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Tanztage 2014 – Coaching Project

Januar 7, 2014

Wenn ich das richtig verstehe, ist der Gedanke hinter dem Coaching Projekt, ausgewählten Performern/Tänzern die Möglichkeit zu geben, gewisse Themen oder Performance Arten zu erforschen und dann einem Publikum zu präsentieren. Der experimentelle Charakter der Veranstaltung hat Vor und Nachteile. Der Vor und gleichzeitig der Nachteil ist, dass die Aussage: es handelt sich um ein Experiment, gewissermaßen den Zuschauer dazu auffordert, das Ganze nicht als „Aufführung“ zu betrachten, sondern als Versuch, über dessen Ergebnis sich die ausführenden Performer selbst nicht ganz im Klaren sind. Vielleicht könnte man sagen, es handelt sich um ein Erproben von Performancetechniken, deren Wirkungsweise von den Performern erst noch erforscht wird. Eine Aufführung ist sinnvoll, weil die Wirkung einer Bühnenhandlung ohne Publikum in der Regel Spekulation bleibt.

Oder: die Tanzschaffenden können sich mit Themen befassen, die in anderen Aufführungsformen keinen rechten Platz finden, die ihnen aber bedeutsam erscheinen, um ein wenig die Grenzen von dem, was Bühnentanz ist oder sein kann zu erkunden/zu erweitern. Der Zuschauer hat es also mit „experimentellen“ Arbeiten zu tun, was gut zu wissen ist, damit man nicht Ballett oder sowas erwartet.

Als Zuschauer ist es für mich aber erstmal so, dass ich eigentlich jede Aufführung ähnlich betrachte, zumindest habe ich festgestellt, dass sich meine Haltung nicht wesentlich verändert, ob ich es nun mit „Nussknacker“ oder einer obskuren Improvisationsveranstaltung zu tun habe. Was der Performer erreichen will ist letztlich etwas, das ich nicht beurteilen kann und auch nicht wisssen muss. In einem Publikum zu sitzen und eine Bühnenveranstaltung zu betrachten hat immer eine unmittelbare Veränderung des Zuschauers in dem Augenblick zur Folge. Das lässt sich überhaupt nicht vermeiden. Als Zuschauer reagiert man zwangsläufig auf das, was auf der Bühne geschieht und wenn die Reaktion Desinteresse ist, dann ist das erstmal die Reaktion, die das Bühnengeschehen in einem individuellen Zuschauer erzeugt und andere Zuschauer mögen dazu eine völlig andere Haltung haben.

Es ist Teil der Bühnenkunst, die Reaktion des Zuschauers einigermaßen zielgerichtet zu manipulieren. Es mag Theatertheorien geben, die diese Manipulation ablehnen und stattdessen versuchen den Blick des Zuschauers und dessen emotionale Reaktion zu „befreien“, aber dann ist das eben die gewollte Reaktion und der „befreite“ Blick ist letztlich auch Ergebnis einer Manipulation, die von der Bühne ausgeht. Und es ist ein Ergebnis, das normalerweise sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich zu erreichen ist. Für den Zuschauer selbst ist es natürlich relativ unerheblich, welche Reaktion die Bühnenmenschen von ihm wollen und oft genug hängt diese Reaktion von anderen Dingen ab als nur vom Bühnengeschehen. Jede Vorstellung im Hochzeitssaal der Sophiensäle wird beispielsweise durchaus erheblich von den Säulen beeinflusst, die den Blick auf Teile der Bühne verbergen, was für gelegentliche Bewegung im Zuschauerraum sorgt. Jeder Zuschauer wird einen kleinen Teil seiner Aufmerksamkeit von der Aufführung abziehen und stattdessen auf die spezifischen Raumbedingungen lenken und so hat jeder Raum Eigenheiten, die eine Aufführung irgendwie beeinflussen.

Wozu diese Vorrede? Die erste Performance „Aoouuu“ von Barbara Berti und Sunniva Vikor Egenes befasst sich explizit mit der Problematik, welches Verhältnis ein Performer zu seinem Publikum hat und inwiefern das Publikum die Performance beeinflusst und umgekehrt. Zumindest habe ich das so verstanden. Das Konzept ist dabei wohl so, dass die Performer kein vorgegebenes Ziel haben, sondern relativ spontan auf das reagieren, was die gegebene Situation, die nun mal vor allem durch die Anwesenheit von Publikum gekennzeichnet ist, in ihnen erzeugt.

Das läuft so ab, dass Barbara Berti zunächst auf die Bühne tritt, dabei ein DIN-A 5 Büchlein in der Hand hält und aufschreibt, was passiert und das aufgeschriebene gleichzeitig sagt (na gut, zumindest vermute ich, dass es so ist). Das beginnt mit der einfachen Information, dass sie jetzt auf die Bühne tritt und wird dann zunehmend komplizierter, als sie beginnt, Dinge im Publikum wahrzunehmen, die Situation Erinnerungen und Assoziationen erzeugt und so weiter. Irgendwann legt sie das Buch weg, macht tänzerische Bewegungen und Sunniva V Egenes betritt ebenfalls mit Büchlein die Bühne und macht das gleiche, was vor ihr ihre Bühnenpartnerin gemacht hat, bis sie schließlich ebenfalls das Büchlein weglegt und beide gemeinsam tänzerische Bewegungen machen. Sobald freilich zwei Personen auf der Bühne sind, steigert sich die Komplexität des Geschehens, weil es jetzt nicht mehr nur um die Wechselwirkungen zwischen Performer eins und dem Publikum geht, sondern auch noch um Beeinflussungen des einen durch den anderen Performer, wobei der Eindruck entsteht, dass die Mitperformerin mit der Zeit wichtiger wird als das Publikum. Der Eindruck entsteht, weil beide Tänzerinnen im wesentlichen die Bewegungen der anderen entweder imitieren oder darauf reagieren, was in der Regel eine leicht versetzte Synchronität erzeugt. Ich vermute, dass an dem Punkt das Publikum unwichtiger wird, weil sich beide Tänzerinnen auf das konzentrieren, was die andere macht. Konzentration auf der Bühne ist natürlich ein weiteres kompliziertes Thema, weil es ja oft so ist, dass ein Performer, der auf etwas anderes als auf das Publikum konzentriert ist, den geneigten Zuschauer mit seiner Konzentration ansteckt. Gelegentlich nehmen Tänzer/Schauspieler das Publikum auch gar nicht war und die Konzentrationsübertragung läuft für die Person auf der Bühne völlig unsichtbar, einfach über die Atmosphäre im Saal, die wiederum von den Aktionen auf der Bühne entscheidend beeinflusst wird.

Dann endet die Performance, angemessen unspektakulär. Man mag sagen, dass der Ansatz relativ akademisch ist, gleichzeitig finde ich es ja tatsächlich interessant, sich damit zu beschäftigen. Es handelt sich dabei um Bereiche menschlicher Erfahrung und Beziehung, die man im Theater allgemein und im Tanz im besonderen vielleicht besser betrachten kann als in den meisten anderen Lebenssituationen. Nämlich, inwieweit sich die eigene emotionale und geistige Verfasstheit auf andere Personen auswirkt, die mit dieser Emotion eigentlich überhaupt nichts zu tun haben und wie man selbst von den Emotionen anderer Personen beeinflusst wird. Tatsächlich entzieht sich das Thema dem Zugriff der westlichen, eher materialistischen Wissenschaft. Die Neurologie hat keine Ahnung wie diese unsichtbaren Interaktionen vor sich gehen. Den üblichen Forschungsmethoden fehlt schlichtweg das Rüstzeug um derartige Wechselwirkungen von Konzentration und Stimmung zu untersuchen und können maximal sagen, dass es solche Wechselwirkungen gibt, was aber jeder Performer und jeder Theaterzuschauer auch aus der eigenen Erfahrung berichten könnte. „Aoouuu“ ist eine Möglichkeit, sich dem Phänomen anzunähern. Es scheint mir fast so, als würde Tanz/Performance hier als wissenschaftliches Instrument genutzt. Nun gut, bei Gelegenheit muss ich mal schauen, was Rupert Sheldrake (oder hier) dazu sagt, der sich ja mit derartigen Phänomenen schon sehr lange befasst (hätte ich eigentlich schon längst mal machen sollen).

Ich sollte auch erwähnen, dass in „Aoouuu“ Sprache mal tatsächlich sinnig benutzt wird und notwendig ist, um die Vorgänge, auf die die Aufführung meiner Meinung nach zielt, transparent und erfahrbar zu machen. Was bei meiner Sprachkenntnis eine ganz hilfreiche Erinnerung daran ist, dass Sprache eben auch dazu dienen kann, gewisse unsichtbare Vorgänge bewusst und damit handhabbar zu machen.

Stück No. 2: Dry Love von Lea Kieffer & Michael Shapira

Ist ein Improvisationsstück. Auf dem Programmzettel steht: „Wenn wir auf die Bühne kommen, ist die einzige Vereinbarung, die wir haben, uns voll und ganz auf das einzulassen, was passiert.“ Oder so in etwa. Es gibt natürlich einen Rahmen. Mit Manon Parent ist noch eine junge Dame auf der Bühne, die die Musik betreut und es gibt einige Props, die im Laufe der Performance benutzt werden können oder nicht. Es scheint auch ein vages inhaltliches Setting zu geben, in dem es um Eisberge, Eisbären und ähnliches geht.

Nun gut, bei „departing things“ war ja meine These, dass Sprache da einen trennenden Charakter hatte und Klang einen verbindenden. In „Dry Love“ wird Sprache deutlich anders benutzt, nämlich tatsächlich, um erstmal eine Grundkommunikation zwischen den Performern in Gang zu bringen.

An irgendeinem Punkt reißt Lea Kieffer sich dann die Kleider vom Leib und versucht so die Performance auf eine andere Ebene zu heben. Am Anfang wirkt das eher wie ein gewisser Moment der Peinlichkeit, dem ich als Zuschauer begegne, indem ich erstmal eine Art überlegen ironische Distanz aufbaue, die natürlich ein relativ verlogener Schutzmechanismus ist, den ich aber in solchen Situationen reflexartig auspacke (es sei denn man hat es mit Performances zu tun, in der die Nacktheit tatsächlich notwendig erscheint, also was weiß ich, Sascha Waltz „Körper“ viel mehr fällt mir allerdings nicht ein) – aber was soll man auch sonst machen. Gefühlsausbrüche auf der Bühne bringen den Zuschauer ja immer in eine problematische Situation, der eigentlich zwei Reaktionen nahelegt: Flucht oder ein Eingreifen, als Zuschauer hat man aber eine Rolle inne, die weder das eine noch das andere nahe legt.

Der Abend könnte theoretisch ein guter Anlass sein, mal ein wenig über „Nacktheit auf der Bühne“ nachzudenken, ein kompliziertes Thema, das man ja auch nicht so ohne weiteres behandeln kann, ohne „Nacktheit in der Kultur“ dazu zu nehmen. Also in kühleren klimatischen Zonen bedeutet Nacktheit etwas anderes als im Regenwald und so weiter.

Ich bin kein großer Fan von Nacktheit auf der Bühne, oft genug kommt es einem so vor, dass das benutzt wird, um das Publikum davon abzulenken, dass man es eigentlich mit einer völlig belanglosen Theaterveranstaltung zu tun hat, die dann aufgewertet wird, indem man das Brachialzeichen „Jemand macht sich nackig“ benutzt. Die Filmfirma „Troma“ hatte das einfache Prinzip in Filmen, wenn Langeweile aufzukommen drohte, grundsätzlich irgendeine Rolle einen besonders spektakulären Tod sterben zu lassen, um das Publikum bei der Stange zu halten und ähnlich ist Nacktheit auf der Bühne: wenn nichts mehr geht, zwingt man damit das Publikum schon irgendwie zu einer Reaktion.

Natürlich gibt es zahlreiche Ausnahmen, wo das Mittel durchaus sinnig angewendet wird, aber ich bin da erstmal ein wenig skeptisch. Hier jedenfalls ist das erstmal so brachial wie ich gesagt habe und, glaube ich, auch genau so gemeint. Insofern eine gute Gelegenheit zu sehen, was durch dieses alles andere als subtile Bühnenzeichen sich dann tatsächlich verändert. Was passiert ist komplex. Da nicht beide nackt sind, begibt sich die jetzt Nackte natürlich erstmal in eine sehr komplizierte Situation. Zum einen scheint sie durch die Nacktheit jetzt irgendwie schwach, gleichzeitig habe ich allerdings den Eindruck, dass Michael Shapira ihr deshalb erstmal mit einer gewissen Rücksichtnahme und Vorsicht begegnet, indem er ihr beispielsweise sagt, dass sie schön ist oder ihr einen Plastikhummer aufs Bein legt, also einen Witz macht, um die Situation etwas zu entspannen.

Die Nacktheit ist so gesehen erstmal und vor allem in der Konstellation ein Mittel, den Bühnenpartner zu manipulieren, in Zugzwang zu bringen. Mir kommt es so vor, dass Michael Shapira sich dann auch erstmal ein bisschen an das neue Bühnenklima gewöhnen muss. Das Ganze bekommt eine andere Dimension, als Shapira tatsächlich rücksichtsloser agiert, die beiden sich anfassen und miteinander tanzen. Das ist so eine Sache: meine Lieblingsnacktszene in einem Film ist ja Viggo Mortensen in Eastern Promises, wo es diese Saunaszene gibt, in der er von beanzugten Mafiosi aufgespürt wird und es eine furiose Prügelei gibt, die eine völlig andere Qualität hat, weil Viggo Mortensen nackt ist, so dass man staunend davor sitzt und das ganze sehr viel physischer wird als jede andere Prügelszene, die man bis dahin im Film gesehen hat. Mir ging das jedenfalls so. Und in dem Moment, in dem Michael Shapira anscheinend den Entschluss fasst, dass ihm die Nacktheit seiner Partnerin jetzt wurscht ist und er sie durch die Gegend wirft und anfängt, sich (vorsichtig) auf sie zu stellen und ähnliches, bekommt das Ganze langsam eine gewisse Intensität, die dann durchaus noch bis zum Ende der Performance zunimmt, wenn die Rollen getauscht werden und Lea Kieffer auf Michael Shapira rumklettert – da hat sie dann allerdings seine Hose an. Und bis zu dem Zeitpunkt ist tatsächlich etwas Interessantes passiert, das vermutlich ohne die Nacktheit nicht zustande gekommen wäre. Und die beiden bekommen so tatsächlich aus einer rein ästhetischen Perspektive schöne Bilder hin.

Nun gut, der Vor und Nachteil von Improvisationen ist natürlich, dass Publikum und Performer nicht so genau wissen, was passieren wird. Auf einer etwas abstrakten und bombastischen Ebene könnte man sagen, dass Improvisationen eine direkte darstellende oder musikalische Umsetzung des Lebens an sich sind: man hat bestimmte Mittel an der Hand und versucht irgendwie etwas Interessantes, Sinniges, Schönes daraus zu machen und das gelingt oder auch nicht. Das ist eine Situation, die jeder irgendwie kennt und wenn zwei Leute improvisieren, dann hat man es noch mit einem Partner zu tun, dem man irgendwie vertrauen muss oder der einen zu Reaktionen zwingt. In dem Fall geht das am Ende gut. Es handelt sich natürlich auch um eine Performanceform, die das eigene Scheitern einkalkuliert. Da kann man ja doch was fürs eigene Leben lernen.

No 3: Claire Vivianne Sobottke & Tian Rotteveel: Golden Game

So. Es gibt bei den Tanztagen, wie bei allen Tanzvorstellungen in Berlin üblich so kleine Faltblätter, in denen die ein oder andere Information zu den Vorstellungen steht. Tatsächlich ist „Golden Game“ eine Performance der gegenüber ich aufgrund des Textes im Programmheft eine eher niedrige Erwartungshaltung habe. Der entscheidende Satz ist: „Wir besuchen den Körper eines Kindes mit unseren groß gewordenen Gedanken“. Eine Art „Erwachsene spielen Babies“ Performance. Es stehen noch andere Dinge drin: „Es ist die Erforschung eines Körpers, der von sich ständig ändernden Begehren, Empfindungen und Impulsen in unterschiedliche Richtungen bewegt wird.“ Ich weiß nicht, wieso ich dabei dachte: urgh, das kann hart werden. Vermutlich weil der Text sehr ernst wirkt und den eigentlichen Charakter der Performance nicht ahnen lässt, obwohl tatsächlich alles, was im Programmblatt steht tatsächlich stimmt und passiert.

Tatsächlich handelt es sich um die unterhaltsamste und zuschauerfreundlichste Aufführung des Abends. Das liegt zum einen daran, dass Claire Vivianna Sobottka (folgend: CVS) und Tian Rotteveel das Thema vor allem erstmal mit jeder Menge Spaß angehen und weil sie einen sehr guten Trick anwenden: Sie verstärken und verfremden ihre Stimmen per angeklebtem Mikro, so dass sie gelegentlich an Gollum aus Herr der Ringe erinnernden Kleinkindstimmen haben oder ihre Stimmen zu einem unheilvollen, tiefen Gebrüll werden, das, kombiniert mit entsprechend überzogenen Gesten, ausgesprochen unterhaltsam wird.

Tatsächlich hat man oft genug das Gefühl, zwei völlig durchgedrehten Zeichentrickfiguren zuzusehen, die machen, worauf sie gerade Lust haben und sich von jedem äußeren oder inneren Impuls ablenken lassen und dabei grundsätzlich überreagieren. Unterstützt werden sie noch von ferngesteuerten Schlangen und Libellen und tatsächlich hat das dann viel mehr mit der anarchischen Seite des Kindseins zu sein, die tatsächlich lustig ist, vielleicht auch, weil man sich daran erinnert, dass man selbst auch mal so war und mit Einschränkungen immer noch so ist, wenn auch auf einem niedrigeren Energielevel.

Meine Lieblingsszene ist ziemlich am Schluss, wenn beide(!) den Paravent, hinter dem sie sich vorher gelegentlich umgezogen haben, umschmeißen und Tian Rotteveel CVS dann in einem Hulk ähnlichen Wutanfall, inklusive Ausziehen des Unterhemds und Emporrecken der Arme, anschreit: „you destroyed my house“ und sie dann mit einer Konfettikanone abschießt.

Das Ding ist: Erwachsene verhalten sich eigentlich ganz genauso. Die „you destroyed my house“ Szene, kann man tatsächlich auch politisch interpretieren als eine Art Metapher dafür, wie Konflikte in der Welt so ablaufen, mit allem drum und dran: Schuldzuweisung, Ignorieren des eigenen Anteils am Schaden und extreme, zerstörerische Reaktion. Der Anfang der Performance mit dem Satz (mit Kinderstimme): „I’m sorry to tell you, that your childhood is now over“ legt so eine Betrachtung tatsächlich nahe.

Wenn man so will, sind die Impulse, um die es geht sehr einfach: Wut, Begeisterung und eine unbändige Neugier. Im Grunde sind das auch im Erwachsenenleben die Impulse mit denen man es im Großen und Ganzen zu tun hat, nur dass sie in einer irgendwie kälteren, rationalisierten Art ablaufen. Die Neugier wird Wissenschaft, die Begeisterung Verliebtsein oder diszipliniertes Verfolgen eines Ziels, die Wut wird Krieg. Dabei scheint es so zu sein, dass die Wut eines Kindes eigentlich auch tendenziell auf die kurzzeitige Zerstörung der Welt zielt, die Begeisterung auf das Verschlingen und die Neugier eigentlich auf die reinste Form von Welterkundung, wo noch alles faszinierend wird, während man sich dann im Laufe des Lebens auf ein oder zwei Themen der genaueren Erforschung konzentriert. Es ist ein bisschen billig zu sagen, dass für Kinder alles interessant und faszinierend ist, wahrscheinlich stimmt das auch nicht, aber erstmal entsteht für mich in der Performance der Eindruck, dass das Erwachsenenleben letztlich eine ärmere Variante der Kindheit ist. Zumindest deutlich weniger spaßorientiert, mehr verliebt ins eigene Leiden, das für CVS und Tian Rotteveel in der Kindheit auch übersteuert ist, aber eben auch kurzlebig und durch einen anderen Reiz jederzeit übertönt werden kann.

Bei Golden Game ist es auch leichter als bei den anderen beiden gezeigten Experimenten, die Körperarbeit etwas genauer zu betrachten, weil die Körper selbst immer mit jeder Zelle und vollem Einsatz auf alles reagieren, was passiert. Die Gesichter verziehen sich, der Sprachapparat produziert Töne (verstärkt durch die Elektronik), Muskeln verkrampfen oder entladen die Spannung in wildem Rumgehüpfe. So gesehen ist Kindheit natürlich auch anstrengend, aber gleichzeitig entladen sich die Impulse sofort in extremer körperlicher Aktion, so dass kein Gefühlsstau entstehen kann, der sich dann an seltsamen anderen Orten entlädt, ein Verhalten, das man ja bei Erwachsenen und einem selbst beobachten kann. Die Welt wäre vermutlich ein lustiger und anderer Ort, wenn man sein Verhalten auf den hier gezeigten „Kindermodus“ umstellen würde, aber „I’m sorry to tell you, that your childhood is now over“…

Was man an „Golden Game“ auch schön sehen kann, ist, wie andere Kunstformen sich letztlich kindliches Verhalten aneignen und es nutzen, um Impulse sichtbar zu machen, die wir mit einer gewissen Mühe unter der Maske des erwachsenen verbergen und die dann gelegentlich auf der Bühne oder in Filmen ausgelebt werden. Warner Brothers Cartoons (Bugs Bunny u.ä.) mögen dafür ein Beispiel sein, aber auch Superheldenfilme, japanische Animes. „Golden Game“ legt so gewissermaßen den Mechanismus, der derartigen Ausdrucksformen zu Grunde liegt offen, in Cartoons werden letztlich kindliche Emotionen externalisiert, also sichtbar gemacht. Die kindliche Emotion unterscheidet sich von der des Erwachsenen dabei hauptsächlich dadurch, dass sie absolut ist. Absolut heißt: nicht von Gedanken an die Zukunft wie: „morgen ist es besser/schlechter/anders“ beeinflusst, sondern völlig in der Gegenwart. Im Moment der Emotion gibt es sonst nichts mehr auf der Welt und der Körper verhält sich entsprechend. Wenn Bugs Bunny erschrickt, verändert sich sein gesamter Körper, bei japanischen animes wie „Full metal alchemist brotherhood“ werden Figuren, wenn sie von einer starken Emotion besetzt werden anders gezeichnet. Hulk ist vermutlich die Superheldenfigur, die dieses Prinzip am besten verkörpert – ein Wutanfall verändert den Körper extrem und macht ihn völlig unkontrollierbar. Bislang habe ich diese ganzen kulturellen Erscheinungen tatsächlich nicht unbedingt mit einer kindlichen Erlebniswelt in Zusammenhang gebracht, aber „Golden Game“ legt diesen Zusammenhang ziemlich überzeugend nahe.

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