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Staatsballett Berlin – Der Nussknacker

Dezember 18, 2013

Der Nussknacker, ach. Natürlich hatte ich ursprünglich den Plan, mir mehrere Aufführungen in unterschiedlichen Besetzungen anzuschauen, um das Stück ein wenig kennen zu lernen. Dieser Plan ist daran gescheitert, dass die Aufführungen restlos ausverkauft sind, insofern habe ich dann in dieser Spielzeit nur (wieder) Krasina Pavlova und Rainer Krenstetter in den Rollen gesehen, die möglicherweise die Hauptrollen in dem Stück sind oder sowas ähnliches. Dazu später.

In der Presse wurde ja schon viel darüber berichtet, dass die aktuelle Nussknacker Inszenierung am Staatsballett im Wesentlichen eine Rekonstruktion der Originalchoreographie von Lew Iwanow, die 1892 in St Petersburg aufgeführt wurde, ist. Für die Rekonstruktion zuständig sind Yuri Burlaka und Wasily Medvedev, die, glaube ich, auch schon La Esmeralda am Staatsballett betreut haben. Letzteres muss ich mir wohl bei Gelegenheit noch einmal anschauen. Als Rekunstruktion ist die Inszenierung eigentlich nicht zu kritisieren, im sehr guten Programmheft, in dem man so ziemlich alles Wissenswerte über Nussknacker erfahren kann, sagen die beiden in einem Interview, dass diese Nussknackerversion dem Geschmack des Petersburger Publikums im ausgehenden 19. Jahrhundert entsprach. Die Leute wollten Spektakelballett, das, wenn man es heute betrachtet, durchaus eine gewisse Nähe zu einer Kunst hat, die man heute eigentlich nur noch im Zirkus zu sehen bekommt.

Aber der Reihe nach. Der Nussknacker folgt zumindest im ersten Akt der Erzählung Nussknacker und Mäusekönig von ETA Hoffmann. Eine Erzählung, die ich ungefähr bis zu der Stelle gelesen habe, die eben das Ende des ersten Aktes markiert. Ich habe nicht weiter gelesen, weil die Erzählung nach meinem Empfinden nicht besonders gut gealtert und anstrengend zu lesen ist. Natürlich hat das Ding auch schon gut 200 Jahre auf demBuckel, aber nichtsdestotrotz kommt mir das sprachlich, wenn man das z.B. mit dem Zeitgenossen Heinrich von Kleist vergleicht, seltsam unorganisiert und konfus vor. Ich nehme an, dass das, was Hoffmann heute noch lesenswert macht, nicht unbedingt die sprachliche Qualität ist, sondern eher eine gewisse Vorliebe für seltsame Themen, wie z.B. alle Arten von Automaten, menschliche Maschinen, die von einem Räderwerk betrieben wurden. Frühe Vorläufer der Roboter und Hoffmanns Ansatz wurde dann letztlich zweihundert Jahre später, also Anfang dieses Jahrtausends von einigen Schriftstellern wieder aufgenommen im Science Fiction Subgenre Steampunk, wo die Technologie nicht futuristisch computergesteuert ist, sondern ausgeklügelt mechanisch, mit allerlei Zahnrädern, Dampfmaschinen und otpischen Geräten, Kompassen, Sextanten und dergleichen. Wenn man so will, ist ETA Hoffmann einer der ersten Science Fiction Autoren, Nussknacker und Mäusekönig ist aber eigentlich eine Weihnachtsgeschichte, in der es aber eben auch vor mechanischen Spezialitäten nur so wimmelt. Die Vorstellung des Körpers als eine Maschine ist ja dem Ballett durchaus bekannt, wo eben die Mechanik der Bewegung erforscht wird und die Bewegungen sich durch eine gelegentlich künstlich wirkende Eleganz auszeichnen. Eine kleine Hommage an diese Hoffmannsche Idee ist ein kleines Pas de deux von Iana Balova und Alexander Korn, in der beide aufziehbare Puppen sind, die dann eben Ballett tanzen. Es ist dieses kleine Pas de deux ziemlich am Anfang, bei dem ich eine kleine Chance wittere, das Ballett „der Nussknacker“ zu verstehen, ein kurzer Moment, in dem ich dachte, dass Iwanow und Petipa vielleicht dieser Aspekt der mechanischen Menschen interessiert. Das ist aber tatsächlich nicht der Fall.

In der Geschichte von Hoffmann geht das so: Der Nussknacker ist eigentlich der Sohn des gutmütigen Onkel Drosselbart (der eben auch ein ausgebuffter Mechaniker und Uhrmacher ist), der von einer bösen Mäusekönigin in einen Nussknacker verwandelt wurde. Der Nussknacker kann diesen Fluch besiegen indem er erstens den Mäusekönig (Sohn der bösen Königin) tötet und zweitens von einer Dame geliebt wird – in der Geschichte ist das eben jene kleine Marie, die im Ballett Clara heißt.

Eigentlich ist das ein ziemlich solider Plot für ein Handlungsballett und wenn mich etwas an „der Nussknacker“ überrascht hat, dann, dass dieser Plot nicht erzählt wird. Stattdessen ist es so, dass im zweiten Teil, nachdem eigentlich der Plot im ersten Teil exponiert wurde, bestimmte Bilder aus der Geschichte musikalisch verspielt vertont und bunt und munter vertanzt werden, ohne dass irgendeine Weiterführung des Plots erkennbar wäre. Bei Dornröschen gibt es ja eine ähnliche Figur, da wird der Plot allerdings ziemlich bis zum Ende erzählt und dann gibt es einen endlosen Tanzexzess, den zu erklären, nicht so leicht ist. Zunächst kann man bezweifeln, dass es sich beim Nussknacker überhaupt um ein „Handlungsballett“ handelt. La Esmeralda ist ein Handlungsballett. Auch da gibt es gewisse Tanzsequenzen, die nichts mit dem Plot zu tun haben, aber die Geschichte wird nichtsdestotrotz sauber zu Ende erzählt. Schwanensee ist ein Handlungsballett, das es sogar schafft, auf die „sinnlosen“ Tänze zu verzichten, zumindest in den Versionen, die ich kenne, gelegentlich werden da gewisse Plotpassagen unnötig ausgewalzt, um tänzerische Spezialitäten vorzuführen, aber trotzdem sind diese Stellen in den Plot sinnvoll eingebunden. Bei Nussknacker ist das nicht der Fall.

Ich stelle zunächst einmal fest, dass ich mir Handlungsballette vor allem aus dem Gesichtspunkt der Erzählökonomie heraus anschaue. Ballette wie „Onegin“ kommen mir entgegen, weil es keinen einzigen Schritt gibt, der nicht der Handlung oder der Charakterisierung der Figuren dient. Aber: Ballettrekonstruktionen aus der vorgestellten Epoche der Spätromantik funktionieren so nicht und Nussknacker schon gar nicht.

Wie also betrachtet man sinnvollerweise eine Aufführung wie Nussknacker. Es wurde in der Presse ja gern über die Buntheit der Aufführung gesprochen und über die Massenaufläufe von Kindern und Corps de Ballet auf der Bühne, all das wirkt auf den ersten Blick tatsächlich wie Spektakeltheater, aber es ist natürlich Spektakeltheater des ausgehenden 19. Jahrhunderts. So fällt beispielsweise auf, dass während der gesamten zweiten Hälfte des Stücks die Lichtstimmung im Hauptbühnenbild gleich bleibt. Wollte man heute ein Spektakel veranstalten würde man das nie im Leben so machen und zwar zu recht. Der Umstand, dass das Licht sich nicht verändert, ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass im ausgehenden 19. Jahrhundert die meisten Theater noch mit Gaslicht ausgestattet waren (das berühmt berüchtigte „Rampenlicht“) und Lichtstimmung damit praktisch nicht veränderbar waren. Die elektrische Bühnenbeleuchtung setzte sich erst im 20. Jahrhundert durch (und rettete so, nebenbei erwähnt, einigen Tänzerinnen das Leben, denn zu Gaslichtzeiten kam es durchaus häufig vor, dass Tänzer vorn an der Bühne in Flammen aufgingen). Nun waren es die Zuschauer im 19. Jahrhundert gewöhnt, Aufführungen zu sehen, in denen die Bühne zu allen Zeiten gleich hell war. Unser heutiger Blick ist anders geschult. Das berühmte Spotlight, z.B. im Zirkus hat die Funktion, den Blick des Zuschauers auf einen Punkt im Raum zu konzentrieren und wir sind daran gewöhnt, dass das Licht uns sagt, wohin wir schauen sollen. Es ist deshalb teilweise schwieriger, sich tatsächlich auf die Tänzer zu konzentrieren, die ihre Kunst in einem voll beleuchteten, knallbunten Raum darbieten, der unseren heutigen Blick dazu einlädt munter in der Gegend umherzuschweifen. Natürlich werden die meisten Zuschauer trotzdem geneigt sein, dem Geschehen im Bühnenzentrum die meiste Aufmerksamkeit zu widmen, aber nichtsdestotrotz würde man heute vermutlich den Blick anders lenken/manipulieren. Dass der Blick nicht gelenkt wird, ist im Grunde eine sehr zeitgenössische Technik, die auf der Ideologie beruht, dem Zuschauer so viele Freiheiten (des Sehens) zu lassen wie möglich, die gewissermaßen dem Zuschauer eine Mündigkeit zutraut, das wahrzunehmen, was für ihn in der gegebenen Aufführung am Interessantesten ist und wenn das der fünfte Corps de Ballet Tänzer von hinten links ist, dann sei’s drum.

Eine Möglichkeit, die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu konzentrieren wäre natürlich eine spannende Handlung, da diese aber im zweiten Teil aufgegeben wird, kann man eigentlich nur schließen, dass für den Zuschauer der dargebotene Tanz so interessant ist, dass er die Aufmerksamkeit des Zuschauers entsprechend fesselt, obwohl oder gerade weil er nicht an eine Handlung gebunden ist. Für die Tänzer ist das freilich eine größere Herausforderung, als wenn sie ein Licht bekommen, durch das sie automatisch im Mittelpunkt stehen. In den klassischen Ballettstücken fällt oft auf, dass die im Bühnenzentrum Tanzenden von Umstehenden Corps de Ballet Tänzern und Statisten interessiert betrachtet werden. Dabei handelt es sich letztlich um eine Methode, den Blick des Zuschauers ebenfalls auf die Tanzenden zu lenken. Die Blicke der Umstehenden funktionieren dabei wie Kameras oder Scheinwerfer, die klar machen: das, wohin wir schauen, ist interessant, also schau auch dahin, Zuschauer!

Für Zuschauer der damaligen Zeit, war es durchaus normal, eine Aufführung so zu sehen, für uns heute ist es etwas, woran wir uns erst wieder gewöhnen müssen, die sanfte Lenkung des Blicks, wie man sie in Nussknacker vorgeführt bekommt, beinhaltet zunächst für den Zuschauer vor allem ein Mehr an Freiheit und darin ist das Ballett des ausgehenden Jahrhunderts für unsere heutigen Sehgewohnheiten wieder ausgesprochen progressiv.

All das ist freilich keine Erklärung dafür, warum die Handlung nach der Pause komplett fallen gelassen und durch unterschiedliche handlungsfremde Impressionen ersetzt wurde. Es liegt nicht an der Musik – Tschaikowsky hat die Musik, wie man aus dem Programmheft erfährt, nach dem Libretto von Petipa geschrieben, nicht umgekehrt. Es mag außerdem darauf hingewiesen sein, dass Dornröschen tatsächlich genau den gleichen Aufbau in der letzten Stunde des Balletts hat. Was man sieht ist mehr oder weniger eine Eskalationsdramaturgie, wobei der Spektakelcharakter der Tänze relativ spekulativ den Geschmack der Zuschauer vorausahnend, sich allmählich steigert, womit ich wieder beim Problem der Hauptfiguren bin.

Die Rolle der Clara wird im ersten Akt zunächst von der Ballettschülerin Sabrina Salva Gaglio getanzt – ihr Bruder von Nikolai Petrak. Beide machen das ganz hervorragend und ziemlich souverän, aber natürlich sieht man hier nicht die Virtuosität einer Primaballerina, wie man es eben in der Hauptrolle eines großen Balletts erwarten würde. Der erste Teil des Abends ist vor allem eine Corps de Ballet Veranstaltung, unterstützt eben von den jungen Ballettschülern. Die Hauptrollen werden tatsächlich (und überzeugend) von Fräulein Gaglio und Monsieur Petrak getragen. Erst am Ende des ersten Aktes erfolgt die Verwandlung und in einem wunderbaren Alterungsprozess wurde aus Clara/Gaglio Clara/Pavlova und der Nussknacker (vorher maskiert) sieht jetzt aus wie Rainer Krenstetter. Die beiden tanzen dann ein schönes Pas de deux, anschließend gibt es ein sehr schönes Bild im Wald mit dem Tanz der Schneeflocken, letztlich die Corps de Ballet Bravournummer des Abends, mit tatsächlich durchaus zauberhaften Kostümen, die den Bildern der Kostüme von der Uraufführung entsprechen (man kann das durch einen Blick ins Programmheft vergleichen).

Dann setzen sich die beiden vermeintlichen Hauptfiguren in einen Schlitten, der aussieht wie ein Schwan, um im zweiten Teil nach der Pause in einer Art Süßigkeitenland anzukommen und sich dann erstmal zu verdünnisieren. Sie tauchen erst gegen Ende des Balletts wieder auf und der geneigte Zuschauer wird sich fragen, wo die beiden denn nun hin sind. Die Antwort ist natürlich: sie sind hinter der Bühne und machen vermutlich Dehnübungen, um nicht völlig auszukühlen, denn in der nächsten Stunde haben sie auf der Bühne absolut nichts zu tun.

Stattdessen sieht man jetzt eben diverse Tänze zu den Hits aus dem Tschaikowsky Nussknackersoundtrack, die nur und ausschließlich das sind: Tänze zu Tschaikowsky Musik, ohne irgendeinen auch nur entfernten Bezug zur im ersten Teil angetäuschten Handlung.

Was hat das zu bedeuten? Meine Arbeitsthese ist im Moments: gar nichts. Meine Arbeitsthese im Moment leitet sich aus einer etwas seltsamen Vorstellung davon ab, wie eine Ballettaufführung in St Petersburg 1892 ablief. Ich bin tatsächlich nicht genau darüber informiert, wie die Bedingungen für die Zuschauer zur damaligen Zeit waren. Durfte man im Zuschauerraum rauchen? Trinken? Selbst wenn das während der Aufführung nicht gestattet war (was ich bezweifle), fand sicherlich während der Pause ein fleißiges Trinken statt. Vermutlich französischer Champagner – wir bewegen uns schließlich in gesellschafltich hochgestellten Kreisen – und eher nicht Wodka, aber so oder so kamen die Zuschauer nach der Pause möglicherweise etwas angeschickert in die Aufführung zurück, setzten sich, zündeten sich eine Zigarette an und waren bereit, sich allerlei Kunststücke anzuschauen, aber unter Umständen nicht mehr unbedingt in der Lage, einer komplizierten Handlung zu folgen. Selbst ohne Alkohol kann man annehmen, dass das Ballett der Zirkus der vornehmen Leute war und sie wollten sehen, was die Tänzer so drauf hatten. Entsprechend lief der zweite Teil des Abends ab: sich steigernde Tanznummern, die nacheinander abliefen und zwischendurch vom begeisterten Beifall des Publikums unterbrochen wurden, bis schließlich im Finale die Primaballerina und ihr Tanzpartner auf die Bühne kamen, erst ein Pas de deux tanzten, dann ein bis drei Solostücke, bis dann schließlich mit der Heirat der beiden – eine Folge aus dem gemeinsamen Tanz und nicht aus einer sinnvollen Handlung – das Stück endete.

Vermutlich meint Yuri Burlaka das mit „Spektakel“. Nicht die Schauwerte im Bühnenbild und in den Kostümen, sondern die spektakulären Tänze, die nicht mehr und nicht weniger sein wollten als das. Das Publikum war dafür empfänglich und ist es heute mit Einschränkungen auch noch, obgleich der Eindruck entsteht, dass mit heutiger Bühnentechnik eigentlich mehr möglich wäre. Eben deshalb ist es eben auch eine rekonstruierende Aufführung, die dann interessanterweise eben nicht auf eine besondere emotionale Manipulation des Publikums setzt, denn so etwas würde heute anders funktionieren (dafür muss man dann wohl doch mal in den Friedrichsstadtpalast, was ich immer noch nicht geschafft habe).

Was lässt sich sonst noch sagen. Über die Kinderscharen, die über die Bühne wetzen habe ich schon etwas gesagt, für mich, der ich weder Onkel noch Vater noch Großvater von irgendeinem der auftretenden Kinder bin, war das jetzt ehrlich gesagt nicht übermäßig aufregend, aber auch nicht weiter störend, das mag auch daran liegen, dass ich mit zunehmendem Alter Schwierigkeiten habe, mich an die kindliche Freude zurück zu erinnern, die früher mal mit Weihnachten (Baum, Geschenke, sogar der Kirchenbesuch hatte da einen gewisse atmosphärischen Wert wenn es um das Weihnachtsritual ging) verbunden waren. Das ist ein wenig bedauerlich, lässt sich aber nicht so ohne weiteres ändern. Ich bin auch nicht sicher, ob die Aufführung an sich besonders weihnachtlich ist. Im ersten Teil ja, auch dieses Motiv wird aber im zweiten Teil fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.

Die Kinder machen ihre Sache aber gut und ich glaube, es ist gewinnbringend, dass das Staatsballett mit der Ballettschule in diesem Rahmen zusammen arbeitet. Die Ballettschüler können relevante Bühnenerfahrung sammeln, weil sie hier nicht unbedingt ein Gimmik sind, sondern letztlich behandelt werden wie die anderen Tänzer auch. Sie haben ihre Aufgabe zu erfüllen, möglichst professionell und genau das erledigen sie dann auch. Mit Sabrina Salva Gaglio und Nikolai Petrak hat man zwei kompetente Performer gefunden, die in der Lage sind, den ersten Teil des Abends mehr oder weniger allein zu tragen – und die beiden sind, was weiß ich, zehn, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt.

Rainer Krenstetter und Krasina Pavlova haben meiner Meinung nach noch ein bisschen Luft nach oben, ich nehme aber an, dass, wenn sie das ein paarmal getanzt haben eventuelle Unsicherheiten, die ich manchmal glaube wahrgenommen zu haben, nicht mehr auftreten werden (das gibt es manchmal: Stellen an denen man denkt: die beiden überspielen gerade einen Fehler oder eine Unsicherheit, ohne dass man den mutmaßlich auslösenden Fehler gesehen hat).

Meine Lieblings Rainer Krenstetter Momente sind: wenn er nach der Pause noch mal kurz auf ballettisch den ersten Teil zusammenfasst, was allen Umstehenden total wurscht ist (danach kümmert man sich nicht mehr darum, sondern tanzt fröhlich drauf los), aber die lustigste Ballettpantomime, die ich bislang gesehen habe, ich mochte vor allem den Moment, in dem er durch heftiges Zähnefletschen demonstriert, dass er ein Nussknacker war. Der zweite Moment war für ihn vermutlich nicht so lustig, nämlich: in einem wirklich völlig hirnrissigen Choreographieeinfall steht Krasina Pavlova auf einem Schleier. Er zieht an dem Schleier und… nun gut, sie bleibt ziemlich unbeeindruckt  stehen, wo sie ist, woraufhin er noch mal mit sichtlicher Anstrengung an dem Schleier reisst und es tatsächlich schafft, Krasina Pawlowa so einen halben Meter weit zu bewegen. Was das Ganze sollte ist mir verborgen geblieben, es war aber lustig. Vielleicht hatte auch Lew Iwanow schon das ein oder andere Gläschen getrunken, als er die Idee hatte.

Was haben wir sonst noch? Sarah Mestrovic ist wieder mit dabei, diesmal mit dem danse espagnole, was eine souverän getanzte Carmen Variante ist. Federico Spalitta und vier girls (Caroline Bird, Anissa Bruley, Elinor Jagodnik und Chistiane Pegado) mit dem danse orientale, vermutlich zumindest choreographisch, abgesehen vom Tanz der Schneeflocken, die interessanteste Performance an dem Abend, weil recht ungewöhnlich und unballettisch choreographiert, würde man das isoliert betrachten, wäre es nicht überraschend, die Entstehung zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre später zu vermuten. Und der danse chinoise mit Nanami Terai und Vladislav Marinov, der ebenfalls souverän und durchaus originell daher kommt. Das sind dann auch die drei Tänze, die fehlerfrei über die Bühne gegangen sind (und ja:diese wunderlichen Tänze die sich auf bestimmte Klischeevorstellungen irgendwelcher Volksgruppen beziehen sind anscheinend ein besonderes Hobby des romantischen Balletts).

Der berühmte Blumenwalzer war für mich erstmal eine Enttäuschung, es kann aber sein, dass das mehr hermacht, wenn man es von weiter hinten sieht. Eine kleine Peinlichkeit ist am Anfang passiert, als die Tänzer relativ klassisch und immer wieder schön in zwei diagonalen Reihen über die Bühne schreiten und da eben eigentlich immer genau die Lücke erwischen – die Männer und Frauen machen ihre Schritte also genau so, dass sie zwischen zwei anderen Tänzern durchlaufen. Es ist das passiert, was man da immer erwartet/befürchtet, nämlich dass ein Tänzer in eine andere Tänzerin hineingelaufen ist, das müsste man eigentlich bei dieser Variante um jeden Preis vermeiden (und vermeiden können, notfalls durch einen kleineren Schritt o.ä.).

Wie dem auch sei, das Staatsballett hat das nun schon ein paar mal getanzt, es gab einige Unsauberkeiten, die von Krasina Pavlova und Rainer Krenstetter werden vermutlich nach einigen weiteren Vorstellungen behoben sein (für beide war es an dem Abend das Rollendebut), bei den anderen bin ich nicht sicher, ich habe schon SB Aufführungen mit weniger Fehlern gesehen, aber das hängt natürlich auch immer von der Tagesform ab und schließlich war Vollmond.

Weitere Aufführungen anzuschauen wird vermutlich aufschlussreich sein, in dieser Spielzeit aber wegen ausverkauft nicht möglich. Im Moment ist das Ballett für mich noch ein wenig rätselhaft und ich habe den Verdacht, dass mehr dahinter steckt, als ich jetzt beim ersten Mal schauen gesehen habe.

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