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Yui Kawaguchi / Yoshimasa Ishibashi – MatchAtria

Januar 11, 2014

Während in den Sophiensaelen die Tanztage munter über die Bühne gehen, wird im Dock11 das neue Stück von Yui Kawaguchi aufgeführt und nun gut, ich werde über diesen Zusammenhang, der sich für mich nur deshalb aufdrängt, weil es eben diese terminliche Überschneidung gibt, später etwas sagen.

Das Stück selbst dauert ungefähr eine halbe Stunde und ist für maximal 20 Zuschauer konzipiert. Die Chancen noch Karten zu bekommen sind sehr gering, vielleicht hat man eine minimale Möglichkeit, wenn man spontan aufläuft und jemand eine bestellte Karte nicht abholt.

Die Aufführung findet in Kooperation mit allerlei Leuten statt, die man so auf einem Programmzettel nicht unbedingt erwartet (Heartbeat Perception Unit; Taktile Partitur) und die für die technischen Details der Aufführung zuständig sind, die relativ komplex sind. Hauptkollaborator ist derweil Yoshimasa Ishibashi, der für die Multimediaelemende der Aufführung zuständig ist.

Bevor es losgeht, bekommt man an der Kasse eine 3-D Brille und eine Erklärung, wie der Lautstärkeregler des Kopfhörers funktioniert, den man während der Aufführung sinnigerweise aufbehalten wird. Auf der Bühne befinden sich zwei Projektionsflächen, die in einem relativ Flachen Winkel nebeneinander aufgestellt sind, der Mittelpunkt der Bühne ist vor der Stelle, an der die beiden Leinwände sich treffen und da befindet sich Yui Kawaguchi.

Setzt man den Kopfhörer auf, kann man die Herztöne von Yui Kawaguchi hören, die erstaunlich schnell sind für eine Profitänzerin und für mich erstmal darauf hinweisen, dass auch eine routinierte Performerin wie Yui Kawaguchi vor einer Aufführung noch ein wenig nervös ist. Dass ein Tänzer seine Herztöne an den Zuschauer kommuniziert ist tatsächlich sehr intim, weil man über den Herzschlag als Zuschauer Informationen bekommt, die ein Tänzer/Performer normalerweise vor einem verbirgt, wie eben die Aufregung bevor die Aufführung beginnt (die sobald man den Kopfhörer aufgesetzt hat natürlich schon begonnen hat, auch wenn zu dem Zeitpunkt erstmal nur Yui Kawaguchis Herz tanzt).

Dann unterbricht YK die Übertragung der Herztöne und verteilt an jeden Zuschauer eine anatomische 3-D Nachbildung eines Herzens, das weiß ist und vermutlich aus Latex und Silikon besteht, jedenfalls ein weiches Material mit einem Kern, der sich etwas härter anfühlt und der fahl in der Dunkelheit leuchtet. Wenig später wird man feststellen, dass das Herz in der Lage ist, taktile Reize zu übertragen, das heißt, wenn Yui Kawaguchi sich später in der Aufführung wieder an den Sensor für die Herztöne anschließt, wird das Herz, das man in der Hand hält, auf die Töne reagieren und gewissermaßen in der Hand anfangen selbst zu schlagen – noch später wird es im Rhythmus der Musik die gleichen Impulse aussenden.

Der größte Teil des Abends ist eine Kombination aus der japanischen Teezeremonie – die der Aufführung eine Hälfte des Titels gibt (Match – der andere Teil bezieht sich auf den Vorhof des Herzens) und sehr präzise, virtuos und mit hoher Energie aufgeführten Tanzsolos von Yui Kawaguchi.

Die an die Teezeremonie angelehnten Passagen werden in der Regel kniend ausgeführt mit diversen Gesten, die an indische Mudras erinnern, aber wahrscheinlich eher Gesten entsprechen, die in der Teezeremonie ausgeführt werden. Dazu hört man Yui Kawaguchis Stimme, die etwas auf japanisch sagt. Meine Japanischkenntnisse gehen nicht sehr viel weiter als „Kampai“ und „Sayonara“, insofern habe ich keine Ahnung, was sie sagt. Weil die Sprache aber schön klingt, ist das vermutlich nicht so entscheidend und erinnert mich dann stellenweise an den Sprachgesang, wie man ihn, beispielsweise von Sheila Chandra oder so kennt. Die dazugehörigen Gesten werden, wie man das von Yui Kawaguchi gewöhnt ist mit großer Konzentration ausgeführt, überhaupt ist die Arbeit mit Händen und Armen auch bei den ausdrücklich getanzten Teilen oft überaus, manchmal schwindelerregend komplex.

Tänzerisch deckt Yui Kawaguchi einen weiten Bereich ab und schafft es irgendwie und wunderbarerweise trotzdem immer den eigenen Stil zu bewahren. Ich nehme an, dass dieser eigene Stil dadurch entsteht, dass – bei aller Unterschiedlichkeit der Bewegung – die Grundkonzentration sehr hoch ist und alles was geschieht sehr präzise und mit einem Respekt oder einer Wertschätzung für die jeweilige Bewegung an sich, ausgeführt wird. Zufällige Bewegungen gibt es nicht, alles ist notwendig und in höchstem Maß kontrolliert/bewusst eingesetzt. Es gibt an Insekten erinnernde Bewegungen, wenn sie beispielsweise sehr schnell mit angewinkelten Beinen praktisch hockend sich über die Bühne bewegt, bis zu eher spaßorientierten Discovarianten, kombiniert mit Modern Dance, Hip Hop, Fußhaltung und Beinarbeit lassen sich wohl auch oft genug auf klassisches Ballett zurück führen (das Stück beginnt tatsächlich mit einem grand plié ohne entsprechende Armarbeit – man mag allerdings einwenden, dass das grand plié eine Bewegung ist, die auch in Tanztechniken außerhalb des klassischen Balletts zum Einsatz kommt, insofern am Anfang der Ballettbezug nicht unbedingt gedacht sein muss).

In den unterschiedlichen Tanzvarianten kann man vermutlich den thematischen Bogen des Abends gut nachvollziehen – es geht, so habe ich das jedenfalls gesehen, um den Menschen als Organismus, der sich in einem kulturellen Rahmen bewegt, diesen kulturellen Rahmen letztlich selbst schafft und entsprechend auch verändern kann oder sich zu eigen machen. Davon abgesehen ist es ausgesprochen unterhaltsam und schön anzuschauen, wenn Yui Kawaguchi tanzt.

Dazu, deshalb gibt es die 3-D Brille, hat man es mit 3-D Videoprojektionen zu tun, die gewissermaßen diesem Themenbereich noch eine weitere Ebene hinzufügen. Zum einen ist der technische Standard ausgesprochen hoch – das heißt wir haben es bei den Videoprojektionen, dem Latexherz, den Soundübertragungen selbst bereits mit einem Beispiel für Kuturleistungen zu tun, weil Technik selbstverständlich in den Bereich der Kultur fällt. Diese kulturellen Errungenschaften erleichtern es dem Zuschauer aber auf eine Art, den organischen Charakter der Aufführung besser zu fühlen. Bisweilen findet man sich in einem Meer sich teilender Zellen, die dann abgelöst werden von künstlich anmutenden, sich aber ähnlich verhaltenden Strukturen.  Dann wieder Fahrten durch Landschaften – Flussfahrten oder das Schleichen über eine Wiese.Gelegentlich sieht man die Umrisse von Körpern, die sich in punktgroße Partikel auflösen. Wenn man so will, ist ja jeder komplexe Organismus ein Verband von Zellen, die im Dienste der komplexeren Einheit ihre Identität aufgegeben und sich spezialisiert haben – wer Lust hat, kann die menschliche Kultur als ein ähnliches Gebilde betrachten – eine Gemeinschaft von Menschen, die im Dienste des komplexeren Gebildes ihre Eigenheiten und Selbstständgkeit in unterschiedlichen Graden aufgeben – in gewissen Grenzen tut das aber jeder, ein Tänzer oder Choreograph dient gewissermaßen dem künstlerischen Organ der Kultur, ein Straßenbauer dem Transportorgan und so weiter – Teil von etwas größerem zu sein und letztlich nicht ohne die Umwelt existieren zu können ist wohl eine der Grundbedingungen des Lebens auf diesem Planeten, selbst eine Pflanze braucht ja Sonne, Wasser (Nährstoffe) und Kohlendioxid, also die Umwelt ohne die sie nicht gedeihen kann.

Daraus ergibt sich ein überaus kompliziertes Themenfeld aus Körper und Umwelt, das sich sowohl im Tanz als auch in den technologischen Aspekten der Aufführung findet. Dabei sind unterschiedliche Schlüsse möglich, unter anderem dass es möglicherweise keinen wirklichen Unterschied zwischen Körper und Umwelt gibt sondern das eine Teil des anderen ist. Eine gewissermaßen alchimistische Vorstellung, die so dann vielleicht auch in der japanischen Teezeremonie gemeint ist. Viel verstehe ich davon nicht, was ich gehört habe ist, dass in derartigen Zeremonien durch eine völlige, meditative Konzentration auf die Handlung selbst der Handelnde sich soweit mit der Handlung indentifiziert, dass es keinen Unterschied mehr gibt. Bei einer Aufführung auf der Bühne geschieht mitunter das gleiche, es gibt keinen Unterschied mehr zwischen dem Tanzenden und dem Tanz und wir haben es dann mit so etwas wie Bühnenpräsenz oder neutraler ausgedrückt, größtmöglicher Konzentration zu tun.

Das alles wird für den Zuschauer nun nicht als intellektuelles Konzept präsentiert, sondern eben als Erfahrung, die möglichst viele Wahrnehmungsebenen mit einschließt, sowohl die Arbeit mit visuellen Aspekten der Aufführung als auch das Sounddesign sind da ausgesprochen effektiv und werden noch ergänzt durch das Herz, das man die ganze Zeit in den Händen hält (zumindest halten die meisten Zuschauer es in den Händen, glaube ich) und das Später die Einheit von Körper und Umwelt/Kultur dann noch auf eine ganz eigene Weise illustriert, wenn die Herztöne in Musik übergehen und das Herz dann den Rhythmus der Musik mit anderem Sound nachempfindet.

Was lässt sich abschließend sagen. Für mich eine Aufführung, bei der alles stimmt, die bei aller Komplexität ausgesprochen freundlich und großzügig gegenüber jedem einzelnen Zuschauer ist und eine Vielzahl an Fragen anstößt und Denkmöglichkeiten eröffnet.Genauso gut, kann man die Aufführung aber auch als ziemlich beeindruckendes Erlebnis so stehen lassen. Intellektuell weit ausholend und überaus intim zugleich. Das muss man erstmal hinbekommen und wenn es 2014 noch zwei oder drei Performances gibt, die nur annähernd die Qualität haben, dann wird das ein gutes Tanzjahr gewesen sein.

Welche Schlüsse man daraus für die Aufführenden bei den Tanztagen ziehen kann, hebe ich mir bei der Gelegenheit für eine abschließende Betrachtung des Festivals auf. Ich habe natürlich einen Verdacht, aber wir werden sehen. Erstmal hat Yui Kawaguchi die Messlattte dafür, was im zeitgenössischen Tanz möglich ist, sehr, sehr hoch gelegt und spielt eigentlich, um das mal so bombastisch auszudrücken, in einer eigenen Liga.

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