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Hamlet – Schaubühne

Oktober 3, 2013

Im Nachhinein weiß ich nicht genau, welcher Teufel mich geritten hat, als ich beschloss, am dritten Oktober nicht in eine Tanzaufführung zu gehen, sondern mir stattdessen Hamlet an der Schaubühne anzuschauen.

Allerdings habe ich festgestellt, dass es für mich nicht schlecht war, meine diversen Tanzbetrachtungen ein wenig ruhen zu lassen, um dann, hoffentlich mit größerer Klarheit als in meinen letzten Auslassungen zum Thema, dahin zurück zu kehren. In der Zwischenzeit also: deutsches Schauspiel bzw. Regietheater. Ein schwieriges Feld.

Warum schwierig? Es gab eine Zeit, in der ich deutsches Regietheater großartig fand. Ich rannte in die Münchner Kammerspiele, damals wohl das beste deutsche Theater für „no bullshit“ Schauspieltheater, schaute mir eifrig alle möglichen Inszenierungen von Peter Stein oder Zadek auf Video an und fand das alles ziemlich gut. Aber das ist natürlich lange her und es hat sich viel verändert. Würde man mich fragen, was mich am Regie oder Schauspieltheater stört, würde ich wohl antworten, dass mir die Eitelkeit aller Beteiligten missfällt, dass ich „Rollen“ misstraue und Sprache sowieso. In seinen schlechten Phasen hatte das Regietheater eine seltsam pubertäre Freude daran, das Publikum, das im Prinzip verachtet wurde, zu provozieren und das Publikum tat dem Regietheater den Gefallen, provoziert zu sein. Aber der Verdacht liegt nahe, dass die „Provokationen“ (die Räuber auf Motorrädern und ähnliches) irgendwie recht harmlos waren und eigentlich keine wunden Punkte trafen. Aber, auch wenn es um die Betrachtung von Tanz geht, kann Schauspieltheater hilfreich sein. In den Kammerspielen hatte man es damals mit Chefcharismatikern wie Rolf Boysen, Thomas Holtzmann, Manfred Zapatka, Edgar Selge und Sunny Melles zu tun und die Frage, was einen guten von einem schlechten Schauspieler unterscheidet scheint sich an ähnlichen Argumenten festmachen zu lassen wie die Unterscheidung eines guten von einem schlechten Tänzer. Es geht um das alte Problem der Präsenz, aber vielleicht lässt sich im Schauspieltheater leichter nachvollziehen, wie sich Präsenz herstellt, als im Tanz – wir werden sehen.

Denn Hamlet ist mehr als alles andere Schauspieltheater, die Regie ist eigentlich uninteressant, es gibt natürlich ein paar „Regieeinfälle“, es gibt die Verwendung von Videolivetechnik, es gibt die unvermeidlichen „Aktualisierungen“ Tetrapaks, Maschinenpistolen, moderne, sachliche Kleidung, ein paar Anspielungen auf die Gegenwart im Text von Marius von Mayenburg, all das ist aber letztlich nur Material für eine Lars Eidinger Tour de force und da wird es dann natürlich interessant.

Aber der Reihe nach. Also Shakespeare. Über den Mann und Mythos wurde viel geschrieben und gesagt, Roland Emerich hat sogar einen Film über Shakespeare gemacht (Anonymous), den ich nicht gesehen habe, weil mich die Frage ob „Shakespeare Shakespeare war“? oder irgendjemand anders wirklich nicht die Bohne interessiert. Die Stücke existieren, das ist das einzige, was etwas bedeutet, und wenn Gott selbst oder der Teufel das Zeug geschrieben hat, soll es mir auch recht sein (dazu hätte Julian Jaynes vermutlich etwas zu sagen).

Der Grund, weshalb Shakespeare heute immer noch ein oft gespielter Autor ist, hat natürlich in erster Linie etwas damit zu tun, dass die Stücke verdammt unterhaltsam sind. Sex, Gewalt, Intrigen, willkommen in der Mittelaltersoap, die allerdings ziemlich sprachgewaltig vorgetragen wird (über den umfangreichen Wortschatz von Shakespeare hat vermutlich auch Roland Emerich etwas zu sagen). Im Programmheft von Hamlet kommen dann auch zahlreiche Prominente zu Wort, die sich zu Shakespeare geäußert haben und man kann sich das durchlesen und daran seine eigene Haltung überprüfen. Ich habe noch nicht alles gelesen, aber es gibt, glaube ich, die wesentlichen Stimmen,Voltaires Shakespeare Bashing, TS Eliots Auslassungen zu guter oder schlechter Shakespeare Kritik, das sinnigste was ich bis Stückbeginn angelesen hatte war, was Peter Brook dazu zu sagen hatte. Wie dem auch sei. Shakespeare macht Spaß und ich erinnere mich, dass ich als 12 oder 13jähriger Spaß daran hatte, mir auf den dritten Programmen die BBC Inszenierungen von Shakespeare Klassikern anzuschauen und dadurch eine gewisse Schwäche für die „Histories“ entwickelt habe, die heute in fiktiver Form in „Game of Thrones (a song of ice and fire)“ eine Art revival feiern. Die Shakespeare Referenzen in Game of Thrones zu untersuchen wäre eine Aufgabe für sich, an die man sich machen kann, wenn George RR Martin das Zeug irgenwann mal fertig schreibt. Die BBC Inszenierungen waren weit von Regietheater entfernt und reine Schauspielkunst. Es wäre interessant, mal zu untersuchen, inwieweit diese seltsame Manie des Regietheaters, dem Zuschauer durch Kostüme und Props zu erklären, dass das alles ja wahnsinnig aktuell ist, etwas deutsches ist oder auch in anderen Ländern üblich.

Bei Hamlet ist es so, dass das Stück eigentlich ein Stück über Theater ist. Es geht um Hamlet, der vorspielt wahnsinnig zu sein und irgendwann ist man nicht mehr sicher, ob der Abgrund, in den er sich gespielt hat, ihn nicht doch verschlungen hat. In einer Kritik zu dem Stück habe ich gelesen, Eidinger würde Hamlet als Boderline Psychotiker anlegen und das stimmt ein bisschen. Man ist nicht sicher, ob der Wahnsinn nicht echter ist, als das dünne Häutchen Höflichkeit, das die eher authentische Wut und Rachsucht zurück hält. Wahnsinnig spielen zu dürfen heißt, Seiten in sich zum Vorschein zu bringen, die tatsächlich durch eine andere Rolle verborgen werden. Und vielleicht merkt man dann, dass die Rolle des Wahnsinnigen echter ist, als die Fassade, die man sonst so nach außen trägt. Da Hamlet ein Theaterstück ist, bietet das Thema eine Art Metatext, die eigentlich erst in der Postmoderne so richtig in Mode kamen.

Wie funktioniert das in der Schaubühnen Inszenierung. Man mag kritisch oder wohlwollend anmerken, dass sich die Aufführung sehr auf Eidinger verlässt. Irgendwie schafft es die Bearbeitung, jede Spannung aus dem Plot zu eliminieren, wenn Hamlet/Eidinger behauptet, er hätte Ophelia geliebt, glaube ich ihm kein Wort, alles ist Show. Den „Sein oder nicht sein“ Monolog gibt es dreimal. Einmal ganz am Anfang, einmal in der Mitte – in einigen Kritiken stand, Eidinger würde da den deklamatorischen Ton des Wiener Burgtheaters benutzen, aber tatsächlich handelt es sich um eine Hitler Parodie – einmal, dann endlich vollständig, am Ende. In dem Monolog geht es ja darum, vor welchen Widrigkeiten des Lebens einen der Tod befreit. Meine Lieblingsstelle „the insolence of office“ wird hier übersetzt mit „die Überheblichkeit der Bürokratie“, wenn ich mich recht erinnere. Die Übersetzung ist sinnig, wörtlich: die Unverschämtheit der Ämter, aber Ämter ist missverständlich (und ich bin nicht sicher ob es zu Shakespeares Zeiten das Wort für „Bürokratie“ schon gab, wenn es das Wort gegeben hätte, hätte er das vermutlich benutzt) und „Überheblichkeit“ vielleicht die treffendere Beschreibung dessen, was gemeint ist.

Es gibt ein paar bemerkenswerte Momente in der Aufführung. Als Eidinger beginnt von einer Theateraufführung zu sprechen, in der sich drei Verbrecher vor emotionaler Betroffenheit zu ihren Verbrechen bekannt haben (Hamlet zielt hier auf seinen Onkel, der seinen Vater ermordet hat) fordert er die einzige drei schwarzen Zuschauer im Publikum auf, aufzustehen. Die armen Kerle verstehen zu allem Unglück nicht mal deutsch und sollen sich dem Publikum als typische Verbrecher präsentieren. Eine Frau im Publikum fragt, ob er das witzig findet. Eidinger fragt zurück, ob niemand das witzig findet, als ihm eisiges Schweigen entgegen schlägt, bittet er die drei, sich zu setzen, stattdessen darf sich ein deutscher Zuschauer für das Possenspiel zur Verfügung zu stellen. Eidinger sagt, dass er immer die Leute auffordert, die auf den Plätzen sitzen und das nichts damit zu tun hat, rassistische Vorurteile zu bedienen. Der Moment ist bemerkenswert, weil es sich dabei einerseits um autoritäres Mitmachtheater handelt, bei dem mir eigentlich das kalte Kotzen kommt, wo Zuschauer, deren Job es eigentlich ist, zuzuschauen, zu ziemlich hilflosen Statisten degradiert werden (es ist eine Degradierung, weil die Zuschauerposition eine Machtposition ist, die Statistenrolle eine entmachtete Position). Ob und wie sehr ich meine Rolle als Zuschauer in Frage stelle ist eigentlich meine Sache und es nervt mich für gewöhnlich, wenn ein Regisseur (denn es handelt sich um eine Regieentscheidung), glaubt, mir sagen zu müssen, wie ich mich als Zuschauer zu sehen habe. Auf der einen Seite handelt es sich also um eine dieser unschönen Entwicklungen des Regietheaters, das den Zuschauer als ein minderwertiges Wesen betrachtet, der zu erziehen ist, andererseits – und dann wird es interessant – passt dieses Verhalten zu Hamlet eben ziemlich gut, der mit seinem vorgespielten Wahnsinn eben alle terrorisiert und Eidinger bleibt auch dann in der Rolle, wenn er aus der Rolle fällt, als er beispielsweise später am Abend, in den hinteren Reihen einen Zuschauer vorfindet, der eingeschlafen ist und der Meinung ist, dass man da etwas zu klären hat, während seine Schauspielerkollegen auf der Bühne etwas hilflos „Hamlet“ auffordern, wieder zurück auf die Bühne zu kommen, um sein Duell mit Laertes auszufechten. Dass Eidinger in der Performance durchdreht ist das eigentlich Lässige daran, wäre das nicht so, hätte man es mit einem relativ belanglosen Abend zu tun. Dass es dabei nahezu keinen Unterschied gibt, ob Eidinger etwas mit dem Publikum zu klären hat oder ob er auf der Bühne sich mit Laertes & Co auseinandersetzen muss, spricht einerseits für Eidingers Performer Qualitäten, gleichzeitig scheint das dramaturgische Konzept, dem Hamlet Irrsinn freien Lauf zu lassen und dafür jegliche Spannung im Plot aufzugeben, jede Entwicklung zwischen den Figuren letztlich zu vernachlässigen, an dem Punkt aufzugehen (obwohl natürlich diese Entscheidungen das Einschlafen erleichtern).

Außer Hamlet gehen einem eigentlich alle Figuren am Arsch vorbei. Die männlichen Mitspieler können durchaus für witzige Momente sorgen, Lucy Wirth, die an dem Abend für Stammbesetzung Judith Rosmair auf der Bühne steht, fremdelt ein bisschen, obwohl sie gute Momente hat (aber auch Textunsicherheiten).

Nun gut, für mich ist es natürlich interessant zu untersuchen, warum die Performance von Lars Eidinger eine gute Performance ist. Zum einen kommt ihm die Rolle entgegen. Hamlet spiel Hamlet, der verrückt wird, wird zu: Eidinger spielt Hamlet, der Hamlet wird, der verrückt wird und deshalb auch Eidinger, der Hamlet spielt, sein kann. Genauso gut wäre möglich: Hamlet spielt Eidinger, der verrückt wird und seinen eigenen Wahnsinn hinter der Rolle Hamlet verbirgt. Der verrückte Hamlet stellt sich vor, Lars Eidinger zu sein und stellt fest, dass er da ziemlich zu Hause ist. Vielleicht channelt ein guter Schauspieler die Figur, der er seinen Körper und seine Stimme zur Verfügung stellt, vielleicht channelt die Figur sich aber auch in den Schauspieler hinein und benutzt ihn für ihre Zwecke. Hamlet lebt, scheint die Botschaft dieses Abends zu sein und das ist eigentlich schon ganz schön viel.

Der Rest ist natürlich Schweigen.

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