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Toula Limnaios – Miles Mysteries

August 3, 2014

Bedauerlicherweise komme ich in letzter Zeit nicht sehr häufig dazu, mir Tanzaufführungen anzuschauen, geschweige denn, mich dazu zu äußern. Tanz im August werde ich wohl auch eher nicht allzu häufig besuchen, aber das neue Stück von Toula Limnaios habe ich gesehen, an meinem Geburtstag, ein Ereignis, das ich insofern schon lange im Voraus geplant habe.
Ist es hilfreich, vorher zu wissen, dass das Stück von Goya-Radierungen inspiriert wurde? Naja, jedenfalls schadet es nicht. Was passiert so grob? Die Bühne ist recht nackt, hinten eine Art Paravent, hinter dem sich die Tänzer im Laufe des Abends allerlei Ausstattungsgegenstände holen werden und wo sie sich gelegentlich umziehen. Ansonsten dominieren sieben Seile (oder sechs – vergessen zu zählen), die von der Bühnendecke hängen und die man vielleicht noch aus dem Sportunterricht kennt, wo man dazu gezwungen wurde, die Dinger hochzuklettern oder so. Die Seile sind das zentrale Bühnenelement und folglich werden sie mal mehr mal weniger überraschend in den Tanz eingebunden. Relativ zügig werden die Teile verknotet, so dass man sie als Schaukel benutzen kann oder als Schlinge zum Erhängen. Mit eineinhalb Stunden ist das Stück recht lang, es passiert also recht viel. Wir haben sehr schöne Duette, die akrobatische Elemente beinhalten und Contact Impro Techniken. Es ist keine Contact Impro, weil ich nicht glaube, dass es improvisiert ist, ich glaube aber, dass im zeitgenössischen Tanz die meisten Haltegriffe und generell Techniken, einen anderen Körper zu bewegen, aus der Kontakt-Improvisation kommen, schlicht und einfach weil die dort benutzten Techniken sinnig und sicher sind.
Es gibt ein recht intensives Duett, das eine meist geschmackssichere Annäherung an Sex auf der Bühne ist, wer dazu nicht in Stimmung ist, kann sich die übrigen Tänzer anschauen, die derweil an den Seilen sparsam Bewegungen machen. Das besagte Duett ist aber gut und wie gesagt, erstaunlich geschmackvoll, wenn man es beispielsweise mit ähnlichen Passagen in „the Nights“ am Staatsballett vergleicht.
Es gibt wieder synchron getanzte Passagen, um die aber kein großes Aufheben gemacht wird, die aber mitunter sehr effektvoll sind, nach meiner Erinnerung beeindruckender je häufiger sie wiederholt werden. Also: eine endlose Wiederholung einer relativ komplexen Bewegungsfolge, getanzt von allen, dann verlässt einer nach dem anderen die Bühne, bis nur noch eine Tänzerin (Inhee Yu, glaube ich) übrig bleibt und das Ganze wird besser, je länger es dauert. Die eine verbleibende Tänzerin markiert dann sinnigerweise den Abschluss der gezeigten Sequenz und es geht im fließenden Übergang weiter. Übergänge wären ein interessantes Thema, das man mal an „miles mysteries“ untersuchen könnte, der Ansatz ist natürlich relativ technisch/akademisch, könnte aber aufschlussreich sein.
Um tatsächlich alle Bilder der Aufführung etwas genauer zuzuordnen und zu beschreiben, vielleicht gar zu interpretieren, müsste ich das Stück sicher noch einige Male schauen.

Also: es gibt eine Passage, in der die Tänzer auf ein unsichtbares Etwas zurennen, um dann vor eben diesem Etwas zu flüchten, das ist ziemlich am Anfang und der geneigte Zuschauer, mag google anschmeißen und nach Goya Radierungen suchen, die dafür die Inspiration gewesen sein mögen. Etwas in der Art:

Goya_-_Torheit_der_Furcht_-1819-23

Oder wenn besagte Inhee Yu von den übrigen Tänzern bewegt wird, mag man sich an so etwas erinnert fühlen:

Brooklyn_Museum_-_They_Have_Flown_(Volaverunt)_-_Francisco_de_Goya_y_Lucientes

Für die Seile kann jeder selbst googeln, da gibt es sehr viele gruselige Beispiele.

Etwa nach einer Stunde wird die Nebelmaschine, die vorher gelegentlich lautstark Kunstnebel auf die Bühne spuckte in Dauerbetrieb genommen und es folgt so grob eine halbe Stunde lang eine Art Prozession seltsamer, surrealer Bilder. Nun bin ich ein Fan davon, ein Mittel, an das man glaubt, so lange zu wiederholen, bis es wirkt und tatsächlich habe ich schon mehr Stücke daran scheitern sehen, dass sie eine gute Idee zu kurz durchgespielt haben, statt sie in der nötigen epischen Länge auszuwalzen. Manche Dinge im Tanz brauchen Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten. Meg Stuart ist mein Paradebeispiel für gutes Timing, wenn es darum geht, eine Idee so lange zu untersuchen, bis sie wirkt, d.h. bis der Zuschauer gewissermaßen in einen anderen Bewusstseinszustand gerät. Am langen Ende von Miles Mysteries könnte das funktionieren, aber es funktioniert nicht ganz und das hat, vermute ich, etwas mit der Dynamik der sehr langen Sequenz zu tun. Der Nebel ist gut. Wir befinden uns gewissermaßen im umnebelten Traumreich (et voilà – die berühmteste Radierung aus dieser Goya Phase – der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer)

03-francisco-de-goya-y-lucientes-the-sleep-of-reason-produces-monsters-los-caprichos-the-caprices-nr-43-1799

Die Bilder die im Nebel auftauche, sind im besten Fall Traumbilder. Ich vermute, das Ganze würde perfekt funktionieren, wenn dazu Joints gereicht würden, da das nicht passiert, vermute ich, dass eine gewisse tänzerische Dynamik, eine unmittelbar erkennbare Dramaturgie in den Traumbildern den Effekt befördern würde. Es funktioniert auch so, aber tatsächlich entsteht der nötige Assoziationsraum, um dieses Wort mal zu bemühen, nur mit Mühe und gutem Willen.

Also im Großen und Ganzen kann man sich Miles Mysteries natürlich anschauen, wenn man guten zeitgenössischen Tanz (!) sehen will. Getanzt wird nämlich viel und gut. Es gibt nach meinem Dafürhalten bessere Stücke von Toula Limnaios, aber es ist interessant zu sehen, in welche Richtung sie sich entwickelt und wie sich das Stück dann im Gesamtwerk einfügen wird.

Ich glaube, ich habe an anderer Stelle mal gesagt, dass es für mich ein Qualitätskriterium bei Toula Limnaios Stücken ist, inwieweit die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Tänzer zum Ausdruck kommen. Ich glaube, dass Miles Mysteries, wenn man dieses Kriterium anwendet, gut ist. In der aktuellen Besetzung ist es aber so, dass mir vor allem die großartige Karolina Wyrwal im Gedächtnis bleibt. Es ist noch nicht mal so, dass die junge Dame das meiste zu tanzen hat, sie strahlt auf der Bühne nur eine gewisse aristokratische Würde aus, die sie immer behält und unterschiedliche Emotionen werden von ihr so dargestellt, dass sie einfach ihr Energieniveau entsprechend reguliert. Alle Tänzer sind gut und können tanzen (!), was in anderen zeitgenössischen Aufführungen, die ich dieses Jahr gesehen habe, mitnichten der Fall war. Alle Tänzer sind gut, haben auch eine gute Performancehaltung, Frau Wyrwal ist derweil besonders. Zumindest in meiner Wahrnehmung – die Wahrnehmung von Menschen ist ja viel mehr als alles andere, etwas, was mit persönlicher Gestimmtheit zu tun hat – was ich für eine tolle Bühnenpräsenz halte, mögen andere nicht so gut finden und umgekehrt. Wie dem auch sei, das Gute bei Toula Limnaios, egal welches Thema sie sich vornimmt, ist, dass man eben Menschen auf der Bühne sehen kann. Und dabei findet man dann ja auch immer etwas über sich selbst raus.

Was gibt es noch zu sagen? Ralf Ollertz macht wie immer die Musik und ich würde behaupten, dass Miles Mysteries nicht seine beste Arbeit ist, die Musik erfüllt natürlich ihren Zweck, aber bei i-tunes würde ich sie mir nicht runterladen (es gibt andere Musiken von Herrn Ollertz, bei denen das anders ist). So viel dazu. Vielleicht komme ich dazu, mir das Stück nochmal anzuschauen und kann dann mehr und Aufschlussreicheres dazu sagen.

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