Skip to content

Tanztage Berlin 2015 – Lea Moro – Le sacre du printemps for a single body

Januar 13, 2015

Glücklicherweise kam die Lust über die Tanztage zu berichten schneller zurück als gedacht, dank Lea Moros kleines Stück mit oben genanntem, sehr langem Titel.

Wie eben dieser vermuten lässt, handelt es sich um eine Aufführung von Le sacre du printemps als Tanzsolo. Das Tanzsolo ist ja die Form der freien Szene schlechthin, nicht weil irgendjemand denken würde, dass es sich dabei um eine besonders überlegene und ergiebige Art der Präsentation handeln würde, sondern weil die finanzielle Situation der freien Tanz und Performance Szene nach wie vor katastrophal ist und – sehen wir denTatsachen ins Auge – auch bleiben wird, so die Politik sich weiterhin weigert, den hohen Stellenwert anzuerkennen, den ein lebendiges kulturelles Leben für die Weiterentwicklung eines soziales Systems und den sozialen Frieden hat.

Das gilt für eine große Stadt wie Berlin in besonderem Maße, aber eigentlich für alle sozialen Systeme, egal wie groß oder klein sie sind. Eine WG, in der regelmäßig die Bewohner sich gegenseitig ihre Lieblingsgedichte vorlesen, wird musmaßlich besser miteinander auskommen, als Wohngemeinschaften, in denen derartige Aktivitäten nicht gepflegt werden.

Aber da sich der gesellschaftliche Wert nicht unbedingt in der finanziellen Ausstattung der freien Szene widerspiegelt, ist das Tanzsolo mittlerweile für mich, unabhängig von der künstlerischen Qualität des jeweiligen Stücks, zum Symbol kultureller Verarmung geworden und wird es auch bleiben, bis sich Tänzer nicht mehr aus finanzieller Not für diese Form entscheiden müssen, sondern weil für ein gegebenes Thema das Solo besser geeignet ist, als eine größere Form.

Die Vorrede war nötig, weil Lea Moros Stück als Solo sehr gut funktioniert, mutmaßlich besser, als es als ensemble Werk funktionieren würde. Zunächst mal ist diese Sacre Version – wie man dann im recht aufschlussreichen Aufführungsgespräch erfährt – vor allem das Ergebnis einer gründlichen Recherche über dierse Secre Aufführungen, die dann letztlich zu einer noch gründlicheren Recherche der Uraufführung in der Choreographie von Vaslav Nijinsky führte. Eben jene Uraufführung ist nun schon über hundert Jahre her und ich selbst kenne die Choreographie nur von Fotos und Berichten. Es gibt eine Rekonstrukion des Joffrey Ballet, die mutmaßlich die Originalversion wiedergibt, aber anders als bei Schwanensee, Giselle und diversen klassischen Balletten gibt es keine kontinuierliche Aufführungspraxis der Choreographie, die deren Erhalt mehr oder weniger garantieren würde. Das ist insofern bemerkenswert, als die Sacre Uraufführung nun doch ein kulturhistorisch bedeutsames Ereignis war. Für den zeitgenössischen Tanz sicher erheblich bedeutsamer als die diversen erhaltenen klassischen Ballette.

Es gibt aber natürlich Anhaltspunkte: Fotos, Aufführungsbeschreibungen, sowie eine Art Tanznotation zur Partitur. Wer sich einen genaueren Einblick in die mit der Rekunstruktion historischer Tanzstücke verbundenen Schwierigkeiten verschaffen will, sei auf ein Buch namens „Securing our dance heritage“ von Catherine Johnson und Allegra Fuller Snyder, das man freundlicherweise und ganz legal hier einsehen kann.  Dabei wird auch auf die Rekonstruktionsarbeit von Sacre eingegangen, mit dem ein oder anderen Foto. Meine Vermutung ist, dass Lea Moro, hätte sie Sacre als Ensemblewerk aufgeführt, mehr oder weniger eine Rekonstruktion geschaffen hätte, wogegen nichts spricht. Vielleicht hätte es Verweise auf aktuelle kulturelle Phänomene wie die Heavy Metal Tanzkultur gegeben, vielleicht wären diese Verweise in einem Ensemblestück sogar etwas klarer gewesen. Dadurch dass sie aber das Fomat des zeitgenössischen Tanzes schlechthin wählt: das Solo, wird sehr deutlich, dass NIjinskys hundert Jahre alte Choreographie doch sehr viel mit dem zu tun hat, was man heute so auf den Bühnen sieht, auf denen zeitgenössischer Tanz stattfindet. Es gibt Bewegungen aus der Choreographie, die auch heute noch ausgesprochen befremdlich wirken, ebenso wie die Parallelen zum ja tendenziell künstlerisch unterschätzten Heavy Metal Tanz – Headbanging, plötzliches Aufspringen und so weiter, kann man schon alles in Nijinskys Sacre sehen. Eine Parallele, die in Lea Moros Stück durch das Rezitieren eines Black Sabbath Textes, schön getaktet zur Strawinsky Musik nahegelegt wird. Heavy Metal Tanz zeichnet sich ja vor allem dadurch aus, dass die Tänzer selbst sich sowieso nicht als Tänzer sehen und keinerlei Interesse an einer ästhetisch ansprechenden Präsentation haben. Es geht einzig und allein um das Verschmelzen mit der Musik und die damit verbunden körperliche Verausgabung. Da Sacre ein Ritual beschreibt, das letztlich zum Tod eben jenes titelgebenden Frühlingsopfers führt, der durch den tänzerischen Rausch und das Einswerden Musik schmerzfrei gemacht wird, hat das durchaus viel mit der körperlichen Verausgabung von Konzertbesuchern zu tun, zumindest in Genres wie Heavy Metal oder Punk. Hip Hop als ebenfalls „harte“ Musik, hat ja interessanterweise einen in hohem Maße akrobatischen und ästhetischen Tanzstil hervorgebracht.

Was gibt es sonst noch zu sagen? Nun, das zeitgenössische Tanzpublikum zeichnet sich ja durch viel positive Eigenschaften aus, im Gegensatz zum Ballettpublikum wird gern gelacht, allerdings auch an manchen Stellen, die meiner Meinung nach eigentlich nicht lustig sind. Gelegentlich ist das Lachen natürlich Ausdruck einer gewissen ungläubigen Überraschung. In meiner Wahrnehmung war die Aufführung aber angenehm unironisch, sondern setzte sich doch sehr ernsthaft mit dem Bewegungsmaterial, das Nijinsky sich vor hundert Jahren ausgedacht hat auseinander. Aber natürlich darf und soll und muss jeder Zuschauer ein Stück so sehen, wie er es eben sieht. Einigkeit bestand beim (etwas skurril geleiteten, aber trotzdem oder deshalb informativen) Publikumsgespräch auf jeden Fall darüber, dass man es mit einer sehr gelungenen Arbeit zu tun hat und dem schließe ich mich dann mal an

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: