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Christoph Winkler: Das wahre Gesicht – Dance is not enough

November 2, 2013

Nach Nir de Volffs „diary of a lost decade“, worüber ich bei Gelegenheit noch berichten werde, ist Christoph Winklers „Das wahre Gesicht/Dance is not enough“ (im folgenden DWG) das zweite Stück, das ich innerhalb kurzer Zeit sehe, das einen explizit politischen Anspruch hat. Für Christoph Winkler ist das freilich nicht so neu, Dance, Copy, Right? war bereits einem politischen Thema (Urheberrecht) gewidmet, bei DWG geht es aber nicht so sehr um ein tagespolitisches Thema, sondern eher um die Frage, inwiefern Tanz überhaupt geeignet ist als Instrument für politischen Widerstand.

Der Abend beginnt mit einem kleinen Exkurs über den Widerstand gegen die Muslim Bruderschaft in Ägypten, wo Tänzer des Balletts von Kairo im Rahmen eines Sit-ins eine kleine Aufführung des Stücks Zorbas zum besten gabe, weil die Mursi Regierung wohl Tanz verbieten wollte (es scheint da eine seltsame Antitanzbesessenheit von radikalen Islamanhängern zu geben – siehe Iran). Es folgt ein kleiner Disput unter den Performern, inwieweit es sich dabei tatsächlich um effektiven Protest handelt oder nicht. Es wird darauf verwiesen, dass Ballett an sich eine hierarchisch autoritäre Struktur in Ballettkompagnien hat usw. Als weiteres Beispiel wird ein Tanz gezeigt, den südafrikanische Frauen nackt auf den Straßen aufführen, um ein Unrecht zu beklagen. Das ist natürlich ganz witzig, wenn dieser Tanz von vier Männern aufgeführt wird, die, allen voran Chris Daftsios und Luke Garwood, ziemlich gute Komödianten sind.

Wie schon bei Dance Copy Right? klappt es ziemlich gut, ein an sich trockenes Thema, das man auch gut für Doktorarbeiten nutzen könnte, unterhaltsam und witzig vorzuführen, was eben auch an den Performern liegt und an einem ausgesprochen angenehmen Umgang mit Text. Warum das Sprechen bei Christoph Winkler irgendwie gut funktioniert und tatsächlich die Performance bereichert, bricht, ins absurde führt (anders als bei NIr de Volff, wo die Handhabung von Text gelegentlich problematisch ist), hat einerseits etwas damit zu tun, dass der generelle Sprechgestus nach meinem Dafürhalten eigentlich aus der Stand up Comedy kommt, es wird nie jammerig, sondern auch harte Themen werden durch eine gewisse Leichtigkeit und eine ständige Bereitschaft Witze zu machen, seien die tänzerisch, verbal oder pantomimisch, gewissermaßen abgefedert und gut annehmbar gemacht.

Das Thema wird über zwei Stunden durchgeführt und ergänzt durch eine Art Kapitalismuskritik, die in der zunehmend prekären Situation von Künstlern in der freien Szene unterfüttert wird, deren schwierige Situation von Christoph Winkler auch schon in früheren Stücken thematisiert wird. So kommt es wie es kommen muss und nach zwei ausgesprochen unterhaltsamen Stunden, in denen auch reichlich getanzt, viel gesprochen und zitiert wird, führen die vier Performer einen Tanz auf, in dem die Berliner Regierung vor allem in Form von Bürgermeister/Kultursenator Wowereit aufgefordert wird, sich an Absprachen zu halten, die geplante Bettensteuer zu 50% der freien Theater und Künstlerszene zukommen zu lassen. Ein Versprechen, von dem immer weniger Leute glauben, dass es eingehalten werden wird.

Gleichzeitig erscheint die Novemberausgabe von Tanz mit einem längeren Artikel über die Berliner Förderung von Tanz, der zu dem Ergebnis kommt, dass eigentlich nur das Staatsballett adäquat gefördert wird. Die freie Szene hat sich vor einiger Zeit zu einem Bündnis zusammen geschlossen, das versuchen soll, die Interessen der freien Theaterszene zu formulieren.

Nun mag man sich fragen, warum der Widerstand der freien Szene sich gerade jetzt regt und warum Christoph Winkler es notwendig findet, sich Gedanken darüber zu machen, wie im Rahmen der eigenen Kunst Tanz/Performance politisch Widerstand ausgeübt werden kann. Auf dem Plakat ist ein Tänzer mit einer Guy Fawkes Maske zu sehen.

guy fawkes      guy_fawkes_portrait

Der offensichtlichste Bezug ist dabei die occupy Bewegung, die, glaube ich, gelegentlich mit ähnlichen Masken auftritt, Alan Moore hat das Ding bekanntlich auch in V for Vendetta für seinen Helden benutzt und der zuständige Zeichner David Lloyd hat das Ding in eben jenem Comic in seiner heute üblichen Form designt. Insofern ist die Maske irgendwie zum Inbegriff von außerparlamentarischem politischem Widerstand geworden, verbunden mit einer unterschwelligen Drohung, denn Guy Fawkes wollte nichts geringeres als die gesamte englische Regierung mitsamt König in die Luft zu sprengen. Das war 1605 und ging in die Geschichte ein als gunpowder plot und wir verdanken dieser verhinderten politischen Intrige die berühmte Zeile: „remember, remember the 5th of November…“. Grmpf, ich schweife ab.

Was Christoph Winkler tatsächlich ganz gut gelingt, ist, einen relativ großen Überblick über die verschiedenen lohnenswerten Ziele gegen die man sich wehren könnte zu geben, ebenso wie über unterschiedliche Formen, wie man Widerstand ausüben kann. Die meisten Aspekte können dabei natürlich nur angerissen werden. Natürlich stimmt es, dass Ballett beispielsweise, eigentlich ein herrschaftlicher Tanz ist, aber gerade die Wandlung eines Tanzes, der aus dem Wunsch der Demonstration gegebener, absolutistischer Machtstrukturen enstanden ist, zu einem tatsächlichen Mittel des Widerstands, beispielsweise in radikal islamistisch regierten Ländern, ist natürlich auch ganz interessant (und in der Sowjetunion gab es natürlich eine Vielzahl „revolutionärer“ Ballette, das bekannteste ist schätzungsweise Spartakus). Aber um Ballett geht es nicht, schon allein deshalb nicht, weil außer Luke Garwood keine Balletttänzer auf der Bühne stehen.

Aber zurück zur Frage, warum Widerstand jetzt? Man mag sagen, dass einen die Verhältnisse in denen freie Künstler leben eigentlich nichts angehen, weil man selbst genug eigene Probleme hat, gleichzeitig wird man möglicherweise bei genauerer Betrachtung feststellen, dass es sich tatsächlich um die gleichen Probleme handelt. Es geht tatsächlich – das hat Nir de Volff in „Diary of a lost decade“ tatsächlich, glaube ich, ganz gut gesehen, um Berlin.

Genauer gesagt um Berlin nach der Wiedervereinigung. Ost Berlin war damals mehr oder weniger eine Stadtruine, die vor allem eins zu bieten hatte: billigen Wohnraum und reichlich Räumlichkeiten, die ungenutzt waren und so von Kulturschaffenden einfach okkupiert wurden, um dort Kultur zu machen. Die Techno Szene ist so entstanden mit zahlreichen oft illegalen, aber geduldeten Clubs, an anderen Orten, wie dem Tacheles, entstanden Künstlerkollektive und dadurch kam Berlin zügig in den Ruf, der Ort zu sein, an dem etwas Neues passieren könnte und wurde zum hippen Ort für die internationale Kunst und Theaterszene. Als ich 1996 nach Berlin kam, gab es noch die sogenannten Wohnberechtigungsscheine, das heißt, wenn man entsprechende Mittellosigkeit nachweisen konnte, hat man einen Schein bekommen, der es einem erlaubt hat, in eine billige Wohnung, die sich im Besitz einer städtischen Wohngenossenschaft befand zu beziehen. Diese Wohnungen waren oft noch ofenbeheizt (ein Trend, den es jetzt z.B. auf der schwäbischen Alb wieder gibt, wo die Landbevölkerung um eine gewisse autarke Energieversorgung bemüht ist, was natürlich nicht im Interesse der international agierenden Energiekonzerne ist).

Von dem billigen Wohnraum und den generell niedrigen Lebenshaltungskosten profitierte natürlich auch die freischaffenden Künstler, deren Tätigkeit eben nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, sondern die vor allem einen Gegenentwurf zum Cutthroat Kapitalismus entwerfen wollten, dieser Gegenentwurf schien kurz nach der Wiedervereinigung durchaus noch möglich in einer Kulturszene, die sich frei und nahezu ohne bürokratische Hürden entfalten konnte, weil damals die Infrastruktur, die nötig ist, um diese Hürden aufzubauen, schlichtweg noch nicht vorhanden war.

Nun war aber Berlin damals und ist immer noch hoch verschuldet und so tat die gewählte Regierung das, was Regierungen dann eben tun: städtischer Besitz wurde privatisiert. Das betraf die Wasserwerke, das Stromnetz (das jetzt wieder städtisch werden soll oder auch nicht, je nachdem wie die Volksabstimmung ausgeht) und eben auch die Wohnungsbaugesellschaften. Wenn man kurz im Internet recherchiert tauchen unter dem Stichwort „Privatisierung von Wohnungsbaugesellschaften Berlin“ (oder: hier und hier) sehr schnell Namen auf, mit denen man lieber nichts zu tun haben will und die später in der globalen Finanzkrise zu trauriger Berühmtheit kamen, also die als Heuschrecken bezeichneten Investmentbanken. Da Berlin sich nun mal den Ruf einer hippen Stadt erworben hatte, gab es zahlreiche Menschen, die hier gerne bereit waren, teuren Wohnraum zu erwerben, die privaten Eigentümer der Wohnungen kamen dieser Nachfrage nach, der Wohnraum verteuerte sich insgesamt, der Prozess namens Gentrifizierung trat ein. Der Begriff „Gentrifizierung“ leitet sich von dem englischen Wort „gentry“ ab, das laut wikipedia „niederer Adel“ bedeutet. Gentrifizierung bedeutet, dass in einem städtischen Wohngebiet eine sozial (und ökonomisch) relativ niedrig gestellte Schicht (Arbeiter, Künstler), durch eine höhere Schicht (niederer Adel, IT Mittelstand, Leute aus der Werbeindustrie) ausgetauscht wird. Die Künstler und Arbeiter oder Arbeitslosen ziehen sich in andere Stadtteile zurück, in denen dann der gleiche Prozess abläuft. Die Privatisierung des Wohnraums ist dabei notwendige Voraussetzung der Gentrifizierung. Die städtische Regierung ist, jedenfalls mehr als international agierende Finanzkonzerne, dem sozialen Frieden in einer Stadt verpflichtet, wozu die Bereitstellung von günstigem Wohnraum für ökonomisch spärlich ausgestattete Kulturschaffende und Bevölkerungsschichten in einfachen Arbeitsverhältnissen ohne Zweifel gehört.

Man kann sagen, dass Berlin aus scheinbaren Sachzwängen der Schuldentilgung dieser Aufgabe nicht nachgekommen ist. Wenn die freie Theaterszene heute sagt, dass Berlin sich nicht an das (ungeschriebene) Abkommen gehalten hat: die freie Theaterszene liefert Kultur und Hipness, die Stadt liefert billigen Wohnraum und Möglichkeiten zur Kulturproduktion (Aufführungsorte), dann hat das etwas mit der Privatisierung von städtischem Eigentum zu tun. Die Wohnungen heute zurück zu kaufen dürfte ziemlich aussichtslos sein. Die privaten Investoren werden durchaus zu recht darauf hinweisen, dass sie in die Instandsetzung der Bausubstanz investiert haben und deshalb natürlich erheblich mehr Geld verlangen könnten, als damals gezahlt wurde. Die Lösung, die die freie Szene im Moment vor allem sieht, ist die Bettensteuer und es spricht für ein ziemlich zerrüttetes Vertrauensverhältnis zwischen Klaus „arm aber sexy“ Wowereit, der als Kultursenator immer mit sich selbst als Bürgermeister über Kultursubventionen verhandeln muss, und der freien Szene, dass in eben dieser Szene niemand darauf vertraut, dass ihm die Erlöse einer möglichen Bettensteuer tatsächlich zu Gute kommen würden.

Die Folgen sind dramatisch: Sascha Waltz, die sich seit „Allee der Kosmonauten“ zu einer der europaweit wichtigsten Choreographinnen gemausert hat und im Radialsystem einen eigentlich permanent ausverkauften Spielort betreibt, muss um Subventionen betteln, die meisten Künstler der freien Szene dürften in WGs wohnen, weil die Wohnungen, die vor zwanzig Jahren noch günstig zu mieten waren, mittlerweile nicht mehr zu bezahlen sind. Die Opfer, die vor allem Künstler der freien Szene bringen müssen, übersteigen mittlerweile den Gewinn, den sie durch ihre Anwesenheit in Berlin haben. Ein Weggang von Sascha Waltz aus Berlin wäre katastrophal, von Christoph Winkler, der in bescheideneren Strukturen der freien Szene unterwegs ist (DWG wurde, ebenso wie Baader, wofür Martin Hansen immerhin zum Tänzer des Jahres gewählt wurde, im Ballhaus Ost uraufgeführt – und mein letzter Stand ist, dass der Leiter des Ballhaus Ost von Hartz 4 lebt), sind mir derartige Bestrebungen nicht bekannt, aber nichtsdestotrotz scheint es dringlich zu werden, dass sich die Regierung von Berlin Gedanken darüber macht, ob man hier Münchner Verhältnisse mit grotesken Mietpreisen und einer eher bescheidenen freien Künstlerszene haben, oder den Status als hippe Künstlerstadt bewahren will, die tatsächlich im Moment immer noch eine in Europa beachtliche, möglicherweise einmalige freie Tanz und Theaterszene hat.

Nun gut, wie schon bei Dance Copy Right! ist DWG eher eine Bestandsaufnahme und ein Versuch, Formen des Widerstands zu erkunden, die von einer Bühne aus stattfinden können. Ob man letztlich zu dem Schluss kommt, dass Tanz politisch eigentlich ohnmächtig ist, oder ob man der Meinung ist, dass die Tänze, die die Performer am Ende aufführen und in denen sie je ein politisch Anliegen tänzerisch zu vertreten suchen, Durchschlagskraft haben, mag jeder Zuschauer für sich entscheiden. Was der Abend jedenfalls leistet, ist, erstmal einen interessanten und unterhaltsamen Beitrag zur Diskussion beizusteuern.

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