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Andriana Seecker & Axel „Micky“ Schiffler – „Meet me as a stranger“

März 22, 2015

Als Vorbemerkung sollte ich vielleicht sagen, dass „Meet me as a stranger“ bei den Tanztagen aufgeführt wurde und vor kurzem nochmal im Ballhaus Ost. Für mich ist es sehr erfreulich, dass es die Wiederaufnahme im Ballhaus Ost gibt, weil ich das Stück bei den Tanztagen verpasst habe.
Der zeitgenössische Tanz ist ja vielgestaltig und oft genug werden unter dem Label Aufführungen präsentiert, die vielleicht genauer mit „Performance“ oder meinetwegen „Körpertheater“ gekennzeichnet wären, insofern finde ich es grundsätzlich erfreulich eine Aufführung zu sehen, die nicht nur getanzt, sondern sogar choreographiert ist.
„Meet me as a stranger“ ist ein Stück, das von zwei Personen getanzt wird, im allgemeinen nennt man das wohl ein Duett. Im Tanz ist ein Duett immer die Geschichte einer Beziehung, egal wie die Beziehung dann im Detail ausgestaltet ist. Es kann eine Freund/Feind Beziehung sein, eine Liebesbeziehung oder irgendetwas dazwischen. Sobald man zwei Leute auf einer Bühne hat, ist es nahezu unmöglich, keine Beziehungsgeschichte zu erzählen. Auf dieser inhaltlichen Ebene spielen Adriana Seecker und Alex Schiffler dann diverse Standards durch, also eine Vielzahl an Beziehungssituationene, Nähe/Distanz, Anziehung/Abstoßung, Besitzstreben und Freiheitsdrang. Auf der inhaltlichen Ebene leistet das Stück das, was Stücke mit dem Thema leisten können und das funktioniert alles ziemlich gut. Entsprechend werden alle erdenklichen tänzerischen Variationen werden durchgespielt: gemeinsam getanzte Sequenzen mit Körperkontakt, separat getanzte Sequenzen, die synchron sind, andere die nicht synchron sind, aber in Beziehung mit einander stehen, andere, in denen die Tänzer keine offensichtliche Beziehung zueinander aufbauen.
Stücke, in denen die Beziehung zweier Menschen zueinander gezeigt wird, sind für mich als Zuschauer dann erfolgreich, wenn die ich Beziehung und die darin involvierten als Tänzer getarnten Menschen am Ende anders sehe als am Anfang, dass ich also als Zuschauer auch eine Beziehung aufbaue, und das ist hier ein bisschen so, aber es ist nicht so aufschlussreich, wie es sein könnte.
Insofern kommt es mir so vor, dass Andriana Seecker und Micky Schiffler an dem Punkt ihrer Zusammenarbeit zunächst einmal an etwas anderem interessiert sind, nämlich an der Erforschung von Tanztechnik mit der Aussicht, aus unterschiedlichen Techniken eine eigene Bewegungssprache zu entwickeln. Dieser Versuch ist bereits weit gediehen, auch wenn man als Zuschauer, vor allem wenn man mit dem Gedanken spielt, später einen Bericht über die Aufführung zu verfassen, ein wenig dazu neigt, die unterschiedlichen Techniken, die man sehen kann auseinanderzufriemeln und ihren Ursprungsgenres zuzuordnen. An dem Punkt ist es, glaube ich, eine bessere Ausgangsposition, ein Zuschauer zu sein, der einen weniger ordnenden Blick hat, weil es dann vermutlich leichter ist zu beurteilen, inwiefern aus den unterschiedlichen Einflüssen eine tatsächlich eigene und in sich stimmige Bewegungssprache entstanden ist.
Aber zunächst die unterschiedlichen Tanzstile: Micky Schiffler hat einen Hip Hop Background, Andriana Seeckers Background ist eher modern dance, meinetwegen contemporary, aber ich glaube, modern trifft es eher. Ergänzt wird das Ganze durch Techniken die offensichtlich aus der Kontaktimprovisation kommen. Nun ist Kontaktimprovisation per Definition improvisiert, gleichzeitig aber die Technik, in der das „Partnering“ relativ erschöpfend erforscht wurde, Hebelwirkungen, Kontaktpunkte und so weiter wurden und werden in der Kontaktimprovisation ausgiebig genutzt und in den Sequenzen, in denen die beiden Tänzer miteinander direkt in Körperkontakt treten sind entsprechende Einflüsse zu sehen, wobei die Techniken in diesem Fall choreographiert wurden. An anderen Stellen wird eher damit gearbeitet, dass der Tanzpartner ein Handycap ist, gegen das man antanzt.
Modern dance sieht man dann in diversen Figuren am Boden, Rondes de jambes, Drehungen und so weiter.
Hip Hop ist vermutlich der offensichtlichste Einfluss, was daran liegen mag, dass Hip Hop mehr als Modern daran interessiert ist, abgefahrene Bewegungen zu präsentieren, insofern gilt als Faustregel: immer wenn es abgedreht wird, hat man es mit Hip Hop zu tun.
Was all die Techniken erstmal zusammenhält ist die Musik, die kraftvoll und gleichzeitig unaufdringlich daher kommt und so eine Art Orientierung bietet, eine Art Klammer, an der die unterschiedlichen Tanzstile sich orientieren und zu einer gewissen Einheitlichkeit kommen können.
Was Hip Hop betrifft, ist die Tanzrichtung ja durchaus zurecht auf der Suche nach Kombinationsmöglichkeiten. Dabei war der Hip Hop Tanz tatsächlich, soweit ich weiß, nie zurückhaltend, wenn es darum ging spektakuläre Figuren aus anderen Disziplinen zu übernehmen, zum Beispiel aus dem Bodenturnen, aber es gibt Hip Hop Figuren, die ziemlich einzigartig sind und die vor allem darauf zielen, einen Wow-Effekt beim Zuschauer zu erzielen, sagen wir: Headspins oder die immer beeindruckende Figur, wie man aus einer liegenden Position gestreckt zum Stehen kommt und die allseits beliebten „Roboter“-Bewegungen, die vermutlich die älteste Hip Hop Technik sind, die vermutlich in den siebzigern von Kraftwerk erfunden wurde oder von Klaus Nomi oder was weiß ich wem, (Gibt es darüber eigentlich irgendwelche Literatur?), des weiteren Shuffle Bewegungen, die man am Klarsten in Michael Jacksons Moonwalk sehen kann und so weiter. Aber der Moonwalk hat natürlich mit nahezu allen Hip Hop Bewegungen gemeinsam, dass der Zuschauer staunend mit offenem Mund dasitzt, wie vor einem Magier, der einem gerade einen dollen Zaubertrick zeigt.
Der Impuls des Hip Hop, sich mit anderen Techniken auseinander zu setzen, hat vermutlich etwas damit zu tun, dass man mehr will, als einfach nur beeindrucken. Die erste Adresse war dabei das klassiche Ballett und die Hip-Hop/Ballett Kombi kann man dann in diversen, sehr erfolgreichen amerikanischen Tanzfilmen sehen. Mit Ballett hat Hip Hop zunächst gemein, dass es sich um eine körperlich enorm herausfordernde Technik handelt und dass es mehr oder weniger festgelegte Figuren gibt. Ästhetisch ist aber die Kombination mit Modern Dance tatsächlich naheliegender. Während Hip Hop und Ballett sich vor allem in ihrer Gegensätzlichkeit treffen (sagen wir: der Headspin als umgekehrte Pirouette, diverse am Boden ausgeführte Beinübungen, bei denen Kopf und Torso am Boden und die Beine in der Luft sind als Gegenstück zum Wechselspiel der fünf Fußpositionen im Ballett, Headspins eine umgedrehte Pirouette), hat Modern Dance den Vorteil, dass da bereits die Arbeit am Boden, die Verbindung zur Erde erforscht wurde, was von der Anmutung her eine größere Nähe zu Hip Hop hat.
In der Tanzszene sieht man das vermutlich noch am ehesten bei Sidi Larbi Cherkaoui, aber es wird natürlich höchste Zeit, dass sich noch ein paar andere des Themas annehmen.
Anders als bei Sidi Larbi Charkaoui, haben Andriana Seecker und Micky Schiffler den Vorteil, dass man von ihnen an dem Punkt der Entwicklung nicht den großen Wurf eines zwei Stunden Stückes erwartet, das die Welt erklärt, insofern können die beiden einfach mit „Meet me as a stranger“ gewissermaßen den Forschungsstand präsentieren. Und das Gute daran ist, dass sie sich auf Traditionen beziehen, aber nicht unbedingt auf andere Choreographen außerhalb der eigenen Arbeit.
Insofern hat das Stück innerhalb der Traditionen bereits ein gutes Maß an Eigenständigkeit, sicherlich nicht thematisch, aber technisch.
Was kann man sehen: Den Hip Hop Bewegungen wurde über weite Strecken der Macho Charakter genommen. Das akrobatische scheint gelegentlich noch durch, es gibt also den ein oder andere „Wow-Effekt“, aber der Effekt wird etwas abgedimmt, indem das Tempo aus den Bewegungen genommen wird. Also, wenn man sich Hip Hop Battles – von denen Grob die Anordnung der Zuschauersitze übernommen wurde – anschaut, sieht das ja in der Regel so aus, dass ein Tänzer für zwei Minuten in die Mitte des Saales tritt, wildes, akrobatisches Gewusel auf der Bühne, alles sehr schnell, dann ist die Sache zu Ende. In „MMAS“ ist es eher so, dass die Hip Hop Bewegungen oft verlangsamt, gelegentlich gehalten wurden, wodurch sie mehr die Anmutung von akrobatischem Ausdruckstanz haben
Das Gute an der Aufführung ist, dass man danach alle möglichen Ideen hat, was man mit der Kombination der beiden Tanzstile alles machen könnte… Vielleicht wäre es interessant, die Stile innerhalb einer Aufführung erst genauer zu trennen und dann zusammen zu führen, vielleicht könnte man tatsächlich einfach Bewegungen notieren und Benennen und so zu einem Vokabular kommen, das mehr oder weniger dem Vokabular des klassischen Balletts entspricht und mit dem man alle möglichen Geschichten erzählen kann. So oder so ist „Meet me as a stranger“ vielversprechend, ein erster Schritt in eine Richtung, in der es wahrscheinlich noch viele interessante Dinge zu entdecken gibt.

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