist die Vorstellung einer Form, auf deren Weiterentwicklung man gespannt sein darf, The Goldlandbergs ist vermutlich besser zu beurteilen, wenn man das im Gesamtwerk von Emanuel Gat einordnen kann, wozu ich nicht in der Lage bin, plump gesagt: nicht schlecht, aber auch nicht richtig gut. Johann Sebastian Bach wartet noch auf eine angemessene Umsetzung durch den Tanz. Nein, Nacho Duatos „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ ist das auf keinen Fall, sorry für den zukünftigen Intendanten des Berliner Staatsballetts, aber das ist eine ziemlich eitle, fast arrogante Bachumsetzung. Das Beste, was ich da bislang gesehen habe, war „Flying Bach“ und es ist auf eine Art bedauerlich, dass das die beste Bachinterpretation war, bislang.

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