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Staatsballett Berlin – Ratmansky/Welch

März 24, 2014

Oder besser gesagt, Welch/Ratmansky . Die Premiere, insofern nur ein kleiner erster Eindruck, vielleicht kann ich nach einem zweiten Sehen Aufschlussreicheres darüber sagen.

Stanton Welch – Clear

Die erste Aufführung an dem Abend ist ein Stück von Stanton Welch, über den ich vorher nichts wusste und nach der Aufführung nicht ganz sicher bin, was ich von ihm zu halten habe. Das Stück ist relativ kurz und ein Tanz zu zwei Violinkonzerten von Bach. Nun bin ich nicht der größte Experte, wenn es um Choreographien zu Bach und Bachartigen Stücken geht, die laufen mir nur manchmal über den Weg. Von den Sachen, die ich gesehen habe, war „Flying Bach“ vermutlich das Überzeugendste, weil da als Ausgangspunkt der Ansatz: „eine Bewegung pro Note“ genommen wurde, was an und für sich ein doofer Ausgangspunkt ist, der hier aber Sinn ergab, weil es, mutmaßlich zum ersten mal darum ging, Hip Hop Tanz zu klassischer Musik zu zeigen, noch dazu mit einem nicht übermäßig originellen aber erträglichen Plot und einer relativ beeindruckenden Virtuosität – und wenn man klassisches Ballett gewöhnt ist, wirkt Hip Hop Technik eben recht ungewohnt, auch wenn es überraschend viele Gemeinsamkeiten gibt. Das Projekt war aber trotz des eher konventionellen Ansatzes neu und interessant. Pionierarbeit und deshalb erstmal ein Referenzpunkt, der so vermutlich auch zu Bach leichter herzustellen war als zu jedem anderen Komponisten (und die „Flying Steps“ weigern sich ja auch zu einem anderen klassischen Komponisten Hip Hop Sachen zu tanzen, zumindest hab ich das mal in einem Interview gelesen).

Aber abgesehen von dem Pioniercharakter machte die Aufführung, das, was bisher alle Bach Aufführungen, die ich gesehen habe gemacht haben, nämlich: sie nehmen die Musik von Bach, die meistens ziemlich klar durchstrukturiert ist und sich durch formale Strenge auszeichnet und überträgt diese Musik eins zu eins auf Tanz. Die Noten oder Motive werden zu choreographischen Noten und Bewegungen und genau das passiert bei „Clear“ auch. Wir haben musikalische Motive, die in entsprechende tänzerische Motive umgesetzt werden. Zum Beispiel: musikalisches Motiv klein a wird tänzerisch in einen Sprung der Tänzer übersetzt, das Motiv wird in Varianten nacheinander kanonhaft versetzt sechsmal wiederholt, also sehen wir sechs Tänzer die mit dem entsprechenden Sprung nacheinander die Bühne entern. Kleine Violinornamente werden in Bewegungen des Kopfes übersetzt, das musikalische Motiv klein b ist eine schwungvolle Violinfigur, die klingt wie eine Pirouette, das Ding wird achtzehn mal wiederholt, also tanzt Marian Walter achtzehn Pirouetten (oder vielleicht zwanzig oder zwölf, ich habe nicht gezählt, weil ich an dem Punkt schon relativ genervt war) und dieses System wird über die ganze Zeit ohne Brüche durchgezogen.

Diese Art Bach zu choreographieren – und das sollte zu einer Standardlektion in Choreographieklassen gelehrt werden – ist langweilig. Das ist nicht schlecht getanzt und es gibt auch gelegentliche Stellen, die durchaus einen gewissen Zauber entwickeln, das tun sie aber nur, weil die Musik das an dem Punkt auch macht. Die Art und Weise der Choreographie ist das, was man in der Filmmusik mickymousing nennt und sich z.B. darauf bezieht, dass man, wenn man eine Pferdekutsche sieht, aneinanderschlagende Kokosnüsse zu einer entsprechenden trabenden Banjofigur hört oder ähnliches. Hier wird der umgekehrte Weg gegangen: die Bachmusik macht etwas und die Choreographie bemüht sich, die musikalische Figur eins zu eins in Bewegung zu übersetzen. Kann man machen, ist aber, wie gesagt, grundsätzlich langweilig. An dem Abend geht es dem Staatsballett unter anderem darum zu untersuchen, wie amerikanische Gegenwartschoreographen heute die Formsprache des klassichen Balletts varriieren und tendenziell könnte es interessant sein, „Clear“ daraufhin noch mal genauer zu untersuchen, auf den ersten Blick heißt das: Varianten in der Armarbeit, gelegentliches Abrollen über den Boden aus dem Modern Dance, gelegentlich Figuren, die ans Bodenturnen angelehnt sind.

Dabei ist „Clear“ nicht mal die schlechteste Bachvertanzung, die ich bislang gesehen habe, ich würde mir nur irgendwie wünschen, dass sich ein Choreograph mal von der Musik inspirieren ließe, statt sie einfach eins zu eins wie von einem Computerprogramm in Bewegung zu übersetzen, so dass dann auch was Überraschendes und trotzdem der Musik Angemessenes passieren kann.

Tänzerisch ist das Ganze ziemlich souverän vorgetragen, vor allem von der jüngeren Männerriege. Vladimir Malakhov wirkt gelegentlich ein wenig fremd, weil athletisch den jüngeren Kollegen deutlich unterlegen, so leid mir das tut, weil ich als relativer Altersgenosse lieber sagen würde: die Jungen können ihm nicht das Wasser reichen, das ist aber nicht so. Am Anfang geht das noch gut, aber im Verlauf des Abends, wird dann doch ein qualitativer Unterschied zwischen den jüngeren Tänzern wie Marian Walther, Mikhail Kaniskin, Arshak Ghalumyan und so weiter, sichtbar, was ich bedauere, aber nun mal leider so gesehen habe (glücklicherweise muss ich zur Abwechslung mal kein schlechtes Gewissen haben, weil, glaube ich, VM in recht vielen Kritiken zu dem Abend sehr wohlwollend betrachtet wird). Nun gut, da ich nun das, was mich an dem Stück stört, geäußert habe, hoffe ich, dass ich bei nochmaligem Sehen dann mehr auf die Qualitäten des Stücks eingehen kann, da ich nun keine Wunderdinge mehr erwarte. Es gab trotz meiner sofort einsetzenden Skepsis ein paar Momente, wo das „der Tanz imitiert die Musik“ wirklich gute Effekte hergegeben hat. Aber Bach und Ballett scheint mir bislang eher eine Tragödie als eine Liebesgeschichte zu sein. Die gut aufgelegte Staatskapelle spielt das aber schön, würde ich mich mit Musikkritik befassen, dann würde ich vielleicht sagen, die Sologeige hätte pointierter sein können, aber was heißt das schon… Musik ist vom Empfinden her ja vermutlich noch subjektiver als Tanz und man könnte genauso gut loben, dass die Sologeige sich nicht zu sehr in den Vordergrund gespielt hat. Und es gab ein echtes Cembalo (vielleicht auch ein Spinett, die beiden kann ich nicht unterscheiden)!!!!

 Namouna – Alexei Ratmasky

Ratmatnsky sagt mir schon eher was, weil im Moment auf eine Art der Choreograph der Stunde für Choreographien, die das klassische Vokabular benutzen. Vermutlich liegt das daran, dass es eben nicht besonders viele Choreographen gibt, die sich um das klassische Ballett bemühen, Ratmansky tut das aber und, wie man bei Namouna sehen kann, durchaus erfolgreich und mit einem gehörigen Schuss Humor. Der Mann war ein paar Jahre lang Leiter des Bolschoi und hat den Laden wohl verlassen, bevor da alles in totalem Chaos versank und wird seitdem, von Namouna aus zu schließen zu recht, international gefeiert, als jemand der die klassische Form nutzen und erweitern kann.

Die Aufführung heißt korrekt „Namouna – ein grosses Divertissement“. Weil ich ein Ignorant bin, weiß ich nicht, was ein divertissement ist. Wikipedia ist glücklicherweise gebildeter als ich und weiß darüber:

„Das Divertissement (französisch „Zeitvertreib“) ist eine Folge von Tänzen, die im 17. und 18. Jahrhundert nach französischer Sitte den Abschluss einer Theateraufführung oder auch den Abschluss einzelner Akte bildete. Manchmal ist es mit einem Chor verbunden. Das zeigt, dass die Tänzer auch singen mussten. Ein Divertissement kann sowohl nach einer Oper als auch nach einem Schauspiel stehen. Meist entspricht es in seinem Charakter der vorangegangenen Handlung.“

Ein großes Divertissment ist „Namouna“ wohl deshalb, weil sicher über eine Stunde lang. Wenn es nach mir ginge, hätte es auch zwei Stunden lang sein können und man hätte Stanton Welch weggelassen. Es ist jedenfalls das, worauf eh alle Zuschauer an dem  Abend warten und „Clear“ war, wie ich dann erfuhr, nur insofern bedeutsam weil VMs letzte Premiere als Tänzer in Berlin, woran ich ehrlich gesagt, nicht so viele Gedanken verschwendet hätte, irgendwie scheine ich da unsentimental zu sein.

Vor der Aufführung habe ich darüber nachgedacht, wann ich eigentlich das letzte mal im Schiller Theater war – ich glaube das war zu Sasha Waltz‘ Dido und Aeneas, also schon eine ganze Weile her. Noch länger ist es allerdings her, dass ich Elena Pris auf einer Bühne gesehen habe, was, wie ich dann aus der Zeitschrift „tanz“ erfuhr, damit zusammenhängt, dass sie einen kleinen Menschen auf die Welt gebracht und entsprechend eine Weile gebraucht hat, um sich wieder in vorzeigbare Tanzform zu bringen (das ist anscheinend von Tänzerin zu Tänzerin unterschiedlich, weil ein Körper in der Schwangerschaft eben unterschiedlich reagiert, grundsätzlich von manchen Hormonen relativ drastisch verändert wird und es dann unterschiedlich lange dauert, bis diese Veränderungen wieder rückgängig gemacht werden können). Aber hier kann man sie in guter Form und mit einer schönen Lässigkeit sehen, auf die ich später noch eingehen werde.

Namouna ist in einem relativ weiten Sinne ein Handlungsballett nach der flotten Musik von Eduard Lalo. Die Staatskapelle rockt das Ganze munter runter und hat, denke ich, Spaß unter der Leitung von Paul Connelly, um das mal zu erwähnen, weil man sich da eigentlich immer darauf verlassen kann, souverän gespielte Musik zu hören. Das Stück wurde wohl in den 1880er Jahren schon einmal von Lucien Petipa (älterer Bruder des berühmteren Marius) an der Pariser Oper choreographiert. Ich glaube, Ratmansky schert sich null um die Vorgängerchoreographie, ich bin auch gar nicht sicher, ob die irgendwie erhalten ist.

Was Ratmansky macht ist erstmal den Plot (wenn man ernsthaft von einem solchen sprechen will) soweit zu reduzieren und runterzubrechen, dass eigentlich nicht viel mehr übrig bleibt als: Matrose (Rainer Krenstetter) auf Landgang trifft Frau (Nadja Saidakova), die er gut findet, andere Frauen (vor allem Elena Pris und Sarah Mestrovic) und Männer versuchen ihn davon abzuhalten, mit der Auserwählten zusammen zu kommen, am Ende klappt es aber doch. Keine der Figuren ist sinnvoll motiviert oder hat irgendeine psychologische Tiefe und an dem Punkt wird es natürlich interessant. Interessant ist das deshalb, weil das die Frage aufwirft, wieviel Plot im Tanz und Ballett hilfreich sein kann.

Es gibt ja im großen und ganzen zwei Hauptansatzpunkte für Tanz, wenn man so will zwei gegensätzliche Pole, zwischen denen sich in der Regel jede Aufführung bewegt: einerseits das komplett und erschöpfend durchgeplottete Handlungsballett, wie z.B. Onegin, wo eigentlich jeder Schritt und jedes Pas de deux dem Fortschreiten der Handlung und der Entwicklung der Charaktere dient. Das Handlungsballett hat an dem Punkt eine relativ große Nähe zur Literatur, zum Roman oder zum Theaterstück. Meinen Sehgewohnheiten kommt das in der Regel entgegen und ich bin für gewöhnlich recht beeindruckt, wenn ein Ballett in der Form ausdeutbar ist.

Der andere Pol sind Tanzaufführungen, die auf jeglichen Inhalt verzichten und stattdessen auf Tanz als absoluten Ausdruck setzen, der letztlich nichts erzählt, sondern eher Bilder im Kopf des Zuschauers erzeugt oder eine Gestimmtheit, eine Atmosphäre, die von den Tanzenden mal mehr, mal weniger erfolgreich gelenkt werden. Wenn man so will befindet sich das Stanton Welch Stück tendenziell eher an diesem Pol, allerdings nicht ganz, weil der Tanz da eigentlich nicht eigenständig und absolut ist, sondern wie das Handlungsballett einer Handlung folgt, folgt „Clear“ von Stanton Welch der Musik – die Idealform dieser Tanzvariante läuft eigentlich ohne Musik (oder wenigstens ohne zu dominante Musik – Bach dominiert das Bühnengeschehen immer, behaupte ich mal. Punkt.). Der Nachteil am Pol des absoluten Tanzes ist die Gefahr, dass jegliche dramaturgische Struktur verloren geht. Das ist gelegentlich ein Problem und wenn man auf dieses Problem trifft, dann stellt man fest, dass man sich irgendetwas wünscht, was dem Tanz ein bisschen Struktur gibt oder wenn man so will eine gedankliche Bewegung, die die körperliche Bewegung unterfüttert. An dem Punkt ist es bei Namouna so, dass Ratmansky letztlich die Minimalauswahl an Handlungsmotiven wählt und da herum sehr schöne, oft schwungvolle und ziemlich witzige Choreographien baut. Die reduzierte Handlungsprämisse dient dabei vor allem dazu, dem Zuschauer die Frage „was hat das zu bedeuten“ unaufdringlich zu beantworten. Man hat also Rainer Krenstetter, der dafür, dass er die Hauptrolle ist, relativ wenig tanzt, es gibt ein sehr schönes Pas de deux mit Nadja Saidakova, wo er sehr solides Partnering zeigt, ansonsten fällt auf – das betrifft nicht nur ihn – dass er gelegentlich die Tanzspannung verlässt und stattdessen eher lässig und entspannt über die Bühne latscht. Elena Pris macht das gleiche in einer witzigen Choreographie mit Zigarette, in der sie meistens um Rainer Krenstetter herumtanzt, dann gelegentlich mit kollabierten Schultern und Schlurfgang wie zu einem „Aside“, fast genervt an der Zigarette zieht, um sich dann wieder dem Tanz zuzuwenden.

Das Verlassen der Balletthaltung taucht an dem Abend ziemlich oft auf und konterkarriert die feierliche Körperspannung, die normalerweise im klassischen Ballett üblich ist. Am klarsten wurde das bei mir bei einer kleinen Nummer, in der das Corps de Ballet sich in mehreren Reihen am Boden gruppiert hatte und Iana Balova dann gefolgt von Stephanie Greenwald durch die entstandenen Gassen gewetzt ist und dabei regelmäßig grand jettes aufführt.

Dancers-of-the-Staatsballett-ballet-ensemble-perform-Namouna-choreographed-by

(Bild geklaut von : Reuters, bei Beschwerden bitte Bescheid sagen)

Das eigentlich Bemerkenswerte ist aber, dass ihre Armarbeit dabei so ist wie die eines Leichtathleten – die unterstützende zu den Beinen gegenläufige Armbewegung, die jeder, der rennt automatisch macht – das ist trotzdem kontrolliert, ist aber als Illustration zum Thema: „was machen Leute im klassischen Ballett und was machen Leute im richtigen Leben?“ so verblüffend simpel und überraschend, dass mir tatsächlich das Herz aufging, vor allem, weil Stephanie Greenwald ihr eben hinterherrennt und dabei die Arme beim Rennen still hält und bei jedem Grand jette in die fünfte Position hochreißt, wie man das eben von Balletttänzern gewöhnt ist. Sehr lässig und witzig und eben gut, weil da mal etwas Offensichtliches auf die Bühne gebracht wird, das sonst nie thematisiert wird.

Rainer Krenstetter hat in dem Bereich an dem Abend wohl am meisten zu tun. Man sollte das nicht unterschätzen – es ist nicht so leicht, auf der Bühne eine natürliche ent – oder gar unterspannte Körperhaltung einzunehmen und es ist auch nicht einfach, von da aus dann übergangslos zurück in die Tanzspannung zu gehen.

 Dann die schönen Sachen, die zeigen, wie entspannt und einfallsreich Ratmansky in „Namouna“ mit Balletttechnik umgeht. Er erfindet tatsächlich neue Figuren, die eindeutig klassisches (meinetwegen neoklassisches) Ballett sind, aber in den Klassikern nicht vorkommen. Ein Beispiel, das mutmaßlich technisch härteste, das ich an dem Abend gesehen habe (kann nicht immer einschätzen, was wie schwierig ist): Elena Pris steht vor Rainer Krenstetter, fünfte Fußposition auf Spitze, dann Plie (immer noch auf Spitze), sie springt ab, hüpft ungefäht zwanzig Zentimeter näher an ihn ran und landet wieder auf Spitze. Das ist so ein Moment, an denen man für junge Ballettschüler ein Schild mit „Nicht nachmachen“ hochhalten sollte, weil ich mal annehme, dass Leute, die weniger sicher im Spitzentanz sind sich dabei die Zehen brechen und ich hoffe mal, Elena Pris hat gut gepolsterte Spitzenschuhe. Und es sind eben häufig genug diese Kleinigkeiten, bei denen man staunend dasitzt und denkt: wow, das hab ich tatsächlich noch nie gesehen und es ergibt Sinn innerhalb des gezeigten Duetts, ist witzig, verspielt und gleichzeitig sicher nicht für jede Tänzerin so ohne weiteres zu leisten.

Was mir bei „Namouna“ gefällt ist, dass technische Höchstschwierigkeiten nicht als solche herausgestellt werden, außer wenn Ulian Topor seine Spagatsprünge aufführt, was schön und gut ist und natürlich Szenenapplaus gibt, aber ich freue mich mehr über die versteckten Sachen, von denen ich dann denke: es ist total geisteskrank (also gut) sowas zu tanzen. Die Spagatsprünge sind eigentlich eher einer der schwächeren Momente, in denen Ratmansky Technik so inszeniert, dass das Publikum die Technik toll findet, ich mag es aber lieber, wenn die Technik so eingesetzt wird, dass ein theatral sinniger Effekt erzielt wird, wie eben bei diesen verrückten Elena Pris Hüpfern, ohne dass man jetzt mit der Nase drauf gestoßen wird, dass da tanztechnisch gerade was Aufregendes passiert. Und das ist bei Namouna fast immer so.

Zu Nadja Saidakova ist eigentlich nur zu sagen, dass sie wie Elena Pris sehr gut aufgelegt ist, wir haben die Nadja Saidakova Special Kung-Fu/Butoh Armbewegungen, bei einem zweiten Sehen kann ich darüber hoffentlich mehr sagen – und sie hat die Schlusspointe, die deshalb gut funktioniert, weil Rainer Krenstetter eigentlich schon wieder fasziniert in die Festlandwelt (in dem Fall ins Publikum) schaut und der „jetzt geht’s um mich“ Kuss von Nadja Saidakova ist einfach eben auch choreographisch sehr gut gesetzt und der sinnigste Abschluss, den das Stück finden könnte. Die dritte im Bunde, Sarah Mestrovic, macht ihre Sache gut, aber Nadja Saidakova und Elena Pris haben an dem Abend die dankbareren Rollen, obwohl es ein paar sehr schöne cloche Bewegungen (glaube, das heißt so) von Sarah Mestrovic gibt, die sehr schön entspannt rüberkommen.

Nun gut, die eigentliche Stärke der Choreographie liegt derweil natürlich weder in der eh zu vernachlässigenden Handlung noch in den solistischen Darbietungen, sondern in der Corps de Ballet Arbeit. Die Tänzer sind allesamt extrem gut aufgelegt, gelegentlich macht das Corps de Ballet hier etwas, was nicht so oft vorkommt: nämlich offen ein „Charakter“ zu sein, also eine Figur mit einem Ziel (Krenstetter von Saidakova ablenken oder generell ihn zu verführen). Richtig gut ist aber die Art und Weise, wie sich das Corps gelegentlich gruppiert, oft genug hat man zwei drei unterschiedliche Gruppen, manchmal tanzt das Corps auch dann weiter, wenn Solosachen stattfinden, das alles sehr souverän getaktet. Nun gut, ich bin ja eh ein Corps de Ballet Freund und hier kann man unter dem Gesichtspunkt wirklich großes Ballett sehen. Ich nehme an, dass ich darüber nach einem zweiten Sehen vielleicht mehr sagen kann. Corps de Ballet Sachen sind grundsätzlich schwerer zu beschreiben als Sologeschichten. Mir geht das jedenfalls so und ich glaube, vielen Profitanzkritikern auch, weil man darüber oft nur sehr oberflächliche Dinge zu lesen bekommt und es wäre mal ein Projekt, dafür eine Sprache zu finden.

Mein einziger Kritikpunkt zu Ratmansky: Ein Bühnenbild wäre schön gewesen.

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2 Kommentare leave one →
  1. vbl permalink
    März 24, 2014 8:06 am

    Und wieder einmal ein Text, dessen Lektüre fast genauso viel Spaß macht wie das angucken des Beschriebenen ;-). Beneide den Autor darum, dass er anscheinend die zweite Vorstellung angeschaut hat… Bei der Premiere war es in Sachen Einheitlichkeit des Corps de Ballet und technisches Meistern bei den meisten der TänzerInnen (außer bei den fünf Hauptpartien) eher aufbaubedürftig… Es tauchte der leicht bittere Gedanke auf, der Choreograph würde die Berliner Compagnie mit seinen Anforderungen etwas überfordern… Es wäre eine Freude, wenn dieser Eindruck nur dem Lampenfieber einer Premiere geschuldet wäre und sich immer mehr verflüchtigen würde.
    Abgesehen davon – habe auf diese Kritik gewartet und sie genossen! Révérence!

    • März 25, 2014 11:55 pm

      Vielen Dank! Das Lob freut mich sehr. Es war aber tatsächlich die Premiere.
      Was das Corps de Ballet betrifft: Ich finde es ja immer interressant, dass die gleiche Aufführung von unterschiedlichen Zuschauern unterschiedlich wahrgenommen wird. Mein erster Verdacht war, dass ich von meinem Sitzplatz aus eben einfach keine relevanten Fehler gesehen habe, die aus anderer Position vielleicht deutlicher zu Tage getreten sind. Tendenziell sitze ich lieber vorn, was für die Wahrnehmung der Corps Performance nicht immer optimal ist. Eine zweite Möglichkeit, die ich im Nachhinein für wahrscheinlicher halte, ist, dass ich gerade beim ersten Sehen ziemlich fasziniert von der Vielfalt und dem Variantenreichtum war, mit dem das Corps von Ratmansky eingesetzt wird, was für mich mögliche technische Mängel weit überstrahlt hat. Allerdings war es, verglichen mit der „Nussknacker“ Aufführung, die ich gesehen habe, so, dass die Corps Tänzer sich zumindest nicht gegenseitig über den Haufen gerannt haben und es keine Stürze gab. Es gibt in der Choreographie, glaube ich, auch Stellen, an denen das Corps bewusst als nicht synchron geschaltete Masse eingesetzt wird. Das wäre bei nochmaligem Sehen zu überprüfen, ob nicht Stellen, die „falsch“ erscheinen, so gewollt sind. Bin da nach dem ersten Sehen nicht sicher. Das wird sich aber vermutlich bei nochmaligem Sehen klären…

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