Skip to content

Tanztage 2014 – Lee Meir & Maya Weinberg “If it’s fun” // Juan Gabriel Harcha “Angela Loij”

Januar 9, 2014

Es ist vielleicht höchste Zeit, sich über ein Phänomen zu unterhalten, das jedem Zuschauer, der sich zeitgenössischen Tanz/zeitgenössische Performance/zeitgenössisches Theater anschaut früher oder später begegnet: Das Phänomen des Nichtverstehens. Nichtverstehen ist im allgemeinen kein schöner Zustand. Man sagt von sich für gewöhnlich gern, dass man etwas verstehen will und hat dabei das Gefühl, einen besonders neugierigen und interessierten Eindruck zu machen. Sobald man anfängt über Tanz/Performance/Theater zu schreiben, neigt man dazu, zumindest so zu tun, als hätte man etwas verstanden. Diese Neigung bemerke ich zumindest an mir selbst, ich vermute für Zeitungsschreiber ist das noch viel schlimmer, weil ein Zeitungsleser das Gefühl haben will, dass ein Zeitungskritiker ihm etwas über eine Aufführung erklärt, das er, der Zuschauer, nicht verstanden oder nicht gesehen hat. An dem Wunsch zu verstehen ist natürlich nichts Schlechtes, aber die Frage: was bedeutet es eigentlich, etwas zu verstehen oder was bedeutet es, etwas nicht zu verstehen bleibt dabei eigentlich unbeantwortet.

Man tut so, als wüsste man, was es heißt, etwas zu verstehen, wie sich das anfühlt, das: „Ach so war das gemeint“ am Ende eines beschwerlichen gedanklichen Prozesses oder so. Die andere Variante, die ich häufiger wähle, ist, so zu tun, als wollte man nicht verstehen, sondern stattdessen zu schauen, auf welche Gedanken einen eine Aufführung bringt, ohne Rücksicht darauf, was der Performer selbst aussagen wollte. Dann kann man vergleichen, ob die eigenen Gedanken, die durch die Aufführung irgendwie ausgelöst wurden etwas mit der Absicht des Performers zu tun hatte oder nicht, die man dann natürlich irgendwie zu kennen glaubt.

Ich persönlich bilde mir ein, dass es sich dabei um eine etwas seriösere Variante handelt, weil es oft peinlich werden kann, wenn man so tut, als wüsste man, „was einem der Künstler eigentlich sagen wollte, aber aus irgendeinem Grund nicht gesagt hat“ und dann total daneben liegt, während man sich mit dem anderen Ansatz immer bequem auf den Standpunkt zurück ziehen kann, dass man selbst das nun mal so gesehen und verstanden hat und das eigene Verstehen, da es nichts mit der Intention des Künstlers zu tun hat, ist erstmal unangreifbar, was immer ganz angenehm ist.

Möglicherweise die höchste Kunst der Kunstbetrachtung besteht aber darin, etwas nicht zu verstehen und es trotzdem als das zu akzeptieren, was es ist und sagen wir, willkommen zu heißen. Dann kann man sich aber nur schwer dazu äußern, das heißt, ich sage das jetzt mehr so dahin, weiß aber gar nicht genau, wie das funktioniert. Vielleicht erhellt sich das aber ein bisschen, wenn es um die zweite Aufführung des Abends geht, „Angela Loij“ von Juan Gabriel Harcha.

Es gibt mehrere Gründe, warum ich Lee Meirs und Maya Weinbergs „If it’s fun“ nicht so richtig verstanden habe. Der erste Grund war, dass die Aufführungen im Programmheft in der umgekehrten Reihenfolge stehen und ich bestimmt die ersten 15 Minuten lang dachte, ich würde ein Solostück über einen Genozid in der Kolonialzeit sehen und es relativ abgedreht fand, dass das, was im Programmheft als Solostück eines Mannes angekündigt worden war von zwei Frauen dargestellt wurde, die sehr viel redeten. Was sie redeten habe ich natürlich mit einem kolonialen Genozid in Verbindung gebracht, das heißt als sie über die Vergangenheit sprachen, dachte ich dass zumindest eine der beiden die Rolle eben jener Angela Loij einnimmt, die die letzte Überlebende des Stammes der Sek’nam war und nun, gewissermaßen am Ende ihres Lebens mit einer Anthropologin, die gleichzeitig die Kolonialistin ist über ihr Leben und den Kolonialismus im Allgemeinen redet, und als das Wort „killing“ fällt, dachte ich: ah, irgendwie wird es jetzt vermutlich um diesen Genozid gehen. Es erübrigt sich zu sagen, dass die Aufführung weder etwas mit einem Genozid, noch mit der letzten Überlebenden der Sek’nam zu tun hatte. Das Nichtverstehen hatte hier vor allem den Grund, dass ich mir zumindest die ersten 15 Minuten der Aufführung unter völlig falschen Vorraussetzungen angesehen habe. So wie jemand, der eine Karte für La Traviata hat aber aus Versehen in eine Macbeth Vorstellung gerät. Wenn derjenige eigentlich nur grobe Vorstellungen von La Traviata hat, wird er sich möglicherweise darüber wundern, dass so wenig gesungen wird – schließlich hat er gedacht, er ginge in die Oper – und das vielleicht für einen ziemlich abgedrehten Regieeinfall halten. Aber man hat ja schon viele seltsame Dinge gehört über das zeitgenössische Theater und diese neumodischen Operninszenierungen… also warum nicht La Traviata im schottischen Hochland und ohne Gesang.

Für derartige Formen von Missverständnis bietet es sich an, dass man ein bisschen müde ist und es ist sinnvoll, die Aufführungen nicht zu kennen. Leichter geht das im Kino, wenn man etwas zu spät kommt und im falschen Kinosaal landet. Da ist mir das schon gelegentlich passiert, dass ich anfing einen Film zu schauen, dachte: wo bleibt denn der Superheld? um dann festzustellen, dass ich aus Versehen in eine Liebeskomödie oder ähnliches geraten war.

Der zweite Grund, weshalb ich Schwierigkeiten hatte, „if it’s fun“ zu verstehen, ist, dass ich eine falsche Genrevorstellung hatte. Nun wird oft darüber geredet, ob denn zeitgenössischer Tanz noch Tanz ist. Ich erwarte eigentlich nicht unbedingt, dass in einem zeitgenössischen Tanzstück getanzt wird, aber ich erwarte ein bisschen dass, wenn nicht getanzt wird, der Ausgangspunkt der Performance der Körper ist. Deshalb ist „Golden Game“ von Claire Vivianne Sobottke und Tian Rotteveel eine Tanzperformance, weil der Körper direkt und unmittelbar Hauptausdrucksmittel und Ausgangspunkt des Gezeigten ist. Ebenso ist die jetzt schon fleißig betextete Performance von Agata Siniarska eine Tanzperformance weil sie tatsächlich vollständig vom Körper ausgeht. „If it’s fun“ ist auch im engeren Sinne Text oder Sprechtheater und auf keinen Fall Tanz/Tanztheater/eine Tanzperformance. Es gibt gewisse körperliche Aktionen, aber nicht in stärkerem Maß als, sagen wir bei „Die (s)panische Fliege“ an der Volksbühne oder bei Hamlet an der Schaubühne (um mal die beiden Schauspielstücke zu nennen, die ich in letzter Zeit gesehen habe und die beide durchaus Körpertheater waren – man käme aber nicht auf die Idee, das Tanz zu nennen).

Wenn man also eine Aufführung in einem Zustand fortgeschrittener Verwirrung verbringt, eine Erfahrung, die jeder Zuschauer von zeitgenössischer darstellender Kunst über kurz oder lang machen wird, dann hilft gelegentlich ein Blick ins Programmheft. In der Pause sehe ich also, dass es sich um den Versuch gehandelt hat, den „kreativen Prozess“ in einer Zeit, in der jeder dauernd dazu aufgefordert ist, sein kreatives Potential zu entwickeln, sichtbar zu machen. Dazu ist anzumerken, dass der kreative Prozess bei den beiden eben ein Sprachprozess ist. Sie reden vor allem. Sie reden gut und teilweise auch interessante und witzige Dinge, durchaus souverän gespielt/performt (weil es sich streng genommen wohl nicht um Schauspiel handelt), aber mit Tanz hat das absolut nichts zu tun. Der Kreative Prozess in einem Tanzstück würde meiner Meinung nach, eher vom Körper ausgehen oder von einer bildlichen Vorstellung eines tanzenden Menschen oder zumindest von der Idee, einen sprachlichen Gedanken auf der Bühne tänzerisch umsetzen zu wollen oder durch Tanz zu ergänzen. Aber dafür, dass die Aufführung fast eine Stunde dauert und keine Handlung hat, ist sie recht kurzweilig.

Während mein Nichtverstehen von „If it’s fun“ für mich eher unfreiwillig und kurios war – und ich dadurch tatsächlich nicht in der Lage bin, etwas über die Aufführung an sich zu sagen – dringt man bei Juan Gabriel Harchas Tanzstück (diesmal tatsächlich) „Angela Loij“ in völlig andere und beunruhigende Dimensionen des Nichtverstehens vor. Es ist so, dass man die Aufführung vermutlich, ohne das Programmheft zu kennen, annähernd so wahrnehmen wird, wie sie mutmaßlich gemeint ist. Wir sehen Juan Gabriel Harcha, der in einer seltsamen schwarz weiß gestreiften Körperbemalung Tänze aufführt, die in einem weiten Sinn an Ritualtänze der sogenannten primitiven oder unzivilisierte oder Naturvölker erinnern. Es gibt wohl keinen Begriff in den westlichen Sprachen für „Naturvölker“, der nicht zum Herablassenden tendiert, wofür es natürlich einen kulturell bedingten Grund gibt. Die Bemalung wie auch der Tanz wirkt etwas fremdartig, das Fremdartige wird irgendwann verstärkt, als Juan Gabriel Harcha sich einen reptilienartigen Schwanz umschnallt, der endgültig den Eindruck vermittelt, man habe es mit einem Wesen von einem fremden Planeten zu tun.

Will man etwas Fremdartiges verstehen, dann läuft das fast immer über Analogien. Das heißt, man beobachtet ein fremdes Verhalten, sucht nach Dingen, die man von sich selbst kennt und unterstellt dann eine ähnliche Bedeutung des Verhaltens. Wenn unterschiedliche menschliche Kulturen auf diesem Planeten sich begegnen ist die Trefferquote vergleichsweise hoch. Zwar gibt es Gesten, die in unterschiedlichen Kulturkreisen etwas völlig unterschiedliches bedeuten, aber bestimmte Verhaltensweisen wie lachen und weinen sind recht universell verbreitet. Lachen ist ambivalent, weil über etwas fremdartiges Lachen einerseits von Seiten des Lachenden ein vermeintliches Verstehen signalisiert „Aha, das war bestimmt lustig gemeint“, andererseits aber natürlich auch etwas Diffamierendes und Herablassendes haben kann, wenn man beispielsweise feststellt, dass die Analogie nicht stimmte und man sich als Dummkopf fühlt oder wenn man über Menschen lacht, wie über Hunde oder Schimpansen.

In Science Ficiton Romanen, in denen es um die Begegnung mit außerirdischen Zivilisationen geht, laufen diese Analogien mitunter völlig ins Leere und für gewöhnlich hat das katastrophale Folgen. Das Problem dabei ist nicht, dass man etwas nicht versteht, sondern dass man glaubt etwas zu verstehen, in Wahrheit aber total auf dem Holzweg ist. Wer nicht in die Science Fiction Literatur schauen will, mag auch in den Bereich gehen, der für die Performance relevanter ist – die Begegnung europäischer Kolonialmächte mit eingeborenen Naturvölkern. Das üblichste Nichtverstehen war dabei, nicht zu erkennen, dass man es mit Menschen zu tun hatte. Im Programmheft wird auf die berüchtigten Völkerschauen hingewiesen, die noch vor hundert Jahren üblich waren und das ganze Thema wurde ja in Brett Baileys „Exhibit B“ schon ausführlich und mit eindringlicher Härte vorgeführt.

Die Körperbemalung und vermutlich auch die gezeigte Tanzform bezieht sich hier auf die bereits erwähnten „Selk’nam“, die von europäischen Kolonialmächten Anfang des 20. Jahrhunderts (fast) komplett ausgerottet wurden und die auch auf den entsprechenden Völkerschauen als Beispiel für „Wilde“ ausgestellt wurden. Angela Loij war die letzte Überlebende des Volkes der Selk’nam und verstarb 1974.

Nun will ich nicht erneut über die europäische Kolonialgeschichte schreiben. Das Thema ist nicht besonders amüsant, letztlich eine Schande für den Kontinent und verknüpft mit einer tiefsitzenden Scham für unsere Urgroßväter und die vorhergehenden Generationen. Die Frage des Nichtverstehens wird hier aber existentiell, nicht so sehr für uns, sondern für die unglücklichen Völker, auf die Europa trifft und die davon nur selten profitiert haben. Dabei ist es wurscht, ob man vom alten Europa spricht oder von den europäischen Siedlern, die nach Nordamerika gekommen sind und da dem europäischen Impuls nachkamen, alle Völker, die sich auf dem Gebiet aufhielten, das sie nun in Besitz nehmen wollten mit großem Enthusiasmus abzuschlachten. Nun ließen sich die europäischen Völker auch unter einander diese Behandlung angedeihen, insofern mag man sagen, dass sie nur einer alten Gewohnheit folgten.

Es handelt sich aber um eine Gewohnheit, von der wir heute denken, dass sie zu einer Verarmung der Welt führt, wir sind heute tendenziell und mehrheitlich vermutlich gewillt, kulturelle Vielfalt weltweit gut zu heißen, auch wenn das ein langsamer Prozess ist, der sehr schnell an Grenzen stößt (z.B. in der Begegnung Westen/islamische Welt, wo die gegenseitige Skepsis wohl beidseitig ist und vielleicht auch von beiden Seiten gelegentlich berechtigt). Die Frage, die hier wichtig wird, ist, wie man mit Dingen umgeht, die man nicht versteht. Will man sie ausmerzen, zerstören, gleichmachen oder bringt man ihnen eine Gewisse Neugier entgegen, den Willen, sich damit auseinanderzusetzen, möglicherweise sogar von anderen Lebensmöglichkeiten zu lernen? Wir sind da bei weitem nicht so weit, wie man es vielleicht gern hätte. Die Zerstörung anderer Lebensformen heute läuft zwar nicht mehr darüber, dass man hingeht und alles niedermetzelt was komisch aussieht, dafür hat man es aber mit einer konsequenten Zerstörung des Lebensraums zu tun und es ist möglich, dass man das andere nicht nur akzeptieren muss, sondern auch lernen, es mehr zu mögen als Öl oder Geld, um hier mal eine recht platte Globalisierungskritik an den Mann zu bringen.

Um den Bogen zur Frage zu schließen, was zeitgenössische Kunst/zeitgenössischer Tanz so eigentlich soll, dann mag man antworten, dass man anhand dieser Kunstformen eine freundliche Annäherung an das andere, an das, was man nicht versteht durchaus lernen kann, wenn man will. Wie alles Lernen ist das ein Prozess, der eine Weile dauert und, da man doch oft von Leuten, die damit nichts anfangen können, hört, dass sie eigentlich kein Steuergeld dafür ausgegeben sehen wollen, dann sollte man vielleicht darauf hinweisen, dass dieses Steuergeld ganz gut investiert ist, weil das bedeutet, dass man bereit ist, das „andere“ nicht nur hinzunehmen, sondern sogar willkommen zu heißen und zu unterstützen und so eine beidseitig freundliche Begegnung zu ermöglichen. Nicht, dass ich das selbst immer oder auch nur oft hinkriege, aber es ist zumindest eine Anstrengung, die sich meistens lohnt.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: