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Staatsballett Berlin – Schwanensee Pavlova/Krenstetter Version

Oktober 18, 2013

Es ist ziemlich lange her, seit ich das letzte mal Schwanensee am Staatsballett gesehen habe. Da war Polina Semionova noch fröhlich mit dabei und ihr Bruder auch. Seitdem ist viel passiert und es ist ein wenig schwierig, sich im Moment über das Staatsballett zu äußern, ohne sich mit den Untiefen der Berliner Kulturpolitik befassen zu müssen. Das hebe ich mir allerdings auf für einen anderen Tag. Das beste Mittel die politischen Seltsamkeiten zu vergessen ist tatsächlich, einfach hinzugehen und sich Schwanensee anzuschauen.

Leider habe ich die Shoko Nakamura Version verpasst, weil sich bei mir einige Termine verschoben haben. Dafür sehe ich in einer Vollmondnacht mit dazugehöriger Mondfinsternis Krasina Pavlova in ihrem Rollendebut als Odette/Odile und das ist auch der eigentliche Grund, weshalb ich mir kurzfristig noch eine Karte besorgt habe.

In der strengen Balletthierarchie ist Krasina Pavlova Solotänzerin. Über ihr stehen noch die „ersten Solotänzerinnen“, denen Odette/Odile normalerweise vorbehalten ist. Die Entscheidung, eine Solotänzerin mit der schwierigen Aufgabe zu betrauen, das zu tanzen, findet prinzipiell und grundsätzlich meine vorbehaltlose Unterstützung. Wenn Tänzer sich weiter entwickeln sollen, dann muss man ihnen Aufgaben stellen, die schwierig sind, auch auf die Gefahr hin, dass sie möglicherweise scheitern. In meiner etwas naiven Vorstellung ist es ja so, dass Odette/Odile so ziemlich die Traumrolle für jede Balletttänzerin ist, die einen gewissen Ehrgeiz entwickelt hat. Ich nehme an, viele zehnjährige Mädchen fangen an, zum Ballettunterricht zu gehen, weil sie irgendwann einmal das tanzen wollen. Die meisten davon werden nie dahin kommen, wenn sie es doch schaffen, stelle ich mir vor, dass es ein besonderer Tag für sie ist, wenn sie zum ersten Mal Odette/Odile vor ziemlich ausverkauftem Haus tanzen dürfen.

Insofern habe ich auf dem Weg zum Ballett die Vorstellung, dass es für Krasina Pavlova ein aufregender Abend ist. Ihr Tanzpartner ist Rainer Krenstetter als Siegfried, der die Rolle schon gelegentlich getanzt hat, ich glaube vor allem mit Iana Salenko.

Als das Stück los geht erinnere ich mich daran, wie gut das Ding tatsächlich ist. Man hat die Tschaikowsky Gassenhauer, ziemlich vertrackte Corps de Ballet und Gruppenchoreographien und natürllich die ehrfurchtgebietenden Solopartien. Überraschenderweise zeigt Rainer Krenstetter an dem Abend kleine Unsicherheiten bei Sprunglandungen, wo er das ein oder andere mal nachkorrigieren muss. Ich glaube es gibt keine Schwanensee Vorstellung ohne technische Unsicherheiten, das hat einfach etwas mit den hohen technischen Anforderungen des Stücks zu tun. Rainer Krenstetter ist ja normalerweise ein Sprunggott und an diesem Abend überrascht es mich, dass er bei den Sprüngen etwas schwächer ist als beim Partnering. Die Kombination Pavlova/Krenstetter funktioniert tatsächlich sehr gut. Und Krenstetter bringt das Kunststück fertig, dass ich ihn beim Pas de deux im zweiten Akt tatsächlich vergesse – immer ein Zeichen für sehr gute Partnerarbeit. Das ist natürlich auch das Verdienst von Krasina Pavlova. Während es mir so vor kam, dass Rainer Krenstetter bevor sie auf der Bühne war etwas hibbelig wirkte, ändert sich das sobald sie auftaucht.

Odette im zweiten Akt tanzt Pavolova mit großer Ruhe und Konzentration und es scheint so zu sein, dass sie Rainer Krenstetter mit dieser Ruhe und Konzentration ansteckt. Sie setzt die Armbewegungen präzise und pointiert, die Bewegungen insgesamt, die Beinarbeit ist klar und ohne Unsicherheiten. Zumindest konnte ich keinerlei Makel bemerken und ich habe ihr ziemlich gebannt zugeschaut – wie gesagt löste sich Rainer Krenstetter in Luft auf und war erfolgreich darum bemüht, seine Partnerin gut aussehen zu lassen. Im Schauspielerischen hält Krasina Pavlova sich zurück, kein übermäßig leidender Gesichtsausdruck, allerdings hat man, wenn sie Siegfried auf schwanisch ihr schweres Schicksal erläutert keine übermäßig genaue Idee davon, worum es eigentlich geht. Am klarsten war das für mich bei Polina Semionova und bei Iana Salenko, aber in der internen Odette Wertung ist Krasina Pavlova zur Pause ziemlich weit oben, vielleicht gleichauf mit Polina Semionova. Ich mag es ja tatsächlich sehr gern, wenn ruhig und konzentriert getanzt wird. Es ist allerdings auch klar, dass man mit Ruhe und Konzentration bei Odile nicht sehr weit kommt. Die interne Odilewertung wird mit ziemlichem Abstand von Polina Semionova angeführt und das ändert sich auch an diesem Abend nicht. Allerdings kommt Krasina Pavlova mit ihrer Odile Lesart ziemlich weit. Wie sie bei Odette gewisse Bewegungen sehr pointiert und genau gesetzt hat, setzt sie bei Odile das Lächeln in Siegfrieds Richtung genau richtig ein, ebenso die sich vergewissernden Blicke zu Rotbart (Leonard Jakovina). Das ist schon sehr genau gearbeitet und stimmig.

Was an diesem Abend besser funktioniert als bei den anderen Vorstellungen die ich vor einiger Zeit gesehen habe, ist das Intrigendreieck Odile (Pavlova) – Rotbart (Jakovina) – Siegfried (Krenstetter), als Opfer der Intrige. Gelegentlich habe ich Siegfried missverständlich getanzt gesehen oder besser gesagt gespielt, weil es da eher darum geht, wann der Tänzer welche Emotion auspackt. Hier scheint die Intrige sehr klar: Rotbart und Odile überzeugen Siegfried davon, dass Odile tatsächlich Odette ist, als er es glaubt, erfährt er die Wahrheit und verfällt in die entsprechend nachvollziehbare Verzweiflung. Das funktioniert ziemlich gut, weil sobald der Siegfried Tänzer den Eindruck erweckt, er wisse, dass Odile nicht Odette ist, wird Siegfried wissentlich zum Verräter – Krenstetter schafft es irgendwie, dass dieser Eindruck nicht entsteht. Das ganze Dreieck ist in der Aufführung sehr klar und transparent. Leonard Jakovina ist ja eh einer meiner Lieblingstänzer am Staatsballett und er tanzt Rotbart hier auch auf hohem Energieniveau, witzig und schnell. Dass Pavlova die Blicke so klar setzt macht die Grenzlinien innerhalb der Intrige sehr deutlich, das funktioniert alles sehr gut. Während Iana Salenko als Odile Odette eher parodiert hat, scheint es mir bei Krasina Pavlova eher um eine Imitation zu gehen und in der angebotenen Lesart der Intrige ist das durchaus sinnig, weil sie eben ernsthaft versucht, Siegfried davon zu überzeugen, dass sie Odette in lüsterner Stimmung ist. Ich mag die parodistische Variante auch, sinnvoll ist aber beides.

Nun gut, dann kommen die fouttées, der Schwanenseefetisch. Es ist schwierig. Die 32 Fouttées en tournant sind ja gewissermaßen das Kronjuwel jeder Odile Performance und es ist ein kleiner Schönheitsfehler, dass Krasina Pavlova da ihre einzige Unsicherheit in einer ansonsten ziemlich perfekten Performance zeigt. Die fouttées sind an diesem Abend aber trotzdem aufschlussreich. Gelegentlich liest man ja in Rezensionen von professionellen Ballettkritikern darüber wie Tänzerin XY die fouttées tanzt. Also fouttées ist hier der falsche Ausdruck. Es geht eben um 32 hintereinander getanzte Pirouetten, bei denen eine peitschende Bewegung mit dem Spielbein ausgeführt wird (das fouttée). Die häufigste Variante, die ich gesehen habe, ist, glaube ich, dass die Tänzerin grob ein Fouttée alle zwei Umdrehungen ausführt, also 16 Fouttées auf 32 Pirouetten. Krasina Pavlova macht tatsächlich bei jeder Drehung das fouttée. Ich habe nie versucht, das zu tanzen – ich selbst scheitere ja schon daran, eine einfache Pirouette zu tanzen, insofern weiß ich nicht genau, was der Vorteil oder Nachteil der unterschiedlichen Varianten ist. Das fouttée als Bewegung scheint den Vorteil zu haben, dass man damit Schwung holen kann, gleichzeitig bringt einen die Bewegung angeblich aus dem Gleichgewicht, die Meinungen darüber, ob es leichter ist, fouttées zu sparen oder schwieriger scheinen geteilt zu sein, vielleicht weiß irgendjemand darüber besser Bescheid als ich. Ich habe bei Krasina Pavlova nicht mitgezählt, aber 32 Drehungen waren es nicht. Ich glaube, ihr ist das passiert, was eben der fouttée Bewegung, die mit jeder Drehung kam, nachgesagt wird, nämlich dass sie dadurch aus dem Gleichgewicht gekommen ist und ein paar Piroutten vor der 32sten die Notbremse gezogen hat, um nicht umzufallen. Also sagen wir, sie ist nur auf 28 oder so gekommen, tragisch ist das natürlich nicht, aber ein Schönheitsfehler. Ich habe den Verdacht, dass Rainer Krenstetter dafür ein paar Siegfriedpirouetten mehr gemacht hat.

Natürlich kann Krasina Pavlova die Fouttées tanzen, sonst hätte sie die Rolle nicht bekommen, was für den Zuschauer nicht unbedingt sichtbar ist, ist, wie anstrengend es ist, die Dinger zu tanzen. Mir ist das erst etwas klarer geworden, als ich in einer Dokumentation mal Aurelie Dupont, immerhin etoile an der Pariser Oper, gesehen habe, die tagelang eben diese 32 fouttées en tournant übte und während des Training gelegentlich vor Anstrengung abbrechen musste. Wenn man sich dann vorstellt, dass die Tänzerin in der Aufführung schon zwei anstrengende Akte hinter sich gebracht hat, scheint es sich also vielleicht um ein Problem der Krafteinteilung und der Übung zu handeln. Das ist zumindest erstmal meine Arbeitsthese. Es wird interessant sein, wie Krasina Pavlova das Problem in Zukunft angehen wird, denn insgesamt zeigt sie eben eine durchaus interessante und klare Variante von Odette/Odile und wird sicher bemüht sein, die kleine Schwäche noch zu beheben. Ob es einem gefällt oder nicht: bei Schwanensee entscheiden die 32 fouttées en tournant über standing ovations oder wohlwollenden Applaus, da kann der Rest dann so toll sein wie er will.

Der vierte Akt gehört allerdings mehr Rainer Krenstetter als ihr, weil er als Siegfried tatsächlich eine schöne und anrührende Performance bietet, während hier Krasina Pavlova für meine Begriffe nicht entschieden genug ist, aber ich bin eh der Ansicht, dass Iana Salenko die einzige Tänzerin am Staatsballett ist, die das „richtig“ tanzt/spielt, nämlich ohne Angst, Odette unsympathisch wirken zu lassen.

Abschließend lässt sich zu Krasina Pavlova als Odette/Odile von meiner Warte aus sagen, dass sie das Vertrauen, das Vladimir Malakhov ihr entgegengebracht hat, gerechtfertigt hat. Auf dem U-Bahnsteig schien VM jedenfalls nach der Vorstellung guter Dinge zu sein (und ich überrascht: der Intendant fährt mit der U-Bahn).

Krasina Pavlova war mir vorher eigentlich weder positiv noch negativ aufgefallen und insofern war ich durchaus angenehm davon überrascht, mit welcher Präsenz und technischer Präzision sie getanzt hat. Alles sehr sauber und konzentriert. Vermutlich ärgert sie sich über die fouttées, aber ich hoffe, dass sie auch unter dem neuen Intendanten die Möglichkeit bekommen wird, die Doppelrolle zu tanzen und daran noch ein wenig zu feilen und zu arbeiten. Die ganze Performance hatte durchaus Glamour und Autorität, insgesamt würde ich also sagen, sehr gut mit einem Schönheitsfehler. Das schwierige an der Berliner Schwanensee Version ist ja tatsächlich, abgesehen von dem hohen technischen Niveau eine sinnvolle tänzerische/schauspielerische Interpretation der Geschichte. Am klarsten wurde das Problem für mich in der Version mit Ekaterina Krysanova, die Odette/Odile technisch perfekt getanzt hat, aber das allein reicht dann eben nicht aus, um Odette/Odile in der Berliner Version zwingend und nachvollziehbar zu machen. Der Sinn der Aufführung blieb in ihrer Variante trotz aller technischen Perfektion unklar. Auf die Choreographie allein kann sich die Tänzerin an dem Punkt nicht verlassen. Ich habe noch keine wirklich zwingende Version gesehen. Iana Salenko vielleicht noch am ehesten. Krasina Pavlova und Rainer Krenstetter haben in eine etwas andere Richtung geforscht und sind da möglicherweise auf einer richtigen und guten Spur. Wie bei jeder Schwanenseevorstellung habe ich jedenfalls wieder mal ein paar Dinge gesehen, die ein paar neue Möglichkeiten eröffnet haben.

Was gibt es sonst noch zu sagen? Kevin Pouzou als Benno, gewissermaßen der Sidekick von Siegfried und kaum verhohlen ein Love Interest in Konkurrenz zu Odette und der Mutter. Kam mir alles sehr frisch und sinnig vorgetragen vor, die Eifersucht von Benno auf Odette habe ich schon klarer gesehen (ich glaube sogar von Rainer Krenstetter als Benno oder von Dinu Tamazlacaru). Sarah Mestrovic als Königin fand ich gut, sie ist da nicht ganz so dominant wie, sagen wir, Nadja Saidakova, aber auf ihre schauspielerischen Fähigkeiten ist Verlass, was zu tanzen war, hat sie souverän getanzt. Ich glaube ja, dass sie jünger ist, als Krasina Pavlova oder Rainer Krenstetter und insofern gleicht sie das fehlende Alter über die nötige Arroganz und Autorität aus, die die Königin eben haben muss. Was Sarah Mestrovic mit Leonard Jakovina verbindet ist, dass beide eine gegebene Choreographie mit der geforderten Rolle aufladen können und trotzdem das eigene behalten. Das ist eine Kunst für sich und wie das genau funktioniert wird bei Gelegenheit noch zu untersuchen sein.

Na schön, bei Schwanensee geht es ja mittlerweile eben doch viel um „wie waren die Tänzer“, eine Vergleichsmaschine, die ich bei Beginn dieses Blogs eigentlich gerne vermeiden wollte. Mittlerweile musste ich dann doch einsehen, dass es durchaus Erkenntnisgewinn bringt, die Vergleiche zu versuchen, auch wenn das manchmal hinkt. Bei Schwanensee ist es jedenfalls so, dass jede Tänzerin und jeder Tänzer in den Hauptrollen etwas eigenes mit hineinträgt. Krasina Pavlova und Rainer Krenstetter sind da keine Ausnahme und nach meinem Dafürhalten eine gute und aufschlussreiche neue Besetzungsvariante.

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