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Isabelle Schad / Gruppe 12X60 – der Bau (Uferstudios)

Februar 10, 2014

Der Bau ist eine Geschichte von Franz Kafka, in der es um ein Tier, vermutlich einen Dachs, geht, der einen relativ komplizierten Bau angelegt hat, in und um den herum er sich vorzugsweise aufhält, getrieben von der Überzeugung, dass die Welt darauf aus ist, ihn zu vernichten. Der Bau ist ein Schutzraum und imLaufe der Geschichte wendet sich dieser Schutzraum in Gestalt eines rätselhaften Geräusches gegen ihn und unser namenloser Held wird zunehmend paranoid.

Kafka hat es ja gelegentlich an sich, dass er aktueller wird, je mehr Zeit vergeht. Die Geschichte „der Bau“, versteht man heute vermutlich anders als in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, aber es ist ein bisschen so, als hätte Kafka da gewissen Entwicklungen, die wir heute beobachten, das Cocooning oder die Hikikomori, vorweggenommen. Hikikomori ist ein japanischer Begriff, der Leute bezeichnet, die sich von der Außenwelt vollständig zurück ziehen und sich, gelegentlich mehrere Jahre lang, in einem Zimmer aufhalten und nur den allernötigsten Kontakt zur Außenwelt (essen kaufen z.B.) zulassen. Der deutsche Begriff dafür ist wohl Sozialphobie. Wenn man so will, ist der Hikikomori (und Kafkas namensloser Held in „der Bau“ als Urgroßvater aller Hikikomoris – die eher nicht Eremiten im klassischen Sinne als nach Erlösung strebende Einsiedler sind) das Gegenmodell zur verbreiteteren Kultur der nie endenden Öffentlichkeit. Das Phänomen ist interessant, weil es natürlich einen gewissen Zusammenhang zur heutigen Internetkultur gibt, man kann über facebook, twitter und so ziemlich erfolgreich den Eindruck vermitteln, sozial total vernetzt und aktiv zu sein, ohne jemals seine Wohnung zu verlassen. Das Internet dient dabei gewissermaßen als soziale Prothese, mit der man soziale Aktivität simulieren kann, ohne jemals einen anderen Menschen zu treffen. Der Schritt vor dem Aufgehen in der virtuellen Realität, die bei allen Bedrohlichkeiten, einen wesentlichen Vorteil gegenüber der allgemein akzeptierten Wirklichkeit hat: sie ist körperlos (und damit eine todesfreie Zone). Aber weder Kafkas Held noch der Hikikomori sucht Öffentlichkeit, sein Hauptbestreben ist, nicht entdeckt zu werden und ein ereignisloses Leben zu führen, das irgendwann einfach unbemerkt endet. Der Grund dafür ist vermutlich Angst.

Alles was der Protagonist von „der Bau“ tut ist letztlich angstgesteuert. Er bemüht sich nach Leibeskräften, jede mögliche Bedrohung auszuschalten, legt sich vor seinem Bau auf die Lauer, um im Zweifelsfall Eindringlinge von hinten überwältigen zu können. Die Todesangst bestimmt jede Handlung und ist letztlich der Grund, weshalb der Bau zu einer labyrinthartigen Festung wurde, die im Idealfall eine geräuschlose, ungestörte Einsamkeit ermöglichen soll.

Der Widerspruch, dem wir heute ausgesetzt sind – völliges Offenlegen aller Facetten unserer Persönlichkeit, ob willentlich oder gegen unseren Willen, und die Gegenreaktion: der Wunsch unsichtbar zu werden, alle digialen Spuren zu verwischen, wieder „privat“ zu werden, hat ziemlich viel mit Kafkas Geschichte zu tun. Das „sich Verstecken“ ist hier allerdings der Weg ins Verderben. In der Sehnsucht nach Stille verbirgt sich ein rätselhafter Lärm.

Wir haben es also mit ziemlich gewichtigen Themen zu tun bei „der Bau“. Wie geht die Aufführung damit um? Zunächst mal sehr viel entspannter als ich es hier anklingen lasse. Was allerdings sehr gut gelingt ist die seltsame Gleichzeitigkeit von Geborgenheit und Angst zu bebildern.

„Der Bau“ in der jetzigen Version (es gibt eine ältere Solovariante) ist aus mehreren Gründen ein erstaunliches Werk. Es wird weder gesprochen noch getanzt, um das vorweg zu nehmen und das Ding ist trotzdem eine Stunde lang ziemlich fesselnd.

Also was passiert? Wir haben die Zuschauerreihen so angeordnet, wie man es (in der freien Szene) gewöhnt ist, dass man von jedem Platz aus unbehindert von Vorsitzerköpfen sehen kann. Rechts und hinten befindet sich je eine Leinwand, die im Folgenden vor allem als Reflektoren für das gute Licht dienen werden. Die rechte Wand ist schwarz. Sobald man den Saal betritt und sich gesetzt hat, bemerkt man eine Landschaft, bestehend aus sechzig schwarzen Sitzkissen, die relativ planlos im Saal verteilt erscheinen.

Es geht los und wir werden erstmal mit der Soundlandschaft von Marcello Busato vertraut gemacht, die ziemlich toll ist, nah an der Grenze zum Infrasound am Anfang, später wird es Varianten geben – wasserähnliche Geräusche, Kratzen, Rauschen und immer wieder ein verhalltes Schlagen wie gegen eine Wand (Kafka: „Mit der Stirn bin ich tausend- und tausendmal tage – und nächtelang gegen die Erde angerannt, war glücklich, wenn ich sie mir blutig schlug, denn dies war ein Beweis der beginnenden Festigkeit der Wand…“). Erstmal haben wir es aber mit diesem dunklen, sehr tiefen Brummen zu tun, Licht von hinten, das den Blick auf die auf dem Boden liegenden schwarzen Sitzsäcke eröffnet. Da ich vorher ein wenig in „der Bau“ gelesen habe, ist meine Assoziation sofort, dass der Blick auf die Sitzsäcke ein Blick ins Innere des Baus ist. Die Sitzsäcke sind das Erdreich, die Flächen dazwischen, die Gänge und Lagerräume, die im Bau entstanden sind.

Nach einer gewissen Zeit beginnen sich die Sitzkissen zu bewegen. Zuerst erst relativ langsam, mit der Zeit entdeckt man gelegentlich Gliedmaßen der die Sitzkissen bewegenden Menschen, die schließlich ganz auftauchen und dann, indem sie die Sitzkissen durch die Gegend tragen oder über den Boden schleifen eine durchaus vielfältige Choreographie entstehen lassen.

Wie schon gesagt, kommt es mir falsch vor, dabei von Tanz zu sprechen, weil das nicht unbedingt zum richtigen Eindruck führt. Wir haben es nicht mit mehr oder weniger virtuos vorgeführten komplexen rhythmischen Mustern zu tun. Die Bewegungen, die gezeigt werden sind aber auch keine normalen Alltagsbewegungen. Es wird zwar vor allem gelaufen, aber wenn beispielsweise die Performer nach vorne laufen, dann gelegentlich die Richtung ändern und rückwärts laufen, geschieht das auf eine bestimmte Art, indem beispielsweise die Füße nicht vom Boden gehoben werden, die Performer darauf achten, die Sitzkissen auf eine bestimmte Art mitzuführen, bestimmte Begegnungen mit anderen Performern zu verhindern oder zu ermöglichen. Das wird alles mit größter Achtsamkeit ausgeführt, was mir hier ein passenders Wort als „Konzentration“ zu sein scheint. Die zehn Performer erwecken den Eindruck, dass sie jeder Zeit ziemlich genau darüber informiert sind, was um sie herum geschieht und welche Aufgabe sie im Ganzen zu erfüllen haben.

Für den Zuschauer entsteht so der Eindruck von zehn Individuen, die klar voneinander unterscheidbar sind und gleichzeitg Teil einer Masse, die permanent ihre Form verändert. Die Sitzkissen als unbelebtes Element scheinen mir dabei ein sehr reduziertes aber äußerst effektives theatrales Mittel zu sein, um einen Eindruck zu erzeugen, der tatsächlich ziemlich viel mit Kafka zu tun hat. Es ist ein bisschen, als würde man sich zu einem unheimlichen Soundtrack eine lebendige Lavalampe anschauen, gelegentlich ballen sich die Sitzkissen mit ihren Performern zusammen und bilden Mauern, Räume, Hügel, manchmal mehrere, dann wieder nur einen einzigen Berg in der Mitte des Raumes, der von den Performern bestiegen wird, der sich auflöst und wieder aufgebaut wird, sich wieder auflöst und zu einem anderen Bild im Raum formt.

Das Ganze entspricht ziemlich gut dem Tempogefühl, das ich vor der Aufführung beim Lesen der Kafkageschichte hatte. Wie die Erzählung bewegt sich die Geschichte langsam, aber unaufhaltsam, manchmal fast unbemerkt voran. Dabei verzichtet die Performance weitgehend auf den eh nicht übermäßig aufschlussreichen Plot der Handlung und konzentriert sich stattdessen auf das Gefühl, das die Erzählung erzeugt, auf die schon erwähnte seltsame Kombination von Geborgenheit und Bedrohung.

Da ich mich ja letztlich mit dem Begriff der „Performance“ auseinandersetzen musste, sei darauf hingewiesen, dass man hier ein sehr schönes Beispiel für „Performancehaltung“ sehen kann, die sich in dem Fall vor allem durch die schon erwähnte Achtsamkeit auszeichnet. Niemand spielt eine Rolle, aber genauso wenig sind die Performer „privat“. Die Art und Weise, wie Bewegungen ablaufen sind eben nicht unbedingt natürlich, aber vielleicht übersteigert real, weil oft recht langsam (nicht zeitlupenlangsam, aber etwas langsamer als normales Lauftempo) und es hat den Anschein, dass die Performer ihre Körper für die Dauer der Performance auf eine bestimmte Art bewohnen, die man vermutlich nur dann genauer fassen kann, wenn man wüsste, welche Haltung die Performer für sich tatsächlich einnehmen. Jedenfalls erfordert die Bewegung ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, es handelt sich nicht um entspanntes Rumlaufen, jemand der schon mal Gehmeditation oder Tai Chi gemacht hat, wird sich vielleicht daran erinnert fühlen.

Irgendwie passt es am Ende, dass das Publikum, obwohl, glaube ich, jeder weiß, dass die Performance zu Ende ist (die Performer haben die Bühne verlassen, die Musik ist verstummt), noch eine Weile still ist, bis der Applaus anfängt.

Da der Bau die zweite „Literaturvertanzung“ nach „the Nights“ ist, die ich innerhalb von zwei Tagen sehe, bin ich versucht, die beiden Veranstaltungen zu vergleichen. Auf den ersten Blick haben die beiden nicht viel miteinander zu tun: „The Nights“ ist relativ virtuoser Tanz, „Der Bau“ mehr atmosphärische Annäherung. Das will „the Nights“ auch sein, aber „der Bau“ ist an dem Punkt in meiner Wahrnehmung erfolgreicher. Nichts gegen „the Nights“ an dem Punkt, die Aufführung leistet da eben etwas anderes, als das, was behauptet wird, „der Bau“ hält sich aber recht eng an den Text, was seltsam klingt, weil keine Geschichte erzählt wird, die Aufführung hält sich an den Text, weil sie dem Gefühl des Textes treu bleibt.

Jedenfalls ein Beispiel dafür, wie man mit zeitgenössischer Bewegungstechnik (es gibt zumindest ein Interview mit Isabelle Schad, in dem sie viel über „Body Mind Centering“ redet), eine wirkungsvolle Choreographie/wirkungsvolles Theater machen kann. Zum Begriff „Choreographie“ sei hier vermerkt, dass ich tatsächlich glaube, die Aufführung ist relativ genau durchgetaktet, allerdings nicht bis in jede Bewegung durchchoreographiert. „Durchchoreographiert“ heißt hier, dass jede Bewegung vorgeschrieben ist und der entsprechende Tanz wenn man konsequent durchzählt auch ohne Musik hergestellt werden kann. Durchgetaktet heißt dagegen: es ist klar, wann welche Aktionen stattfinden, zum Teil gibt es deutliche „Signale“ für gewisse Aktionen in der Musik, wie die Aktion genau ausgeführt wird, liegt aber im Ermessen des Performers. Hmpf, glaube das stimmt für „der Bau“ nicht ganz. Mein Verdacht ist an dem Punkt, dass während der Proben Körperarbeit stattgefunden hat, die eine gewisse, klar wahrnehmbare und durchaus spezifische Bewegungsqualität erzeugt. Die Aufführung ist an dem Punkt nicht so weit von „Ballett“ entfernt, wie es auf den ersten Blick erscheint, nur dass man es eben mit einer grundlegend anderen Bewegungstechnik zu tun hat, die auch anders aussieht.

Na gut, das ist jetzt natürlich ein ziemlich erbärmlicher Abschluss für meinen Bericht, also sage ich noch, dass jemand, der sich mit zeitgenössischer Bewegung/Choreographie/Tanz befassen will, mit „der Bau“ einen ganz guten Ausgangspunkt hat, weil atmosphärisch dicht, visuell durchaus beeindruckend und tatsächlich das, was ich in Ermangelung eines besseren Begriffs „gutes Theater“ nennen würde.

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