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Tanztage Berlin 2014 – Solo Projekt Poznan

Januar 8, 2014

Gewissermaßen der Feminismusabend bei den Tanztagen. Alle drei Solos werden von Frauen vorgetragen, in allen drei Solos geht es um Frauen/Frausein, gelegentlich gleich gesetzt mit Opfersein und so und alle drei Solos wurden von einem Mann als „Mentor“ betreut (Bush Hartshorn).

Natürlich muss ich, als großer Feminismusexperte da meinen Senf dazu geben, obwohl ich mich vermutlich einigermaßen kurz fassen werde.

Hier folgen allerlei kluge Gedanken zum Feminismus und die absolute Wahrheit darüber, warum die Situation ist wie sie ist, die aber von mir wieder rausgeschmissen wurde und die natürlich nur im wieder rausgeschmissenen Zustand die absolute Wahrheit ist und logischerweise unsichtbar bleiben muss.

In weniger absoluter Wahrheit weiß ich es nicht. Ich könnte jetzt ewig darüber weiter schreiben und vielleicht dadurch mit der Zeit einen etwas besseren Durchblick gewinnen, aber mir ist das Thema meistens zu kompliziert. Was das Soloprojekt Poznan betrifft, waren letztes Jahr auch drei Damen am Start, die aber von einer Frau bementort wurden, wenn ich mich richtig erinnere und da war das „Frauenbild“ nicht so Thema. Was das aussagt, weiß ich nicht, dazu müsste man wohl Mentor Bush Hartshorn befragen.

Also los geht’s:

  1. Korina Kordova: On the 8th boulevard, right after sinuous curves

Der Titel ist natürlich kompliziert. Ganz verstehe ich ihn nicht. Im Programmheft steht ein Text über einen Meteoriteneinschlag, der eben in jenen Schlangenlinien (das bedeutet „sinuous curves“) Auf der Erde Einschlug, genau gesagt auf der 8. Straße und dort einen Riesen geboren hat, der vergeblich von der Armee bekämpft wurde und schließlich zum Ende der Menschheit führt.

Na gut, das ist mehr ein Science Fiction Szenario, was ich ja eher gut finde. Tatsächlich fügt der kleine Text der Performance selbst eine Lesart hinzu, die sich beim bloßen Anschauen erstmal nicht aufdrängt. Was sieht man: Eine Frau in einem grünen Kleid und mit Stöckelschuhen steht auf dem Kopf. Auf der Bühne hängen mehrere (ich glaube 6) dieser grünen Kleider. Sie fällt um und beginnt dann, sich zu bewegen. Erst mit weit ausholenden Rondes de Jambes Bewegungen, ein bisschen ergänzt durch von Yoga inspirierte Bewegungsmuster, wie um Anlauf zu nehmen. Dann steht sie auf. Die Bewegungen jetzt wirken meistens stockend, unsicher, als würde etwas versuchen sie davon abzuhalten oder als würde etwas sie gegen ihren Willen antreiben und sie selbst versucht, sich dagegen zu wehren. Irgendwann beginnt sie gewisse Posen einzunehmen, die Assoziationen an Filme, Femme Fatale Bilder und ähnliches wach rufen. Die Posen scheinen eine gewisse Sicherheit zu vermitteln. Dann steht sie wieder auf, macht sich drehende Bewegungen, stellt sich schließlich wieder auf den Kopf, fällt wieder hin und das Stück ist zu Ende.

Nun gut, das ist eine etwas verkürzte Darstellung. Die feministische Lesart wäre: jemand versucht, seine eigenen Bewegungen zu machen, denen aber eine Kraft entgegenwirkt und gewinnt erst größere Sicherheit, als gemeinhin als Klischee akzeptierte Posen eingenommen werden, man sich also den gesellschaftlich erwünschten Bildern ergeben hat.

Die Science Fiction lesart wäre: sie steht auf dem Kopf, der Meteorit schlägt ein, sie fällt um. In den Resten der Zivilisation und sichtlich angeschlagen, sucht sie ihren Weg durch die verwüstete Stadt. Irgendwie kommt sie an einen netten Ort, an dem sie in der Sonne ein wenig posieren kann. Die Idylle hält nicht lange, sie setzte ihren Weg fort, verliert die Orientierung, versucht dahin zurück zu kommen, woher sie kam – deshalb stellt sie sich wieder auf den Kopf, doch die Welt ist zu Ende und sie stirbt.

Hm, möglich. Tänzerisch ist das alles gut, kompetent ausgeführt und im allgemeinen von hoher Konzentration. Es gibt keine überflüssigen Bewegungen, alles, einschließlich das Fliegen oder Fallen der Haare wird bewusst und zielgerichtet eingesetzt. Das Ende scheint mir nicht so richtig zwingend. Die feministische Interpretation ist möglich, aber eigentlich nur im Rahmen des Abends naheliegend.

2. Agata Siniarska – Death 24 frames per second or do it to me like in a real movie

Ist die Performance, die mehr oder weniger die beiden anderen und alles, was sich in einem zeitlichen Abstand von drei Stunden davor oder danach bewegt in die feministische Lesart hineinzwingt. Das liegt daran, dass es sich um eine ausgesprochen starke Performance handelt, die formal mit großer Konsequenz vorgetragen wird. Thematisch, wie gesagt, ist es ein kompliziertes Thema. Was passiert?

Die Posen, die bereits so ähnlich bei Korina Kordova zu sehen waren, werden hier fortgesetzt, nur gibt es nichts anderes. Mit Tanz hat man es eigentlich nicht zu tun, sondern nur mit posieren. Dabei erinnern die Posen an alle möglichen Dinge von Glamourfrauen der Hollywoodfilme in der Schwarz/weiß Ära bis zu eher minderwertigen Pornofilmen. Dazu macht Agata Siniarska erst langgezogene Geräusche, später über einen sehr langen Zeitraum rhythmische Laute, die im wesentlichen mit dem Atem synchron gehen und vermutlich nicht unabsichtlich eine gewisse Pornoassoziation nahelegen. Ihr Mund steht die ganze Zeit offen, das verstärkt die Pornoassoziation. Gerade die Mundhaltung (!!! – dass ich sowas jemals schreiben würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen), die über die gesamte Länge der Aufführung gehalten wird (20, 30 Minuten), ist hier etwas, das eine erstaunliche Kraft entfaltet und so sehr ich das hasse, muss ich sagen, dass ich sowas noch nie gesehen habe.

Man würde das nicht notwendig mit einem feministischen Thema in Zusammenhang bringen müssen (naja, obwohl…), wenn nicht parallel gelegentlich Filmcredits laufen würden, in denen am Anfang mehrfach gesagt wird, dass Männer die Hauptrolle spielen. Wir haben es hier also mit einer, wie gesagt, sehr konsequenten Umsetzung vom Frauenalswillenlosesobjektmännlicherbegierde Thema zu tun. Im Grunde sieht man eine Frau die ihrer Sprache beraubt wurde, die den Mund nicht bewegen kann und nur über eine nervtötend lange Zeit gleichbleibende Laute mit nur wenigen Varianten ausstößt. Glücklicherweise bin ich nicht der einzige, der die Pornofilmassoziation hat (manchmal schön, wenn man mitbekommt, was andere Zuschauer beim rausgehen sagen).

Wie gesagt, handelt es sich um eine sehr gute, weil bis zur Selbstverletzung konsequente Performance, die mir aber total auf die Nerven geht. Frau als sprachloses Objekt, ob nun gewollt (in Zeiten von „50 shades of grey“ als neue Frauenliteratur) oder ungewollt (Indien und eine endlose Liste indienartiger Verhältnisse). Solche Sachen liegen mir nicht, weil ich nicht sicher bin, ob die Bestandsaufnahme reicht oder nicht auch ein bisschen Ursachenforschung oder so ganz gut wäre und dann wird es eben nicht ganz so einfach und wir befinden uns mitten in einem zivilisationsgeschichtlichen Diskurs mit eher fragmentarischen Grundlagen.

Ich nehme an, vor zwanzig Jahren wäre das vielleicht anders gewesen, da hätte ich eine gewisse Härte in einer Performance gut gefunden, mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob das tatsächlich zielführend ist. Jedenfalls fühle ich mich tendenziell angegriffen und genervt und dass Frau Siniarska vermutlich genau das bezweckt und ich mich nicht entziehen kann (weigere mich in dem Fall mal zu lachen), nervt mich noch viel mehr… Nichtsdestotrotz vermute ich, dass die Performance durchaus ein Referenzpunkt werden wird, also in seiner Konsequenz auch gelungener als, sagen wir, Angelica Liddell bei Foreign affairs (und verglichen damit sogar ausgesprochen ambivalent und dezent).

Andererseits.

Andererseits komme ich später nach Hause, setze mich an den Computer und sehe folgendes Bild (Quelle dpa):

seehofer-verzeiht-aigner-ihre-mini-rebellion-beim-thema-energiewende-

Dazu der Satz: „Seehofer verzeiht Aigner ihre Minirebellion.“

Ja, das ist schon sehr großzügig vom Seehofer. Sie ist jetzt total auf seiner Seite. Super. Und sie ist total glücklich darüber. Lächelt. Soviel zu Frauen, die ihrer Sprache beraubt werden…

Vielleicht hat Frau Siniarska ja doch recht.

Es gibt Leute, die Angela Merkel wählen, weil sie eine Frau ist. Manchmal verstehe ich das.

3.  Baska Gwozdz – destiny’s child

Es ist keine besonders gute Startposition für Baska Gwozdz, die eben nach der mir nicht gefallen habenden aber trotzdem eben sehr starken Performance von Agata Siniarska auftreten muss. Möglich, dass eine feministische Lesart hier völlig unangemessen ist, da bin ich nicht ganz sicher. Wie aber auch bei Korina Kordova, ist es sicher möglich, die Performance so zu sehen.

Wir sehen eine junge Dame im Spotlight, die barfuß hinter einem Paar Gummistiefel steht. Schnell stellen wir fest, dass die Gummistiefel mit Milch gefüllt sind. Sie zieht die Gummistiefel an und robbt und tanzt im folgenden durch die auf dem Boden verteilte Milch. Am Ende werden die Bewegungen selbstbewusster, die Milch scheint aus den Schuhen im großen und ganzen raus zu sein und Tanzen ohne Handicap wird möglich.

Na gut, ich spare mir die feministische Lesart und will darin eigentlich lieber ein Stück über das Erwachsenwerden sehen. Die Milch als Metapher bietet das irgendwie an. Das Stück ist grundsätzlich sympathisch, ich mag dieses Tanzen mit Handicap oft sehr gern und glaube, hier ergibt das auch alles Sinn. Man kann auch in den Aktionen die Probleme und Ängste Ausmachen die der „Erwachsenwerden“ genannte Ablösungsprozess von Eltern und ähnlichen Figuren auslöst, das Auflecken der Milch vom Boden mag vom verzweifelten an der Unselbständigkeit festhalten wollen erzählen und kurz gesagt, die ganze Aufführung ist klein, aber sinnig und ich glaube auch durchaus durchdacht und komplexer als man noch unter dem Siniarska Einfluss denkt. Tänzerisch war Korina Kordova meinen Vorlieben näher und ihr Stück schien mir konzentrierter vorgetragen zu sein. Agata Siniarska nimmt sowieso eine Sonderstellung an dem Abend ein und danach hätte nahezu jede Tanzperformance, die nicht in ähnliche Extreme geht, ein Problem.

Verglichen mit dem Solo Projekt vom letzten Jahr, kommt es mir so vor, dass die Reihenfolge der Aufführungen letztes Jahr glücklicher war und die damals angebotenen Stücke entsprachen eher meinem Geschmack. Viel mehr habe ich dazu im Moment gar nicht zu sagen. Schlecht war es beileibe nicht. Ich nehme an, über Agata Siniarskas Brachialperformance wird man noch eine Weile reden, auch wenn es ein bisschen schade ist, dass die beiden anderen darüber aus meiner Sicht ein wenig untergegangen sind.

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