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Tanztage Berlin 2014 Wooguru – Between / Jee-Ae Lim – New Monster + Fazit

Januar 14, 2014

Der letzte Abend der Tanztage ging also auch seinen Gang mit einem koreanischen Abend, bestehend aus den zwei oben genannten Performances.

Wooguru – between:

Die erste Performance wird zweimal aufgeführt und ich sehe die zweite Version, die tatsächlich nach „New Monster“ stattfindet. Spielort ist die Kantine, die weitgehend leergeräumt ist, außer ein paar Stahlplatten, die auf Hölzern auf dem Boden liegen und unter der sich einige Mikros befinden, die die Klänge übertragen, die Wooguru bei seiner Performance mit Metallabsätzen an den Schuhen, ähnlich wie im Tapdance, macht.

Im großen und ganzen ist es das. Was man dann sehen kann ist ein relativ formloser Tanzstil, das erzeugen der metallischen Klänge erinnert so ein bisschen an Tacheles in den 90er Jahren, industrial style. Die Formlosigkeit hätte ich dabei tendenziell der fehlenden Tanzausbildung des Performers zugeschrieben, allerdings ist es nach der Lektüre des Programmheftes so, dass sich darin eher eine Art Manifest befindet, die das ungeformte zum künstlerischen Prinzip erhebt. Darin ist zu lesen:

„Ich vertraue vor allem meinem Körper. Ich lehne choreografische Konzepte im Tanz ab. Der Tanz ist die freieste Form, die je erdacht wurde. Ich versuche, der Freiheit, die dem Ur-Tanz inne wohnt, treu zu sein.(…) Ich wünsche mir, vom Bewusstsein meines eigenen Tanzes frei zu sein.“

Zum einen muss man sagen, dass der Text tatsächlich den Tanz, der stattfindet recht gut beschreibt. Und zum anderen, dass ich ja derart programmatische Pamphlete mag. Das ist zumindest eine Ansage und man selbst kann dann ganz gut sagen, womit man da alles nicht einverstanden ist.

Es ist auch gut, dass die Performance dann gewissermaßen den Abschluss der Tanztage bildet, weil es, auch wenn es schwierig ist, klare Trends an den Performances abzulesen, vielleicht eine gewisse Tendenz dahin gibt, die Freiheit des Tanzes höher einzuschätzen als choreographierten Tanz, der eine gewisse formale Strenge hat. Nun gut, einerseits handelt es sich dabei um ein Vorrecht der Jugend. In der Astrologie gibt es einen Planeten, der explizit für die Form zuständig ist: Saturn und wenn man jung ist, mag man diesen Planeten nicht besonders. Form wirkt grundsätzlich einengend und verhindert mehr als sie ermöglicht, so die Grundannahme. Dennoch bin ich mit dem „tänzerische Freiheit“ gegen „choreographische Form“ Gegensatzpaar nicht einverstanden. Es ist ein saturnales Paradoxon, dass die Ablehnung der Form tatsächlich zu weniger Freiheit führt, nicht zu mehr.

Die Sache ist die: das mit der tänzerischen Freiheit ist schön und gut, öffnet aber natürlich Tür und Tor für eine gewisse Beliebigkeit (alter Vorwurf) und einen gewissen Dilettantismus. Tatsächlich wird ein guter Balletttänzer in der Form die Freiheit finden, die ein Autodidakt im: Ich mache das, wonach ich mich gerade fühle, findet und ich würde immer sagen, dass der Tanz des Balletttänzers an dem Punkt mehr Substanz hat. Die Ablehnung der tradierten Form ist tatsächlich nicht unbedingt ein Weg zu größerer Freiheit, sondern führt erstmal dazu, dass man bestimmte Möglichkeiten und Optionen aus technischen Gründen schlichtweg nicht wahrnehmen kann.

In der eigenen Tanzpraxis um jeden Preis frei sein zu wollen bedeutet vor allem, dass man die Grenzen der körperlichen Möglichkeiten eng hält.

Die Frage, die sich Wooguru dann natürlich gefallen lassen muss, ist, für wen er eigentlich tanzt. Wer die bloße Freiheit des Tanzes erleben will, ist vielleicht in der Disko oder beim Karneval der Kulturen besser aufgehoben, während die Bühne eigentlich ein Ort ist, an dem es mehr darum geht, eine Kommunikation mit dem Publikum herzustellen und meine Erfahrung ist, dass diese Kommunikation in der Regel erfolgreicher verläuft, wenn sie nicht völlig dem Zufall überlassen bleibt und man sich als Performer damit ausschließlich auf den guten Willen des Publikums verlassen muss.

Wer die Freiheit des Tanzes an ein Publikum vermitteln will, muss sich eben dann auch um das „vermitteln“ bemühen. Die Frage, die sich vor allem stellt ist: hat man dem Publikum etwas zu sagen und/oder zu zeigen, oder will man eigentlich nur tanzen, weil man sich dabei gut fühlt. Wenn letzteres, warum auf einer Bühne? Wooguru würde vielleicht sagen, weil er Tanz liebt und diese Liebe mit einem Publikum teilen will. Vladimir Malakhov würde wahrscheinlich das gleiche sagen und ist weit davon entfernt „formlos“ tanzen zu wollen. Wer hat recht?

Als Zuschauer jedenfalls schätze ich es oft, wenn jemand sich die Mühe macht, etwas zu choreographieren, gelegentlich ist das auch eine gewisse Höflichkeit gegenüber dem Publikum, diesem nicht „irgendwas“ zu präsentieren.

So weit zu den Gegenargumenten.

Andererseits ist es so, dass die gezeigte Performance „between“ natürlich durch die Stahlplatten und die entsprechende Geräusche erzeugenden Schuhe einen formalen Rahmen hat, der von einem gewissen Bewusstsein einer Bühnensituation spricht. Wooguru will da eben deutlich dem Publikum etwas spezifisches Zeigen oder zu Gehör bringen.

Des weiteren ist es natürlich so, dass in der freien Form der Tänzer relativ viel von sich zeigt, also in Woogurus Fall sind das deutlich männliche, fast macho-dance artige Bewegungen, die dann tatsächlich ziemlich unverfälscht wirken. Ich bezweifle lediglich, dass die Qualitäten der Performance nur in der relativ freien Form zur Geltung kommen können und hätte fast den Verdacht, dass es Wooguru zu gönnen wäre, mit einem Choreographen zusammen zu arbeiten, der die körperliche Energie gezielter in eine Richtung lenkt. Mein Verdacht ist, dass das für ihn und vermutlich auch für das Publikum ein Gewinn wäre.

Ein Begriff von Freiheit, mit dem ich mehr anfangen könnte ist der von Sidi Larbi Cherkaoui, der in einem Interview mal darauf hingewiesen hat, dass er jede Form von Tanz liebt, egal ob Ballett oder Gogotanz (eine Haltung mit der er auch auf Widerstand stößt) und dadurch auch schon eine eigene geistige Offenheit (= Freiheit) erlangt, die dann sichtbar die Arbeit befruchtet. Jemand der Ballett liebt und die Härten einer entsprechenden Ausbildung auf sich nimmt ist nicht unbedingt ein „unfreier“ Tänzer. Unfrei wird er dann, wenn er der Meinung ist, dass es sich dabei um die einzige lohnende und „richtige“ Art zu tanzen handelt.

Aber wie gesagt, es ist hilfreich, dass junge Tänzer ihre Haltung zu Tanz festschreiben, auch auf die Gefahr, dass ihnen widersprochen wird. Und wer kann schon sagen, wohin die Suche nach Freiheit und dem „Ur-Tanz“ Wooguru noch führen wird. Vielleicht an interessante Orte, von denen man jetzt noch nichts ahnt.

Jee-Ae Lim – New Monster

New Monster ist so ziemlich das Gegenteil von Wooguru, nämlich strenge, durchchoreographierte Form, deren Herkunft mir aber unbekannt ist. Das Prinzip der Aufführung hat eine gewisse Ähnlichkeit zur Aufführung von Juliana Piquero, wo bestimmte Bewegungen durch einen musikalischen Kontext eine jeweils andere Bedeutung erhielten. Hier ist es so: drei Tänzer sind auf der Bühne und machen erst nacheinander, dann gemeinsame gewisse tänzerisch anmutende Bewegungen, die den Gedanken an gewisse Handlungen (Bogenschießen, Angreifen, Flirten) nahe legen. Gewisse Handlunge bleiben im Dunkeln, es scheint Rollenzuweisungen zu geben, die sind aber auch nicht ganz klar.

Dann werden einige Props auf die Bühne geholt, die Tänzer befestigen stilisierte Ohren oder Bärte an ihren Körper, womit die Rollenverteilung klarer wird. Sie tanzen das gleiche, was sie vorher getanzt haben noch mal und diesmal scheint die Geschichte relativ eindeutig zu werden. Es ist eine einfache Geschichte, die durch die Props aber aus dem Reich der Ahnung geholt wird und ziemlich unzweideutig mit den gleichen Bewegungen wie vorher auch, ablief.

Was an „New Monster“ ungewöhnlich ist, ist, dass es sich um das einzige rein narrative Stück handelt, das ich bei den Tanztagen gesehen habe. Die Form ist zwar relativ sperrig und ungewohnt, aber es geht in jedem Fall darum, eine Geschichte zu erzählen. Im Programmheft steht dazu ein kleiner Text, in dem es darum geht, dass hier ein koreonischer Mythos „rekontextualisiert“ wird und gewisse Rollenbilder/Gegensatzpaare wie Mann/Frau Mensch/Tier und so hinterfragt werden – letzteres konnte ich nicht so ohne weiteres erkennen. Das mit der „Rekontextualisierung“ klingt kompliziert, ist aber tatsächlich für unsere Zuschauergewohnheiten sehr einfach, weil das deutsche Regietheater das spätestens seit den 60er Jahren dauernd macht.

Im Moment fällt mir dazu gar nicht viel mehr ein, aber nach zehn Tagen Tanztage bin ich auch ein wenig erschöpft.

Fazit

Was das Fazit betrifft, bin ich für den Text von Wooguru tatsächlich sehr dankbar. Im Laufe des Festivals wurde mir tatsächlich immer unklarer, worin mögliche Gemeinsamkeiten der Aufführungen bestehen könnten. Möglicherweise ist genau das das eigentlich Verbindende. Es gibt nicht wirklich einen Trend außer, dass der tanzschaffende Nachwuchs sich möglicherweise in einem schwierigen Spannungsfeld befindet, das dadurch entsteht, dass einerseits eine Suche nach neuen Formen begonnen wird, die sich nicht auf traditionelle Formen berufen will, sich aber gleichzeitig abgrenzen muss gegen den Ozean der Formlosigkeit, den wir unter dem Namen Youtube kennen oder gegen massentaugliche Performanceveranstaltungen wie x-Factor oder „Britain’s got talent“, wo ein recht beschränktes Bild von Qualität gepflegt und gleichzeitig der Eindruck eines „anything goes“ vermittelt wird, bei dem es letztlich darum geht, die Zustimmung väterlicher oder mütterlicher Autoritätsfiguren zu bekommen, die einem versichern, dass das was man macht eben gut ist. Natürlich finden es die meisten Leute gut, dass ihre Arbeit irgendwie beachtet wird, aber vom Geschmack Simon Cowells oder Dieter Bohlens will man sich dann zu recht eher nicht abhängig machen, vor allem weil man weiß, dass es dabei nicht darum geht, das eigene zu unterstützen sondern vor allem darum, möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen. Die Gefahr eines größeren Erfolges ist heute, mehr als zu jeder anderen Zeit, dass man gekauft und korrumpiert wird.

Vermutlich ist die Situation für junge Tanzschaffende heute so verwirrend wie selten zuvor. Youtube ist auch ein Kulturmedium, das immer wieder massentaugliche Tanzmoden hervorbringt, dabei aber eigentlich nur Schritte zum kopieren bereit stellt, aber keinen wirklichen Orientierungspunkt bietet, zu dem man sich produktiv verhalten kann. Entweder man macht mit – dann wird man bestrebt sein, etwas Spektakuläres, kenichi ebinamäßiges zu fabrizieren, das so konsensfähig wie überhaupt nur möglich ist. Oder man grenzt sich dagegen ab und starrt in eine seltsame Leere oder in eine Tradition hinein, mit der man sich nicht identifizieren will oder kann.

Möglicherweise ist Woogurus durchaus kämpferisches Pamphlet an dem Punkt eher ein Dokument einer gewissen Hilflosigkeit, das besagt, „das eigene finde ich nur, wenn ich alles andere ablehne“, der einzig verlässliche Bezugspunkt ist der Genuss des eigenen Körpers, der einem schon den Weg weisen wird zu einer Art mythischem „Ur-Tanz“ der authentisch und rein ist. Vielleicht ginge das sogar, wenn der Körper nicht auch Schlachtfeld diverser kultureller Konflikte und Rollenbilder wäre. Vielleicht findet der eigene Körper es geil, den Moonwalk zu machen und das ist dann eben einfach nur eine billige Kopie und man stellt fest, dass man vom eigenen Körper betrogen wird. Ich weiß, wenn man sich nicht mal mehr auf die Vorlieben des eigenen Körpers verlassen kann, steht man vor dem Nichts, andererseits kommt es mir so vor, dass es so ist. „Authentic movement“ ist letztlich mehr eine Therapie als eine Tanzform, weil wir uns eben vom eigenen Körper zu weit entfernt haben oder der Körper selbst in seiner kutlurellen Prägung keine verlässliche Informationsquelle mehr ist und es Arbeit ist, das Gefühl jenseits der Kultur frei zu legen.

Jedenfalls aber geht es erstmal um eine Art universelle Abgrenzung, durch die jegliche Vereinnahmung, die man fürchtet (durch Youtube oder die Tradition) verhindert werden soll. Mein Verdacht ist, dass die Vereinnahmung aber schon längst stattgefunden hat und es keine Freiheit zu erhalten gibt, sonder man diesen Zustand neu finden muss, vielleicht eben in einer Form, die noch nicht in Sicht ist, die aber vielleicht eher aus der Tanztradition kommen kann als aus dem schon längst von fremden Vorstellungen besetzten eigenen Körper. Forsythe hatte es leicht, als er etwas Neues schaffen konnte, indem er klassisches Ballett dekonstruiert hat. Aber wie dekonstruiert man Youtube?

Wenn es für die betreffende Generation der „digital natives“ eine eigene Form geben kann, die weder Massenphänomen auf Youtube, noch völlig marginalisierter um sich selbst kreisender Individualismus ist, dann wurde diese Form bei den Tanztagen noch nicht gefunden.

Ich persönlich sah am ehesten bei „departing things“ einen möglichen Ansatz, obwohl ich die Konsensfähigkeit des Stückes oder die Möglichkeit damit eine Art Vorreiterrolle einzunehmen nicht einschätzen kann. Agata Siniarska war vermutlich formal die konsequenteste Vorstellung, die ich gesehen habe und egal, was man inhaltlich dazu meint, gibt es zumindest da den Mut und Willen, einen Inhalt zu transportieren, Tanz und Performance mehr sein zu lassen als reinen Selbstzweck oder pures Experiment, und nicht in die Ironiefalle zu rennen, sondern eine Performance zu machen, die klar macht, dass sie das jetzt ernst meint – das wenigstens ist schon mal ein Anti-youtube statement. Insofern ist die Antwort auf die Frage danach, wo man das eigene findet, die in Frau Siniarskas Performance gegeben wurde, vielleicht überraschend, nämlich nicht unbedingt in der Form, sondern im bedingungslosen Engagement für einen Inhalt, der dann die Form schon zu entsprechender Konsequenz führt. Der Weg führt an der Stelle über eine politische Haltung und eine Wut (die auch Traurigkeit, Verzweiflung, Freude oder tatsächlich jedes andere ehrlich empfundene Gefühl sein könnte), die danach strebt, sich auszudrücken.

Inhalt scheint derweil etwas zu sein, dem die Tanzschaffenden mit Vorsicht begegnen. Viele Performances hatten nur vage inhaltliche Ausrichtungen oder kümmerten sich gleich und ausschließlich um gewisse Mechanismen, die vor allem den Tanz selbst betreffen. Vielleicht ist die Vorsicht, mit Tanz z.B. inhaltliche Themen zu transportieren, möglicherweise sogar politische Wirksamkeit zu entfalten auch berechtigt. Performances, die ich in den letzten zwei Jahren für inhaltlich wirksam gehalten habe waren wohl nur „Exhibit B“ (auch entstanden aus politischer Haltung, der Bereitschaft des Regisseurs, dem eigenen Rassismus ins Gesicht zu schauen und Wut darüber) und „Nuevo Marinaleda“ (entstanden in einer utopisch ländlichen Idylle als konsequenter und wirksamer, kommunistisch-individualistischer Gegenentwurf zu allem, wonach unsere Gesellschaft strebt) und das waren beides keine Tanzaufführungen. Da ist der aktuelle Stand Christoph Winklers „Dance is not enough“ und dessen Wirkungslosigkeit die Bettensteuer betreffend ist ja für alle erschütternd offensichtlich, so traurig das ist.

Aber es ist beruhigend zu sehen, dass die Suche selbst gelegentlich auch durchaus zu sehenswerten Ergebnissen führt, von denen es einige bei den Tanztagen gab, allein eine einigermaßen identifizierbare Orientierung, gar einen berlinspezifischen Stil vermag ich erstmal nicht zu erkennen.

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2 Kommentare leave one →
  1. ari hoffmann permalink
    Januar 15, 2014 9:17 am

    Danke für deine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Tanztagen. Wir haben die 10 Tage aufmerksam auf deinem Blog verfolgt.

  2. Januar 16, 2014 7:01 pm

    Danke für diese sehr interessanten Betrachtungen.!

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