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Zweiter Versuch: Agata Siniarska – Death 24 Frames per second

Januar 9, 2014

Als Freund von Nachträgen scheint es mir bei der Gelegenheit sinnig noch mit mehr Abstand ein paar Worte zu besagter Performance von Agata Siniarska zu verlieren.

Vor und Nachteil einer relativ schnellen Behandlung einer Aufführung ist ja, dass der eigene Eindruck noch recht frisch ist, man also noch von der möglichen Wirkung einer Aufführung beeinflusst ist. Die Wirkung einer Aufführung ist ausgesprochen wichtig, insofern widerstehe ich der Versuchung, meinen ersten Eindruck einfach zu löschen und durch vermeintlich abgeklärtere Betrachtungen zu ersetzen. Tatsächlich handelt es sich natürlich auch um eine vorläufige Standortbestimmung dazu, wie sich die im Stück angesprochene Situation im Moment darstellt.

Die Performance selbst befasst sich mit Männer/Frau Beziehungen, wobei Männer auf der Bühne nicht auftauchen (es handelt sich ja um eine Soloperformance). Wenn man die Performance so betrachtet, dass es um eine Frau geht, die ihre Sprache verloren hat, dann haben die Männer auf die sich die Performance bezieht, keine Sprache, die sie verlieren könnten, da sie abwesend sind. Das ist nicht unbedingt ein Problem, sondern bedeutet erstmal, dass man es mit einer rein weiblichen Perspektive auf das Thema zu tun hat, die für sich den Anspruch erhebt „stellvertretend für alle heterosexuellen Frauen“ zu stehen. Die völlige Abwesenheit einer männlichen Perspektive ist einerseits eine Schwäche, andererseits möglicherweise die Hauptstärke der Performance, weil die Einseitigkeit einen dazu zwingt sich zu positionieren.

Meine Position erhebt keinen Anspruch darauf, der Performance eine „männliche“ Perspektive entgegen zu setzen, sondern ich stelle lediglich versuchshalber ein paar Hypothesen auf, die vielleicht teilweise die Wirklichkeit ganz gut beschreiben, an anderer Stelle vielleicht auch nicht.

Das Bild, das man aus der Performance ableiten konnte, war zunächst, dass für „alle heterosexuellen Frauen“ Sex eine demütigende Veranstaltung ist, in der die Frau in ein unverständliche Laute von sich gebendes Etwas verwandelt wird. Diese Annahme würde ich bezweifeln. Darüber hinaus mag man darin eine relativ offene Sexfeindlichkeit sehen und die Frage schließt sich an, inwieweit es sich dabei nicht um eine eher unproduktive Form von Selbstekel handelt, der tatsächlich nicht subversiv ist, sondern sich eine Haltung wie: „Sex ist Sünde und lenkt vom eigentlichen ab  – ein gottgefälliges Leben führen z.B. “, zu eigen macht.

Die diversen Taktiken des Umgangs mit dem Thema „Sex“, die im Laufe der Jahrhunderte entwickelt wurden und die sich bemüht haben, Sex eigentlich abzuschaffen oder durch gewisse moralische Ideen zu regulieren, waren vermutlich nicht dazu da, ein Problem zu lösen, sondern in hohem Maße dafür verantwortlich, dass aus „Sex“ überhaupt ein Problem wurde.

Erst durch die Problematisierung von Sex und die Versuche, einen in der Regel relativ starken Trieb, abzuschaffen, konnte ein Sexmarkt entstehen, der ebenfalls nichts zur Lösung des vermeintlichen Problems beiträgt, sondern vielmehr Sex zu einer Art Bewegung im Untergrund macht, Pornographie, ein riesiger Markt, wird in der Regel von den Konsumenten nicht als übermäßig kultiviert und inspirierend empfunden, sondern der Konsum selbst – eine hauptsächlich männliche Domäne – ist vor allem schambesetzt. Es ist einem peinlich, dass Mann an diesem Markt teilnimmt.

Erst die Unterdrückung des Triebs ermöglicht den Einsatz von Sex als macht- und marktpolitisches Instrument. Die Unterdrückung diente dazu vor allem dem Zweck, nicht Sex, sondern den Sexualpartner zur Ware zu machen. Eine Frau, die geheiratet hat, ging in den Besitz des Mannes über. Frauen im allgemeinen, verheiratete Frauen im besonderen, wurden potentieller oder tatsächlicher materieller Besitz, die vor allem unter Schmerzen die Kinder eines bestimmten Mannes zu gebären hatten, der sich im Gegenzug verpflichtete, die Frau vor sozialem Abstieg und dem Hungertod zu bewahren. Ehebruch steht auch heute noch in vielen Ländern unter Todesstrafe, die vor allem den Frauen droht. Dabei ist streng genommen eigentlich nicht diese Form der Ehebetrachtung frauenfeindlich, sondern die Bedingungen, die eine solche Form der ehelichen Partnerschaften aus letztlich ökonomischen Gründen, notwendig und sinnvoll macht – die Alternative dazu wären eben anders organisierte soziale Gemeinschaften, kleinere Stämme und Sozialverbände, die es ja vereinzelt auch immer noch gibt und die derartige Partnerschaftsformen nicht kennen, sondern als größerer Sozialverband Aufgaben übernehmen, die heute mehr oder weniger vollständig an die Paarbeziehung oder Alleinerziehende delegiert werden.

In Kulturen, die einen etwas freieren Umgang mit dem Thema versuchen, und Sex in gewissen Grenzen zur Privatsache erklären, scheint sich ein anderes Problem zu stellen, nämlich, dass der mehr oder weniger von gesellschaftlichen Zwängen befreite Trieb selbst als Unterdrücker empfunden wird. Der Trieb wird eigentlich nicht als Teil von einem wahrgenommen, sondern als fremdes Etwas, das nur schwer unter Kontrolle zu bringen ist und einen zu Taten verleitet, von deren Konsequenzen man und frau im Nachhinein eher wenig begeistert sind – ungewollte Schwangerschaften, Krankheiten und so weiter drohen.

Schwangerschaften die durch außerehelichen Sex zu Stande kommen, beispielsweise, und deren Konsequenzen dann von den Heerscharen allein erziehender Mütter allein zu tragen sind, führen oft genug zu einem sozialen Abstieg – eine schwangere Frau verliert ihren Job oder bekommt keinen, beantragt Hartz 4 und sobald sie an dem Punkt ist, kommt sie auch nicht mehr in den Genuss des Kindergeldes, weil das dann auf Hartz 4 angerechnet wird (während jemand, der 3000 Euro netto verdient, in den vollen Genuss des Kindergeldes kommt – also das gewissermaßen als Bonus erhält). Wenn man so will ist die Gesetzgebung in Deutschland an dem Punkt nicht weniger auf Bestrafung einer vermeintlich unkontrollierten Triebhaftigkeit ausgerichtet, als in anderen Ländern auch – es sei denn man kann es sich leisten. Die deutsche Gesetzgebung in dem Bereich zielt nicht darauf, wie manchmal gesagt wird, dass die Leute allgemein mehr Kinder bekommen, sondern vor allem darauf, dass die reicheren Mitglieder der Gesellschaft mehr Kinder bekommen, während weniger gut gestellten Verelendung droht.

Die Demütigung von der nun die Performance von Agata Siniarska spricht, scheint mir teilweise auch daher zu kommen, dass der Trieb, egal welche Nachteile einem tatsächlich oder potentiell aus einer Auslebung desselben erwachsen, sich in der Regel irgendein Schlupfloch sucht, durch das er sich verwirklicht. Er wird dabei als etwas Fremdes in einem Selbst angesehen, das jeglicher Vernunft widerspricht. Wenn man so will kann man die Sprachlosigkeit in der Performance, in der Sprache eben durch unartikulierte Laute ersetzt wird, als Ausdruck der Demütigung sehen, dass der Trieb einen in etwas verwandelt, was man nicht sein will und einen dazu bringt, Dinge zu tun, in denen man „sich selbst verliert“ – einige Leute suchen ja genau das, für andere ist es anscheinend ein Problem. Selbstekel und Selbstverachtung ist die Folge. Man empfindet sich als „schwach“. Die Demütigung geht hier aber nicht vom jeweiligen Geschlechtspartner aus, sondern eigentlich von einem Teil in einem selbst, den man nicht ohne weiteres abschalten kann.

Dieses Problem betrifft sowohl Männer als auch Frauen. Frauen haben in der Regel härtere Konsequenzen zu tragen (Schwangerschaft und Gebähren – bei Menschen schmerzhafter und gefährlicher, als, sagen wir, bei Fischen oder Amöben – die menschliche Gesellschaft sehe sehr anders aus, wenn die Menschenweibchen wie gewisse Fische Eier irgendwohin legen würden und die Menschenmännchen dann drei Stunden später vorbei kämen und irgendwie ihre Samen darüber verteilen würden, wodurch der Nachwuchs dann in den Verantwortungsbereich des Kollektivs fiele). Die grundsätzliche Problematik, dass der Gewinn, den man aus Sex hat (im Idealfall: Spaß oder gar eine innige Verbindung mit jemandem, den man mag), in keinem Verhältnis zum Preis steht, den man unter Umständen dafür zu zahlen hat, sorgt letztlich relativ unmittelbar zu einem Abspalten des Triebs, der dadurch marktfähig wird z.B. in Form von Pornographie (als risiko – weil konsequenzlose thematisch verwandte Möglichkeit zur Triebabfuhr).

Dabei geht es nicht unbedingt um Männer, die Frauen unterdrücken, sondern in der gegebenen Gesellschaft, um strukturelle Probleme, die sich eher nicht auf ein Männer/Frauen Thema runterbrechen lassen und die eher etwas damit zu tun haben, dass der einzelne von der Gesellschaft mit seinen Problemen im wesentlichen allein gelassen wird und bestenfalls ein paar Euro von der Gesellschaft zu erwarten hat, die oft genug nicht weiter helfen. Der irgendwie niedliche, aber eigentlich dumme Gedanke, dass sich jedes Problem durch ein paar Euro mehr lösen lässt, mag dabei ein besonderes Kennzeichen der Generation der noch stärker von den Kriegszerstörungen betroffenen sein.

Das Problem dabei ist, dass die Performance selbst sich explizit auf Nahbeziehungen zwischen Männern und Frauen bezieht. Es geht dabei nicht um andere politische Themen wie eine grundsätzliche Ausrichtung der Gesellschaft nach eher patriarchal hierarchischen Prinzipien und es geht auch nicht um die Frage, ob Frauen Möglichkeiten der Teilhabe an der Gesellschaft haben, die den Möglichkeiten der Männer entsprechen, (ohne sich diesen patriarchal hierarchischen Prinzipien anzupassen) – bei der Gelegenheit mag hier darauf hingewiesen sein, dass auch Männer nicht die Option haben, sich dieser grundlegenden Struktur der Gesellschaft zu entziehen – die geschlechtsspezifische Männer/Frauen Unterscheidung ist an dem Punkt konstruiert und entspricht bestenfalls tendenziell, keinesfalls grundsätzlich den tatsächlichen Verhältnissen.

Bricht man dieses Thema nun auf einen Geschlechterkonflikt herunter, verlagert man den Konflikt, der in Wahrheit ideologischer Natur ist, auf Geschlechterrollen und verhindert so eher mögliche Veränderungen, indem man verhärtete Fronten schafft (Männer gegen Frauen), die aber eigentlich völlig anders verlaufen (leistungsorientierte Wachstumsgesellschaft gegen alternative, solidarisch organisierte Gesellschaftsformen, in denen beispielsweise Kinderkriegen kein existentielles Problem ist, die mittlerweile aber nur noch am Rande oder in der Antiglobalisierungsbewegung diskutiert werden und deren reale Existenz – es gibt ja solche Gesellschaftsformen in der Welt – bedroht ist). Der tatsächliche Konflikt wird in den Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen verlagert, wo er nicht lösbar ist und nur weitere Probleme verursacht.

Die Frage, die sich vielleicht Theater an dem Punkt stellen sollte, ist, wie man sich eigentlich eine ideale Gesellschaft vorstellt und warum in der allgemein als privilegiert angesehenen westeuropäischen Gesellschaft psychische Erkrankungen grassieren wie die Pest zu alten Zeiten (was ein Hinweis darauf sein kann, dass man einen hohen Preis für das angebliche Privilegiertsein zahlt).

Die Frage ist dabei, ob eine Einteilung in Täter/Opfer an dem Punkt, an dem sich die Gesellschaft heute befindet, wirklich weiter hilft. Gemeinhin ist es irgendwie angenehmer, sich selbst als Opfer zu betrachten (Frauen sehen sich als Opfer von Männern, Männer sich als Opfer von Frauen, alle sich als Opfer des unvorteilhaft gewordenen Sextriebs oder als Opfer einer wirtschaftlichen Struktur, die wenige begünstigt und viele benachteiligt, die um zur Abwechslung mal den aktuellen Papst zu zitieren „tötet“). Möglicherweise behindert die Selbestwahrnehmung als Opfer tatsächlich einen möglichen konstruktiven Umgang mit den Ursachen der sicher vorhandenen Probleme, die heute viele im zwischenmenschlichen Bereich haben (wobei es natürlich auch die ein oder andere glückliche Beziehung gibt, in der eher ein Mit- als ein Gegeneinander herrscht).

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