Skip to content

Staatsballett Berlin – Vielfältigkeit/Formen der Stille und Leere

April 3, 2015

Vielfältigkeit/Formen der Stille und Leere (nachfolgend: VSL), ist eine etwas ältere Choreographie von Nacho Duato, vor ein paar Jahren habe ich das Stück mal in München gesehen und war nicht übermäßig beeindruckt. Meiner Erwartungshaltung war entsprechend niedrig. Niedrige Erwartungshaltungen haben den großen Vorteil, dass die Aufführung selbst dann oft genug besser ist als man dachte und so ist das hier nun auch.

Die Aufführung in München hatte natürlich den Nachteil in einem Theaterraum stattzufinden, in dem man von Reihe drei aus nur dann etwas sehen konnte, wenn man sich ausgiebig und zum Unwillen der hinter einem Sitzenden, den Nacken verrenkte und allerlei andere gymnastische Übungen ausführte, was schon mal zu einer gewissen aggressiven oder wenigstens genervten Grundstimmung führte, wodurch ich die Mängel der Choreographie stärker wahrgenommen habe, als ihre Qualitäten.

Nach wie vor bin ich kein Freund des „Luftcembalo“ und „Luftcello“ Spielens, das man in der Aufführung gelegentlich zu sehen bekommt, und das meiner Meinung nach kein sehr geglückter choreographischer Einfall ist. Interessant ist dabei, dass man auf Fotos oft genug diese seltsame Szene sieht, in der die Bachfigur, die über die Bühne geistert, eine Tänzerin mit einem Cellobogen bearbeitet. Nach meinem Dafürhalten ist das die mit einigem Abstand schwächste Nummer des Abends, den Umstand, dass man das oft als Foto sieht, liegt mutmaßlich daran, dass das Bild als Foto besser funktioniert als andere Tanzfotografien, aber als Tanz ist es weder einfallsreich noch übermäßig effektvoll. Das gleiche gilt für die flirrenden Finger die auf nicht vorhandenen Cellos spielen. Ich habe vermutlich schon in dem Bericht über die Münchner Aufführung auf die Parallele zum Luftgitarrespielen hingewiesen, was als Tanzform in einem bestimmten Kontext gut funktioniert, zu Bach allerdings nicht. Etwas freundlicher könnte man hier einen Hinweis darauf finden, dass Bach in der populären Musik und vorzugsweise im Heavy Metal durchaus eine Rolle spielt (es gibt Metal und Hardrockstücke, in denen nahezu vollständige Bachstücke als hochgedrehtes Solieren eingebaut sind und Slayer benutzen angeblich Bachstücke für den Gitarrensoundcheck). Ob dieser Bezug hier beabsichtigt ist oder nicht, ist zunächst mal nicht von Interesse, eher dass der Bezug ein wenig fehl am Platz ist, denn die Hauptqualität der Aufführung liegt natürlich in der Bachmusik, die in ihrer sakralen Qualität oft genug her im Tanz ausgesprochen gelungen umgesetzt wird und meistens sehr viel origineller als in den erwähnten Luftcembalo und Luftcello Passagen.

Der zweite Kritikpunkt, an den ich mich erinnere, war die „Bachfigur“, also ein Tänzer, der in barockem Outfit am Bühnengeschehen teilnimmt, in Berlin Michael Banzhaf. Nun kam es mir in München so vor, dass der „Bach“ in München eine Art Zuschauer war, der gewissermaßen posthum und spekulativ durch wohlwollendes Nicken der Choreographie seinen Segen gab, was für mich im besten Fall unnötig, im schlimmsten Fall anmaßend zu sein schien.

In Berlin muss ich diesen Eindruck ein wenig relativieren, was daran liegen mag, dass Michael Banzhaf in diese Falle nicht läuft, sondern sehr viel mehr der Eindruck entsteht, dass die Bachfigur als eine Art Gravitationszentrum auf der Bühne ist und der Tanz nicht außerhalb von ihm als Nacho Duato Choreographie zu sehen ist, die er dann irgendwie beurteilt, sondern der Tanz ist vor allem eine Visualisierung der Musik im Kopf der Bachfigur und das funktioniert dann ganz gut. Zumindest habe ich mich nicht darüber geärgert und ich war darauf vorbereitet, mich zu ärgern.

Also zum Positiven:

Zum einen wird der ganz Abend von allen Tänzern auf der Bühne durchaus schwungvoll und präzise getanzt, das Stück ist ein Ensemblestück, und ich persönlich bin ja durchaus dafür, die Balletthierarchie gelegentlich mal aufzulösen, seltsamerweise passt das auch zu Bach.

Zum anderen hat die Choreographie über weite Strecken unübersehbare Qualitäten. In den letzten Jahren gab es ja unterschiedliche Ansätze, sich im Tanz mit „alter Musik“ zu befassen. Sagen wir die Renaissancestücke von Anne Therese de Keersmakers, die sich durch eine große Ernsthaftigkeit und fast asketische Ästhetik auszeichnen, die aber vom Zuschauer ein recht großes Durchhaltevermögen fordern und in ihrer Kargheit gelegentlich wirkten, als gäbe es da eine Angst davor, irgendwie unterhaltsam zu sein.

Davor hat Nacho Duato nun keine Angst und über weite Strecken gelingt es in VSL dann doch die Waage zwischen Unterhaltung und der nötigen Ernsthaftigkeit zu halten. Es ist ja eine schwierige Frage, wie man Bach choreographieren oder tanzen kann. Wollte man darauf klassischen Ballett machen, würde man wohl schnell an Grenzen stoßen, weil spektakuläre Sprünge, Pirouettenexzesse und ähnliche Kunststücke des klassischen Balletts irgendwie unangbracht scheinen. Wenn dann würde man sich wohl eher auf das Vokabular des höfischen Tanzes zurück ziehen, was nun alles andere als zeitgemäß ist und da Bach nun vor allem Kirchenmusiker war, auch etwas unangemessen. Insofern scheint das Bewegungsvokabular, das Nacho Duato anwendet durchaus geeignet, um Bach standesgemäß in Tanz zu übersetzen. Dabei sind es vor allem die eher kleinen Bewegungen, die wirkungsvoll sind: Flexen und Strecken des Fußes oder Armbewegungen, die z.B. die Struktur einer Fuge nachvollziehen, ein Gedanke, der dann später von der Hip Hop Produktion „Breaking Bach“ aufgenommen wurde – eine Bewegung pro Ton. Ganz so streng geht Nacho Duato nicht vor, aber die formale Strenge der Musik hilft eigentlich immer dabei, die tänzerische Umsetzung ebenfalls formal zusammen zu halten. Die Umsetzung ist dabei nicht immer eins zu eins, gelegentlich sieht man langsamen Tanz zu schneller Musik und umgekehrt. Anders als in München hatte ich in Berlin weniger den Eindruck, dass der Abend in seine zwei Teile zerfiel und es keinen Bezug vom einen zum anderen gab. Warum auch immer hatte ich hier eher den Eindruck von formaler Geschlossenheit ein Eindruck, der auch durch das gute Licht und die meiner Meinung nach gute Bühnengestaltung, befördert wird. Alles ist eher dunkel oder halbdunkel und das verstärkt den kontemplativen Charakter der Bach Musik. Während ich den Abend in München teilweise etwas konfus fand, entsteht beim zweiten Sehen mit etwas Abstand viel eher der Eindruck eines Werks, in dem ein recht umfassendes Bild menschlicher Erfahrung dargestellt wird. Insofern bin ich ganz froh, dass ich mir das Stück nach einigem Zögern in der Berliner Version noch einmal angeschaut habe, weil es doch erheblich besser ist, als ich nach der Münchner Version. Inwieweit das nun tatsächlich an einem Unterschied der Kompagnien liegt oder eher an meiner eigenen Verfassung als Zuschauer, kann ich allerdings nicht sagen.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: