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Falk Richter – For the disconnected child

November 17, 2013

Gelegentlich verpasse ich ja durchaus mutmaßlich aufregende Kulturereignisse. Falk Richters „For the disconnected child“ z.B. wurde im Rahmen des Festivals für Neue Musik „Infektion“ uraufgeführt und hatte da wohl durchaus einen Spektakelcharakter, während ich mich vor allem in die Schaubühne begebe, um eine Falk Richter Bildungslücke zu schließen, weil ich noch nie was von dem Mann gesehen habe und eine Freundin von mir mal meinte, dass mir das bestimmt gefallen würde. Sie hatte allerdings nicht von „the disconnected child“ geredet, sondern von „Trust“ (glaube ich).

Worum geht es? Das große Thema des Abends sind die Beziehungsschwierigkeiten heutiger berufstätiger Singles um die 40, die, im Job rund um die Uhr eingespannt, versuchen, ihr Beziehungsdefizit durch online Dating zu beheben. Es geht in Texten um Angst vor Nähe und die gleichzeitige Sehnsucht danach, das Bedürfnis danach, allein zu sein, nicht vereinnahmt zu werden, bei der gleichzeitigen Unfähigkeit, das Alleinsein auszuhalten, ohne verrückt zu werden. Die vorgetragenen Texte sind von unterschiedlicher Qualität, am besten funktionieren sie nach meinem Dafürhalten, wenn sie die Sprache selbst bloßstellen, das heißt, wenn die Figuren, sich nicht anders zu helfen wissen, als ihre für sie selbst unklaren Gefühle in Worthülsen zu verpacken, die vielleicht irgendwann mal einen Sinn hatten, mittlerweile aber nur noch leer sind, oder „abstrakt“ wie es in dem Stück heißt. Auch gut funktioniert es, wenn die Texte wie Songetexte behandelt werden, die mehr eine rhythmische oder melodiöse Funktion haben und das ein oder andere expressionistische Bild bemühen, um eine spezifische Stimmung von Verlassenheit und Isolation zu erzeugen.

Die gelegentlich zitierten Assessment Center wie sie in Online Dating Börsen üblich sind, in denen sich jeder eben in möglichst positiven Farben darstellen soll, sind ziemlich auf dem Punkt, und jeder, der schon mal auch nur in die Nähe von Online Dating gekommen ist, wird da vieles erkennen, was ihm selbst schon mal in dem Kontext begegnet ist. Die Problematik bei Online Datingplattformen, Ware und Konsument zugleich zu sein, wird in ihrer tatsächlich ziemlich perfiden Qualität nur bedingt beleuchtet, stattdessen hat man eine relativ klare Aufteilung in Abgewiesene und Abweisende, die gleich gesetzt wird mit „Liebende“ und „Beziehungsunfähige“, die Wertung wird zumindest nach meinem Eindruck ziemlich deutlich vorgenommen und der Umstand, dass der abweisende Mann nach einem Besuch von Onegin darauf hinweist, dass Onegin Tatjana ja eigentlich gar nicht kennt und es insofern nicht so verwunderlich ist, dass er ihre Liebe zurück weist, ist vor allem ein Trick, um sich der gegenwärtigen Verehrerin zu entziehen. Aber ganz unrecht hat er damit nicht. Online Dating wird hier in einen Kontext zu Bewerbungsgesprächen gesetzt, man bewirbt sich um eine Beziehung wie um einen oft nicht einmal sonderlich gut bezahlten oder befriedigenden Job und das Date ist gewissermaßen eine Prüfung, die beide als Prüflinge bestehen müssen, während sie gleichzeitig die Beziehungsfähigkeit ihres Gegenübers testen. Insofern ist die Parallele die zur Beziehung des Arbeitnehmers zu seinem Job hergestellt wird, durchaus stimmig. Jobaspiranten sollen nicht nur ihren Job gut machen, sie sollen außerdem die Firma für die sie arbeiten, lieben, ein Apple Verkäufer darf vermutlich nur heimlich Windows Rechner benutzen.

Für die Beziehungsschwierigkeiten der Online Generation (die im Stück portraitierten 40er sind keine „digital natives“ für die stellt sich die Situation möglicherweise anders dar) werden im wesentlichen zwei Erklärungsmodelle angeboten:

Erstens: eine gestörte Eltern Kind Beziehung, die vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass die Kinder sich von den Eltern allein gelassen fühlen und die Eltern ein schlechtes Gewissen haben und zwischen Eltern und Kind eine unüberbrückbare Distanz besteht. Im Stück haben wir Hauptfigur Tatjana Winter, die vermutlich irgendwo in Deutschland sitzt und die mit ihrer Mutter nur per Skype kommuniziert, wobei die Verbindung immer wieder abreißt und neu aufgebaut werden muss. Privat glaube ich, dass die Eltern Kind Beziehungen der gegebenen Generation tatsächlich problematisch sind. Meine Lieblingserklärungen dafür sind: die Krankenhausgeburten, bei denen Kinder nach der Geburt sofort von ihrer Mutter getrennt wurden und somit als erstes Erlebnis auf diesem Planeten ein traumatisches Gefühl von Verlassensein und Getrenntsein verabreicht bekommen, die Unzuverlässigkeit von Beziehungen ist die erste Erfahrung, die diese Generation gemacht hat. Die zweite Erklärung ist: es liegt am Krieg, der die Elterngeneration traumatisiert hat, die Angst, alles zu verlieren, kombiniert mit Schuld und Scham, Gefühle, die natürlich auch dann weiter gegeben werden, wenn die Eltern alles tun, um ihre Traumata für sich zu behalten und nicht auszuagieren. In der entsprechenden Literatur wird dann oft das Gefühl beschrieben, „nicht an die Eltern ranzukommen“ oder, dass die Eltern etwas vor einem verbergen, ein Gefühl, dass sich im Stück in zahlreichen Dialogen zeigt, in denen das Leiden daran zum Ausdruck gebracht wird, die wahren Gefühle des anderen nicht zu kennen.

Dabei halte ich allerdings den Rückgriff auf Eugen Onegin für durchaus genial, weil er diese hübschen Erklärungsmuster eben relativiert. Onegin ist bekanntlich nicht Mitglied der Online Generation und er hat auch keine Eltern, die durch den 2. Weltkrieg traumatisiert wurden, Krankenhausgeburten waren damals auch nicht üblich. Ein neuer Aspekt kommt ins Bild, nämlich, dass es möglicherweise auch um so etwas wie „Erlebnishunger“ gegen „Langeweile“ gehen könnte. Allerdings wird dieser Ansatz, der eine positive Lesart von Onegins Beziehungsunlust erlauben würde, nur am Rande behandelt.

Das zweite Erklärungsmodell ist ein gesellschaftliches: Da wir spätestens seit dem Zusammenbruch des Sozialismus in einem relativ ungebremsten „Lobbykapitalismus“ leben (d.h. einem Kapitalismus, der nicht durch einen real existierenden Markt bestimmt wird, sondern durch die Durchdringung der Politik mit breit angelegten Lobbyattacken, die dazu führen, dass die Interessen gewisser Gruppen mit den Interessen der Allgemeinheit verwechselt werden, bei einer gleichzeitigen Verschlimmerung der „Arm/Reich“ Schere durch eine entsprechende Steuer und Zinspolitik). Die Politik wird, das kann man wohl relativ sicher behaupten, von Marktinteressen gesteuert, höchste Priorität hat für nahezu jede politische Entscheidung das „Wirtschaftswachstum“, das um jeden Preis aufrecht erhalten werden muss. Bildungspolitik z.B. richtet sich nach den Bedürfnissen der Industrie aus, wir werden von Klein auf darauf getrimmt, gut verwertbares Humankapital zu sein, dann können wir uns später auch ein schönes Auto kaufen und noch später in Einsamkeit sterben. Dieses Bewusstsein, dass man objektiv nachvollziehbare Kriterien vorweisen muss, um einen gut bezahlten Job zu bekommen, für den man auch per Handy und Computer jederzeit zur Verfügung steht, hat sich, so die zweite Erklärung, bis in unser Beziehungsleben fortgeführt. Wir müssen den gesuchten Kriterien, die auf Online Dating Platformen Erfolg versprechen, gerecht werden, sportlich, schlank, Nichtraucher, gebildet, sozial gut vernetzt und so weiter sein, dann klappt das auch mit der Beziehung. Wie wir auf dem Arbeitsmarkt ein Produkt sind, das der Arbeitgeber dann nach gewissen Kriterien erwirbt, sind wir auch auf dem Beziehungsmarkt ein Produkt, das begehrenswert sein soll und das der Partner dann „haben“ will. Jede Ablehnung sorgt für weitgehende Selbstwertkrisen. Das System funktioniert derweil weder für den Arbeitsmarkt noch für das Beziehungsleben. Im Arbeitsleben breiten sich neue neurotische Störungen wie das Burnout Syndrom aus (ein Euphemismus für Depression), das Beziehungsleben ist grundsätzlich gestört, weil der Verdacht besteht, dass ein möglicher Partner uns nicht meint, sondern lediglich bestimmte Qualitäten begehrt, die wir uns mehr oder weniger erfolgreich angeeignet haben, um begehrenswert zu sein, die aber eigentlich nichts mit uns zu tun haben. Man will dann nicht, dass der erfolgreich per online dating erworbene Partner einem zu nahe kommt, weil der möglicherweise herausfinden könnte, dass sich hinter der hübschen Verpackung im Online Profil ein Mensch verbirgt, der eben durchaus auch anfällig ist für Selbstzweifel, gelegentliche Verzweiflung, der vielleicht sogar manchmal eine Zigarette raucht oder sonstige unverzeihliche Makel aufweist, die zu einer sofortigen Rückgabe des Produkts an die Einsamkeit führen würden, die sich aber so, fieserweise, auch in der Beziehung selbst breit macht.

An dem Punkt stimmt sogar die Parallele zu Onegin, weil man annehmen kann, dass Tatjana vor allem das Bild des weltgewandten Lebemannes liebt, während sie Onegin tatsächlich eigentlich nicht kennt und eben seinen Freiheitsdrang, der vielleicht auch heute noch eine gewisse Rolle spielen mag, als narzisstische Kränkung empfinden muss. Tatjana ist mehr ein „Fan“ als eine Liebende und sie will vor allem einen glamourös glitzernden Partner zum Angeben.

Inhaltlich wird das alles mal mehr mal weniger gründlich aufgedröselt und ich verstehe durch die Aufführung tatsächlich etwas besser, warum Onegin in der Oper so ein viel gespieltes Stück ist. Es gibt sicherlich publikumswirksamere Musik – Tschaikowsky selbst wollte ja, dass das nicht zu schlagerhaft wird – also ist es wohl die Figur Onegin, die eben sehr nah an den Beziehungsängsten heutiger Menschen dran ist.

Formal gibt es in der Aufführung ein paar Probleme. Falk Richter frönt einem ungebremsten Eklektizismus, das heißt, er holt alles auf die Bühne, was die Bühnenkunst hergibt, Opernsänger, Schauspieler, Tänzer. Das Staatsballett hat etwas ähnliches mit Peer Gynt versucht und da scheitert es auch daran, dass es eben sehr viel, aber nichts davon richtig ist. Die Kombination der Schauspieler mit den Sängern funktioniert dabei sehr gut, vor allem wenn man Dialoge hat, in der der Schauspieler seinen Part spricht und die Sängerin zeitgenössische Texte opernhaft singt. Das ist witzig und das Aufeinanderprallen der Genres ist eine ganz originelle Art, die Kommunikationsschwierigkeiten darzustellen. Mich stört es auch nicht, dass der Abend gelegentlich vor allem durch die Darbietungen des Sängers/Gitarristen Helgi Hrafn Jonsson ins Konzerthafte abdriftet. Tatsächlich mag ich das ganz gern. Warum auch nicht versuchen, in eine Theateraufführung ein bisschen Popkonzert zu holen. Der Mann könnte locker jeden Thom Yorke soundalike Wettbewerb gewinnen und wie gesagt, mir gefällt das ganz gut.

Was tatsächlich nicht gut klappt, ist, den Tanz zu integrieren. Die Choreographien sind meistens relativ uninspirierte Nähe/Distanz Variationen, die man bei jedem Toula Limnaios oder Sasha Waltz Stück und noch mehr im Ballett Onegin am Staatsballett, erheblich besser und überzeugender sieht und gelegentlich kommt der Verdacht auf, dass die Tänzer nur die Aufgabe haben, bei ausufernden Musik Nummern dekorativ für Bewegung auf der Bühne zu sorgen. Wirklich sinnig erscheint mir das nur an den Stellen, wo völliges Chaos ausbricht und alle wild durcheinander unterschiedlichste Dinge tun, sagen, singen.

Ich weiß, dass das Stück ein relativ ambitioniertes Musikkonzept hat, mit allerhand zeitgenössischen Komponisten, die extra dafür Werke verfasst haben, aber auch das habe ich erst erfahren nachdem ich das Stück gesehen habe und während des Sehens dachte ich, dass es eben ein Theaterstück ist, dass einen ziemlich aufwändigen „Score“ hat, wie die Filmmusik in Herr der Ringe oder in 2001, das spielt schon eine Rolle, aber keine übermäßig wichtige, außer bei den Darbietungen von Herrn Jonsson und den Präsentationen der Sänger, wenn sie als Figuren im Stück auftauchen. Das Problem mit der Musik stellt sich am Anfang nicht so sehr ein, weil die Musiker da auf der Bühne sitzen, erst später, wenn sie die Bühne verlassen wird das Ganze im Grunde Begleitmusik und nicht mehr Teil des theatralen Konzepts, das schon nah am „Gesamtkunstwerk“ ist.

Würde man mich fragen, um was für ein Stück es sich handelt, würde ich wohl nicht sagen, dass es ein Musikstück ist und schon gar nicht Tanztheater, sondern für mich ist das tatsächlich Schauspieltheater, weil die Schauspieler Franz Hartwig, Ursina Lardi, Stefan Stern, Tilman Strauß, Luise Wolfram, um mal die Namen zu nennen, im Großen und Ganzen dafür verantwortlich sind, den dramaturgischen Bogen aufrecht zu erhalten. Die Ergänzung mit den Sängern klappt vor allem im ersten Teil allerdings sehr gut. Die Oper Onegin ist sehr schön in den Plot integriert, angefangen damit, dass die Protagonistin eben jemanden bei dem Besuch der Oper kennen lernt und weiter darüber, dass die Mutter der Protagonistin in Tokyo in einer Karaoke Bar sitzt und dafür bezahlt wird, „nicht zu singen“ weil sie die Zweitbesetzung einer unbedeutenden Nebenrolle in der Oper „Onegin“ ist, die in Tokyo wohl daueraufgeführt wird. Schön auch, dass die Zeilen die sie zu singen hat „was man erst kaum ertragen kann/wie schnell gewöhnt man sich daran“ mehr oder weniger eine ziemlich trockene Zustandsbeschreibung des Lebens der Charaktere auf der Bühne ist. Wenn die Opernsänger dann auf der Bühne erscheinen, ist das ein hübscher Moment, weil das eine Genre gewissermaßen ins andere einbricht, wie wenn Romanfiguren plötzlich zum Leben erwachen und im Alltag auftauchen – ein Kunstgriff aus dem Fantasygenre, den ich tatsächlich sehr mag. Durch diesen Kunstgriff eröffnen sich neue Lesarten – die Kunstfiguren aus der Oper kommen in die im Theater simulierte, als „echt“ empfundene Welt und haben da tatsächlich sofort die gleichen Probleme wie die von Schauspielern dargestellten Figuren und deshalb auch keine Schwierigkeiten entsprechende soziale Kontakte zu knüpfen. Daran anschließend könnte man die Frage stellen, inwieweit das Beziehungsbild, an dem viele von uns scheitern, eben nicht doch nur ein hilfloser Versuch ist, die Kunst nachzuahmen, ob wir tatsächlich in unseren Beziehungswünschen authentisch sind, oder nur einem medial und durch die Kunst vermittelten Beziehungsbild nachrennen und dabei, wie die Figuren in den Kunstwerken, eben scheitern.

Leider ist es so, dass der Abend nach der Pause stark nachlässt. Die wesentlichen Punkte wurden bis zur Pause gemacht und werden danach lediglich etwas lauter wiederholt. Es passiert nichts Neues, wir erfahren noch einmal, dass Tatjana Winter für die Online Dating Agentur als „schwer vermittelbar“ gilt, wir erfahren noch einmal, dass sie unter ihrer Einsamkeit leidet. Es gibt ein paar Musiknummern, die hübsch sind, aber das Ganze wird dramaturgisch zu keinem einigermaßen befriedigenden Ende geführt, stattdessen übertönt sich der Abend selbst durch übermäßig große Gesten. Ich schätze ja durchaus Mut zum Pathos, aber mir kommt es so vor, dass die eigentlich interessanten Aspekte des Abends, formal und inhaltlich nicht weiter verfolgt werden, so als gäbe es nichts mehr dazu zu sagen. Der zweite Teil wirkt ein wenig wie eine unmotivierte Zugabe, wobei ich nicht verschweigen will, dass es dabei ein paar hübsche Momente gibt, wie die durchaus anrührende Performance der „Ballad of Lucy Jordan“. Aber ein bisschen wirkt das dann alles wie ein Schlussakkord eines bis dahin ganz guten Songs, der dann noch unnötig lange bespielt wird.

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