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Tanzen vor Weihnachten – Ackerpalast

Dezember 20, 2013

Das Tanzen vor Weihnachten Festival, im Ackerstadtpalast, kam für mich ein bisschen aus dem nichts, ich hatte das nicht wirklich auf dem Zettel und ob besagtes Festival nun eine bleibende Institution werden soll, weiß ich natürlich nicht. Erstmal steht im Programmheft, „Tanzen vor Weihnachten ist ein Geschenk“ für einen gewissen Ricardo Gali und „für uns selbst“. Kurz gesagt, eine Veranstaltung ohne, wie die Fördergremien sagen würden, „staatlichen Auftrag“, sondern mit kleinen oder gar keinen Mitteln organisiert, aber nichtsdestotrotz interessant. Letztlich besteht das Festival aus drei unterschiedlichen Line ups, die je zwei Abende bestreiten.

Am 18. und 19. Dezember sieht das so aus:

Alice Bariselli aus Italien zeigt die Soloperformace „Quite/Under“, eine etwa zwanzigminütige Choreographie, die den „Preis für junge Choreographen in Emilia-Romagna 2013“ gewann. Es handelt sich um eine in spärlichem Licht gehaltene Tanzperformance mit langsamen Bewegungen, wobei man das Gesicht der Tänzerin so gut wie nie sieht. Der Effekt den die Aufführung hat ist, dass man tatsächlich einen Körper anders wahrnimmt, anders heißt, anders als wir es gewöhnt sind. Gewöhnt sind wir daran, Körper grundsätzlich wie alles andere auch zu beurteilen, eine Gewohnheit, die vermutlich damit zusammenhängt, dass wir doch permanent mit dem Anblick fremder Körper konfrontiert sind, vor allem medial vermittelt und uns zu den Körpern auch gleich dazugehörige Adjektive wie schön, dick, dünn, hässlich geliefert werden. Als Zuschauer ist es immer eine gewisse Anstrengung diese Art des urteilenden Blicks abzulegen und Performances wir „Quite/under“ sind eben dafür ganz hilfreich. Die langsamen Bewegungen eines gesichtslosen Körpers erzeugen über kurz oder lang und entsprechenden Willen beim Zuschauer ganz gut einen Blick auf den Körper, der eher neutral wird und den Körper zunächst einmal als einen sich bewegenden Organismus wahrnimmt, der dadurch einen Blick auf eine sehr grundsätzliche Funktionalität lenkt, die jeder Körper, unabhängig von Urteilen über Schönheit und so weiter, besitzt. Diese Art der Körperbetrachtung, die eigentlich viel näher an der erlebten Wirklichkeit auch mit dem eigenen Körper, ist, als die gedankliche Beschäftigung mit dem Schönheitsideal, dem man selbst entspricht oder nicht, wirkt dann überraschend fremdartig, als sei ein menschlicher Körper ein Tier aus einer anderen Welt. Es ist nicht so, dass Alice Bariselli diese Art der Performance erfunden hätte, aber wenn man daraus ein Genre machen wollte, handelt es sich um ein effektives, sehr konzentriertes Beispiel für eine bestimmte Art, den Blick des Zuschauers zu verändern.

Als nächstes sieht man relativ krasses Kontrastprogramm, eine Tanzperformance von Luana Rossetti namens „Dear western society“. Klingt politisch, ist wohl auch politisch gemeint. Ich habe da ein oder andere Problem mit der Performance und vielleicht ist es sinnig, um Klarheit zu erlangen, was ich daran nicht mag oder vielleicht doch mag, eine kleine pro/contra Liste zu machen, wieder einmal eine Gelegenheit, über etwas, was man nicht sehr mag, den eigenen Standtpunkt ein wenig zu überprüfen.

Zum einen haben wir den Tanz selbst. Es handelt sich um recht hektisch, schnell getanzte Sequenzen, die eine gewisse Neigung zur Aggression haben (sich auf den Boden schmeißen und herumwälzen und ähnliches). Gut daran ist, dass diese Form von Hochleistungstanz, mit dem die Tänzerinnen aber eigentlich überfordert sind, ein gutes Bild für eben jene westliche Zivilisation sind, um die es geht. Permanenter Zwang dazu, sich selbst zu leistungsmäßig an den eigenen Grenzen zu bewegen. Ich stelle dann fest, dass ich selbst diese Form des Tanzes eigentlich dann gut finde, wenn das eben außerordentlich präzise getanzt und genau choreographiert sind. Man mag mir an dem Punkt dann vorwerfen, dass ich selbst dem Leistungsdenken der westlichen Zivilisation bereits zum Opfer gefallen bin und möglicherweise hätte man mit diesem Einwand recht. Also, wenn ich sage: ich finde so schnellen Tanz gut, wenn er auf dem Niveau von Lalala Human Steps abläuft, dann ist das naturgemäß ein Anspruch an die Performer, dem wohl die wenigsten gerecht werden können und meine eigene Ansprüche an Hochleistungstanz werden, wenn man so will, dann in „Dear western society“ kritisiert. Inwieweit gewisse Ansprüche an tänzerische Virtuosität tatsächlich berechtigt sind oder fragwürdig ist eine durchaus interessante Frage, bei Nussknacker z.B. sind derartige Ansprüche sinnig, weil die Präsentation tänzerischer Virtuosität Hauptzweck der Aufführung ist. Bei Performances wie „Dear western society“ scheint der Tanz eher das grundlegende Gehetztsein auszudrücken, dem viele von uns in der gegebenen westlichen Gesellschaft ausgesetzt sind, mit entsprechendem Konkurrenzdruck, Angst vor sozialem Abstieg, daraus folgend ein generelles Gegeneinander, was das Leben im Allgemeinen ein wenig ungemütlich macht. In „Dear Western Society“ scheint allerdings die Idee hinter dem Tanz wichtiger zu sein als dessen virtuose Ausführung, so eine Art Konzepttanz.

Schwierig ist, wie so oft, der Umgang mit Text, dabei ist mein Hauptproblem, dass man viele der Texte nicht versteht. Es scheint oft eben um sehr persönliche Gedanken zu den allgemeinen politischen Umständen in unserer Gesellschaft zu handeln, die Vortragsweise verläuft oft außer Atem und schon deshalb nur schwer zu verstehen. Oft genug scheint ja Text in Tanzaufführungen überflüssig, das ist hier nicht der Fall, das was man versteht scheint den notwendigen Kontext zu liefern, um die inhaltliche Ausrichtung der Aufführung zu verstehen.

Eine Qualität der Aufführung scheint mir derweil eine grundlegend freundliche, aber nichtsdestotrotz irgendwie an Punk angelehnte Performancehaltung zu sein, für die ich mir selbst mittlerweile zu alt vorkomme, aber es ist interessant zu sehen, dass es das noch gibt und vielleicht ist es sogar ganz gut, die Gesellschaft in Frage zu stelllen, indem die realen Umstände mit so etwas wie einem Idealbild oder einer Utopie von Gesellschaft verglichen wird. So gern man ja die „westliche Gesellschaft“ gern als vorbildlich für andere Gesellschaftsmodelle betrachtet – zumindest in der offiziellen Lesart – so schlecht schneidet diese Gesellschaft freilich ab, wenn man sie tatsächlich mit möglichen Utopien und seien die noch so bescheiden (z.B. weniger Konkurrenz, mehr Kooperation) vergleicht. Die Performance selbst geht da nicht wirklich in eine Analyse oder in mögliche Ursachen, aber nichtsdestotrotz ist die grundsätzliche Stoßrichtung ganz richtig und anders als z.B. in „diary of a lost decade“ werden die Bedenken nicht relativiert. Stattdessen wird tatsächlich dann gelegentlich sogar gezeigt, wie sich bestimmte Verhaltensweisen, auch der gegenseitigen Missachtung, die sich durch die Handykultur durchgesetzt hat, bis ins Private durchaus verheerend auswirken – ich habe schon in Restaurants ganze Familien gesehen, bei denen niemand redete, sondern alle am Tisch SMS schrieben und man kann der Aufführung zu Gute halten, dass sie derartige Phänomene relativ unaufdringlich mal auf die Bühne bringe.

Allerdings scheint es mir auch so zu sein, dass „Dear western society“ eher ein erster Versuch ist, die Motive wiederholen sich dann doch oft – dass die gut gelaunten Zuschauer ungefähr dreimal denken, das Stück sei schon zu Ende und dann noch so ein „Was ich noch sagen wollte…“ Nachtrag kommt, mag darauf hindeuten, dass die wesentlichen Argumente nach der Hälfte der Aufführung schon präsentiert sind und dann nur noch wenig Neues passiert.

Dann gibt es eine kleine Pause, danach Gilles Wellinskis “Inconsistence“. Das Stück hat den Untertitel „Ein Stück über Tanz in 11 Bildern“, was einen gewissen Sinn ergibt, weil GW im Stück unterschiedliche Arten zu Tanzen vorführt und dabei die Technik ziemlich offen legt. Meistens geschieht das dadurch, dass er erst sehr einfache Bewegungen langsam ausführt, aus denen sich dann ein komplizierteres Bewegungsmuster entsteht. Die gezeigten Tänze orientieren sich vor allem an populären Tanzformen des 20. Jahrhunderts. Es gibt relativ viel Anlehnungen an Break Dance Formen, einmal werden kurz die Schritte des „Moonwalk“ gezeigt, ohne dass dann die Bewegung so durchgeführt wird, möglicherweise weil Gilles Wellinski das dann als „zu oft gesehen“ verwirft. Was man nicht oft sieht und deshalb länger gezeigt wird, sind beispielsweise Tänze die deutlich von Fred Astaire oder Gene Kelly inspiriert sind. Die Showtänze der Hollywood Musicals sind ja eine ziemlich ausgeklügelte Kombination aus Ballett und Formen von Jazzdance, wie Tap und so weiter. Dabei entsteht überraschenderweise eine durchaus eigenständige Form und es ist schön zu sehen, dass Gilles Wellinski das einfach mal und sehr gut aus einem einfachen seitwärtsschritt entwickelt, um schließlich eine kurze und komplizierte Gene Kellyartige Choreographie zeigt. An anderer Stelle präsentiert GW eine Abfolge von Bewegungen, die jeweils numeriert werden (eins bis 15) und die dann in unterschiedlicher Reihenfolge kombiniert werden, wodurch man eine Ahnung bekommt, wie mit relativ einfachen Mitteln dann tatsächlich eine Choreographie entstehen kann. Die Performance ist alles in allem ausgesprochen unterhaltsam, sehr souverän und ernsthaft getanzt, die Haltung eine Mischung aus understatement und reduzierter Entertainerhaltung, da funktioniert dann viel über genau gesetzte Blick und ähnliches. Später benutzt Welinsky verschiedene „Objekte“ (von Jutta Virus), also Skulpturen jeweils so zwischen fünfzig Zentimeter und etwas über einem Meter hoch, die auf der Bühne plaziert werden und dann als Begrenzung des Bühnenraums oder als virtuelle Tanzpartner benutzt werden. Die Performance dauert ungefährt 40 Minuten, danach kommt…

Justyna Kalbarczyk in einer Choreographie von Bridie Gane zu einem Musikstück namens Bim Bam Bum. Das Stück ist nur drei Minuten lang und das Gewinnerstück des berühmt berüchtigten Tanzwettbewerbs „Bestes deutsches Tanzsolo“. Wie bei Gilles Welinsky werden unterschiedliche Formen von Showtanz vorgeführt, das Stück lässt sich am ehesten dem Genre „Tanzcomedy“ zuordnen. Justyna Kalbarczyk tanzt lustige Tänze mit einem Ausdruck von fast verzweifelter Traurigkeit, als würde sie darunter leiden, Tanzschritte tanzen zu müssen, die mittlerweile dann irgendwie klischeehaft wirken und nach dem unbarmherzige gut gelaunten Musikstück der Reihe nach in Diagonalen abgehandelt werden, wobei sich die Tanzarten dann an Ausglassenheit steigern und der Eindruck entsteht, als würde die Musik die arme Tänzerin mehr oder weniger dazu zwingen, den entsprechenden Tanz aufzuführen. Das ist alles ziemlich lustig und zuschauerfreundlich und macht Spaß. Viel mehr fällt mir dazu im Moment nicht ein.

Zu guter letzt führt Marion Sparber noch ihr Stück „the ripe and the ruin“ auf. Vor einigen Wochen gab es im Marameo eine kleine Veranstaltung namens „Showtime“, wo verschiedene Tänzer die Stücke, an denen sie gerade arbeiten im jeweiligen Stadium gezeigt haben und da konnte man bereits die tänzerischen Elemente der Aufführung sehen. In der fertigen Fassung wird das Stück durch Videoaufnahmen ergänzt, in denen Marion Sparber sich mal tanzend mal nicht tanzend durch eine Ruinenlandschaft bewegt. Die Videoaufnahmen (von Keren Chernizon und Daniel Siqueira) dienen abgesehen vom ästhetischen Mehrwert vor allem dazu, das Thema des Stückes noch etwas zu verdeutlichen. Die tänzerische Performance allein ist letztlich durchaus gut getanzter modern dance, dabei wird die Tänzerin von einer Schicht Heilerde bedeckt, die sich dann im Laufe des Tanzes löst und Staubwolken und schließlich eine Schicht Erde am Boden erzeugt. Thema des Stückes ist das Phänomen des Zerfalls. Zerfall ist ja etwas, womit jeder fast jeden Tag zu tun hat und beschreibt die Neigung von komplexen Strukturen, sich einem einfacheren Zusstand anzunähern, also zum Beispiel der Zerfall eines organischen, komplexen Körpers zu Erde. Den Folgen des Zerfalls begegnet man in der Regel unter Zuhilfename von Besen, Staubsauger, Lappen und Schwämmen, deren herausragender Zweck darin besteht, die Folgen von Zerfallserscheinungen zu beseitigen. Über den Zerfall an sich kann man lange Abhandlungen verfassen, die Aufführung von „the ripe and the ruin“ dauert derweil nur ungefähr zwanzig Minuten und hier soll es reichen, die Aspekte kurz zu beleuchten, die in der Performance nach meiner Wahrnehmung eine besondere Rolle spielen. Betrachtet man den Verfall als Prozess, dann spielen dabei die vier Elemente, die in der Esoterik sehr wichtig sind, eine gewisse Rolle, also Erde, Feuer, Wasser, Luft, die alle als Agenten des Verfalls agieren können – und als Agenten des Produktiven, es hängt dabei oft vom Ausmaß des Auftretens ab, was für jeden unmittelbar einsichtig sein dürfte. In der Performance tauchen dabei vor allem und auf offensichtliche Art die Elemente Erde und Luft auf – die Erde, die vom Körper der Tänzerin abfällt und damit wohl den Zerfall des Körpers symbolisiert, sehr klassisch „Staub zu Staub“, Luft später, wenn ein Ventilator den Staub auf die Bühne bläst. Das Element Feuer mag der geneigte Zuschauer in der Bewegungsenergie des Tanzes finden, aber man sollte die Parallelen vielleicht nicht zu weit führen. Hier haben wir es vor allem eben mit Erde zu tun, was insofern von Bedeutung ist, weil Erde, Staub, Sand, das ist, was nach ein paar tausend Jahren von einer Zivilisation übrig bleibt neben ein paar Ruinen, die die Transformation noch nicht zu Ende vollzogen haben.

Der Tanz von Marion Sparber legt ein gewisses Gewicht auf den Kreislaufcharakter, den man in der Welt im allgemeinen häufig vorfindet – die häufigste Bewegung ist ein am Boden hockend ausgeführtes Ronde de jambe, das natürlich als Kreisbewegung hier den Blick auf die Zirkelstruktur von Werden/Vergehen und so verweist. Sobald man darüber schreibt wirkt das alles natürlich ausgesprochen banal, aber der Vorteil von Tanz ist ja, dass hier die Bewegungen eigentlich nicht auf eine Bedeutung festgelegt sind, das geschieht in der Regel erst durch Sprache, das darüber reden oder noch schlimmer, das darüber schreiben. Aber eine Sequenz, in der Beispielsweise ein Körper am Boden liegt, zuckt, dann wieder aufsteht, kurze Zeit wieder fällt und so weiter, kann man als Todeskampf zeigen oder eben als Geburt und das ist in Bewegung eigentlich verständlicher als wenn man Sätze schreibt wie: Das Vergehen ist Vorraussetzung dafür, dass neues Leben entsteht, die man in jeder Naturdokumentationhört. Aber das ist nichtsdestotrotz das Thema der Performance und wird da atmosphärisch dicht, gut getanzt und durchdacht durchgeführt.

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