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Tanztage 2014: Juliana Piquero – Surviving Fragment 1: Everything is possible in this space in between // Vincent Bozek – A chacun sa marotte

Januar 13, 2014

Da die Tanztage 2014 allmählich ihrem Ende entgegen streben, versuche ich ja manchmal rauszufinden, was nun das verbindende Element der Aufführungen ist, außer dass sie auf dem gleichen Festival laufen. Ich bin damit noch nicht besonders weit gekommen, vermutlich wird es am Ende darauf hinauslaufen, dass ich einfach eine Liste mache mit gemeinsamen Merkmalen oder Merkmalen, die keine Aufführung hatte, obwohl sie für gewöhnlich in Tanzaufführungen zu finden sind und dann wird man sehen, wie aufschlussreich das ist. Ich habe das Gefühl, dass es einen Zusammenhang gibt, kann den aber noch nicht so recht greifen.

Deshalb habe ich aber mal wieder ein paar Bücher über Performance Theorie rausgekramt, in der Hoffnung, dort vielleicht die ein oder andere Information zu finden, was bis jetzt auch nicht der Fall ist, weil es da eben meistens um bildende oder Aktionskunst geht oder eben um (Performance)- Theater. Nichtsdestotrotz bin ich Frau Fischer Lichte („Ästhetik des Performativen“) ganz dankbar dafür, mir einen Begriff ins Gedächtnis zurück zu rufen, nämlich den des „Selbstreferentiellen“. Selbstreferentiell heißt, eine Aufführung hat keine Bedeutung, die über das Ereignis der Aufführung hinausgeht, sie bezieht sich gewissermaßen auf sich selbst, ist nicht interpretierbar sondern nur erlebbar.

Ich habe das Buch noch nicht zu Ende gelesen, es ist aber interessant, dass sie bis jetzt noch keine einzige Performance genannt hat, bei der das tatsächlich zwingend so gesehen werden muss und mein Verdacht ist an der Stelle natürlich, dass ob eine Aufführung interpretierbar ist (also etwas über soziale/politische/persönliche Verhältnisse aussagen will oder diese repräsentiert) oder ob man sie als Erlebnis oder Erfahrung nimmt, ist vor allem eine Entscheidung des Zuschauers. Allerdings ist es sicher so, dass ein Performer/Tänzer/Schauspieler die eine Betrachtungsweise mehr ermutigen kann als die andere.

An beides – die Entscheidung als Zuschauer und die Möglichkeiten des Performers die Entscheidung in gewissen Grenzen zu lenken – wurde ich dann in Juliana Piqueros „Surviving Fragment 1: Evereything is possible in this space in between“ erinnert. Schon der ausführliche Titel scheint irgendwie auf diese zwei möglichen Betrachtungsweisen hinzudeuten.

Juliana Piquero – Surviving Fragmet 1: Everything is possible in this space in between

Was passiert? Nun erstmal ist es so, dass man es bei beiden Tanzaufführungen an diesem Abend mit zwei fast puristischen Tanzsolos zu tun hat. Juliana Piqueros Solo beginnt damit, dass relativ laut basslastige aber nicht rhythmische Musik zu hören ist und sie dazu in grünlichem Licht Bewegungen macht, die erstmal fließend sind – also so wie ich das gesehen habe, wurde ein Bewegungsimpuls aus dem Fuß heraus gegeben, der sich dann wellenartig durch den Körper fortgesetzt hat und der dann relativ schnell den ganzen Körper in Bewegung gebracht hat, wobei der Bewegungsimpuls aber seinen Ausgangspunkt änderte usw. Wesentlich ist erstmal, dass es sich um weiche, wellenartige Bewegungen handelt, die das hervorstechende Merkmal dieses Tanzes sind. Später wird dieser Tanz durch ein anderes Bewegungsrepertoire ergänzt, das so ziemlich die gegenteiligen Eigenschaften hat, nämlich abgehackte Bewegungen, ähnlich wie in Robot Dance Bewegungen im Break Dance, kombiniert mit dem Atem, der jede Bewegung hörbar begleitet.

Dabei scheint es mir so, dass sich die interpretierende Sichtweise und die reine Betrachtung hier nicht viel nehmen, man wird – nur von den Bewegungsmustern ausgehend – vermutlich zu ähnlichen Schlüssen kommen. Die fließenden Bewegungen erzeugen tatsächlich den Eindruck von einem Körper der zum Beispiel von einer Strömung im Wasser hin und hergerissen wird, während die abgehackten Bewegungsmuster den Eindruck erwecken, als würde der Körper wie eine Marionette von einer fremden Kraft bewegt, der Atem deutet darauf hin, dass es sich dabei um einen anstrengenden Zustand handelt. Interpretiert man das, ist man schnell bei dem „Surviving“ gegen Widerstände oder bei dem gezwungen sein, sich Kräften anzupassen, die stärker sind als man selbst. Bedenkt man, dass aber die Bewegungen natürlich von der Tänzerin ausgeführt werden und zwar innerhalb der Performance freiwillig, dann mag man daraus schließen, dass es diese Kräfte in Wahrheit nicht gibt, sondern der Widerstand ein innerer ist und kann davon ausgehend Überlegungen anstellen, inwieweit andere Überlebensstrategien vielleicht erfolgversprechender wären oder einen leichter durchs Leben bringen könnten. Es kommt mir gerade so vor, als hätte ich es bei Saburo Teshigawara schon einmal mit einem ähnlichen Problem zu tun gehabt, zumindest gibt es eine gewisse Ähnlichkeit zu dessen Stück „bound“ – jemand der in seinen Bewegungen fremd bestimmt ist, dann aber irgendwann merkt, dass diese Fremdbestimmung eigentlich zu einem Teil von ihm geworden ist und er ohne die Fremdbestimmung seine Identität verlieren würde. Spätestens an diesem Punkt ist man dann allerdings schon recht weit entfernt von der „reinen Betrachtung“, die für mich erstens den Eindruck eines gegen Widerstände kämpfenden oder sich ergebenden Körpers erzeugt und die weiterhin sagt, dass die Widerstände im fließenden einen durchaus schönen, fast beruhigende Bewegung erzeugen, im abgehackten den Eindruck von Aggression.

So viel dazu. Was in derAufführung dazu kommt sind nun bestimmte Soundeffekte, die die Bedeutung, die man den Bewegungen zumisst beeinflussen. Am deutlichsten zeigt sich das beim Gewittersound, der kombiniert wird mit Blitzeffekten. Durch den Sound bekommt man jetzt, bei den gleichen abgehackten Bewegungen wie vorher, den Eindruck einer sehr konkreten Situation, nämlich, wer hätte es gedacht, den einer Person, die sich durch ein Gewitter kämpft. Die Bewegungen sind aber die gleichen wie vorher – danach durchbricht Juliana Piquero kurz die Form, indem sie sich das Sweat Shirt über den Kopf zieht und eine Geste ausführt, die man eigentlich nur so interpretieren kann, dass sie sich die Haare trocken rubbelt.

Die zweite Stelle, an der die Bewegungen eine andere Bedeutung bekommen ist, wenn fröhliche Discotanzmusik gespielt wird – soweit ich weiß, die einzige Stelle, an der sie beide Bewegungsmuster kombiniert. Die Stelle mit der Discomusik scheint dabei am ehesten den Gedanken nahezulegen, dass die Bewegungen, die vorher das Ergebnis einer Behinderung zu sein schienen, in einem anderen Kontext eben auch passend sind – die Bewegungsmuster sind immer noch die gleichen, aber jetzt sieht man durch die Musik tatsächlich eine Tanzform, die frei ist von Leiden, sondern befreit wirkt – das genau Gegenteil des Eindrucks der vorher entstanden war.

Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht mehr genau, wie die Performance zu Ende ging. In der Regel läuft das bei den Tanztagen so: der Tänzer geht aus seiner Tanzhaltung raus, entspannt sich und das Publikum hat – meistens zu recht – den Verdacht, dass die Aufführung jetzt vorbei ist.

Alles in allem ist die Performance aber ein gutes und ergiebiges Beispiel dafür, wie die gleiche Tanzform durch einen unterschiedlichen musikalischen Kontext (oder das Fehlen desselben) völlig unterschiedliche Assoziationen auslöst. An dem Punkt ist es dann auch nicht mehr so ohne weiteres möglich, zwischen „reiner Betrachtung“ und „Interpretation“ zu trennen, was natürlich meine Grundthese ein wenig stört, aber es handelt sich dabei ja eh vor allem um gewisse sprachliche Kniffe, die Abgrenzungen schaffen, die in der Praxis so deutlich möglicherweise nicht vorhanden sind.

Vincent Bozek/Orlando Rodriguez – A chacun sa marotte

Es folgt eine kleine Umbaupause, an deren Ende bereits Orlando Rodriguez auf die Bühne kommt und sich recht entspannt hinsetzt. Damit beginnt im wesentlichen die Aufführung von“A chacun sa marotte“ von Vincent Bozek. Das Solo ist ja eine der häufigeren Tanzformen bei den Tanztagen (und nicht nur dort, sondern in der „freien Szene“ im allgemeinen), was vermutlich nicht in erster Linie eine künstlerische Entscheidung ist, sondern oft genug eine ökonomische – es handelt sich dabei schlichtweg um die am billigsten zu produzierende Form, vor allem, wenn Tänzer und Choreograph identisch sind. Insofern ist es schon mal bemerkenswert, dass Vincent Bozek einer der wenigen Fälle ist, in der der Choreograph einen Tänzer engagiert, der für ihn tanzt.

Dabei ist für mich das hervorstechendste Element der Arbeit erstmal nicht der Tanz an sich, sondern die Arbeit mit Blicken. Orlando Rodriguez hält fast permanent Blickkontakt mit dem Publikum, so als wollte er sich versichern, dass auch jeder mitbekommt, was er tut. Wenn ich den Programmzettel richtig verstehe ist das Sehen und Gesehen werden dabei ein wichtiger Teil des Konzepts. Dabei ist es so, dass unterschiedliche Körperhaltungen vorgeführt werden, oft ausgehend von einer spezifischen Bewegung, die dann variiert wird, dadurch, dass beispielsweise die Schulterhaltung umgekehrt wird (erst: Schultern nach hinten, dann: Schultern nach vorn). Je nachdem wie sich die Körperhaltung verändert, scheint es mir dabei so, dass man gewisse psychische Zustände oder Charaktereigenschaften mit einer bestimmten Haltung assoziiert. Der Blickkontakt zum Publikum wirkt für mich an dem Punkt so, als hätte man es eben mit jemandem zu tun, der sich zwar bewusst ist, dass er eine Wirkung hat, aber nicht ganz sicher, welche und sich deshalb immer wieder versichert, wie die jetzt gezeigten Bewegungen ankommen, und soweit ich das verstehe geht es in dem Stück eben auch um Eitelkeiten und darum, welche Haltungen man in der Öffentlichkeit annimmt, die dann eben auch ein unterschiedliches Bild von Charaktereigenschaften oder Stimmungen transportieren.

Es ist meistens müßig, sich zu ausführlich auf die Programmzettel zu beziehen. Gleichzeitig ist es natürlich so, dass man im Programmzettel meist eine Annäherung an das findet, was man gemeinhin die „Intention“ der Macher nennt und daraufhin kann man natürlich vergleichen, wie gut das für einen funktioniert – drängt sich die genannte Intention für mich als Zuschauer auf oder wäre ich nicht darauf gekommen, wenn sie nicht im Programmheft stünde? Die Formulierung, die da zu finden ist, dass es darum geht, die Körpersprache der „Bourgoisie“ zu erkunden, scheint mir an dem Punkt zumindest fragwürdig oder das Ergebnis ist, dass es vermutlich keine explizit „bourgoise“ Körpersprache gibt. Was ich sehe, ist möglicherweise der Versuch in den meisten gezeigten Bewegungsmustern einen gewissen Eindruck von „Würde“ aufrecht zu erhalten, wenn man will könnte man das auch „Arroganz“ nennen, ebenso das Bewusstsein etwas durch seinen Körper darzustellen, eben keine „natürliche“ Haltung einzunehmen, falls es sowas gibt, sondern eine gewählte Haltung, die auf eine bestimmte Wirkung aus ist. Dabei verschwimmen für mich als Zuschauer gelegentlich die Grenzen dessen, was nun dabei tatsächlich Ergebnis der Choreographie ist und was Tänzer Orlando Rodriguez in die Choreographie gibt. Letztlich ist die Tänzerpersönlichkeit ja immer etwas was eine große Rolle spielt und „A chacun sa marotte“ insofern vielleicht ein Beispiel, bei dem es interessant sein könnte, irgendwann vielleicht eine Fortsetzung mit mehreren Tänzern zu sehen, um eben diesen Aspekt ein wenig auseinanderfriemeln zu können. Dann wird das ganze vermutlich angenehm kompliziert und ich mag es ja auch beim klassichen Ballett, dass unterschiedliche Tänzer, die das gleiche Tanzen völlig unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen.

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