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Staatsballett Berlin – Schwanensee Semionova/Kaniskin Version 2015

Januar 3, 2015

Das neue Jahr fängt besser an als das alte aufgehört hat, das ab Mitte November für mich von einigen Meinungsverschiedenheiten mit meiner Gallenblase geprägt war, die sich dann in den Mülleimer eines Münchner OP-Saals verabschiedet hat.
Aber 2015 beginnt erstmal mit einem Wiedersehen mit Polina Semionova. Für mich ist das eine relativ emotionale Angelegenheit, das heißt, ich muss mich doch zusammenreißen, nicht in Tränen auszubrechen wie ein kleines Mädchen beim Justin Bieber Konzert. Meine Schwäche für Polina Semionova hat etwas damit zu tun, dass ich doch eine Weile darum kämpfen musste, einen Zugang zu klassischem Ballett zu finden. Ich habe Bücher gelesen, selbst Ballettunterricht genommen und mir Videos und einige Liveaufführungen angeschaut, fand aber am Anfang doch oft, dass der Aufwand, die lange Ausbildung und die damit verbundenen Schmerzen für die Tänzer und Tänzerinnen, die Mühen, sich eine Choreographie zu erschließen, durch das Ergebnis nicht gerechtfertigt sind. Dadurch, dass man das selbst zum Ballettunterricht geht, weiß man die körperliche Leistung mehr zu schätzen, die Kunstform selbst versteht man aber dadurch nicht besser. Wie beim zeitgenössischen Tanz auch, braucht man jemanden, der einem das erklärt oder der einem zeigt, was Ballett kann und bei mir war die Aufführung, die das geleistet hat, „Onegin“ in der Polina Semionova Version.
Ich nehme an, viele Zuschauer haben irgendwie so ein Erlebnis mit einem spezifischen Tänzer, das dazu führt, dass sie lernen die Form an sich zu schätzen. In jungen Jahren bringen derartige Erlebnisse Menschen auch dazu, anzufangen Ballett zu lernen und die Verbindung zu dem spezifischen Tänzer, der einen dazu inspiriert hat, ist und bleibt dann eine besondere. Es muss noch nicht mal ein besonders toller Tänzer sein, sondern einfach einer, der einen auf besondere Art berührt oder anspricht. Es ist nicht unbedingt ein Zufall, dass mir das ausgerechnet mit Polina Semionova passiert ist, weil sie ja tendenziell einen analytischen Ansatz verfolgt, das heißt, sie durchdringt erstmal intellektuell jede Bewegung einer Choreographie (wenn die Choreographie das erlaubt, bei vielen Choreographien wird dieser Ansatz nicht greifen, weil der Choreograph mehr aus dem Bauch raus arbeitet oder sich nicht so viel Mühe gibt) und wenn die intellektuelle Arbeit getan ist, dann setzt sie das auf der Bühne um.

Bei Onegin hatte das sicherlich auch etwas damit zu tun, dass es die erste Aufführung war, die ich mir in drei unterschiedlichen Besetzungen angeschaut habe, wodurch sich die Qualität von Ballett nach meinem Dafürhalten am besten zeigt: man sieht mit drei Besetzungen drei Stücke, die jeweils etwas anderes aussagen und bedeuten, Sprechtheater kann das nicht so ohne weiteres, weil ein Wort sehr viel mehr Bedeutung vorgibt als eine Bewegung.
Das „Aha-Erlebnis“ kam für mich aber bei einer Aufführung mit Polina Semionova. Später wiederholten sich ähnliche Erfahrungen z.B. bei Schwanensee, wo eher Iana Salenko für die Aha-Erlebnisse zuständig ist, aber Polina Semionova verdanke ich das erste Erlebnis dieser Art, deshalb ist sie für mich etwas Besonderes und ich reagiere etwas emotionaler als erwartet, als ich sie nach zwei Jahren Abstinenz und wieder auf der Bühne sehe.

Zum Stück:
Ganz subjektiv: wenn mich mein Eindruck nicht getäuscht hat, hat Polina Semionova sich tatsächlich darüber gefreut, das wieder in Berlin zu tanzen und die Atmosphäre auf der Bühne ähnelt ein bisschen einem Klassentreffen, bei dem sich tatsächlich alle gut gelaunt treffen, um mal wieder eine Party zu feiern. Das ist schön, wenn auch nicht besonders schwanenseehaft. Aber egal.
Ich war lange nicht mehr im Ballett gewesen und Schwanensee ist tatsächlich das erste Stück unter der Duato Intendanz, das ich gesehen habe. Neu ist: für kleine Zuschauer gibt es jetzt Sitzkissen, die ihren Sitz erhöhen. Es kam mir auch so vor, dass in der Inszenierung teilweise Rückprojektionen (also Video) benutzt wurde und ich glaube, das war vorher nicht so. Vielleicht habe ich es aber auch nicht gesehen, weil ich diesmal relativ weit rechts saß, ein Platz, der den Nachteil hat, dass er, was das Orchester betrifft, nah bei den Blechbläsern ist, die gelegentlich von da aus seltsam übersteuert klingen, als hätten sie ihre Posaunen an Marshall Verstärker angeschlossen.

Da ich lange nicht im Ballett war, habe ich dem ersten Akt wohl mehr Wertschätzung gegenübergebracht als sonst üblich. Das Corps de Ballet sah für mich über weite Strecken leicht und luftig aus, bis ich mich dann genug in die Aufführung hineinentspannt hatte, um die üblichen Unsauberkeiten zu sehen, die aber nicht übermäßig dramatisch waren und die mir im zweiten und vierten Akt auch nicht mehr auffielen – kann es sein, dass das weibliche Corps besser aufgestellt ist, als das männliche?

Mikhail Kaniskin und Beatrice Knop lieferten ihre Parts als Siegfried und seine Mutter (wie heißen diese Leute eigentlich mit Nachnamen?) routiniert, fast unterspannt ab, während Kevin Pouzou als Benno nun nicht seinen besten Tag erwischt hatte und wie die deutschen Skispringer bei der Vierschanzentournee die Angewohnheit hatte, bei seinen Sprüngen zu früh zu landen. Ich habe tatsächlich in Akt 1 keinen einzigen Sprung von ihm gesehen, bei dem er nicht massiv nachkorrigieren musste.

Besser schlagen sich Iana Balova und Krasina Pavlova, die ihre Parts souverän abliefern. Krasina Pavlova hat ja auch schon mal Odette/Odile getanzt (allerdings außer Konkurrenz weil nicht erste Solotänzerin). Dass beide tanzen können ist ja keine Neuigkeit, aber umso mehr freut es einen ja, dabei zuzuschauen, wenn beide in guter Form ihr Ding durchziehen.

Akt 2

Beginnt für mich mit einem wesentlichen Siegfried Moment, nämlich der Schwanenjagd und während ich Mikhail Kaniskin im ersten Akt etwas nichtssagend fand, macht er hier alles richtig, er spielt das auf die meiner Meinung nach einzig sinnige Art, die da ist: er hat einfach keinen Bock darauf, auf die Jagd zu gehen.

Das erste mal taucht das allgemein bekannte Schwanensee Thema, begleitet von einer seltsamen „Nicht-Choreographie“ bei der Kaniskin auf dem Boden rumlungert und irgendwas mit der Hand auf den Bühnenboden malt.

Auftritt Polina Semionova begleitet von den von mir geschilderten Stresszuständen meinerseits. Es kommt mir so vor, dass sie, was folgt, etwas leichter und transparenter tanzt als vor zwei Jahren, aber das kann auch daran liegen, dass mir durch längere Ballettabstinenz die (scheinbare) Leichtigkeit der Darbietungen mehr auffällt als sonst. Kaniskin zeigt gutes komödiantisches Timing beim Umgang mit dem Gewehr (ja, es gibt Witze in Schwanensee) und die beiden harmonieren sehr gut miteinander und haben offensichtlich Lust, die Sache gemeinsam zu tanzen. Also im Gegensatz zu mir sind die beiden sehr entspannt und trotzdem konzentriert dabei und es macht schon Spaß, dabei zuzusehen.

Der Spaß bedingt, dass Polina Semionova das Leidende von Odette deutlich zurücknimmt, was meiner Meinung nach so oder so eine gute Idee ist.

Pause

Ich irritiert, immer noch den Tränen nah, vielleicht kommt da nun auch ein wenig der Stress des letzten Jahren raus. Aber natürlich reiße ich mich zusammen mit Hilfe von Espresso und Zigaretten. Stimmungsbild in der Pause beim Restpublikum: nicht anders als sonst auch.

Akt 3

Schwanensee hat ja den Vorteil, dass das Stück von Akt zu Akt besser wird. Jetzt also der Odile Auftritt von Polina Semionova. Da ist sie ja weit vorne mit dabei, aber ich sitze in Reihe fünf und aus Reihe eins, zwei oder drei, kann man besser sehen, warum sie da vorne ist.
In der Fouttée Wertung fällt sie überraschenderweise zurück. Meine Erwartung war ehrlich gesagt, sie hätte das in New York so oft geübt, dass sie die Dinger auf einer Briefmarke tanzen kann, die Veranstaltung wird aber ziemlich raumgreifend. Auffallend ist, dass sie offensichtlich den Rhythmus nach Lust und Laune oder Schwung und Gleichgewicht variiert zwischen ein Fouttée pro drei Drehungen und ein Fouttée pro Drehung ist alles dabei. Hm, vielleicht war sie nicht in Fouttée Stimmung.

Die Überraschung des Abends ist für mich Alexej Orlenco als Rotbart. Als ich das auf dem Programmzettel gelesen habe, war ich etwas skeptisch, weil der Mann ja doch eine sehr jugendliche Ausstrahlung hat, die zu Rotbart nicht so recht passt. Aber Maske und Kostüm machen da einen guten Job und er schauspielert sich durchaus alt. Die ja für meine Begriffe gelungensten Neuchoreographie von Patrice Bart bei Schwanensee ist ja das (leider kurze, aber knackige) Rotbart Solo und das macht er mit der nötigen Entschlossenheit und Energie. Sehr gut, hätte ich so gar nicht mit gerechnet.
Akt 4

Das wichtigste bekomme ich nicht mit, nämlich wie die letzte Szene von Siegfried und Odette verläuft, weil irritierende Geräusche aus dem Orchestergraben zu mir dringen und ich mich davon ablenken lasse. Bei Iana Salenko ist die letzte Siegfried/Odette Szene ein Tribunal, bei weniger mutigen Performern Herzschmerz, leider kann ich nicht sagen, für welche Variante sich PS entschieden hat.
Akt vier beginnt mit einem kleinen Solo von Beatrice Knop, das sie diesmal nicht routiniert, sondern mit Verve tanzt, wie man sie halt so kennt. In Akt zwei habe ich mir für mich notiert, dass sobald Polina Semionova auftaucht alle besser tanzen, aber ich traue da meiner eigenen Wahrnehmung nicht so ganz, für Mikhail Kaniskin trifft es auf jeden Fall zu. Die beiden haben sichtlich Spaß, sicheres Partnering und sinnige Siegfried Intrpretation von Kaniskins Seite. Und die Polina kriegt standing Ovations am Ende.

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