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Kölner Philharmonie – Hauschka und Hilary Hahn

Oktober 31, 2013

Eine Kölnkennerin erzählte mir, dass es mit Köln und Düsseldorf so ist: die Kölner und Düsseldorfer können sich nicht leiden. Das hat irgendetwas mit einem Zollkonflikt im 11. Jahrhundert zu tun, da war Köln die bei weitem mächtigere Stadt und am längeren Hebel. Die Kölner durften sich erst im 20. Jahrhundert als Opfer der bösen Düsseldorfer fühlen, als nämlich Düsseldorf Landeshauptstadt wurde, während die Kölner, nicht ganz zu Unrecht, der Ansicht waren, dass ihre Stadt historisch doch irgendwie bedeutender sei und es eher verdient gehabt hätte, Landeshauptstadt zu sein. Vor diesem Hintergrund bin ich nicht sicher, ob Hauschkas erster Wortbeitrag an jenem Abend mit Hilary Hahn diplomatisch klug war, als er fröhlich erzählte, dass er sehr glücklich ist in Köln aufzutreten, weil Köln in der Nähe von Düsseldorf ist und er da wohnt. Möglich auch, dass es keine gute Idee ist, in Köln über die erfrischend sinnfreie Konstruktion der Philharmonie zu sprechen, deren Dach ein Teil der Fußgängerzone rund um den Dom ist und bei Konzertveranstaltungen von Wachpersonal abgesperrt wird, weil die Schritte möglicher Passanten im Inneren der Philharmonie zu hören sind. Na gut, ich bin nicht sicher, ob die Kommentare tatsächlich irgendjemanden an diesem Abend stören, vermutlich eher nicht, aber der Gedanke, dass Hauschka munter von einem Fettnäpfchen ins nächste gehüpft ist, gefällt mir irgendwie, weil ja Fettnäpfchenspringen auch ein beliebtes Hobby von mir ist und immer einen gewissen Unterhaltungswert hat, auch wenn einem selbst der komödiantische Aspekt dabei eher unangenehm ist.

Hilary Hahn sagt auch kurz etwas, dabei geht es allerdings um Musik. Sie redet über die Arbeitsweise und benutzt die interessante Formulierung „wir improvisieren noch“. Selbst wenn man die Aussage in der Annahme, dass Hilary Hahn gerade nicht auf deutsch eingegroovt ist, ins englische zurück übersetzt: „we are still improvising“ oder so, ist sie interessant, weil darin ein wenig die Haltung zum Ausdruck kommt, dass Improvisation gewissermaßen eine Vorstufe zu „richtiger“ also festgeschriebener Musik ist, eine Haltung, die ich bei einer vor allem klassischen Musikerin genau so erwarten würde und nachvollziehbar finde, denn klassische Musik ist bekanntlich nicht unbedingt ein Musikgenre, in dem Improvisation besonders gefördert wird. Die Stücke sind festgeschrieben, die meisten klassischen Musiker sind vermutlich in der Lage „vom Blatt“ zu spielen und können Noten lesen wie die meisten von uns Wörter, also fließend, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Die Form von Improvisation, die gewissermaßen eine Vorstufe ist zu festgeschriebener Musik ist nicht unüblich. Viele Rockbands veranstalten Jamsessions, um dadurch auf musikalische Figuren zu treffen, die ihnen gut genug vorkommen um darum herum ein Lied zu komponieren. Vermutlich sind ziemlich viele Hits der Rock und Popmusik auf diese Art entstanden. Klassische Musik wirkt manchmal intellektueller, nicht so spontan in der Entstehung, sondern erscheint gelegentlich als das Endprodukt eines geradezu akademischen Prozesses, obwohl das möglicherweise nicht immer stimmt. Von Beethoven wissen wir, dass er taub war, als er die neunte Sinfonie geschrieben hat und einige Klaviersonaten, das heißt er hat einfach aufgeschrieben, was er in seinem Kopf oder seinem inneren Ohr gehört hat, wenn man will, mag man da von reiner Inspiration sprechen. Improvisation ist das Mittel der Wahl, wenn man sich auf die Inspiration nicht verlassen will oder wenn man Inspiration erzwingen will, dadurch, dass man sich beispielsweise in einen Rausch spielt, der im Idealfall auch das Publikum ansteckt oder der genug hübsche Ton und Akkordfolgen für den ein oder anderen Hit abwirft. Dabei verbinden sich die Energien der miteinander Spielenden und verstärken sich. Die Musikrichtung, die das als eigene Form zelebriert, ist Jazz, weshalb viele Leute sagen, dass Jazz live Musik ist, bei der jedes Konzert anders abläuft und in Interaktion mit dem Publikum. Wenn Hauschka sagt, es wäre eigentlich gut, wenn Leute über das Dach der Philharmonie latschen würden, weil es nicht darum geht, Geräusche zu vermeiden, sondern Umweltgeräusche gewissermaßen als Ideengeber mit in die Musik einzubauen, dann ist das ein Jazzgedanke. Jazzmusiker suchen den Rausch und das Unmittelbare und haben keine Lust auf die Beschränkungen eines Notenblatts, weshalb Jazzimprovisationen oft genug eben aus gewissen Akkordfolgen bestehen, die sehr grundlegenden Gesetzmäßigkeiten folgen und der improvisierende Solist macht dann, was er will. Da läuft viel über Blicke, Handzeichen, Kopfnicken oder ähnliches Also John Coltrane und solche Sachen kommen dabei dann raus. So stelle ich mir das jedenfalls vor.

Beim klassichen Musiker ist es vielleicht eher so: der klassiche Musiker hat es mit Noten zu tun, die mitunter schon sehr alt sind und er forscht an unterschiedlichen Möglichkeiten die einzelnen Noten oder den Zusammenhang der Noten zu präsentieren, so dass das für ihn oder sie irgendwie Sinn ergibt oder ein Gefühl erzeugt. Vorraussetzung dafür ist, dass die technischen Schwierigkeiten, die die Umsetzung des Notenbildes möglicherweise stellt, bewältigt sind und erst dann kommt das Eigene rein. Der Jazzmusiker spielt möglicherweise gelegentlich Dinge, die technisch schwieriger sind als das, was der klassische Musiker zu spielen hat, wenn er sich mit seinen Noten befasst, aber für den Jazzmusiker handelt es sich dabei um ein spontantes Ereignis an einem gegebenen Abend, das unter Umständen nicht reproduzierbar ist und der Jazzmusiker sucht auch genau das nicht Reproduzierbare, während der klassische Musiker daran interessiert ist, seine Interpretation reproduzierbar zu machen. „Wir improvisieren noch“ heißt: wir können das nicht auf Kommando reproduzieren und es ist von Abend zu Abend unterschiedlich interessant.

Ich reite gerade darauf herum, weil der von mir behauptet Unterschied zwischen klassischer Musik und Jazz an dem Punkt dem Unterschied zwischen klassischem Ballett und zeitgenössischem, improvisiertem Tanz entspricht. Das eine hat mit dem anderen auf den ersten Blick wenig zu tun, das eine ist auf die Möglichkeit aus, eine vorgegebene Choreographie/Notenschrift jederzeit auf möglichst hohem Qualitätsniveau zu reproduzieren, das andere ist interessiert am Flüchtigen, am Einmaligen, pathetisch ausgedrückt der Unterschied zwischen Ewigkeit und Gegenwart, der natürlich bei genauerer Betrachtung verschwindet, sich auflöst.

Beide Ansätze sind aber in der Lage, Rausch oder Inspiration zu vermitteln. Ein gut getanzter Schwanensee ist letztlich genauso inspirierend wie schamanistisch angehauchte, nicht virtuose Tanzexzesse bei Meg Stuart.

Bach kann genauso berauschend wirken wie, sagen wir, die Sex Pistols oder irgendwelche Jazzleute.

Was bei der Improvisation viel offensichtlicher zu Tage tritt ist allerdings das „eigene“ des Künstlers. Wenn Hilary Hahn Bach spielt, dann ist da auch das eigene zu finden, aber das eigene da findet sich im Ausdruck und in der möglicherweise emotionalen Aufladung einer gegebene Form (ein Notenblatt), ähnlich wie bei klassischen Balletten. In der Improvisation ist sowohl der Musiker als auch der Tänzer nackt, es ist nur das eigene zu sehen, der eigene Zugang zu Tanz oder Musik, der formale Rahmen ist da und gibt eine gewisse Sicherheit, aber viel loser als in notierter Musik. Ebenso mag die Beherrschung des Instruments eine Sicherheit vermitteln, doch diese Sicherheit birgt auch eine Gefahr, nämlich, dass man sich in gekonnte Figuren hineinflüchtet. Ein klassischer Tänzer wird vermutlich zunächst Figuren improvisieren, von denen er weiß, dass er sie beherrscht und dass sie irgendwie gut aussehen, man sieht dann aber keine gute Improvisation, sondern im schlimmsten Fall einfach nur klassische Figuren ohne ordnenden Zusammenhang.

Das interessante an dem Abend ist tatsächlich nicht so sehr Hauschka, der in der Improvisation zu Hause ist und mit dem präparierten Flügel vor allem perkussive Klänge erzeugt, einen Rhythmus vorgibt oder in seltenen Fällen einem Rhythmus folgt, den Hilary Hahn anbietet. Interessant ist erstmal wie Hilary Hahn, als Künstlerin, die in der klassischen Form zu Hause ist, mit Improvisation umgeht.

Hauschka ist dabei ziemlich souverän. Es ist auch sein Metier, während mir bei Hilary Hahn der Vergleich zu einer klassischen Ballerina, die sich zeitgenössischem experimentellen Tanz annähert nicht allzu weit hergeholt erscheint. Es ist aber ein Schritt, der durchaus mutig ist und von einer gewissen musikalischen Neugier spricht, dem Wunsch, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Wenn wir im Tanzbild bleiben, dann hat Hilary Hahn im Klassischen eigentlich alles erreicht, was man erreichen kann – es wurde sogar ein Konzert für sie geschrieben (das ist vermutlich so ähnlich, wie wenn ein Choreograph ein Werk für eine spezielle Tänzerin choreographiert, die Tänzerinnen sind dabei gewissermaßen die „Musen“).

Der Schritt, sich dann in ein anderes Genre vorzuwagen, ist natürlich mutig, weil es wie bei allem Neuen, das man versucht, möglich ist zu scheitern. Ein anderer Geiger namens David Garrett, um ein eher unerquickliches Beispiel zu nennen, ist dabei letztlich gescheitert, weil er das Scheitern ausschließen wollte. Ob David Garrett Paganini spielt oder Michael Jackson ist letztlich egal, weil es bei dem einen wie bei dem anderen darum geht ein, zugegeben, unterschiedliches Publikum zu beeindrucken. Beides dient der Eitelkeit des Künstlers.

Hilary Hahn dagegen ist tatsächlich sehr uneitel an dem Abend. Sie verschanzt sich nicht hinter Virtuosität, sondern ist, glaube ich, ernsthaft auf der Suche danach wie im Zusammenspiel mit Hauschka interessante Musik entstehen kann. Wer an dem Abend eine Geigenvirtuosin sehen will, die sich in der eigenen Herrlichkeit sonnt, wird vermutlich enttäuscht werden, während ich froh bin, dass das eben nicht passiert. Gelegentlich wirkt es fast so, als würde Hilary Hahn die eigene Virtuosität fast mit Gewalt ausschalten, als hätte sie den Eindruck, dass die ihr möglicherweise jetzt im Weg steht und so erzielt sie erstaunliche Effekte, wenn sie Hauschkas rhythmischem Spiel einfach einen langgezogenen Ton entgegensetzt, den sie für mehrere Minuten hält. Das funktioniert tatsächlich sehr gut, weil dabei etwas ungewöhnliches und selten Gehörtes entsteht, der eine Ton wird in seinen unterschiedlichen Qualitäten erforscht, in Dynamik und Ausdruck und das klappt ganz hervorragend. Am Ende kennt sie und kennt der Zuschauer diesen Ton jedenfalls sehr gut, auch wie er sich eben zu Hauschkas unterschiedlichen Spielvarianten verhält und anfühlt. Erst ganz am Ende des betreffenden Stückes, geht der Ton in andere Töne über, als hätte Hilary Hahn die ganze Zeit Anlauf genommen oder gewartet, bis sie genau weiß oder spürt, welche Töne dann richtig sind. Das nennt man dann wohl einen Spannungsbogen (und das Aufbauen und Auflösen von Spannungsbögen ist ja nun ein essentielles Mittel musikalischen Ausdrucks)

An anderer Stelle experimentiert sie mit Sound und versucht gewissermaßen das, was Hauschka spielt, mit Geigentönen zu ergänzen oder zu kontrastieren. Wie gesagt, ist das alles angenehm uneitel, ich habe an dem Abend nie das Gefühl, das Hauschka Hilary Hahn „begleitet“ sondern es gibt von beiden Musikern das Bestreben, ein einheitliches Ganzes in der Improviation entstehen zu lassen. Es ist da dann vielleicht auch erwähnenswert, dass das erstaunlich unjazzig ist, weil es im Jazz ja durchaus darum geht, die eigenen Fähigkeiten in den Mittelpunkt zu rücken, im Idealfall ist es dann so, dass die Virtuosität zu einem musikalischen Ergebnis führt, das nicht der Profilierung einzelner Musiker dient. Dass Hilary Hahn und Hauschka das über weite Strecken des Abends ziemlich gut schaffen und dabei auch durchaus humorvoll sind, hinterlässt doch einen sehr angenehmen Eindruck und ein leichtes Bedauern darüber, dass die beiden nicht häufiger Gelegenheit haben, miteinander aufzutreten.

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