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Yui Kawaguchi & Aki Takase – Cadenza Stadt am Klavier V

Februar 7, 2014

Soweit ich weiß, war die Uraufführung von Cadenza letztes Jahr, im Moment wird das Stück in den Sophiensälen wieder aufgeführt. Da ich die Aufführung im letzten Jahr nicht gesehen habe, weiß ich nicht, ob sich gegenüber der Version etwas verändert hat und halte mich an die diesjährige Aufführung des Stücks.

Auf der Bühne steht ein Flügel, während die Zuschauer im Saal eintrudeln, kommen Yui Kawaguchi und Aki Takase auf die Bühne, stellen sich an den Flügel und plaudern über irgendwas. Irgendwann schaut Yui Kawaguchi zum Lichtmenschen, der schmeißt die Bühnentechnik an und es geht los.

Es ist schwer zu sagen, wann der Abend an Fahrt aufnimmt. Es fängt jedenfalls für meinen Geschmack fast ein bisschen zu entspannt an. Yui Kawaguchi tanzt ein bisschen Tap Dancemäßig durch die Gegen und Aki Takase spielt dazu etwas am Klavier. Wir haben es mit einer Art Aufwärmphase zu tun, in der ich als Zuschauer Gelegenheit habe, meine Zuschauerhaltung ein bisschen zu überprüfen und zu verschieben, bis ich schließlich bei einer etwas mühsam konstruierten halbmeditativen „einfach mal sehen was passiert“ Haltung ankomme. Gerade am Anfang ist es aber so, dass die Aufführung erstmal wie Hintergrundmusik im Kaufhaus vor sich hinplätschert, und es ist im Nachhinein ganz interessant, zu rekonstruieren, wann sich das eigentlich ändert.

Insgesamt scheint es mir so, dass der Abend vom Ablauf her eine gewissse Ähnlichkeit zu einem Konzert hat. Es fängt eher locker an, irgendwann passiert zwischen Yui Kawaguchi und Aki Takase dann etwas. Allerspätestens an dem Punkt, an dem Aki Takase sich vom Flügel erhebt und die beiden sich einen kleinen goldenen Ball zuwerfen. Nachdem das ein paarmal passiert ist, setzt sich Aki Takase wieder ans Klavier, spielt etwas und Yui Kawaguchi erzeugt durch auf den Boden Tippen des Balls einen ergänzenden Rhythmus dazu. Vermutlich liegt mein Empfinden, dass der Abend da eine andere Ebene erreicht, daran, dass das Wechselspiel zwischen den beiden hier spezifischer und dichter wird. Vorher hatte man es vor allem mit einer relativ konventionellen Aufteilung zu tun: hier die Musikerin, die Musik macht, da die Tänzerin die tanzt, jeder macht seinen Job, so wie man es gewöhnt ist. Interessanter wird es ab dem Moment, in dem eine der beiden aus der vorgegebenen Rolle ausbricht und tatsächlich eine Kommunikation zwischen den beiden Damen beginnt und nicht nur ein eher abstrakter Austausch „Musik wird in Bewegung übersetzt“. Interessanterweise gibt es da tatsächlich einen deutlich spürbaren Unterschied und der Abend wird mehr in eine theatrale Veranstaltung überführt, das heißt das Bühnenbild wird allmählich einbezogen, bestimmte Props spielen eine Rolle und Tanz und Musik variieren mehr. Irgendwann gibt es eine Szene, in der Yui Kawaguchi vor einem angestrahlten Reflektor, der auf dem Boden liegt, kniend einen sehr konzentrierten Tanz aufführt. Dabei bestätigt sich ein Verdacht, den ich eigentlich seit „Nussknacker“ habe, nämlich dass Konzentration sich nicht nur durch die Haltung der Tänzerin herstellt, sondern Licht dabei eine ziemlich große Rolle spielt. Lichtstimmungen sind ja ein sehr effektives Mittel, den Bühnenraum zu verkleinern und die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu lenken und wir haben es dann mit dieser Feedbackschleife zu tun, dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers und die Aufmerksamkeit der Tänzerin sich gegenseitig verstärken.

Das Konzerthafte des Abends kommt voll zum Tragen, als Yui Kawaguchi dann irgendwann die Bühne verlässt und Aki Takase eine Weile soliert, ich bin nicht sicher, ob das in der vergangenen Ausgabe „Chaconne“ auch schon der Fall war, es ist aber für mich so, dass der Musik bei „Cadenza“ eine größere Bedeutung zu kommt (hm, glaube, es gab das bei „Chaconne“ auch). Dann geht Aki Takase ab und Yui Kawaguchi kommt mit einer Art Arztkoffer wieder auf die Bühne. Ich habe kurz den Verdacht, dass der Abend möglicherweise eine „Grand pas de deux“ Struktur hat, was vermutlich daran liegt, dass ich diese Struktur erst kürzlich in meine aktive Liste dramaturgischer Strukturen aufgenommen habe. Ganz falsch ist die Annahme wohl nicht, allerdings ist das Solo von Yui Kawaguchi eher schauspielerischer Natur und sehr kurz.

Es folgt das Finale, bei dem Aki Takase zu spielen beginnt und Yui Kawaguchi aus den zwei Skulpturen auf der Bühne eine Art Installation um den Flügel herum baut, wobei sie die einzelnen Bausteine vorher wie eine Bühnenmagierin oder ein Nummerngirl tänzerisch präsentiert. Die Skulptur besteht aus einigen Bahnen, über die nachfolgend silberne Kugeln geschickt werden, die dann, sobald sie mit einer Art Schöpfkelle auf die Bahn gelegt wurden, den Rest des Weges der Schwerkraft folgend hinter sich bringen und am Ende auf dem Boden in Richtung Zuschauer rollen.

Im Finale merke ich tatsächlich besser als bei „Chaconne“, was der Abend mit „Stadt“ zu tun hat. Der Abstand der Kugeln wird immer kürzer, die Kugeln geraten zum Teil aus der Bahn geraten und fliegen durch die Gegend. Auf einer sehr reduzierten Ebene mag man das als Bild für den städtischen „Verkehrskollaps“ sehen (dass eine Nebelmaschine dann das entsprechende Abgas noch simuliert, unterstützt diese Sichtweise), etwas weiter gefasst sieht man ein ziemlich stimmiges Bild für die hektische Bewegung, die vielleicht das wesentliche Merkmal der Großstadt ist.

Für mich war es dann so, dass ich „Cadenza“ tendenziell lieber mochte als „Chaconne“. Es kommt mir so vor, dass der Abend formal nach der Aufwärmphase eine ziemlich gute Geschlossenheit entwickelt, ein angenehmer Wechsel, langsamer, fast meditativer Momente und schnellerer, clownesker Passagen, die dann das Chaos am Ende vorbereiten. Das Zusammenspiel von Yui Kawaguchi scheint mir entspannter, zumindest habe ich den Eindruck, dass die beiden mehr eine „Band“ sind, die gemeinsam ein geschlossenes Werk kreieren.

Schließlich gibt es nach dem Applaus noch eine kleine Zugabe, was, glaube ich, bei den beiden Tradition hat (gab es zumindest nach „Chaconne“ auch).

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