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Foreign Affairs – Hofesh Schechter „Sun“

Juli 6, 2014

Die Idee für Sun, so kann man im Programmblatt nachlesen, kam Hofesh Schechter auf einer Stehparty , die er wohl nicht so mochte. Später kam er dann zu der Erkenntnis, dass ihn die „Heuchelei dort so aufgeregt hatte“. Dieses zweifellos traumatische Erlebnis hat er dann in Sun verarbeitet. Wie erfolgreich, darüber kann man sich streiten.

 
Wie jedes Stück kann man „Sun“ nach Form und Inhalt untersuchen und die Form ist in dem Fall dem Inhalt weit überlegen. Inhaltlich passiert folgendes: Am Anfang wird ein kleiner Monolog gehalten, der ein bisschen klingt wie die Kampfansage einer Terroristengruppe im Untergrund. Text taucht wieder auf, als Tänzer mit Pappschafen und Pappwölfen, später mit Pappafrikanern in traditioneller Stammstracht und Pappkolonialisten in traditioneller Kolonialistentracht über die Bühne getragen werden. Eine Frau in der ersten Reihe des Publikums bekommt einen Schreianfall, dann wird getanzt, bis die Sache mit den Pappfiguren dann nochmal auftaucht. Und nochmal. Am Ende hört man dann nochmal den Monolog vom Anfang, diesmal etwas deutlicher, weil klar wird, wer die Terroristengruppe ist, nämlich die westliche Kultur, die in ihren eher dunklen Seiten als mordende, erobernde und unterdrückende Barbarentruppe hingestellt wird. Alles schön und gut, im Grunde gibt es wohl keinen Dissens darüber, dass die westlichen Gesellschaften den Überfluss für ihre Eliten der konsequenten wirtschaftliche Ausbeutung weniger privilegierter Länder zu verdanken haben. Das sagt Hofesh Schechter ziemlich eins zu eins in Sun und dass er das nicht so gut findet. Am Ende gibt es dann noch den Satz: „Here comes your fucking finale“, in relativ verächtlichem Tonfall vorgetragen.

 
Es gibt an diesem Inhalt vieles, das ich problematisch finde, gerade weil das Thema mich schon eine Weile beschäftigt. Wie für die meisten Menschen ist es für mich so, dass ich mein Leben lieber nicht auf Kosten anderer, die in fernen Ländern für meinen Wohlstand leiden, führen würde, wie die meisten Menschen stelle ich fest, dass das unter den gegebenen Bedingungen sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich ist. Man ist Teil des Systems, ob es einem passt oder nicht. Es ist so ähnlich, wie wenn jemand auf einer Stehparty am Rande steht, sich über die Heuchelei der anderen ärgert und dabei übersieht, dass er selbst Teil der Party und damit Teil der Heuchelei ist. Stehpartys sind dabei einfach: wenn einem das nicht gefällt, muss man nicht hingehen. Die Globalisierung mit ihren komplexen Ausbeutungsstrukturen ist erheblich schwieriger zu umgehen.

 
Ich neige dazu verärgert zu reagieren, wenn ein Theatermensch auf der Bühne glaubt, seinem Publikum den Spiegel vorzuhalten, indem er es für alles Schlechte, das von der betreffenden Kultur über die Welt gekommen ist, verantwortlich macht, sich gleichzeitig aber selbst auf den Sockel des moralischen Saubermanns stellt, der alles durchschaut hat und selbstverständlich, obwohl ebenfalls Teil dieser Kultur, absolut nichts mit all dem Bösen zu tun hat. Der Text in den Pappfigurpassagen geht dann so: This is a simple story about good and evil. „Evil“ ist dabei das Publikum, das hier für ein System stehen soll, das unbestritten ungünstige Auswirkungen für die Mehrheit der Erdbevölkerung hat, „good“ ist Hofesh Schechter als Sprecher für die Opfer der Globalisierung. Heuchelei? Jep, finde ich manchmal auch ärgerlich.

 
Nun gut, abgesehen von dieser wenig subtilen Systemkritik, gibt es außerdem noch Tanz und wie das so mit Tanz ist, geht es da sehr viel subtiler zu und die Bilder und Bewegungen, die Schechter da für sein Thema findet sind tatsächlich ziemlich gut. Es gibt erstaunlich viele Verweise auf klassisches Ballett, was sinnvoll ist, da wir es da ja gewissermaßen mit einer Tanzform zu tun haben, die ihren Ursprung im europäischen Absolutismus hat, in der, anders gesagt, die Herrlichkeit der damaligen Eliten abgebildet wird. Und so ist die Körperspannung, die man im klassischen Ballett sieht immer noch ein Verweis auf die gerade und aufrechte Heldenhaftigkeit, die man für sich selbst in Anspruch nahm. Bei „Sun“ ist es so, dass die Tänzer gelegentlich eine Ballettstandardposition einnehmen (erste Position Füße, vierte Armposition in den Schulen, die ich kenne) und dann die Körperspannung kollabieren lassen, indem sie im Oberkörper einknicken, als hätten sie Magenschmerzen oder würden von einem Gewicht niedergedrückt. Das ist deshalb gut, weil man es auf alle möglichen Arten interpretieren kann, aber nicht muss. Der Tanz rettet den Abend dann auch. Wir haben es mit relativ lauter, rhythmischer elektronischer Musik zu tun, die Hofesh Schechter selbst schreibt und zumindest den Soundtrack für „Political Mother“ würde ich mir ja tatsächlich besorgen, so er mal veröffentlicht wird. Zu der Musik wird auf sehr hohem Energielevel getanzt, wobei sich Schechter bei einem reichhaltigen Angebot an Einflüssen bedient – wie schon erwähnt klassisches Ballett, über arabisch anmutende Volkstänze, Gogotanz, Pantomime, bis zu zeitgenössischen Techniken, mutmaßlich Gaga oder sowas in der Art. Dieser weit ausholende Eklektizismus führt überraschenderweise in Kombination mit der Musik durchaus zu so etwas wie einem eigenen Stil. Von den beiden Hofesh Schechter Stücken, die ich gesehen habe, halte ich Polical Mother (director’s cut) zwar für weit überlegen, aber der Tanz gefällt mir tendenziell bei „Sun“ besser. Das hat vermutlich etwas damit zu tun, dass die Musik vom Band kommt und somit die Bühnenaktionen der Tänzer nicht visuell unterbuttert. Laut ist es trotzdem, aber bei weitem kein Metalstorm wie bei Political Mother.

 
Vermutlich würde ich das Stück erheblich besser finden, wenn Schechter auf die Stellen mit den Pappkameraden verzichtet hätte und ebenso Sprache weggelassen hätte, andererseits ist es natürlich legitim, sicher zu stellen, dass das, was er glaubt sagen zu müssen, auch ankommt. Auch wenn ich das für eine etwas zu kurz gegriffene Behandlung des Themas halte.

 

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