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Genre FAQ: Performance – Annäherung an eine Eingrenzung

Januar 18, 2014

Nun gut, als ich kürzlich bemerkte, dass ich bereits 99 Berichte unter der Kategorie „Tanz“ eingeordnet hatte, schien es mir sinnvoll, das ein wenig auszudifferenzieren. Insofern gibt es jetzt „Ballett“ und „zeitgenössischer Tanz“. Unter Ballett sind im wesentlichen alle Berichte über das Staatsballett zu finden, sowie Aufführungen, die sich des im wesentlichen von Agripina Vaganova festgeschriebenen Bewegungsmaterials bedienen, unter zeitgenössischer Tanz alles andere. Sinn davon ist nur, die Orientierung etwas zu erleichtern.

Die dritte Kategorie ist allerdings etwas komplizierter: „Performance“ (Anmerkung: der link führt zum wikipedia Eintrag von „performance art“, was den Begriff sehr viel enger fasst als für meine Zwecke angebracht – die Leute, die ich kenne, die von sich sagen, sie machen Performance fassen den Begriff tendenziell weiter).

Ich habe mich bislang darum gedrückt, eine entsprechende Genredefinition zu versuchen, weil eine derartige Definitionsfindung eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Insofern mache ich mich also an die Arbeit, damit zu scheitern, zu sagen, in welchen unterschiedlichen Zusammenhängen der Begriff auftaucht und wovon sich „Performancekunst“ gegenüber „Theater“ abgrenzt.

1. Was bedeutet der Begriff?

Sucht man bei einem großen Buchanbieter im Internet nach Büchern über Performance, dann bekommt man erstmal und vor allem Ratgeberbücher, die einen dazu bringen sollen, die eigene „Performance“ in unterschiedlichsten Lebensbereichen wie Sport/Beruf/Sex zu verbessern. In dem Zusammenhang bedeutet „Performance“ einfach nur Leistung. Redet jemand von „Peak Performance“ ist damit „Höchstleistung“ gemeint und zwar genau in diesem FDP „Leistung muss sich wieder lohnen“ Sinne. Damit hat die Performancekunst natürlich wenig am Hut.

Man kommt der Sache schon etwas näher, wenn man „Performance“ als „Handlung“ übersetzt, nicht Handlung im dramaturgischen Sinne, sondern Handlung im Sinne von „Aktion“, die Handlungen die ein Performer auf der Bühne ausführt. Also wenn ich im Rahmen einer Aufführung von Schwanensee z.B. von der „Performance“ von Nadja Saidakova spreche, dann ist damit alles gemeint, was Nadja Saidakova im Rahmen dieser spezifischen Aufführung auf der Bühne tut. Nicht mehr, aber auch nicht weniger (das Kostüm, das Bühnenbild gehört nicht zu ihrer Performance in diesem Zusammenhang).

Da ich den Begriff aber normalerweise ausgesprochen unsauber verwende (warum wird später vielleicht klarer), kann Performance mitunter auch einfach nur ein andere Wort für „Aufführung“ sein, das ist allerdings tatsächlich keine sehr gute Handhabung des Wortes.

2. Woher kommt der Begriff im Theater

Ehrlich gesagt, bin ich nicht ganz sicher, wer den Begriff zum ersten mal im Zusammenhang mit einer Theateraufführung benutzt hat. Klar ist, dass das Wort „Performance“ spätestens seit Ende der sechziger Jahre mit der „Performance Group“ in New York (aus der später die Wooster Group wurde) geleitet von Richard Schechner im Zusammenhang mit Theater verstanden wurde. Die Wooster Group ist dann ein Beispiel dafür, wie „Performance“ mit der Zeit auch traditionelle theatrale Formen vereinnahmte (und damit die Grenzen verwischte).

3. Was hat das mit Aktionskunst zu tun?

Sucht man nach den Ursprüngen von Performancekunst, ist man wohl in der bildenden Kunst besser aufgehoben als im Theater. Gewisse Künstlergruppen wie die Dadaisten oder die Situationisten haben bereits früh im 20. Jahrhundert Kunstaktionen gemacht, bei denen es nicht darum ging, ein Werk zu schaffen, das dann auf dem Kunstmarkt verkauft werden sollte. Stattdessen war das Ziel eine Aktion auszuführen, die selbst das Kunstwerk war, die also nur im Moment existierte und in der Regel irgendeine politische Agenda hatte. Greil Marcus zieht in dem allseits beliebten und sehr unterhaltsamen und informativen Buch „Lipstick Traces“ eine Linie vom Situationismus zur Punkbewegung der 70er Jahre (also nicht zur Performancebewegung).

Später kommt man dann zu den Kunstströmungen, die den Begriff der Performance so umgesetzt haben, wie man ihn heute noch oft versteht. Die Definition ist die gleiche, aber die Ästhetik eine andere. Da hat man es dann mit Leuten wie Joseph Beuys, Hermann Nitsch, Marina Abramowic zu tun, die allerdings eigentlich in ihrer Ausrichtung so unterschiedlich waren, dass es schwer ist, das unter einen Hut zu bringen.

Das einzig verbindende Element war, dass eben die Akton selbst und die damit verbundene Erfahrung und Reaktion des Publikums das Kunstwerk war. Die Aktionen fanden in der Regel entweder in Museen und Galerien oder in Privaten oder öffentlichen Räumen statt, eher selten im Theater, weil das Guckkastenprinzip eigentlich dem Performancegedanken widerspricht – der Zuschauer sollte grundsätzlich die Möglichkeit haben, an der Performance teil zu nehmen, einzugreifen und sich zu verhalten, was von der Theatersituation mit 4. Wand und so eher nicht ermutigt wird.

4. Was hat Performance mit „Body Art” zu tun?

Body Art ist eine Kunstform, bei der der Körper des Künstlers Träger des Kunstwerks ist. Dabei hat man es oft mit Handlungen zu tun, die im engeren Sinn „Performance“ sind. Body Art hat unterschiedliche Spielarten. Es gibt da Performances die sehr kurz sind und andere, die sehr lang dauern. Also, nehmen wir Chris Burden, der eine Performance namens „shoot“ gemacht hat, in der ihm ein Freund mit einem Gewehr in den Arm geschossen hat. Die Performance dauert ungefähr zehn Sekunden. Andere Arbeiten des gleichen Künstlers wie „doomed“ sind auf einen unbegrenzten Zeitraum ausgelegt, und dauerten im konkreten Fall 45 Stunden.

Body Art bezieht sich gelegentlich auf kulturelle Strömungen der Körpermodifikation, Piercing, Branding, Tätowierungen, die sich wiederum auf Rituale beziehen, in denen beispielsweise der Einzuweihende durch körperlichen Schmerz in ekstatische Zustände gelangt. Der Bezugsrahmen kann dabei sehr weit sein, teilweise auch politisch, indem beispielsweise auf Züchtigungs- und Bußepraktiken in der katholischen Kirche verwiesen wird. Sadomasochismus spielt gelegentlich eine Rolle, schamanistische Praktiken, mitunter ist unklar, inwieweit man es nicht auch mit pathologischem Verhalten zu tun hat, das dann eben mit entsprechend theoretischem Rüstzeug zu Kunst erklärt wird. Dabei ist das Erlebnis des Performers häufig sehr viel intensiver als das des Publikums, dass sich dann mit dem Problem konfrontiert sind, wie es sich im Angesicht extremer Erfahrungen anderer verhält.

Künstler wie Stelarc zum Beispiel haben ihren Körper durch zum Teil extreme operative Eingriffe modifiziert und zu einem Kunstwerk erklärt, das letztlich einen gewissen Bezug zu science fictionartigen Cyborgvorstellungen hat und die Beziehung Mensch/Maschine erforscht.

Kafkas „Hungerkünstler“ betreibt „Body art“ im engen Sinn. Ein Fakir z.B. in einem relativ weiten Sinn. Fakire sind eher Inspiration für Leute, die daraus dann Body Art machen.

5. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Performance und Ritual?

Nun gut, die Frage würde nicht auftauchen, wenn es keinen Zusammenhang in bestimmten Performancerichtungen gäbe. Zum einen haben wir das berühmte Orgien/Mysterien Theater von Hermann Nitsch (verbunden mit dem Wiener Aktionismus, den ich erst gesondert behandeln wollte, hier aber einfach mal kurz als zeitlich begrenzte Performancerichtung erwähne), das sich explizit auf rituelle Gemeinschaftserlebnisse mit Tierschlachtungen und gemeinsamen Mahlzeiten bezieht. Zum anderen haben die wesentlichen amerikanischen Performancegruppen, also die „performance group“ und das „living theater“ in ihren frühen Arbeiten einen deutlichen Bezug zu unterschiedlichen Ritualen. Ritual wird dabei vor allem als gemeinschaftliches Erlebnis begriffen, das sowohl dem Zuschauer als auch dem Performer eine Erfahrung vermitteln soll, die diesen irgendwie verändert. Dabei scheint es sich mit Einschränkungen um ein historisches Phänomen zu handeln. Das heißt Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre gab es in relativ weiten Teilen der westlichen Bevölkerung den Glauben daran, die Gesellschaft in Richtung Utopie lenken zu können und das Publikum war durchaus bereit, sich auf derartige Experimente mit dem nötigen Ernst einzulassen. Ob man heute aber noch Performances wie „Dionysos 69“ machen könnte, in der sowohl die Performer als auch das Publikum nackt waren, bezweifle ich ein bisschen. Ich würde jedenfalls zusehen, dass ich weg komme.

6. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Performance und Feminismus?

Die bildende Kunst im zwanzigsten Jahrhundert war vor allem eine Männerdomäne und so überrascht es ein bisschen, dass man im Bereich der Performancekunst ziemlich viele Frauen vorfindet, die mitunter die Rolle der Frau explizit thematisiert haben. Zu nennen wäre vielleicht Valie Export und wie immer Marina Abramovic, aber wohl auch noch einige andere, die ich gerade nicht auf dem Zettel habe.

Nun ist es ja so, dass ich heute dem Feminismus gelegentlich mit einer gewissen Skepsis begegne, nicht weil ich grundsätzlich denke, dass da alle Schlachten geschlagen wären, sondern weil Feindbilder oft genug veraltet sind und die „Männer/Frauen“ Gegnerschaft in der westlichen Gesellschaft so nicht mehr stimmt (es gibt frauenfeindliche Frauen und frauenrechtlich interessierte Männer), und von den tatsächlichen Gegnern einer weitgehend gleichberechtigten Gesellschaft ablenkt. Das war aber bis in die 70er Jahre hinein anders. Bis 1977 brauchte eine verheiratete Frau, die arbeiten wollte, dafür die schriftliche Genehmigung ihres Ehemanns, bis 1958 konnte der Ehemann den Arbeitsvertrag der Frau ohne deren Wissen und Einverständnis kündigen, bis 1962 durften verheiratete Frauen ohne Zustimmung des Mannes kein eigenes Bankkonto eröffnen und vermutlich würde man noch eine lange Liste diskriminierender Gesetze finden, die erstaunlich lange in der Bundesrepublik aufrecht erhalten wurden. Da war nichts mit Gleichberechtigung, nicht mal ansatzweise. In der DDR war die Lage, glaube ich, erheblich besser, da wurden Frauen glaube ich schon aus Gründen der Staatsraison ziemlich gleichberechtigt behandelt (auch wenn sie sich dann in politisch herausgehobenen Positionen eher nicht gefunden haben – hm, das wäre mal ein Thema mit dem man sich noch ein wenig befassen sollte).

Dass sich derartige Zustände geändert haben (nein, Angela Merkel muss ihren Ehemann nicht um eine Arbeitserlaubnis bitten), hat möglicherweise auch etwas mit der Performancekunst eben jener Künstlerinnen zu tun, die sich des Themas angenommen haben und die das in der Performance oft durchaus nachdrücklich und plastisch und ohne Rücksicht auf den eigenen Körper zum Ausdruck gebracht haben. Da gab es eine klare politische Agenda, die „Bewusstmachung“ hieß, was für die Frauen möglicherweise wichtiger war als für die Männer, weil die Damenwelt sich mitunter in die Verhältnisse gefügt hatte und an Widerstand nicht dachte (was mal wieder ein kompliziertes Thema eröffnet, nämlich, dass Freiheit und Eigenverantwortung eben auch eine Last sein kann).

Ich würde annehmen, dass die feministische Performanceart in Verbindung mit entsprechender Theoriebildung und gesellschaftlicher Unterstützung der Frauenbewegung für die westliche Kultur eine der wenigen tatsächlich wirksamen Kunstbewegungen war. Dass viele Frauen sich der Performancekunst zugewandt haben, mag damit zu tun haben, dass der weibliche Körper sehr viel mehr im Fokus einer öffentlichen Betrachtung und Beurteilung war, gewissermaßen von einer „männlichen“ Kultur besetzt, der weibliche Körper war gewissermaßen in der öffentlichen Vorstellung eigentlich schon Kunstprodukt. Die Performance Art machte ihn dann nicht noch mehr zum Kunstobjekt, sondern, im Gegenteil, brachte diesen Körper in die Wirklichkeit zurück.

7. Was ist der Zusammenhang zwischen Performancekunst und Schauspiel?

Historisch gesehen gibt es eigentlich keinen. Der Performer spielt keine Rolle oder wenn er eine Rolle spielt, dann verkörpert er sie nicht, sondern übernimmt eher eine Funktion (z.B. bei Dionysos 69). Ein anderer Begriff, der in dem Zusammenhang erhellend sein mag, ist der Begriff der „Haltung“ im Gegensatz zur „Rolle“. Nehmen wir eine klassische Theaterrolle wie Lady Macbeth. Lady Macbeth hat eine eigene Biographie und spezifische Charaktereigenschaften, die den Plot am Laufen halten. Eine Schauspielerin, die diese Rolle spielt, wird sich dabei bemühen, dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln als sei sie Lady Macbeth. Eine Performerin würde eher eine Haltung einnehmen, mit der sie die Rolle ebenfalls spielen kann, sie wäre aber hinter dieser Haltung immer noch deutlich als Performerin zu erkennen. Performance ist eigentlich anti-illusionistisch, insofern schließen sich Performance und Schauspieltheater im Grunde aus.

Zumindest in der Theorie. In der Praxis ist das nicht so, sondern Gruppen und Individuen, die man der Performanceszene zurechnen würde, benutzen durchaus schauspielerische Techniken, Rollen und ähnliches, genauso wie das Theater sich bestimmte Haltungen aus der Performancekunst abgeschaut hat (Hamlet an der Schaubühne ist dafür ein ganz gutes Beispiel). Teilweise ist die völlige Genreverwirrung dabei auch Prinzip. Je nach Standpunkt ist es unglücklicher oder glücklicherweise so, dass sich die unterschiedlichen Genres nicht in fest abgezäunten Gehegen bewegen, in die keine anderen Einflüsse hineinkommen, sondern alles vermischt sich. Man wird es in einer Peter Stein Inszenierung vermutlich eher nicht mit Performance zu tun haben, in einer Castorf Inszenierung schon und so weiter.

8. Inwieweit ist dieses „Erfahrung“ gegen „Bedeutung“ hilfreich.

Meiner Meinung nach ist es hilfreich erstmal grob anzunehmen, dass es in einer Performance darum geht, dass der Zuschauer eine Erfahrung machen soll, während es bei traditionelleren Formen der darstellenden Kunst darum geht, dass der Zuschauer aus dem Gezeigten eine absichtlich vom Regisseur oder Autor gesetzte „Bedeutung“ konstruiert. Ich bleibe da allerdings bei meiner Behauptung, dass es sich dann um eine Entscheidung des Zuschauers handelt, ob er eine beliebige Aufführung als Performance oder als „Aufführung“ oder „Stück“ sieht – die Unterscheidung ist ein bisschen theoretisch, weil gutes Schauspieltheater durchaus eine „Erfahrung“ sein kann.

Deshalb: Wenn man annimmt, dass nicht der Zuschauer, sondern der Performer diese Entscheidung trifft, fällt die Unterscheidung leider in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Selbst relativ krasse Performances wie die von Stelarc zielen auf einen gesellschaftlichen Zusammenhang, der nichts mit der Erfahrung zu tun hat, die ein Zuschauer, der sich das anschaut, vielleicht macht und im wissenschaftlichen Diskurs wird Body Art auch als etwas behandelt, was etwas „bedeutet“ und weit über den Erfahrungswert einer konkreten Performance hinaus geht.

Das gleiche gilt für die feministische Performancekunst. Performances von Valie Export oder Marina Abramovic und diversen anderen mögen als „Erfahrung“ durchaus beeindruckend sein, zielen aber auf ein Thema, das der Zuschauer als Bedeutung der Performance sehen und empfinden soll.

Die einzigen Bereiche, in denen der Bedeutungsfaktor mehr oder weniger ausgeschlossen wurde, sind eben die Performances der Theatergruppen der sechziger und siebziger Jahre, die auf ein Kollektiverlebnis mit dem Publikum zielen. Da das Publikum da aktiv an der Performance teil hatte, war eine Bedeutungskonstruktion in der Situation und im Nachhinein schwierig (allerdings auch nicht unmöglich).

9. Also was, zum Henker, ist dann eine Performance?

Eine Performance ist eine Handlung die für oder mit Publikum ausgeführt wird.

Nimmt man das als Definition, dann wäre allerdings Schauspieltheater eine Art Subgenre von Performance und man darf bezweifeln, dass das wirklich eine sinnvolle Betrachtungsweise ist. Vielleicht landet man am Ende dann doch da: eine Performance ist alles, was in kein anderes Genre passt. Hilft das? Auch nicht wirklich.

Insofern bleibe ich bei meiner Arbeitsthese: Eine Performance ist dann eine Performance, wenn der Zuschauer sich entscheidet eine Aktion für/mit Publikum als Erfahrung/Ereignis zu sehen und nicht als Repräsentation von etwas anderem und mit diesem Ansatz zu einem sinnvollen Ergebnis/einer interessanten Erfahrung kommt. Aus dieser Definition fällt Schauspieltheater weitgehend raus, weil sich da diese Erfahrung nicht anbietet. Der Schauspieler repräsentiert eine Rolle und eine andere Sichtweise des Zuschauers wird in vielen Fällen zu keiner sinnvollen Betrachtung des Dargebotenen führen (ich widerspreche mir hier selbst, bei Gelegenheit wäre in der Praxis zu überprüfen, wo ich unrecht habe). Tanz hingegen fällt fast immer in diese Performancedefinition, es sei denn man hat es mit konsequentem Handlungsballett oder einer sehr symbolischen Form zu tun (letztere kann man aber immer auch als Erfahrung auf sich wirken lassen). Nussknacker ist vielleicht das interessanteste Beispiel, das mir in letzter Zeit begegnet ist: der erste Akt ist deutlich die Repräsentation einer Handlung, während der zweite Akt eigentlich sinnvollerweise als reine Performance gesehen werden muss – zwar kann man sagen, dass die Tänzer durch Kostüme und so etwas repräsentieren, aber das, was sie repräsentieren ergibt keinen Sinn und eine Betrachtung des Dargebotenen als „reiner Tanz“ schient irgendwie sinniger.

9. Was soll ich tun, wenn ich den ganzen Kram nicht verstehe?

Hm, so genau weiß ich das auch nicht. Zunächst ist natürlich die Frage, was „verstehen“ eigentlich meint. Bei „Dionysos 69“ gab es nichts zu verstehen, da wurde man einfach in eine Aktion hineingezogen, die feministischen Performances von Valie Export etc. waren so klar und eindrücklich, dass man die eigentlich leichter verstehen konnte als, sagen wir, ein Heiner Müller Stück.

Das nicht verstehen bezieht sich wohl eher auf die zeitgenössische Performanceszene, die sich von ursprünglichen Performanceprojekten schon stark entfernt haben. In der Regel werden heute nicht mehr so starke Reize gesetzt. Stattdessen scheint es z.B. bei Performances von Burmeister & Feigl eher angemessen zu sein, was geschieht gewissermaßen als Bild zu betrachten, das aber nicht unbedingt besonders spektakuläre Gefühle auslöst.

Warum sollte man das versuchen? Nun, es ist wohl so, dass die Betrachtung derartiger Performances einen anderen, möglicherweise kreativeren und produktiveren Blick auf die Welt ermöglicht. In zeitgenössischen Performances, so kommt es mir bei meiner zugegeben eher geringen Kenntnis der zeitgenössischen Performanceszene vor, zeigt sich die Welt als grundsätzlich gestaltbar, ein Empfinden, das man in den komplizierten globalen Verstrickungen der Weltgemeinschaft, nicht so ohne weiteres herstellen kann, das man sich aber irgendwie bewahren sollte, um nicht in Depression zu verfallen.

10. Was ist mit der „Hurz“ Gefahr?

Die „Hurz“ Gefahr bezieht sich auf eine Performance von H.P. Kerkeling, in der dieser sich als polnischer Tenorsänger ausgab und einem kleinen Publikum eine Performance vorführte, in der er in einem Sprechgesang, der gelegentlich durch ein hoch gekreischtes „Hurz“ unterbrochen wurde, pseudo-zeitgenössische Musik vorführte.

Der Witz der Performance besteht dabei nicht in erster Linie in der Sinnlosigkeit der Performance sondern eher in den Reaktionen des Publikums. Das Publikum verhält sich aber eigentlich ausgesprochen vernünftig. Es bemüht sich um Offenheit und darum zu verstehen – die Reaktionen während der Aufführung legen aber nahe, dass die meisten Zuschauer sich darüber im Klaren sind, dass sie es gerade mit einer unsinnigen Performance zu tun haben. Aber auch jener Zuschauer, der auf die lange Tradition von Fabeln hinweist und meint, dass hinter Begriffen wie „Lamm“ und „Wolf“ ja ganze Geschichten stecken, hat nicht grundsätzlich unrecht. Was er versucht ist, die „Bedeutung“ der Performance ausfindig zu machen. Dass diese Bedeutung von den Machern nicht beabsichtigt war, sondern es denen um etwas anderes ging, ist eigentlich nicht sein Problem und in Wahrheit macht er sich nicht lächerlich.

Erika Fischer Lichte bemüht sich ja in „Performative Ästhetik“ darum, Kriterien zu entwickeln, wie man eine „gelungene“ von einer weniger gelungenen Performance unterscheiden kann. Ich bin nicht sicher, ob sie da noch zu einem praktikablen Ergebnis kommen wird, das wird noch nachzutragen sein, wenn ich das Buch dann irgendwann zu Ende gelesen haben werde.

11. Aha. Gibt es sonst noch etwas zu sagen?

Hm, vielleicht noch, dass es das Merkmal keiner Kunstform ist, sofort beim ersten mal Sehen verstanden zu werden. Der Hauptvorwurf an Performance Kunst: „verstehe ich nicht“ ist eigentlich kein Vorwurf. Im Moment lese ich ja gelegentlich Aufsätze von Samuel R. Delany, der irgendwie erstaunlich gut damit leben kann, dass er gleich drei gesellschaftlich ausgeschlossenen Randgruppen angehört: schwul, schwarz, Science Fiction Autor und der sich, wenn es um Lesen geht, gern auf Roland Barthes bezieht.

Delanys sehr einfache These zum Lesen ist, dass es Arbeit ist, sich ein Genre zu erschließen. Ein Science Ficiton Leser macht diese Arbeit vermutlich gern, aber es ist trotzdem Arbeit und je mehr man daran arbeitet, je mehr man liest und kennen lernt, desto besser versteht man das Genre. Das gleiche lässt sich natürlich auf jede Kunstbetrachtung anwenden. Wer Performance nicht versteht, aber verstehen will, muss sich damit beschäftigen und mehr anschauen. Wer Performance nicht versteht und sich eigentlich auch nicht dafür interessiert, sollte sich ein anderes Interessenfeld suchen, denn das Leben ist zu kurz, um sich übermäßig mit Dingen zu beschäftigen, die einem eigentlich egal sind.

Im Prinzip ist es bei Performance aber so, dass man aus nahezu jeder Beschäftigung eine Performance machen kann. Wenn man begeisterter Briefmarkensammler ist, kann man durchaus eine Briefmarkensammelperformance veranstalten, wie auch immer die dann aussieht (man kann etwas zur Geschichte der Briefmarken erzählen, die Tätigkeit des Sammelns und Ordnens in den Mittelbpunkt der Performance stellen etc. da fallen einem eigentlich sofort zahlreiche Möglichkeiten ein). Es geht dabei darum, etwas, das einem wichtig ist, mit dem Publikum zu teilen, aus einer einsamen Tätigkeit ein Gemeinschaftserlebnis zu machen. Diese inhaltliche Vielfalt von Performance ist eine Qualität. Es geht eben nicht darum, dass man einen Sinnzusammenhang wie im Drama erzeugen muss. Wenn man Briefmarkensammeln liebt und das kommunizieren will, dann ist die Performance der Königsweg und wenn man es geschickt anstellt, kann daraus sogar eine ziemlich interessante Performance werden.

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2 Kommentare leave one →
  1. Januar 18, 2014 10:25 am

    Klasse Artikel!

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