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Staatsballett Berlin – „Giselle“ Salenko/Tamazlacaru Version

Januar 11, 2015

So, nachdem ich beschlossen habe, über die ersten Aufführungen, die ich bei den Tanztagen gesehen habe, lieber nichts zu sagen, bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder über das Staatsballett zu berichten. Aufführungen dort unterscheiden sich ja wesentlich von den Tanztagen, weil am Staatsballett tatsächlich getanzt wird und zwar exzessiv. Ich will über die Tanztage aber kein voreiliges Urteil abgeben, insofern warte ich erstmal ab, bis das Festival zu Ende ist und bin sicher, dass ich da auch noch interessante Sachen sehen werde, über die ich Lust habe zu berichten.
Also:

Giselle.
Das wichtigste zuerst: Iana Salenko hat jetzt rote Haare, was ich sehr gut finde, obwohl ich mich normalerweise nicht übermäßig für die Haarfarbe von Tänzerinnen und Tänzern interessiere.

Vorbemerkung: das ist die erste Giselle Vorstellung, die ich live sehe, das Stück ist mir in der Version des Royal Ballet mit Natalia Ospipova (Kino) und Alina Cojucaru (Video) bekannt, im Moment bin ich aber nicht so recht in der Lage die Unterschiede zwischen der Berliner Version und der Royal Ballet Version auseinanderzufriemeln. Die Berliner Version kenne ich noch nicht gut genug, tatsächlich kriege ich beim Nacherzählen nicht einmal die genaue Reihenfolge der Auftritte und Ereignisse im zweiten Akt zusammen. Das hat etwas damit zu tun, dass ich mich logischerweise während der Aufführung und vorne sitzend auf unterschiedliche Dinge konzentriert habe, gelegentlich habe ich vor allem auf die Füße der Tänzer geschaut, weil es eben durchaus faszinierende und komplizierte Schrittfolgen gibt, wodurch man dann andere Details nicht sieht. Das wird sich mit der Zeit und besserer Kenntnis des Stücks etwas lichten.

Über Giselle gibt es ja sehr viel zu sagen und das wird nicht alles in diesem Bericht Platz finden. Bei Gelegenheit werde ich also ein paar allgemeine Informationen zu dem Ballett zusammen tragen, wobei das sehr informative Programmheft des Staatsballetts hilfreich sein wird, dann muss ich nicht alles in der „international encyclopedia of dance“ nachschlagen.

Genremäßig gilt Giselle als „romantisches Ballett“, heute, da wir Genres etwas weniger allgemein fassen, würde ich sagen, das Stück bewegt sich in einem Genre, das in der Bühnenkunst außerhalb von Grand Guignol und Musical eher selten zu finden ist: es handelt sich nämlich um einen lupenreinen Horrorplot, der auch entsprechend umgesetzt wird – nein, es fließt kein Blut und ähnliche Mätzchen, aber allein die Armhaltung der berüchtigten Wilis im zweiten Akt, ist tatsächlich unheimlich und macht klar, dass sie nicht gewillt sind, bei ihren männlichen Opfern übermäßig viel Gnade walten zu lassen. Die Arme sind dabei vor dem Bauch verschränkt, Handflächen nach oben und wie eine Corps de Ballet Tänzerin des Royal Ballet es auf den Punkt brachte: „die halten da ihre ungeborenen Kinder.“

Wie nahezu jeder Stephen King Roman und viele andere Werke des Genres, beginnt Giselle aber mit einer Idylle oder sagen wir: einer scheinbaren Idylle. Eine recht harmonische Bauernwelt, in die Schürzenjäger Albrecht, natürlich adelig und mit deutschem Namen versehen, zu Besuch kommt, um hinter dem Rücken seiner Verlobten ein knackiges Dorfmädel aufzureißen. Zu diesem Zwecke verheimlicht er seine adelige Herkunft und macht das, was man im Ballett eben so macht, wenn man die girls beeindrucken will: tanzen.

Giselle, ein kränkliches und etwas einfältiges Mädchen der Dorfgemeinschaft, fällt natürlich sofort auf ihn rein, einzig der zu Recht misstrauische Jäger Hilarion (Dominic Hodal) ahnt, dass Albrecht mit falschen Karten spielt. Giselle ist im ersten Akt relativ klar gezeichnet. Eine Tänzerin hat da, glaube ich, keine so riesige Variationsbreite, wie sie das Mädel anlegen soll. Iana Salenko setzt einige schauspielerische Marken sehr klar, wie die Krankheit Giselles, ihre Begeisterung fürs Tanzen und ihre Zuneigung zu Albrecht und damit ist die Figur eigentlich so klar wie sie sein kann.

Albrecht ist komplizierter und dazu wird noch mehr zu sagen sein. Wirklich erhellen wird sich das Ganze vermutlich erst im Vergleich mit anderen Versionen, aber Dinu Tamazlacarus Version hat Hand und Fuß, und er geht den relativ schwierigen Weg, Albrecht relativ sympathisch zu zeichnen. Groß und tatsächlich lustig, ist der Moment in dem er auffliegt, als also seine Verlobte (Elena Pris) auftaucht und Giselle rafft, dass er nicht der ist, der zu sein er vorgegeben hat. Das lustige an der Dinu Tamazlacaru Variante ist, dass sie stimmt, das heißt, er, der eigentlich nur Spaß haben wollte, hat mittlerweile tatsächlich mindestens Sympathien für die kleine Giselle entwickelt und jetzt fliegt ihm sein Possenspiel um die Ohren. Er versucht zu retten, was zu retten ist und es klappt nicht. Er macht das so gut, dass ich ihm tatsächlich glaube, was für den zweiten Akt sehr hilfreich ist. Giselle dreht darauf hin durch und stirbt. In manchen Versionen ersticht sie sich mit Albrechts Schwert, hier stirbt sie, soweit ich das sehen konnte, an gebrochenem Herzen ohne weitere Einwirkung von Außen.

Der zweite Akt nimmt dann seinen Lauf und beginnt mit dem guten Albrecht der – durch die Ereignisse des ersten Akts ein gebrochener Mann – sich dummerweise in den Wald verirrt hat, wo Giselles Grab ist. Er sieht Giselle, tanzt und folgt dann der Erscheinung in den Wald, was ihn davor bewahrt, sofort in die Hände der Wilis zu fallen. Es folgt die Vorstellung der Wilis, über die ich bei Gelegenheit etwas mehr sagen werde, zunächst in Gestalt von Elisa Carrillo Cabrera, als Myrtha, Königin der Wilis. Elisa CC als Myrtha ist so ziemlich das Gegenteil von Typecasting, sie schafft es aber tatsächlich über den ganzen zweiten Akt Eiseskälte auszustrahlen, was im Großen und Ganzen Myrthas Job ist. Sie hat außerdem ein paar relativ schwierige Sachen zu tanzen und das klappt alles ganz wunderbar. Im Programmheft wird man darauf hingewiesen, dass der zweite Akt ein Arabeskenexzess ist – vor allem in der Tanzarbeit, die die Myrthatänzerin und das Corps de Ballet zu erledigen haben. Und es stimmt, dass es seeehr viele Arabesken in allen möglichen Varianten gibt.

Nach der ausführlichen Myrtha und Wilis Einführung entsteigt Giselle ihrem Grab und Iana Salenko hat wieder allerhand zu tun. Hilarion, der sich dämlicherweise ebenfalls nachts in den Wald verirrt hat, wird relativ zügig und ohne große Umstände kalt gemacht – Giselle ist, glaube ich, dabei nicht anwesend. Als nächster ist Albrecht dran, der das Glück hat, dass Giselle versucht, ihn zu retten. Sie schafft es zumindest, Zeit zu gewinnen, wodurch Albrecht tatsächlich überlebt, denn mit Anbruch des Tages verschwinden die Wilis wieder und das Stück ist zu Ende.

Soweit so gut, wie schlagen sich die Tänzer?

Iana Salenko:
Meiner Meinung nach als Giselle nahezu die Idealbesetzung. Iana Salenko ist ja relativ klein und das ist für die Rolle eher gut, weil ich als Zuschauer keinerlei Probleme habe, das kränkliche von Giselle zu glauben, wobei sie völlig problemlos von einem Schwächeanfall zum begeisterten Tanz wechseln kann, was genau die Figur „Giselle“ ist. Die berühmte Verrücktwerd Szene, also die Szene, in der Giselle stirbt, glaube ich ihr, ebenso den Moment, in dem sie versteht, dass Hilarion recht hat und Albrecht ein falsches Spiel treibt. Das ist insofern bemerkenswert, weil es keinen wirklichen Auslöser dafür gibt, dass sie das versteht. Sie schaut Albrecht an, will es erst nicht glauben und glaubt es dann doch. Die „Madness Szene“, die dann folgt, ist vor allem eine schauspielerische Herausforderung und das gelingt ihr ohne dabei peinlich zu werden und so dass man es glaubt und Giselle einem leid tut. Warum die Szene so berühmt ist, weiß ich nicht, vermutlich weil sich dabei einige, schauspielerisch weniger begabte Tänzerinnen bis auf die Knochen blamiert haben; das passiert Iana Salenko nicht.

Tänzerisch hat sie keinerlei Probleme weder im ersten noch im zweiten Akt. Iana Salenko und Dinu Tamazlacaru sind ja nun zwei Tänzer, die auf sehr hohem Energieniveau tanzen können und bei Giselle bekommen sie dafür ausreichend Gelegenheit und es kommt mir so vor, dass beide diese Gelegenheit nutzen, um ordentlich aufzudrehen und das macht dann schon Spaß. Ich neige zu der Behauptung, dass Iana Salenko der erste Akt mehr liegt als der zweite, aber da sie sich im zweiten ebenfalls keinerlei Schwächen erlaubt, ist das wohl Ansichtssache.

So gesehen hat Iana Salenko jetzt mal einen Giselle Referenzpunkt gesetzt, an dem sich andere Besetzungen abarbeiten können. Das wird noch interessant.

Dinu Tamazlacaru
Setzt dann den zweiten Referenzpunkt. Tänzerisch spektakulär, mit Iana Salenko zusammen eigentlich noch spektakulärer (irgendwie hat das Staatsballett mit Salenko/Tamazlacaru eine sehr glückliche Kombination gefunden) und von der Anlage der Figur Albrecht her relativ zwingend. Also in der Royal Ballet Version, die im Kino übertragen würde, hat Carlos Acosta Albrecht sehr viel unsympathischer angelegt und bekommt dann Probleme im zweiten Akt, die Figur sinnig zu zeichnen. Dinu Tamazlacaru schafft es besser, die Figur stringent und ohne Brüche oder „Häh???“ Momente zu entwickeln, was alles andere als selbstverständlich ist.

Ich habe Iana Salenko und Dinu Tamazlacaru ja das letzte mal bei der Malakhov Gala gesehen, was schon eine Weile her ist, wo sie nur kurz über die Bühne gefegt sind, Spaß hatten und man vor allem gestaunt hat. Mir kommt es aber so vor, dass die bemerkenswerte Entwicklung bei Dinu Tamazlacaru im schauspielerischen und dem Durchdringen der Figur, die er zu verkörpern hat, liegt. Bisher kam es mir bei ihm immer so vor, dass er auf der Bühne vor allem Dinu Tamazlacaru war, wofür ihn die Zuschauer geliebt haben, aber der Nachteil war, dass die Rollen, die er spielen sollte, dann mehr so ein Vorwand für ihn waren, das zu tun, was ihm am meisten Spaß macht, nämlich tanzen und spektakuläre Sprünge zeigen. Bei Giselle habe ich ihn das erste mal so gesehen, dass er sich wirklich erfolgreich eine Rolle aneignet und mit ihr verschmilzt. Dem weiblichen Publikum kann man beruhigt sagen, dass er dann trotzdem noch Dinu Tamazlacaru ist, aber er hat damit nach meinem Dafürhalten einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Tanzen und Springen kann er, seit ich Vorstellungen im Staatsballett besuche. Was er mit Albrecht macht, habe jetzt so von ihm noch nicht gesehen und es ist schon gut, wie er in die erste Solistenrolle reinwächst und falls jemand, als er in die erste Riege kam, Zweifel hatte, ob er dem gewachsen sein würde, sind diese Zweifel mit Giselle widerlegt.

Elisa Carrillo Cabrera
Verglichen mit der Kino-Royal Ballet Version erheblich besser als die Tänzerin die sich dort als Myrtha versucht hat. Eiskalt und eben so, wie das Monster in einem Horrorstück zu sein hat, was glaube ich ihrer eigentlichen Bühnenausstrahlung etwas zuwider läuft und deshalb umso bemerkenswerter ist.

Dann haben wir noch: drei Rollendebuts.

Elena Pris als Bathilde, Albrechts Verlobte
Wie Martin Szymanski als Prinz von Kurland und Alexander Korn als Albrechts Knappe und der ganze Adelstroß, hat sie nichts zu tanzen, was bedauerlich ist. Wenn man so will rettungslos unterfordert. Schauspielerisch legt sie das ganze tendenziell fies und arrogant an, wogegen nichts zu sagen ist. Mich persönlich würde es mehr interessieren, Elena Pris als Giselle zu sehen. Das wäre tatsächlich interessant. Myrtha wäre auch schön, aber ziemlich naheliegend. Bathilde? Hm, da drauf muss man eigentlich keine erste Solistin setzen.

Dominic Hodal als Hilarion
Man merkt nicht, dass es sein Rollendebut ist, tänzerisch einwandfrei, was die Anlage der Rolle betrifft kann eigentlich erst der Vergleich mit anderen Tänzern näheren Aufschluss geben.

Sebnem Gülseker als Berthe, Giselles Mutter
Tanzt Berthe eigentlich? Bin gerade nicht sicher. Ihre Hauptfunktion ist natürlich, sich Sorgen um Giselle zu machen und ihr Töchterchen gegen den lüsternen Albrecht zu verteidigen. Das macht sie sehr gut, wenn auch erfolglos.

Dann haben wir noch die viel beschäftigte Iana Balova und Ulian Topor, die das Bauern Pas de deux so tanzen, dass es daran von meiner Seite nichts auszusetzen gibt, sowie Sarah Mestrovic und Ilenia Montagnoli als zwei etwas herausgehobene Wilis, die sogar Namen haben (Zulmé und Moyna), auch da gibt es nichts auszusetzen.

Corps de Ballet:
Die girls sind ja eigentlich immer gut, diesmal erlauben sich die männlichen Kollegen aber auch keine von meiner Seite aus wahrnehmbaren Schwächen.

Soweit so gut, es ist mir fast ein bisschen peinlich, dass ich so gar nichts an der Giselle Aufführung kritisieren kann, außer vielleicht, dass ich es besser finde, wenn Elena Pris was zu tanzen bekommt. Aber was soll man sagen: so genervt ich bislang von den Tanztagen war, so angetan bin ich von den beiden Staatsballett Vorstellungen im neuen Jahr. 2:0 fürs klassische Ballett und so bedauerlich es sein mag: wenn die zeitgenössischen Tänzer und Tänzerinnen sich weiter weigern, zu tanzen, werden die da auch in Zukunft keinen Stich machen.

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