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Ballett im Kino: Liveübertragung Giselle

Januar 28, 2014

Seit einiger Zeit gibt es ja gelegentlich die Möglichkeit, sich ein paarmal im Jahr im Kino Großereignisse der Hochkultur live anzuschauen. Am Montag lief nun in einige Berliner Kinos „Giselle“ aus dem Royal Opera House mit Natalia Osipova und Carlos Acosta.

Die Aufführung ist mehr oder weniger identisch mit einer Videoversion des gleichen Balletts mit Alina Cojocaru und Johan Kobborg, ich müsste mir die Videofassung noch einmal anschauen, um zu sehen ob es außer der Besetzung Unterschiede zwischen beiden Varianten gibt, es handelt sich aber um die gleiche Produktion von Peter Wright nach Marius Petipa nach Jules Perrot und Jean Coralli. Über „Giselle“ allgemein werde ich mich bei Gelegenheit noch äußern, hier geht es erstmal um zwei Fragen: erstens welchen Eindruck hat die Aufführung auf mich gemacht, zweitens: wie gut funktioniert Ballett im Kino verglichen mit Ballett live oder Ballett auf Video in diesem speziellen Fall (weil natürlich die Kameraarbeit da eine wesentliche Rolle spielt und vermutlich wird die, je nach Aufführung oder Theater aus dem übertragen wird, variieren).

Zunächst hat Kino natürlich den großen Vorteil, dass man sich Getränke und eine Brotzeit mitbringen darf und man hat es mit bequemen Sitzen zu tun. Die Veranstaltung läuft folgendermaßen ab: Man nimmt im Kino Platz, auf der Leinwand sieht man die Giselle Willis in der Kostümierung der erwarteten Aufführung, dazu ein Schriftzug mit Anzeige, wann die Übertragung beginnt mitsamt Twitteradresse (ich habe im Kino allerdings keinen Handyempfang, vermutlich wird sich also die Twitteraktivität in Grenzen halten). Ein paar Minuten vor Beginn der Übertragung kommt ein freundlicher Mann und hält eine kleine Begrüßungsrede an das Publikum, in der er noch auf weitere Veranstaltungen ähnlicher Natur hinweist und allen viel Spaß wünscht.

Dann geht’s los. Es gibt ein paar Werbeclips über Produktionen des Royal Opera House und noch zu erwartende weltweite Liveübertragungen, außerdem erfahren wir, dass Christopher Wheeldon gerade ein Ballett aus Shakespeares „Sturm“ macht. Als das fertig ist, wird ins Foyer des Royal Opera House geschaltet, wo Darcey Bussell ein bisschen Hofberichterstattung betreibt. Der Eindruck ist eigentlich der einer Fernsehübertragung und am Anfang gibt es ein paar durchaus interessante Minidokus über die Giselle Aufführung, die man zu erwarten hat. Das heißt, Produzent Peter Wright sagt ein paar Sachen, Carlos Acosta informiert uns darüber, dass er Albrecht vor allem als jemanden sieht, der „Spaß haben will“ und Natalia Osipova erzählt irgendwas, das ich nicht verstehe, weil sie russisch spricht und es keine Untertitel gibt (weder auf Englisch noch auf Deutsch, oder ich war zu blöd, die auf der großen Leinwand zu finden).

Interessanter ist ein kleiner Film über das Corps de Ballet, wo man etwas über die Probenarbeit am zweiten Akt erfährt, wobei man vor allem die jüngste Tänzerin im Corps begleitet. Hikaru Kobayashi äußert sich, die die Rolle der Willichefin Myrtha übernommen hat. Frau Kobayasha weist darauf hin, dass das ganz schön anstrengend zu tanzen ist (was man dann später auch sehen wird). Ich mag die durchaus nützliche Info, dass die Armhaltung der Willis den Anschein erweckt, als würde sie kleine Kinder halten. Da Willis die Geister kinderlos gestorbener junger Frauen sind, ist die Information aufschlussreich, weil das auf die komplexe Natur der Willis im Volksglauben der Balkanregion hindeutet, aber das ist ein anderes und sehr weites Thema.

Dann geht die Aufführung los, man sieht bei der Ouvertüre allerlei Naheinstellungen des Orchesters, der Vorhang öffnet sich und das Ballett nimmt seinen Lauf.

Was ich feststelle ist, dass die Kameraarbeit sich tendenziell an Ballettaufzeichnungen für den Heimvideobedarf orientiert und ich bin nicht sicher, ob das für eine Kinoaufzeichnung so ideal ist. Das heißt, man hat es mit viel Nahen und Halbnahen Einstellungen zu tun und da die Kamera nicht immer dahin schaut, wohin ich im Theater schauen würde bin ich gelegentlich anderer Meinung als die Kameraregie, was vom Gesamtgeschehen ein wenig ablenkt. Gelegentlich sind die Nahen sehr hilfreich, etwa eine Einstellung auf die Fußarbeit von Natalia Osipova im zweiten Akt oder eine Nahe auf Hilarions Gesicht, als ihm langsam dämmert, dass Albrecht ein falsches Spiel spielt. An anderen Stellen ist es aber so, dass hahe oder halbnahe Einstellungen dazu führen, dass man die Orientierung für das Bühnengeschehen verliert. In der „Verrücktwerd“ Szene finde ich die Nahen und Halbnahen eher ungünstig, weil sie ein zu großes Gewicht auf das Schauspielerische in der Szene legen und man dabei nicht sehen kann, dass es eigentlich tatsächlich eine getanzte Szene ist, in der letztlich die Ballettform kollabiert.

Tendenziell scheint es gerade im Kino naheliegender mit mehr Totalen zu arbeiten, was auch den Gesamteindruck etwas weniger hektisch machen würde. Allerdings kann es sein, dass es da möglicherweise technische Hürden gibt, weil gerade die Totalen gelegentlich unscharf waren, woran das liegt, weiß ich nicht.

Also die Aufführung: Carlos Acosta hat ja schon vorher verraten, wie er Albrecht anlegt. Letztlich gibt es für die Rolle zwei Varianten, entweder der Tänzer gestaltet Albrecht so, dass er sich wirklich und zügig in Giselle verliebt oder man gibt ihn als adeligen Partylöwen, der sich inkognito aufmacht, um die weibliche Landbevölkerung aufzumischen und für den Giselle maximal als etwas rührende potentielle Bettgenossin interessant ist, für die er aber keinerlei Gefühle außer einem eher allgemeinen Begehren aufbringen kann. Carlos Acosta entscheidet sich für die Partylöwenvariante, man hat den direkten Vergleich, wenn man sich die Version mit Alina Cojocaru und Johan Kobborg anschaut, in der Kobborg die andere Variante wählt, die meiner Meinung nach vielschichtiger und berührender ist. Der Effekt, den die Partylöwenvariante hat ist, dass einem Albrecht ein bisschen egal ist und er einfach nur als Giselles Antagonist agiert. In der Acosta Variante kommt es mir dann auch so vor, dass er eigentlich erst im zweiten Akt Eindruck macht, wenn es für Albrecht nicht mehr um Liebe und Sex, sondern ums nackte Überleben geht. Seine Schuldgefühle nehme ich ihm aber nicht so recht ab, was ein Problem ist.

Natalia Osipova legt im ersten Akt großes Gewicht auf das Kränkliche an der Figur Giselle (möglicherweise wird der Eindruck auch durch die Kameraarbeit verstärkt). Die Herzschwäche von Giselle hat ja die Funktion, die man beim Drehbuchschreiben „suspension of disbelief“ nennt, das heißt durch die Herzschwäche wird es glaubwürdiger, dass Giselle in der „Verrücktwerd“ Szene stirbt. Das Gewicht, das auf Giselles Krankheit gelegt wird, führt allerdings direkt dazu, dass ihr Verliebtsein in Albrecht in den Hintergrund rückt, wodurch ein wenig emotionales Gewicht verloren geht (wieder ist der Vergleich zur Cojocaru/Kobborg Version hilfreich). Osipova legt aber Giselle durchaus sinnig und konsequent an. Sie glänzt aber mehr beim Tänzerischen, weil sie technisch unglaublich gut ist und dem Ideal der „Schwerelosigkeit“ im Ballett sehr nahe kommt.

Im zweiten Akt hat Hikaru Kobayashi dann ihren Auftritt. Sie ist als Anführerin der Willis durchaus beeindruckend, weil sie mit ihrer Ausstrahlung die Raumtemperatur um 20 Grad senken kann und man entsprechend versteht, dass Carlos Acostas Albrecht berechtigte Angst um sein Leben hat, denn Barmherzigkeit hat er von der Dame nicht zu erwarten.

Tänzerisch hat Frau Kobayashi aber ein bisschen Mühe. Jedenfalls bin ich irgendwie erleichtert, als sie ihr ausgedehntes Solo unfallfrei hinter sich gebracht hat und Natalia Osipova übernimmt, die nicht den Eindruck macht, als hätte sie auch nur die geringsten Schwierigkeiten das Ganze souverän über die Bühne zu bringen.

Insgesamt ist das natürlich eine gute Aufführung mit sehr guten Tänzern und so bleibt am Ende vor allem die Frage: werde ich mir in Zukunft weitere Ballettliveübertragungen anschauen? Nun, es gibt eigentlich nur zwei Kritikpunkte, die ich habe: erstens, dass ich die Kameraarbeit ein bisschen zu aufdringlich fand, zweitens, dass das Interview mit Natalia Osipova ohne Untertitel lief. Natürlich ist die live Übertragung im Kino dem tatsächlichen live Erlebnis unterlegen, aber gleichzeitig gelingt es, das ein wenig auszugleichen, indem diese kleinen Behind the scenes Filme gezeigt werden, und – noch besser – bevor es losgeht auch live der Backstagebereich, so dass man einen kleinen Eindruck davon bekommt, was die Tänzer unmittelbar vor der Aufführung so treiben (nervös hin und herlaufen oder sich aufwärmen). Die Gelegenheit hat man ja im Theater nicht. Die Kinoübertragungen sind auf jeden Fall eine gute Gelegenheit, um Aufführungen anderer Kompanien zu sehen, ohne um die halbe Welt reisen zu müssen, die Auswahl wird natürlich so vorgenommen, dass man vor allem Starbesetzungen sieht, die man dann mit anderen Varianten vergleichen kann. In dem Fall ist es zum Beispiel gut, dass es auf DVD die Kobborg/Cojocaru Version gibt. Kurz gesagt: es ist gut, dass es das Angebot gibt und wenn gerade live nichts läuft, was man sich anschauen möchte, ist die Liveübertragung eine ganz gute Alternative.

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